
Ein Blogbeitrag von Charly von Feyerabend (mit Dank an Bettina Lausen)
Für viele Autoren gehört eine Lesung zu den schönsten Momenten rund um das eigene Buch. Doch bevor du vor Publikum lesen kannst, steht oft die größte Herausforderung an: Die passende Veranstaltung überhaupt zu finden. Die gute Nachricht ist: Lesungen entstehen nur selten zufällig. Wer systematisch vorgeht, sich ein Netzwerk aufbaut und seine Lesung als professionelles Gesamtpaket versteht, erhöht die Chancen auf Einladungen deutlich.
Ich schreibe seit über zwölf Jahren Bücher und lese seit meinem zweiten Buch vor Publikum. Damals war ich gerade nach Deutschland zurückgezogen und in Berlin gelandet. Nicht gerade der einfachste Ort, um Veranstalter zu finden, die einer unbekannten Autorin eine Chance geben. Bei meinen ersten Lesungen hatte ich Musik auf einem USB-Stick dabei, und auf mein Kopfnicken spielte der Veranstalter – ein befreundeter Cafébesitzer, der damals den Großteil meines Einkommens verschlang – den nächsten Titel ab. Heute veranstalte ich multimediale Lesungen und lebe auf dem Land. Mir bleibt hier mehr von meinem Honorar, und tatsächlich ist es hier leichter, passende Lesungsorte zu finden.
Wie kannst du Schritt für Schritt vorgehen?
Überlege zuerst: Wer veranstaltet überhaupt Lesungen?
Viele denken zunächst an Buchhandlungen. Tatsächlich gibt es aber zahlreiche weitere Möglichkeiten:
- Stadt- und Gemeindebibliotheken
- Volkshochschulen
- Literaturhäuser
- Kulturvereine
- Museen
- Buchmessen und Literaturfestivals
- Kirchengemeinden
- Cafés und Kulturzentren
- Schulen (bei passenden Büchern)
- Unternehmen oder Vereine mit thematisch passenden Veranstaltungen

Gerade kleinere Veranstalter sind häufig offen für neue Autoren – falls dein Buch gut zum Ambiente, Ort oder Programm passt! Ein Roman über eine Gärtnerin passt natürlich auch gut in eine Gärtnerei, zu einer Gartenwoche oder an einen geeigneten Platz im Zuge von „Offene Gartenpforte“. Außerdem gibt es Buchhandlungen, die z. B. in der Nähe von bekannten Klostergärten sind, und wie ich gerade gegoogelt habe: Es gibt sogar spezielle Garten-Kulturvereine, die auch Lesungen veranstalten. Ich bin ja ein Fan von Mindmaps – setz dich hin und überlege, wo dein Buch hinpassen könnte. Bestimmt gibt es auch Museen, die dein Thema behandeln. Das bringt uns zum nächsten Schritt:
Kenne deine Zielgruppe
Bevor du Veranstalter kontaktierst, solltest du überlegen: Für wen ist deine Lesung eigentlich gedacht? Ein historischer Roman spricht oft ein anderes Publikum an als ein Krimi, ein Liebesroman oder ein Kinderbuch. Je genauer du deine Zielgruppe kennst, desto leichter fällt es dir, passende Veranstalter auszuwählen und dein Buch überzeugend zu präsentieren. Ich persönlich würde behaupten, dass Krimis fast ein Selbstläufer sind, wenn sie mit der Region etwas zu tun haben – zählt dieses Genre doch immer noch zu den meistverkauften in Deutschland. Nun schreibe ich historische Romane, das macht die Sache schon etwas schwerer.
Fantasyromane etwa würde ich persönlich vor allem auf Fantasy-Messen oder Rollenspiel-Conventions präsentieren – dort gibt es häufig Möglichkeiten für kurze Buchvorstellungen oder Lesungen. Zu den wichtigsten Veranstaltungen zählen die Leipziger und die Frankfurter Buchmesse sowie zahlreiche Phantastik-Conventions und regionale Fantasy-Festivals. Darüber hinaus bieten spezialisierte Einrichtungen wie die Villa Fantastica in Wien oder die Mark-Twain-Bibliothek in Berlin regelmäßig Lesungen an. Auch viele Stadtbibliotheken und Buchhandlungen laden Fantasy-Autoren ein. Hier lohnt es sich die Programme durchzuschauen!
Kinder- und Jugendbücher sind auch ganz klar an „die Leser zu bringen“, schwieriger wird es mit Belletristik.
Vielleicht kannst du darüber nachdenken, was im Mittelpunkt deines Romans steht, die Kernaussage: Was ist es, was diesen Roman so ganz besonders macht?
Recherchiere Themenwochen und Veranstaltungsreihen
Viele Bibliotheken, Städte und Kulturhäuser planen ihre Programme entlang von Themenwochen, Aktionsmonaten oder Veranstaltungsreihen. Das bietet dir die Möglichkeit, deine Lesung mit einem passenden Anlass zu verbinden. Recherchiere deshalb nicht nur nach Lesungen, sondern auch nach Themen wie:
- Welttag des Buches
- Literaturtage
- Kinder- und Jugendbuchwochen
- Sommerleseaktionen
- regionale Geschichte
- starke Frauen
- Nachhaltigkeit
- Demokratie
- Gedenkjahre
- Stadtjubiläen
- Kultursommer
- Weihnachtsprogramme

Auch kleinere regionale Veranstaltungen können ein guter Einstieg sein: Heimatwochen, Museumsveranstaltungen, Jubiläen oder besondere Aktionstage bieten häufig Raum für Autoren.
Je besser dein Buch zu einem bestehenden Schwerpunkt passt, desto leichter kannst du einen Veranstalter mit deiner Anfrage erreichen. Viele Programme werden mehrere Monate im Voraus geplant (bis zu einem Jahr) – deshalb lohnt es sich, frühzeitig zu recherchieren und Kontakte aufzubauen.
Ich weiß: Man ist sich nicht sicher, ob der VÖ-Termin eingehalten wird und muss dann schon ein Jahr vorher planen, aber glaubt mir, ein Monat vor dem Erscheinen ist es viel zu spät!
Übrigens gibt es manchmal auch ganz lustige Themenwochen in den Ferien oder zu Stadtfestivals, wie: Nacht der Bibliotheken oder rund um Harry Potter. Wer Krimis schreibt, wird sich freuen, denn es gibt ziemlich viele Krimi-Festivals in Deutschland.
Behalte Förderprogramme im Blick
Nicht jede Einrichtung verfügt über ein großes Budget. Ich hatte dieses Jahr mit einer Bibliothek Kontakt, die schon im zweiten Jahr keinen Cent gesehen hat und somit weder Bücher noch Veranstaltungen finanzieren kann. Und doch habe ich dort gelesen! Förderprogramme können eine große Hilfe sein. Je nach Bundesland oder Institution gibt es Programme, die Honorare ganz oder teilweise übernehmen.
Informiere dich deshalb regelmäßig über:
- Förderprogramme der Länder
- Stiftungen
- Literaturbüros
- regionale Kulturförderungen
- Bibliotheksverbände
Ein Veranstalter entscheidet sich oft eher für eine Lesung, wenn ein Teil der Kosten gefördert werden kann. Das hört sich nach viel Arbeit an, aber wenn du erst einmal einen Überblick hast, kannst du jedes Jahr darauf zurückgreifen und dich bewerben.
Der erste Kontakt
Veranstalter kontaktierst du am besten persönlich, professionell und mit einem klaren Anliegen. Prüfe auf der Website, welcher Kontaktweg bevorzugt wird. Meist ist eine kurze E-Mail die beste Wahl (wobei ich selbst gerne auch mal zum Telefon greife). Nachdem du dich in wenigen Sätzen vorgestellt hast, erkläre, was du anbietest: Besonders wichtig ist der Mehrwert für die Veranstaltung: Warum passt dein Angebot zum Programm, zur Zielgruppe oder zum Konzept des Events? Individuelle Nachrichten wirken deutlich überzeugender als allgemeine Standardtexte. Ein konkreter Bezug zur Veranstaltung zeigt, dass du dich vorbereitet hast. Eine gute Anfrage ist persönlich, freundlich und knapp.
Wenn du anschreibst, dann könntest du folgende Dinge mitschicken:
- eine kurze Buchbeschreibung
- Informationen zum Lesungskonzept
- Pressestimmen oder Auszeichnungen
- Hinweis, Referenz auf eine durchgeführte Lesung
- ein Pressefoto
- deine Kontaktdaten
Am Ende der Mail kannst du gerne fragen, ob Interesse an einem kurzen Telefonat besteht, um weitere Details zu erörtern.
Falls du keine Antwort erhältst, kannst du nach etwa 2–3 Wochen freundlich nachhaken. Manchmal werden Mails übersehen, manchmal besteht einfach überhaupt kein Interesse oder es passt nicht hinein oder sie sind bereits bis zum Jahr 2038 ausgebucht. Ich bekomme oft zu hören, dass einfach kein Geld da ist.
Übrigens – wenn du dein Lesungshonorar setzt …
Laut Verdi dürfen und sollen wir Autoren 500 Euro fordern: https://www.verdi.de/kunst-kultur/literatur/bundesfachgruppe-fordert-500-euro-fuer-lesungen
Wenn du mich fragst: Es hängt etwas von deiner Lesung und deinem Bekanntheitsstatus ab. Angefangen habe ich mit dem Gegenwert von einigen Tassen Kaffee nebst Kuchen (allerdings ist Berlin ein heiß umkämpftes Pflaster und echt verdammt schwer). Mittlerweile nehme ich 450 Euro plus 7 Prozent MwSt. Meine persönliche Erfahrung zeigt, dass die Sparmaßnahmen Lesungen immer schwieriger machen. Aber Kopf hoch – irgendwo geht immer was!
Wenn du nicht gerade komplett am Anfang deiner Lesungskarriere stehst, solltest du durchaus auf mindestens 300–350 Euro bestehen – ansonsten drückst du die Lesungspreise, und das kann ja nicht unser Ziel sein.
Kurze Erklärung zu den MwSt zu den Lesungen:
In der Regel nimmt man 19 Prozent zusätzlich zu dem Lesungshonorar, wenn folgende Voraussetzungen zutreffen: Die Veranstaltung dient vorwiegend der Information oder Werbung. Wenn man z. B. hauptsächlich aus seinem Buch vorliest und nur etwas aus dem Nähkästchen plaudert und eine kleine Fragerunde hat oder bei Fachvorträgen und Seminaren.
Man nimmt 7 Prozent, wenn der künstlerische Vortrag im Mittelpunkt steht: Eine künstlerische Leistung liegt vor, wenn der Autor den Text durch Stimme, Sprache, Mimik und Körperbewegung gestaltet, dessen Emotionen und Gedanken szenisch vermittelt und dabei gezielt mit dem Publikum kommuniziert und/oder multimediale Medien dazu verwendet und mit diesen interagiert (also nicht „nur“ Bilder im Hintergrund zur Atmosphäre abspielt).
Das Konzept zählt
Wir kommen wieder auf den Punkt zurück, was dein Buch besonders macht und nun auch deine Lesung. Es gibt verschiedene Möglichkeiten:
- klassische Autorenlesung, auch Wasserglas-Lesung genannt
- Lesung mit Publikumsgespräch
- moderierte Lesung
- Lesung mit Bildpräsentation (können einfache Stimmungsbilder sein, die zum Thema oder zur Region passen oder die historische Hintergründe zeigen oder Rechercheeinblicke bieten)
- Requisiten (Bettina Lausen kleidet sich z. B. in der entsprechenden Mode und bringt Dinge mit, die in ihrem Roman eine Rolle spielen und in die Zeit passen)
- musikalische Begleitung
- kleine Mitmach-Elemente
- Workshop und Lesung
- Wohnzimmerlesungen
Je klarer dein Konzept ist, desto leichter können Veranstalter einschätzen, ob die Veranstaltung zu ihrem Publikum passt.
Organisatorisches nicht vergessen
Ich persönlich schicke direkt beim ersten Kontakt einige konkrete Details mit: Dazu gehören meine Honorarforderung sowie technische Anforderungen (ich persönlich brauche einen Beamer nebst Leinwand).
Wenn Interesse geweckt wurde, kann man in die Feinplanung mit dem Veranstalter gehen.
Kosten: Das Honorar, die Übernahme von Reise- und gegebenenfalls Hotelkosten.

Ablauf und Technik: Besprich die geplante Dauer der Veranstaltung, ob ein Büchertisch und Buchverkauf vorgesehen sind und wer vor Ort dein Ansprechpartner ist. Erkundige dich rechtzeitig nach der vorhandenen Technik, etwa ob ein Mikrofon zur Verfügung steht, und denke auch an Kleinigkeiten wie eine Leselampe, Adapter oder ein Verlängerungskabel. Wenn du deine Bücher selbst verkaufst, solltest du zudem prüfen, ob eine Möglichkeit zur Kartenzahlung sinnvoll oder notwendig ist. Hilfreich ist auch die Klärung praktischer Fragen wie Aufbau- und Einlasszeiten, Parkmöglichkeiten und die erwartete Besucherzahl.
Werbung: Wer macht Werbung für die Veranstaltung?
Erstelle dir gerne eine Checkliste dafür.
Bewirb deine Lesung aktiv
Viele Autorinnen und Autoren verlassen sich ausschließlich auf die Werbung des Veranstalters. Sinnvoller ist es jedoch, die Lesung zusätzlich selbst bekannt zu machen – beispielsweise über:
- deine Website
- Social Media
- deinen Newsletter
- Autorengruppen
- falls du DELIA-Mitglied bist, stellen diese deine Daten dort ein
- die meisten Verlage veröffentlichen die Daten auf ihrer Website
Denke in langfristigen Beziehungen
Nicht jede Anfrage führt sofort zu einer Zusage. Das bedeutet aber nicht, dass der Kontakt verloren ist.
Viele Veranstalter planen ihre Programme sechs bis zwölf Monate im Voraus. Manchmal passt eine Lesung erst im nächsten Jahr besser ins Konzept.
Bedanke dich nach einer Veranstaltung, teile Fotos oder Presseberichte und bleibe in lockerem Kontakt. Viele Folgeeinladungen entstehen genau dadurch. Wer zuverlässig arbeitet und freundlich in Erinnerung bleibt, wird häufig weiterempfohlen oder zu einem späteren Zeitpunkt erneut eingeladen.
Baue dein Netzwerk kontinuierlich aus
Ein gutes Netzwerk besteht nicht nur aus Veranstaltern. Auch Buchhändler, Bibliothekare, Kulturämter, Journalisten oder Autoren können wertvolle Kontakte vermitteln. Empfehlungen spielen im Literaturbetrieb eine große Rolle – und oft führt eine gelungene Lesung zur nächsten.
Fazit
Lesungen beginnen lange vor dem eigentlichen Vorlesen. Sie entstehen durch gute Recherche, passende Kontakte, ein überzeugendes Veranstaltungskonzept und eine professionelle Vorbereitung. Wenn du Veranstalter nicht nur als Auftraggeber, sondern als langfristige Partner verstehst, deine Lesungen aktiv bewirbst und dein Netzwerk kontinuierlich pflegst, baust du dir mit der Zeit einen Kreis an Kontakten auf, aus dem immer wieder neue Einladungen entstehen können.
Im nächsten Beitrag von und mit Bettina Lausen schauen wir uns an, wie du eine Lesung so gestaltest, dass sie deinem Publikum in Erinnerung bleibt – vom Spannungsbogen über die Textauswahl bis hin zum Auftritt auf der Bühne.
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Die Autorin dieses Beitrags
Charlotte von Feyerabend
Charlotte von Feyerabend absolvierte eine Hotelfachausbildung und widmete sich anschließend dem Studium der Literaturwissenschaft, Medienpädagogik und Texttechnologie. Es folgten Tätigkeiten in verschiedenen Verlagen. Sechs Jahre lebte sie in Oslo, arbeitete als Erzieherin und veröffentlichte dort ihr erstes Buch und ihr erstes Spiel. Im Anschluss lebte sie fünf Jahre in Berlin, wo sie mit dem Goethe-Institut Oslo an Projekten mit deutschsprachigen Schulklassen arbeitete und als Schreibdozentin an einer Berliner Schreibschule tätig war. Danach zog sie für zwei Jahre nach Schweden und lebt aktuell bei Bielefeld. 2019 wurde sie als Autorin zum Tysk-Norsk Litteraturfestival in Oslo eingeladen. Ihre Bücher konnten sich schon mit #1-Kindle-Bestseller und #1-BILD-Bestseller schmücken und ihr vorletzter Roman wurde für den DELIA-Literaturpreis nominiert. Sie hat drei Kinder, eine norwegische Waldkatze und sonst nur Flausen im Kopf.

