
Genres und Subgenres helfen Lesenden und dem Buchhandel, sich zu orientieren und aus der Fülle der lieferbaren Titel diejenigen herauszufiltern, die den individuellen Interessen, Erwartungen oder der aktuellen Lesestimmung entsprechen. Wir haben hier schon öfter darüber gebloggt – zum Beispiel über die große Vielfalt der Subgenres im Liebesroman oder über den Unterschied zwischen New Adult und Dark Romance.
Doch während für junge Zielgruppen längst präzise Kategorien existieren, fehlt bis heute eine Bezeichnung für Liebesromane mit Protagonist*innen in der Lebensmitte – obwohl diese Bücher immer häufiger erscheinen und eine große Leserschaft haben. Es wird also höchste Zeit für ein neues Subgenre: New Golden.
Früher war alles … eintöniger
Unternehmen wir eine kleine Zeitreise. Vor fünfzig Jahren gab es den Liebesroman, den historischen Liebesroman, den Arzt- bzw. Heimatroman, den erotischen Roman, vielleicht noch Romantic Suspense – und damit hatte es sich dann auch. Von Kategorien wie New Adult, Sports Romance oder Cosy Romance und Trope-Einteilungen wie „Enemies to Lovers“, „Slow Burn“, „Forbidden Love“ und so weiter war noch lange nicht die Rede.
Diese wenigen Subgenres genügten, denn auch inhaltlich war die Vielfalt nicht besonders groß. So klaffte beispielsweise zwischen Kinderbüchern und Erwachsenenliteratur eine große Lücke. Als ich zu alt für „Hanni und Nanni“ oder „Pippi Langstrumpf“ war, blieb mir nichts anderes übrig, als mit Krimis von Agatha Christie weiterzumachen … Okay, es gab Abenteuerromane und ein paar wenige Jugendbücher wie etwa die von Berte Bratt (die heute für den DELIA-Literaturpreis Junge Liebe infrage kämen), doch es hätte sich kaum gelohnt, dafür Subgenres zu definieren.
Heute kann man im Romance-Bereich etwa nach Setting, Stimmung, Tropes, Spice-Level, Spannungsanteil oder Diversität der Figurenkonstellationen untergliedern. Und natürlich nach dem Alter der Protagonist*innen sowie entsprechend der Zielgruppe.
Schauen wir mal genauer auf diesen Lebensphasen-Aspekt. Da gibt es Young Adult mit Schwerpunktthemen wie erste Liebe, Identitätsfindung und Ablösung vom Elternhaus, gefolgt von New Adult mit etwas älteren Protagonist*innen, ähnlichen Themen und oftmals emotionaleren sowie expliziteren Inhalten. Für die beiden Kategorien unseres DELIA-Literaturpreises haben wir die beiden Genres nach Alter der Protagonist*innen genau definiert. Doch was kommt danach?
Die neu entdeckte Zielgruppe des Liebesroman-Markts
Natürlich kann man auch mit vierzig noch über die erste Liebe lesen und mit siebzig Jugendbücher, genauso wie man als junger Mensch Geschichten über ältere Protagonist*innen gut finden kann. Doch ganz besonders mögen es die meisten Lesenden, wenn sie sich mit den Figuren identifizieren können. Nicht unbedingt mit dem, was diese erleben, wie sie aussehen oder wo sie wohnen – aber doch immerhin mit ihrem Erfahrungshorizont. Und der ist mit U30 nun mal ein völlig anderer als Ü50 oder noch später.
Ältere Zielgruppen – häufig sind es Leserinnen – von Romance-Literatur haben schon allerhand erlebt. Beziehungen, Verluste, Dramen, Glücksmomente, Trennungen, Wendepunkte, Hoffnungen, Neuanfänge. Manchmal haben sie Spaß daran, mal wieder zu lesen, wie eine junge Heldin ihren Mister Right findet und das Paar dann glücklich in den Sonnenuntergang reitet, aber ihr eigenes Leben ist einfach anders.
Hinzu kommt der nicht unwesentliche Faktor, dass Menschen jenseits der Rushhour des Lebens wieder mehr Zeit zum Lesen haben, häufig auch mehr Geld für Bücher und mehr Interesse an tiefgründigen, vielschichtigen Figuren in Liebesromanen. Sie sind also eine relevante Zielgruppe! Und das haben die Verlage erfreulicherweise erkannt, denn wir Autor*innen werden nicht mehr so oft gebeten, die Protagonist*innen etwas jünger zu machen („Müssen die schon über vierzig sein? Ginge nicht auch Mitte dreißig?“), sondern dürfen ganz bewusst für Menschen schreiben, die schon seit einigen Jahrzehnten erwachsen sind.
Romance in der Mitte des Lebens – wie findet man die?
Wer die aktuellen Programme betrachtet, entdeckt immer mehr Romane mit Held*innen jenseits der fünfzig. Der Trend ist längst sichtbar – ihm fehlt lediglich noch ein Name. Der Begriff „Adult Romance“ ist dafür definitiv nicht genau genug, denn er beschreibt letztlich alles zwischen Anfang dreißig und neunzig. Damit ist er als Orientierungskategorie kaum hilfreich. Wer gezielt nach Geschichten über Menschen in der Lebensmitte sucht, findet diese bislang oft nur zufällig.
Deshalb ist es allerhöchste Zeit, den Bereich „Adult Romance“ ein bisschen aufzudröseln. Und wir machen den Anfang mit dem Subgenre der Liebesromane, die von Menschen in der Mitte des Lebens handeln. Grob gesagt, zwischen Mitte vierzig und Mitte sechzig. Plus minus.

Menschen, die entweder schon erwachsene Kinder haben oder wohl keine mehr bekommen. Die möglicherweise schon Großeltern sind oder noch mit dem Empty-Nest-Syndrom struggeln. Vielleicht sind sie geschieden, verwitwet oder befinden sich in einer Langzeitbeziehung, die dringend neue Impulse gebrauchen könnten. Manche stehen auch vor einer Trennung, andere haben gerade eine hinter sich. Oder sie entdecken plötzlich die große Freiheit, die diese Lebensphase zu bieten hat – sie haben endlich Zeit und Gelegenheit, mal an sich selbst zu denken. Und fragen sich: Was will ich eigentlich vom Leben? Was möchte ich noch ausprobieren? Wohin soll meine Reise gehen?
Was New Golden Romance so besonders macht
Diese Ausgangssituation ist die perfekte Basis für eine Fülle von Geschichten, ja auch Liebesgeschichten, die tiefer gehen, Mut machen, Möglichkeiten aufzeigen und die Lesenden inspirieren.
New Golden Romance erzählt Liebesgeschichten von Menschen in der zweiten Lebenshälfte – typischerweise zwischen etwa 45 und 65 Jahren –, die an einem Wendepunkt ihres Lebens stehen und Liebe, Identität und Zukunft neu verhandeln.
Liebe ist in der Mitte des Lebens vielschichtiger als in der Jugend. Es geht nicht nur darum, jemanden zu finden, sondern vielleicht sogar noch mehr darum, mit sich selbst ins Reine zu kommen – und die Liebe gibt es dann on top. Sie ist nicht die Lösung aller Probleme, sondern sie kann gedeihen, wenn man sich mit seinen eigenen Stärken und Schwächen versöhnt.
Während es bei Young Adult und New Adult um die Frage geht, wer man einmal werden möchte, hat sich hier der Fokus geändert: Wer bin ich geworden – und wer möchte ich noch sein? Und daran schließen sich weitere an: Wie möchte ich leben? Wie kann ich die Zeit, die noch bleibt, gestalten? Und wenn das in einer Liebesbeziehung geschieht: Wie soll die aussehen? Und wie auf gar keinen Fall? Erfahrungen aus vergangenen – ob glücklichen oder gescheiterten – Beziehungen wirken sich immer auch auf die neue Liebe aus.
Bei New Golden Romance geht es im Grunde um Liebe auf allen Ebenen: Selbstliebe, Freundschaften, Liebe in der Familie – und die Liebe zum Leben. Dabei beschreibt New Golden kein Nischenphänomen, sondern eine wachsende Strömung innerhalb der Romance-Literatur. Höchste Zeit also, ihr einen Namen zu geben! Was New Adult für junge Erwachsene ist, könnte New Golden für die Lebensmitte werden: eine Orientierungshilfe für Lesende, Autor*innen, Buchhandel und Verlage.
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Die Autorin dieses Beitrags
Heike Abidi
Heike Abidi ist studierte Sprachwissenschaftlerin. Sie lebt mit ihrer Familie in der Pfalz bei Kaiserslautern, wo sie als freiberufliche Werbetexterin und Autorin arbeitet. Sie ist seit 2012 DELIA-Mitglied und seit 2019 auch im Vorstand aktiv. Heike Abidi schreibt vor allem Unterhaltungsromane und erzählende Sachbücher für Erwachsene sowie Geschichten für Jugendliche und Kinder. Bei ihren Liebesromanen legt sie seit einigen Jahren den Schwerpunkt auf starke Frauen in der Mitte des Lebens – also New Golden Romance.

