Preisverleihung: DELIA-Literaturpreis 2027 am 21.03.2026 auf der Leipziger Buchmesse
v.l.n.r. Petra Schier (Jury-Vorsitzende, Rena Fischer (Präsidentin), Jana Lukas (Vizepräsidentin)

Wer einmal auf der Leipziger Buchmesse war, weiß, es gibt kaum einen anderen Ort, an dem die Liebe zur Literatur so greifbar ist. Eine Farbexplosion aus Genres und Geschichten, so bunt wie die Kostüme der sich unter dem Glasdach sammelnden Cosplayer, treibt Leserinnen und Leser von Stand zu Stand und von einem Event zum nächsten. Und mittendrin verleihen wir, der Verband deutschsprachiger Liebesromanautorinnen und -autoren, die DELIA, das Gütesiegel für anspruchsvolle Liebesromanliteratur in den Kategorien Roman und Junge Liebe.

Rekord trotz Krise

Trotz allgemeiner Krisenstimmung war auch 2026 wenig davon zu spüren, dass sich die deutsche Buchbranche mit steigenden Produktionskosten, einem Filialsterben im Buchhandel und sinkenden Buchverkäufen auseinandersetzen muss. Mit 313.000 Besucherinnen und Besuchern verzeichnete die Messe in diesem Jahr sogar einen neuen Rekord. Ein Genre trägt maßgeblich dazu bei, dass die Belletristik als einzige Warengruppe überhaupt wächst: die Romance.[1]

Liebe in all ihren Facetten

Für uns ein Grund zu feiern, und die Vielfalt des Genres Liebesroman hätte wohl kaum besser repräsentiert werden können als durch unsere diesjährigen nominierten Bücher, die an unserem schönen Stand mit neuen DELIA-Stickern versehen dem interessierten Publikum präsentiert wurden. Im Jugendbuch, New Adult, Romantasy, Wohlfühl- und zeitgenössischen Roman, in der Spannungsliteratur und im historischen Roman – überall wird über die Liebe geschrieben. In all ihren Facetten und Widersprüchen, über die große romantische Leidenschaft ebenso wie über die stille bedingungslose Liebe zwischen Eltern und Kindern, über die Bande zwischen Geschwistern, die kein Streit dauerhaft zerreißt, und über Freundschaften, die bleiben, wenn alles andere zerbricht.

Warum Romance gerade jetzt boomt

Vielleicht ist es kein Zufall, dass ausgerechnet jetzt so viele Menschen Liebesromane lesen. In einer Welt, die von Krieg, Klimawandel und der Verunsicherung über künstliche Intelligenz erschüttert wird, suchen wir nach dem, was uns Halt gibt. Und während sich einige bereits fragen, ob sich der Boom des Liebesromans dem Ende zuneigt, wissen wir von DELIA: Liebe war nie ein Trend. Von ihr zu erzählen, ist so alt wie die Menschheit selbst. Bereits im Gilgamesch-Epos ist sie der Motor der Geschichte, und das hat sich auch mit Romeo und Julia und allen modernen Varianten des Liebesromans nicht geändert.

Geschichten über die Liebe werden jede Plattform, jeden Algorithmus und jeden Markteinbruch überdauern, weil sie uns von Menschlichkeit erzählen, von dem, was uns verletzlich und stark macht, was uns Schwierigkeiten überwinden lässt und was uns trägt.[2]

Das beweist kaum jemand eindrucksvoller als Mascha Kaléko. Sie lebte und liebte in einer Zeit zwischen zwei Kriegen, in einer Welt voller Unsicherheit und Verlust. Die DELIA 2026 in der Kategorie Roman erhielt Charlotte Roth mit „Die Liebe der Mascha Kaléko“, erschienen bei Droemer.

Mit folgenden berührenden Worten hat die Autorin uns nach der Preisverleihung einen Einblick in den Schaffungsprozess ihrer außergewöhnlichen Geschichte gewährt, die aus einer lebenslangen Verbundenheit mit Mascha Kaléko entstand, von einer Lektorin gerettet wurde, die sie leider nicht mehr erleben durfte, und die nun, als wäre es ein Wink des Schicksals, die DELIA gewonnen hat:

„Bleibtreu heißt die Straße“

Charlotte Roth über den DELIA-Literaturpreis für „Die Liebe der Mascha Kaléko“

In der Berliner Bleibtreustraße war ein alter Kinderspielplatz. Und ein kleines Stück weiter, nur über den Savignyplatz hinweg, haben wir gewohnt.

Unser erstes Kind, unser erster Sohn, kam hier zur Welt. Auf dem alten Kinderspielplatz habe ich ihn in seinem Wagen geschaukelt und an Mascha Kaléko gedacht.

Ihr Sohn kam auch hier zur Welt. „Und musste fort“, wie sie in einem ihrer eindringlichsten Gedichte „Bleibtreu heißt die Straße“ schrieb. Ihre Freunde besuchten sie hier, so wie unsere Freunde uns besuchten. Nur stand vor ihrer Tür eines Tages statt der Freunde die Gestapo.

An den langen leuchtenden Tagen, mit meinem Kind auf den Knien, habe ich wieder und wieder daran gedacht, welches Glück ich hatte, dass ich mit meiner Familie bleiben durfte, während sie fort musste. Dass sie in einem anderen Gedicht ihren kleinen Sohn „du Emigrant“ nannte, seinen Kinderwagen durch aller Herren Länder schob und die Sprache seiner ersten kleinen Lieder und Geschichten verlor.

Ich habe mich ihr verbunden gefühlt, habe alles gelesen, was je von oder über sie geschrieben wurde, und habe immer gedacht: Eines Tages schreibe ich ein Buch für sie. Für Mascha, die Heimatvertriebene, deren Spuren ich in ihrer und meiner Heimat überall gespürt habe, die mit mir zu kommen schien, wenn wir abends am Savignyplatz im Biergarten tanzten und uns küssten, eine stumme Präsenz, die nicht aufhörte, mich daran zu erinnern, was für ein Glück ich hatte, weil unser Leben hell und friedlich war.

Irgendwann gingen wir fort aus Berlin, in die Heimat meines Mannes, nach London, und ich schrieb Bücher über andere Menschen. Mascha habe ich trotzdem immer bei mir gehabt, irgendwie, irgendwo. Daran, dass sie die Heimatlosigkeit ertragen hat, indem sie sich an ihren beiden Liebsten, ihrem Mann Chemjo und ihrem Sohn Steven, festhielt, dachte ich oft. „Man braucht nur einen Menschen, den aber braucht man sehr.“

Mascha hat ertragen müssen, sie beide zu verlieren. Steven und Chemjo. Mit ihrem Tod musste sie leben, und während ich nicht einmal den Gedanken ertrug, einen von meinen hergeben zu müssen, war mir mehr denn je zumute, als schulde ich ihr zumindest ein Buch.

Vielleicht hätte ich ja nie den Mut gefunden, es zu schreiben, wenn ich diese Liebe, diese Nähe zu Mascha nicht mit der wundervollen Christine Steffen-Reimann geteilt hätte.

Irgendwann, als im Verlag ein Projektvorschlag von mir abgelehnt worden war, ich mit dem Gegenvorschlag des Verlags aber auch nicht richtig warm wurde, habe ich Mascha einmal im Nebensatz erwähnt. Im nächsten Atemzug saß Christine an der Angel: „Das machen wir.“

Und wenn Christine sagte: „Das machen wir“, dann wurde es gemacht.

Praktisch umgehend haben wir angefangen, uns so ungefähr im Stundentakt Mascha-Kaléko-Gedichte zuzuschicken und die Geschichte, wie wir sie erzählt haben wollten, zu entwickeln. Und uns in sie verliebt haben wir. Wir wollten sie „Ich möchte mich so gerne wieder sehnen“ nennen, und das steht bis heute in meiner Abgabefassung.

Christine war schon schwer krank, als sie mir im Sommer 2022 sagen musste, dass unsere Mascha-Geschichte nicht wie geplant erscheinen konnte. Im Winter hätte sie herauskommen sollen, doch fast zeitgleich erschien ein anderer Roman über Maschas Leben, und das hätte den Buchhändlern zu viel werden können. Also zogen wir die Stauffenbergs vor, platzierten sie in die Lücke und schoben Mascha auf. Bis heute bin ich Christine dafür dankbar. Bei jeder anderen wäre unsere Mascha vermutlich einfach aus dem Programm geflogen, wie es inzwischen so häufig geschieht. Aber nicht bei Christine Steffen-Reimann. Sie hat sich vor Mascha und mich gestellt, wie sie es in all den Jahren unserer Zusammenarbeit getan hat, und dem Buch seinen Platz gesichert.

Zwei Jahre später.

Zu spät für Christine.

Sie ist im Januar 2023 gestorben und hat Maschas Erscheinen nicht mehr erlebt. Ich bin kein esoterischer Mensch, aber ich kann mir trotzdem nicht helfen: Dass ausgerechnet dieses Buch, unser letztes gemeinsames, nun den DELIA-Preis, zu dessen Verleihung sie immer so gerne gereist ist, gewonnen hat, kommt mir vor, als hätte sie dabei ihre Hand im Spiel. Als hätte diese seltsame Verbundenheit zwischen uns drei Frauen – Mascha, Christine und Charlie – noch einmal ein kleines Wunder bewirkt.

Ein Winken von ihr.

Gerade jetzt, wo vielleicht mehr Menschen als je zuvor seit Kriegsende ihre Heimat, die Spielplätze ihrer Kinder, die Bäume, in die sie Liebesherzen ritzten, und die Biergärten, in denen sie sich küssten, verlieren und „Nicht vergessen!“ nicht länger ein Signal, sondern längst eine Warnung ist.

Vielen Dank dafür an die göttlichen Frauen von DELIA.

Und an Silvie und Eleonore, die an Christines Stelle unsere Mascha bis zu ihrem verspäteten Erscheinen begleiteten.

Charlotte Roth, April 2026

Von der Liebe, die bleibt, zur Liebe, die aufbricht

Die Liebe, die Charlotte Roth beschreibt, erinnert uns an Menschen, an Orte, an das, was bleibt. Die Liebe, von der Adriana Popescu, die Preisträgerin in der Kategorie Junge Liebe, erzählt, tut das Gegenteil: Sie packt den Rucksack und schickt uns in die Welt los.

Unsere Jury hat über das Jugendbuch „Der Sommer mit dir“, erschienen bei cbt, gesagt: „Ein Roman, den man am liebsten inhalieren möchte.“ In einem Interview mit unserer Vizepräsidentin Jana Lukas erzählt Adriana Popescu, was Roadtrips für sie so besonders macht:

„Ich glaube, was mich an Roadtrips allgemein immer reizt, ist diese absolute Freiheit, die damit verbunden ist. Alles ist möglich. Vor allem dieses Gefühl nach der Schule, wenn plötzlich die ganze Welt offensteht. Wo geht es hin mit dem Leben?

Wo komme ich an und wer will ich am Ende sein? Roadtrips, und davon habe ich ja nun wirklich einige geschrieben, bieten sich einfach so perfekt für eben diese Entwicklung an. Cleo und Gabriel haben zu Beginn der Story eigentlich gar kein echtes Ziel, nur grobe Pläne. Und selbst die werden eher von außen vorgegeben. Oder den Umständen in ihrem Leben. Und ich fand es spannend, zu sehen, wo sie stattdessen am Ende ihrer Reise landen – und wer sie dann geworden sind.“

Schriftstellerisch ist die Autorin in vielen Bereichen zu Hause und hat neben Drehbüchern fürs Fernsehen und Erwachsenenromanen einige Jugendbücher geschrieben. Auf die Frage, ob es für sie einen Unterschied zwischen dem Schreiben eines Romans für junge Leserinnen und Leser im Vergleich zum klassischen Roman in der Erwachsenenwelt macht, sagt Adriana:

„Ich finde schon. Wenn ich für jüngere Lesende schreibe, dann ist da immer diese Neugier auf das Leben, die wir mit dem Alter manchmal verlieren. Alles ist aufregend, vieles neu, die ersten echten Abenteuer. Ich nenne es gerne ‚Lebensneugier‘. Wenn ich für Erwachsene schreibe, dann versuche ich, eben diese Neugier für die Hauptfiguren wieder aufleben zu lassen. Aber wenn man zum ersten Mal ohne Eltern in den Nachtbus oder den goldenen Mercedes steigt, dann ist da ein Kribbeln – und genau das versuche ich auf die Seiten zu bringen.“

Und eine Frage durfte in unserem Interview natürlich nicht fehlen, wenn man schon mit einer Autorin spricht, die einen Rail-Road-Roman geschrieben hat. Was ist das Verkehrsmittel ihrer Wahl, wenn sie verreist? Zug oder Auto?

„Auto. Weil man anhalten kann, wo es gerade schön ist.

Man kann die Route ändern, von der Autobahn abfahren und die beste Pasta der Welt in einem winzigen Ort am Gardasee essen. Orte entdecken, die man auf keiner Landkarte und in keinem Reiseführer finden würde.

Immer Auto. Und immer anhalten, wenn es schön ist.“

Vielleicht gilt dasselbe für uns: Beim Lesen kann man auch immer innehalten, wenn es schön ist, die Worte auf sich wirken lassen, den Moment genießen. Wir lesen Liebesromane, um in Geschichten unterwegs zu sein, die uns aufbrechen lassen, uns in die Welt tragen und trotzdem daran erinnern, was bleibt.

Herzlichen Glückwunsch an Charlotte Roth und Adriana Popescu, und danke für zwei wundervolle Bücher, die genau das beweisen.


[1] Redaktion Börsenblatt: „Buchmesse feiert Besucherrekord“, in: Börsenblatt, 23.03.2026, URL: https://www.boersenblatt.net/home/buchmesse-feiert-besucherrekord-416819

[2] Wolfgang Tischer: „BookTok und Bucherfolg – Ist die rosarote Welt bald am Ende?“, in: literaturcafe.de, 15.02.2026, URL: https://www.literaturcafe.de/booktok-und-bucherfolg-ist-die-rosarote-welt-bald-am-ende/


DU MÖCHTEST ZUKÜNFTIG MEHR VON DELIA LESEN?

DELIA IN DEN SOZIALEN NETZWERKEN


Die Autorin dieses Beitrags

Rena Fischer

Rena Fischer hat das Erzählen von Geschichten schon geliebt, bevor sie sie aufschreiben konnte. Nach einem Studium der Wirtschaftswissenschaften und Jahren als Unternehmensberaterin in Spanien und Irland folgte sie schließlich dem, was sie nie losgelassen hat: dem Schreiben. Zunächst widmete sie sich Jugendbüchern und Fantasyromanen, bevor sie sich auch gefühlvollen, spannungsreichen Gegenwartsromanen und historischen Stoffen zuwandte. Letztere veröffentlicht sie unter dem Pseudonym Theresa Kern. Heute lebt sie mit ihrer Familie und ihrer Berner-Sennenhündin Kira in München.

Teile diesen Beitrag: