
Pünktlich zur Leipziger Buchmesse wird es voraussichtlich auch in diesem Jahr einen Artikel im Feuilleton geben, in dem über das Genre New Adult Romance hergezogen wird wie über kein anderes. Auch bei DELIA haben wir uns zusammengesetzt und unterschiedliche Perspektiven auf das Genre diskutiert. Dabei ist vor allem eines auffällig: Alle haben eine Meinung zur Sache, doch nur wenige haben sich wirklich damit auseinandergesetzt, was New Adult eigentlich bedeutet.
New Adult – Genre oder Altersklassifizierung?
Inzwischen kennen wir sie alle, die rosaroten, glitzernden Softpornos, die in jeder Buchhandlung auf den Tischen liegen, süße Comic-Figuren auf dem Cover abbilden und toxische Männlichkeit verherrlichen. Pfui, kein Wunder, dass die Sprache verfällt und die Jugend keinen Respekt mehr vor Älteren hat. Aber stopp mal – ist das wirklich so einfach? Kann man wirklich all die Bücher über einen Kamm scheren oder wäre ein genauerer Blick auf diese gehypten Bücher fair – den Urheber*innen, den Verlagen und vor allem den Leser*innen gegenüber?
Während eines DELIA-internen Stammtisches der Mitglieder zu diesem komplexen Thema ist uns vor allem eines klar geworden: Viele Menschen denken, dass New Adult Romance, Dark Romance und Romantasy das Gleiche sind. Und warum? Weil Leser*innen zwischen vierzehn und X darauf abfahren, die Bücher in den sozialen Medien gehypt werden und es für Außenstehende dieser Community weder leicht zu differenzieren ist, welche Geschichte in welches Genre gehört, noch, wieso diese Bücher eigentlich so gefeiert werden.
Auch Buchhandlungen und Verlage tun sich oft schwer damit, Geschichten entsprechend einzusortieren und zu kennzeichnen – wenn sie überhaupt den nötigen Regalplatz haben, um die Bücher entsprechend zu differenzieren. Der Börsenverein hat zum Beispiel erst 2024 angepasste Klassifikationen veröffentlicht, die die Vermarktung von Büchern aus den Bereichen New Adult, Young Adult und Unterhaltung erleichtern sollen (Quelle: https://www.boersenverein.de/ueber-uns/aktuelles/detailseite/genre-literatur-erweiterung-von-warengruppen-und-thema-fuer-mehr-sichtbarkeit/).
Dank Social Media entwickeln sich Lesen und Schreiben in rasendem Tempo weiter. Verlage springen auf Hypes an und kaufen entsprechende Bücher ein, in der Hoffnung, an einem Trend mitzuverdienen, und so meint »New Adult« längst nicht mehr eine bestimmte Art von Buch, sondern vielmehr eine Altersklassifizierung.
»New Adult ist das Herzklopfen zwischen 18 und 25, wenn die erste große Freiheit auf die Narben der Vergangenheit trifft. Es ist eine Lovestory ohne Filter, in der tiefe emotionale Heilung und knisternde Intimität Hand in Hand gehen, während man versucht, sich selbst nicht zu verlieren«, sagt Sarah von @sarahs.bookheaven auf die Frage, was New Adult für sie bedeutet, und mit dieser Definition trifft sie die drei Merkmale, die jede gute New-Adult-Geschichte jedes Genres haben sollte:
- Protagonist*innen zwischen 18 und 25 Jahren
- eine Auseinandersetzung mit vergangenen Verletzungen (körperlich oder seelisch)
- emotionale Heilung für Protagonist*in, aber auch Leser*in
Und das darf nicht mehr länger nur im Romance-Bereich passieren, sondern auch in anderen Genres wie New Adult Romantasy oder New Adult Dark Romance.
New Adult Romance vs. Dark Romance vs. andere Genres
Wenn wir von »New Adult« sprechen, dann meinen wir in der Regel »New Adult Romance«, also die Bücher, in denen wichtige gesellschaftskritische Themen auf eine emotionale Liebesgeschichte treffen. Vorreiter auf dem deutschen Markt sind Autorinnen wie Mona Kasten, Bianca Iosivoni oder Laura Kneidl.

Während es gelegentlich vorkommt, dass männliche Figuren toxische Tendenzen aufweisen, sind sie jedoch weit vom Dark Romance Bookboyfriend entfernt und dürfen meist ihre eigene emotionale Reise durchmachen, auf der sie etwas fürs Leben lernen. Oft haben die Bücher einen gesellschaftskritischen Aspekt, bieten erfrischende Perspektiven auf Diversität oder behandeln Themen wie mentale Gesundheit. In vielen New Adult Romances gibt es auch erotische Szenen, manche von ihnen werden früh ausgeblendet, andere wiederum beschreiben den gesamten Akt. Der Fokus liegt dabei auf einem Miteinander auf Augenhöhe, Verhütung und Konsens, denn die meisten Autor*innen dieses Genres sind sich ihrer Verantwortung gegenüber ihrer Leser*innen sehr bewusst.
Bestsellerautorin Kathinka Engel schreibt in einem Artikel im Börsenblatt: »Ich war immer eine Verfechterin dieser Literatur [Anm. d. Autorin: New Adult Romance], hätte mir gewünscht, in meiner Jugend (ich bin Jahrgang 86) empowernde Liebesromane mit expliziten Sexszenen durch den sogenannten ›female gaze‹ zu lesen statt der toxischen Rollenklischees und ›male gaze‹-Fantasien, die Millennials wie mir als Romantik verkauft wurden.« (Quelle: https://www.boersenblatt.net/home/es-ist-nicht-alles-gold-was-rosa-glitzert-389409). Deutscher New Adult enttabuisiert weibliche Lust und zeigt in der Regel, wie gesunder Sex zwischen zwei (oder mehr) einvernehmlichen Partnern in der Realität aussehen kann. Die Szenen konzentrieren sich auf eine emotionale Verbindung zwischen den Figuren, die diesen Akt zu etwas Besonderem macht. Das »Pornografie« zu nennen, ist eine systematische Abwertung des Genres und seiner Autor*innen und Leser*innen.
Es zeigt aber auch den Spalt in unserer Gesellschaft: Während auf der einen Seite junge Menschen stehen, die offen über Sexualität und Identität sprechen, stehen auf der anderen Menschen, die sich konservative Werte zurückwünschen und alles verteufeln, was sich entwickelt.
Wer mit einem offen Blick und Neugierde hinschaut, wird schnell feststellen, dass sich deutsche New Adult Romance und Dark Romance stark unterscheiden. Denn im Dark-Romance-Bereich geht es oft um patriarchalische Machtgefälle, Protagonist*innen, die jenseits des Gesetzes agieren und romantische Beziehungen, die toxisch, tabu oder zumindest psychologisch fragwürdig sind. Diese Bücher sind in der Regel ab 18 Jahren, verherrlichen oftmals Gewalt – sowohl innerhalb einer Beziehung als auch außerhalb – und zeichnen sich vor allem durch eine Vielzahl an Sexszenen aus, in denen häufig BDSM-Elemente auftauchen. Die meisten Dark-Romance-Bücher haben lange Contentwarnungen und bieten einen sicheren, weil fiktiven Rahmen, tabuisierte Fantasien zu erleben. Sind sie pornografisch? Ja, vielleicht. Ist das etwas Schlimmes? Oder ist es bloß schockierend, dass sich Frauen trauen, Lust so offen zu genießen?
Und was ist mit Büchern wie Icebreaker?
Der Titel Icebreaker von Hannah Grace hat eine große Kontroverse in den deutschen Medien losgetreten, weil das Buchcover mit seinen Comic-Figuren und Pastellfarben nicht auf die expliziten Inhalte schließen lässt. Inzwischen sind solche Buchcover zum neuen Trend im New Adult Romance geworden, was es für Buchhandlungen, Eltern und Leser*innen immer schwieriger macht, altersgerechte Unterhaltungslektüre auszuwählen. Gleichzeitig hat sich dieser Trend auch für Buchcover aus dem englischsprachigen Bereich etabliert, steht dort aber oft eher für Contemporary Romances, die nicht unbedingt in die New-Adult-Altersklassifizierung fallen. Viele dieser Titel lassen sich weiterhin in Sports, Cowboy oder Billionaire Romances aufteilen und weisen oftmals deutlich mehr explizite Szenen auf als deutsche New Adult Romances.

Da noch mitzukommen, ist für jeden schwer, der diese Bücher nicht so lebt und atmet wie Bookfluencer*innen. Verständlich, dass man(n) schon mal durcheinanderkommen und Autor*innen in den New-Adult-Romance-Topf werfen kann, die eigentlich in einen anderen gehören.
Rückbesinnung aufs Handwerk statt der Jagd nach dem nächsten Trend
In jeder Kritik steckt aber auch zumindest ein Funke Wahrheit. Und so müssen wir uns auch als New-Adult-Romance-Autor*innen fragen, was wir aus den aktuellen Debatten mitnehmen. Gerade geht es in den sozialen Medien viel um Überkonsum und darum, wie die enge Beziehung von Social Media und Lesen dafür sorgt, dass Bücher immer mehr wie Fast Food funktionieren. Dass die Qualität unter kürzeren Deadlines und dem zusätzlichen Druck der Vermarktbarkeit leidet, ist nicht verwunderlich. Auch Verlage produzieren immer schneller und versuchen, bei gehypten Übersetzungstiteln nicht mehr als ein paar Wochen zwischen dem englischen und dem deutschen Erscheinungstag zu lassen, sodass auch hier – in der Arbeit am Text – Fehler passieren.
Qualitative Unterschiede gibt es seit jeher und in jedem Genre, und vor allem werden sie auch von Leser*innen unterschiedlich wahrgenommen. Während manche Leser*innen Fehler einfach übergehen, trübt es für andere das Lesevergnügen so sehr, dass sie das Vertrauen in die Verlagsarbeit oder gewisse Autor*innen verlieren. Umso wichtiger ist es, dass wir kollektiv – als Schreibende, Verlegende, Verkaufende – einen Schritt zurückmachen und uns aufs Handwerk besinnen, statt immer nur dem nächsten Trend hinterherzujagen.
Darüber hinaus brauchen wir dringend eine bessere Kennzeichnungspflicht, sowohl das empfohlene Lesealter als auch die Verwendung von KI-generierten Inhalten betreffend. Einige Verlage gehen inzwischen mit gutem Beispiel voran und versehen ihre ü18-Titel mit entsprechenden Aufklebern, damit gewaltverherrlichende Inhalte und toxische Beziehungsmuster nicht länger problemlos für Minderjährige zugänglich sind. Aber auch Autor*innen, die für Minderjährige und junge Erwachsene schreiben, sollten sich ihrer Verantwortung bewusst sein, denn Bücher prägen Gedanken, und Gedanken prägen Lebensrealitäten.
Für uns als Verein steht fest, dass jede Art von Romance ihre Daseinsberechtigung hat. Wir plädieren für ein offenes und neugieriges Miteinander, in dem wir voneinander lernen, statt einander zu verurteilen, denn eines haben wir alle gemeinsam: Wir lieben die Liebe.
Weiterführendes Material
- Das Lesewunder der GenZ (Arte Dokumentation, https://youtu.be/ZWJOFCvEE5E)
- Es ist nicht alles Gold, was rosa glitzert von Kathinka Engel (18. September 2025, https://www.boersenblatt.net/home/es-ist-nicht-alles-gold-was-rosa-glitzert-389409)
- Was einen guten New-Adult-Roman ausmacht von Madelaine Penzkofer und Stefan Hauck (8. Januar 2026, https://www.boersenblatt.net/home/was-einen-guten-new-adult-roman-ausmacht-404269)
- Ist das Literatur oder kann das weg? Von Jule Heer und Jona Piatkowski (26. Juni 2025, https://www.boersenblatt.net/home/ist-das-literatur-oder-kann-das-weg-378433)
- Warum der Dark-Romance-Hype für Furore sorgt von Nele Deutschmann (23. Mai 2025, https://www.tagesschau.de/kultur/dark-romance-100.html)
- »New Adult« macht die Verlage froh von Joscha Bartlitz (17. Oktober 2024, https://www.tagesschau.de/wirtschaft/verbraucher/buchmesse-trend-new-adult-100.html)
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Die Autorin dieses Beitrags
Kim Leopold
Kim Leopold schreibt Romance für alle, die sich im klassischen New Adult nicht mehr zu Hause fühlen. Think: more mature New Adult, mit Themen wie Mental Health, Feminismus und gesunden Beziehungen – verpackt in Geschichten, die trotzdem zum Lachen bringen und das Herz schneller schlagen lassen.

