Prolog
Kalifornien, September 2000
Das Auto schlingerte, bevor es quer über die Fahrbahn direkt auf die Böschung zuschoss. Leigh krallte sich am Sitz fest, den Mund zu einem stummen Schrei geöffnet. Mit ohrenbetäubendem Krachen stieß der Wagen durch die Leitplanke, bevor er von der Wucht weiter den Abhang hinunter geschleudert wurde. Wieder und wieder überschlug er sich, prallte gegen Bäume und Felsen, bis er sich schließlich ein letztes Mal aufbäumte und dann mit den Rädern nach unten zum Stehen kam. Zischend entwich Dampf aus der zerbeulten Motorhaube. Das Geräusch klang unnatürlich laut in der plötzlichen Totenstille. Nichts rührte sich, sogar der Wind erstarb. Die Welt schien für einen langen Moment den Atem anzuhalten, bevor der Wind mit einem Seufzer wieder einsetzte und das Rauschen der Wellen, die sich an den vorgelagerten Klippen brachen, die ominöse Stille ablöste.
Langsam schlug Leigh die Augen auf. Nebel waberte vor ihren Augen, strich über ihre feuchte Haut. Er ringelte sich um ihre Hände, ihre Beine, ihren Oberkörper, schien sie gleichzeitig zu liebkosen und festzuhalten. Sie fühlte sich schwerelos, wie schwebend. Nur langsam drang die Umgebung durch den Schock, verdrängte ein wenig das wattige Gefühl in ihrem Kopf. Warum war sie hier eingesperrt? Verwirrt wollte sie den Kopf schütteln, doch er schien sich nur in Zeitlupe zu bewegen. Was ging hier vor? Sie fühlte sich seltsam von allem losgelöst, als säße jemand anders hier. Müde. Sie war so müde. Wahrscheinlich hatte sie nur einen merkwürdigen Traum. Gerade wollte sie beruhigt ihre Augen schließen, als sie aus den Augenwinkeln einen Farbtupfer aufblitzen sah. Ohne große Neugier drehte sie den Kopf zur Seite, langsam, unendlich langsam, bis sie schließlich erkennen konnte, was ihre Aufmerksamkeit erregt hatte. Boyd! Der Adrenalinstoß lichtete den Nebel weit genug, um zu erkennen, dass ihr Freund neben ihr saß. Sein Gesicht war abgewandt, die Hände lagen in seinem Schoß. Eine Blutspur zog sich von der Stirn über seine Wange und färbte die Schulter seines Hemdes rot. Wahrscheinlich war er gegen das Lenkrad geprallt und hatte sich dort verletzt.
"Boyd?" Ihre Stimme war selbst für sie kaum zu verstehen. Schwach und rau kam sein Name über ihre Lippen, ging im Rauschen ihrer Ohren unter. Leigh streckte die Hand aus und berührte vorsichtig seinen Arm. Er rührte sich nicht. Noch einmal versuchte Leigh es, diesmal etwas energischer. Seine Hand rutschte von seinem Bein zwischen die Sitze – die einzige Reaktion. Sorge um Boyd ließ den Nebel um Leigh weiter zurückweichen. Sie erkannte nun deutlicher, wo sie waren, und begann sich an das Geschehene zu erinnern. Ein Laut, halb Keuchen, halb Stöhnen, drang aus ihrem Mund. Sie mussten hier weg! Leigh versuchte, sich zu bewegen, sank aber mit einem Schmerzenslaut wieder zurück. Ihr Rücken brannte wie Feuer. Zumindest bis zu dem Punkt, wo sie überhaupt nichts mehr fühlte. O Gott, nein! Mühsam schob sie ihre Angst beiseite und wandte sich wieder Boyd zu. Sie musste ihn irgendwie wach bekommen.
Der Schmerz trieb ihr den Schweiß auf die Stirn, als sie sich langsam zu Boyd umwandte, ihren Arm ausstreckte und mit den Fingerspitzen seinen Kopf berührte. Er kippte zurück, seine Augen starrten blicklos in ihre.
"Wir müssen hier raus! Kannst du ..." Leigh brach ab, als sie erkannte, dass Boyd sie nicht hören konnte. Nie wieder. Unwillkürlich versuchte sie, von ihm wegzukommen, aber sie konnte sich nicht bewegen. Wie erstarrt saß sie unter seinem leblosen Blick, das Rauschen in ihren Ohren wurde stärker, ihr Herz hämmerte in ihrer Brust. Ihr Blick trübte sich, dann wurde sie erneut in den Nebel hineingezogen. Sie hörte weder die Rufe der Helfer noch das Kreischen von Metall, als sie aus dem Wrack herausgeschnitten wurde.

