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Vereinigung deutschsprachiger Liebesromanautoren

pinien im wind


Im Frühjahr des Jahres 1943 scheint im Herzen der Toskana die Zeit stehengeblieben zu sein. Eingebettet in einer märchenhaften Landschaft aus Zypressenalleen, blühenden Olivenhainen und üppigen Feldern, liegt weitab in unberührter Natur das alte Weingut Castello di Soranzo, Heimat von Cecilia, Tochter des Padrone. Hier begegnet Cecilia dem Deutschen Alexander, und zwischen der jungen Ärztin und dem Offizier entwickelt sich rasch eine stürmische Affäre. Doch die Hindernisse, die sich zwischen ihnen auftürmen, könnten größer nicht sein, denn das Militärbündnis von Italien und Deutschland zerbricht, und beide Länder werden zu Feinden in einem verheerenden Krieg ...






LESEPROBE


Im Laufe der weiteren Unterhaltung schien der größte Teil seiner Anspannung von ihm zu weichen. Cecilia merkte es daran, dass er wieder öfter lachte und mit besserem Appetit dem Nachtisch zusprach, eine Mokkacreme, die mit zartem Eiergebäck serviert wurde. Vielleicht hatte auch ihre Zusage, ihn wiederzusehen, dazu beigetragen, dass ihr Gespräch sich den restlichen Abend über um Themen drehte, die weniger heikel waren. Je länger sie miteinander sprachen, umso mehr schien sich die kalte Realität des Krieges zu entfernen. Es war fast, als wäre ein langjähriger, guter Freund zu Besuch gekommen und im Begriff, für lange Zeit zu bleiben. Verwundert wurde sie nach einer Weile gewahr, wie vertraut er ihr schien, mit seinem offenen, klaren Gesicht, der bedächtigen Art zu sprechen und den ruhigen Gesten seiner Hände. Gleichzeitig wuchs die Unruhe in ihr, denn sie nahm auch seine Blicke wahr, die keinen Zweifel daran ließen, wie sehr sie ihn als Frau interessierte.

Die Antwort auf seine Frage, ob sie ihn wiedersehen wolle, war spontan und aus tiefstem Herzen gekommen, sie hatte nicht den Bruchteil einer Sekunde gezögert. Hatte sie sich noch wie eine Verräterin gefühlt, als er sie angerufen und zum Essen eingeladen hatte, so war davon jetzt nichts mehr zu spüren. Giacomo fehlte ihr immer noch, jeden Augenblick, den sie an ihn dachte, doch sie hatte nicht mehr das Gefühl, ihm etwas wegzunehmen, wenn sie mit diesem Mann ausging. Er war nicht nur ein Kollege, sondern auch ein deutscher Offizier, und es herrschte Krieg, das verkomplizierte alles. Doch was war in diesen unsteten Zeiten schon einfach? Vielleicht würde sie ihn ohnehin nie wiedersehen, wer wusste das schon.

Sie hatten die Mahlzeit beendet, die Gedecke waren abgeräumt, und die meisten anderen Gäste bereits aufgebrochen. Ein Blick auf ihre Armbanduhr zeigte Cecilia, dass es bereits auf Mitternacht zuging. Sie hatten sich unterhalten, über den gemeinsamen Beruf, über Orte, an denen sie beide schon gewesen waren, über ihre Vorlieben in Musik und Kunst. Über alles, nur nicht über den Krieg.

Cecilia hatte viel über seine Familie erfahren, seine Mutter, seine Schwester, deren beiden Kinder, und sie selbst hatte ihm zum Ausgleich von ihrem Zuhause erzählt, dem Castello di Soranzo. Als sie erst einmal damit angefangen hatte, war sie selbst überrascht, in was für leuchtenden Farben sie das Gut schildern konnte, doch als er sie gefragt hatte, warum sie einen so herrlichen Ort gegen ein tristes Krankenhaus in einem tristen Neapolitaner Viertel eingetauscht hatte, war sie mit einem nichtssagenden Achselzucken darüber hinweggegangen. Darüber, was sie vor zwei Jahren dort weggetrieben hatte, wollte sie an diesem Abend nicht sprechen. All das, was zu unangenehmen Gedanken führte, sollte tunlichst ausgespart bleiben.

„Wollen wir gehen?“, fragte sie schließlich. Soeben brachen die letzten Gäste auf. Es war spät, und dem im Hintergrund wartenden Ober war anzusehen, dass er Feierabend machen wollte.

Alexander nickte, widerstrebend, wie es ihr schien. Als er ihr die Stola umlegte, spürte sie die Berührung seiner Fingerspitzen im Nacken, und sie genoss das flüchtige Erschauern.

Sie gingen schweigend das Stück Weg bis zum Wagen zurück. Es waren nur noch wenige Menschen unterwegs, Nachtarbeiter oder späte Heimkehrer, die im Vorbeigehen nur flüchtig aufschauten, die Gesichter müde und gleichgültig.

Auch während der Fahrt schwiegen sie. Cecilia schien es, als würde diese Stille zwischen ihnen weitere Nähe schaffen, statt sie einander wieder zu entfremden. Es war fast, als wäre dies die folgerichtige Fortsetzung ihrer angeregten Unterhaltung. Und sie wusste auch, was nachher folgen würde, wenn er sich von ihr verabschiedete. Fast sehnte sie es sogar herbei.

Er hielt direkt vor dem Mietshaus und stieg als Erster aus. Als er sie zur Tür begleitete, hielt er sanft ihren Arm, so wie vorhin, auf dem Weg vom Restaurant zum Wagen.

Vor der Tür blieben beide stehen, als hätten sie es vorher abgesprochen. Cecilia blickte zu ihm auf, von einem inneren Drang erfüllt, seine ganze Erscheinung noch einmal in sich aufzunehmen. Beinahe kam es ihr so vor, als hätten alle Ereignisse der Woche nur diesen einen tieferen Sinn gehabt – dass sie beide nun hier beisammenstanden und einander anschauten. Die nächste Straßenlaterne war zu weit entfernt, um seine Augen genau erkennen zu können, aber es war zu sehen, dass seine Miene ernst war, jedoch nicht resigniert, sondern auf eine Weise, die Entschlossenheit ausdrückte. Seine Hand zitterte leicht, als er ihre Wange berührte.

„Cecilia“, sagte er leise. „Ich könnte ewig mit Ihnen reden, wissen Sie das? Und ich bin sicher, dass uns niemals der Gesprächsstoff ausgehen würde.“

Sie wollte mit einer flapsigen Bemerkung antworten, doch die Worte blieben ihr im Hals steckten, als er sich vorbeugte, um sie zu küssen. Genau das hatte sie kommen sehen, ebenso wie ihren Wunsch, seinen Kuss zu erwidern. Die Winzigkeit eines Augenblicks verhielt sie, doch sie wandte sich nicht ab, und sie wich ihm auch nicht aus. Und als seine Lippen die ihren berührten, stellte sie sich auf die Zehenspitzen und kam ihm bereitwillig entgegen.

Der Kuss dauerte nicht lange, doch es reichte, um ihre Knie zum Zittern und ihr Herz zum Rasen zu bringen. Er schlang beide Arme um sie und hätte sie zweifellos an sich gepresst, um den Kuss zu vertiefen, doch in diesem Moment öffnete sich hinter ihr die Haustür, und Signor Paresi machte sich bemerkbar. „Habe ich doch richtig gehört, dass ein Auto gekommen ist! Da sind Sie ja wieder, Signora!“ Seine Stimme bebte vor verhaltener Empörung.

Cecilia sah das Lächeln in Alexanders Mundwinkeln aufzucken, während er sie losließ und einen Schritt zurücktrat. „Vermutlich habe ich jetzt bei ihm jegliche Sympathien auf ewig verscherzt“, brummte er.

Cecilia kicherte, unsicher, ein wenig atemlos. Die Situation kam ihr absurd vor, und im Rückblick schien ihr mit einem Mal auch der ganze Abend unwirklich, als wäre all das ein merkwürdiger Traum. Doch als Alexander ihre Hände nahm und sie anschaute, gewannen die Geschehnisse wieder an Realität, und alles bekam eine neue Bedeutung. Er war ein Mann, der sie soeben zum Abschied geküsst hatte, und er war im Begriff, wieder in den Krieg zu ziehen, mitten hinein in Tod und Vernichtung. Im Licht der auf die Straße hinausfallenden Flurbeleuchtung des Mietshauses konnte sie nun auch wieder die Verzweiflung sehen, die in seinem Blick lag.

„Cecilia, ich danke dir“, sagte er leise.

„Wofür?“, gab sie ebenso leise zurück.

„Für den schönsten Abend seit Jahren.“

„Ich fand … es auch schön mit dir.“ Das Du kam ihr ebenso zwanglos von den Lippen wie zuvor ihm. Der Kuss hatte alles verändert, es war plötzlich, als sei die Nacht von einer eigentümlichen, fremdartigen Magie erfüllt. Stumm blickte sie zu ihm auf, erschrocken von der Sehnsucht, die sie mit einem Mal spürte.

„Auf Wiedersehen“, sagte er. „Wenn das Schicksal es will.“

Mit diesen Worten ließ er sie los und eilte zum Wagen zurück. Ohne sich noch einmal umzudrehen, stieg er ein, startete den Motor und fuhr los.

Cecilia wartete, bis der Horch um die Ecke verschwunden war, bevor sie an Signor Paresi vorbei ins Haus ging. Sie ignorierte seine vorwurfsvollen Blicke, als sie ihm eine gute Nacht wünschte.

Estelle war nicht da, sie hatte eine Verabredung mit dem Regisseur, der sie zu einem Versöhnungstreffen eingeladen hatte. Cecilia ging zum Grammophon und legte eine Platte von Zarah Leander auf. Die Mutter einer ihrer kleinen Patienten hatte sie ihr vor ein paar Monaten geschenkt. Während Cecilia sich langsam auszog, sang die dunkle Stimme der Leander das sanftmütige Chanson Der Wind hat mir ein Lied erzählt, das aus dem Film La Habanera stammte.

Sie drehte das Deckenlicht im Flur aus und blieb im dunklen Wohnzimmer stehen. Reglos lauschte sie der Musik, und sie dachte dabei an das, was Alexander zuletzt gesagt hatte, bevor er zum Wagen gegangen war. Leise sprach sie die Worte nach, ein Flüstern in der nächtlichen Stille.

„Wenn das Schicksal es will …“





Francesca Santini




Francesca Santini - Pinien im Wind
Originalausgabe
Bastei-Lübbe Verlag Januar 2008
Taschenbuch
ISBN: 3-404-15821-0


Originalausgabe: Bastei-Lübbe
Verlag Januar 2008
Genre: historischer Liebesroman
Zeit: 20. Jahrhundert (2. Weltkrieg)
Handlungsort: Deutschland