DeLiA

Vereinigung deutschsprachiger Liebesromanautoren

der kater der braut


Belinda ist hin und her gerissen: Obwohl ihre Urlaubsliebe Ludger als Traumprinz beinahe schon zu gut ist, um wahr zu sein, kann sie sich auch dem Charme ihres Nachbarn Philipp nicht entziehen. Zu blöd, dass ihre Schwester ebenfalls ein Auge auf Philipp geworfen hat. Doch das Schicksal und etliche Cocktails scheinen Belinda die Entscheidung zwischen den beiden Männern abzunehmen. Nach einer feuchtfröhlichen Nacht in Las Vegas erwacht sie mit einem höllischen Kater – und einem Ring am Finger. Und damit gehen die Probleme erst richtig los ...






LESEPROBE


Allmählich machte ich mir ernsthaft Sorgen um Mareike. Wenn es hier überhaupt jemandem zugestanden hätte, hysterisch zu werden, dann ja wohl mir. Schließlich war ich der Schisshase von uns beiden. Aber soweit es das Fliegen betraf, dachte ich nüchtern und pragmatisch: Sollte der Vogel wie ein Stein vom Himmel fallen, würden wir auf der Stelle mausetot sein. Den Gedanken fand ich längst nicht so beängstigend wie die Vorstellung, verstümmelt aus einem Autowrack geborgen zu werden. Allerdings war ich mir nicht sicher, ob Mareike mir in diesem Punkt zustimmte, und der Zeitpunkt, um das zu klären, war wohl gerade extrem ungünstig. Sie faselte schon wieder etwas von dieser vermaledeiten Unfallstatistik: „Die aufblasbaren Kissen vorne im Auto – Belinda, sag schnell, wie heißen noch mal diese komischen Ballons?“

„Airbags“, antwortete ich mechanisch.

„Richtig, Airbags heißen die Dinger. Jedenfalls sind Airbags auch nicht so sicher, wie man vielleicht denken könnte. Du wirst es nicht glauben, aber in dieser Statistik ...“

Langsam reichte es mir!

„Hast du auch wirklich nichts zu Hause vergessen?“, unterbrach ich Mareike, um sie endlich auf andere Gedanken zu bringen. „Personalausweis, Geld, Sonnencreme, Reiseapotheke ...?“

Mareike winkte ab. „Mach dir um mich mal keine Sorgen! Ich hab alles im Griff. Schau, ich hab’s genauso gemacht wie du. Das Wichtigste ist hier drin.“ Dabei klopfte sie auf ihre Handtasche, die kaum größer war als ein Rittersport-Täfelchen.

Zweifelnd beäugte ich das winzige Täschchen und verglich es mit meiner prall gefüllten Umhängetasche, die fast aus den Nähten platzte. „Und du willst mir tatsächlich verklickern, dass da alles Notwendige reingepasst hat, ja?“

„Du glaubst mir nicht, stimmt’s?“ Meine Freundin zog einen beleidigten Schmollmund. „Na gut, dann werde ich es dir halt beweisen.“ Ehe ich sie daran hindern konnte, öffnete Mareike ihr Handtäschchen und kramte wild darin herum. „Lebenswichtig – ein kussfester Lippenstift!“ Stolz präsentierte sie mir ein nigelnagelneues Exemplar, auf dem sogar noch das Preisschildchen klebte. „Ohne den sollte eine Frau nie das Haus, geschweige denn das Land verlassen.“

Aufgekratzt fuhr Mareike mit der Inventur ihrer Handtasche fort: „Portemonnaie, Personalausweis, Tempotaschentücher und ... jetzt pass auf, jetzt kommt die Hauptsache. – Tatatataaa!“ Mit einer schwungvollen Bewegung zog meine Freundin eine Reihe in Zellophan eingeschweißter Kondome aus der Tasche und schwenkte sie wie eine Trophäe übermütig durch die Gegend.

Bitte, lieber Gott, mach, dass ich träume!, betete ich. Oder dass der Flughafen jetzt sofort und auf der Stelle wegen einer Bombendrohung geräumt wird!

Vermutlich war es in der Abflughalle zu laut. Vielleicht war der liebe Gott aber auch gerade zu beschäftigt – auf jeden Fall erhörte er meinen Wunsch nicht.

Andere hingegen schenkten uns mehr Aufmerksamkeit, als mir lieb war. Eine Horde Jugendlicher, die mit etlichen Kilo Marschgepäck und Schlafsäcken auf dem Rücken zu einem Rucksackurlaub aufbrachen, johlte und machte schlüpfrige Bemerkungen. Einer der Jungs blinzelte Mareike im Vorübergehen anzüglich zu. „Sorry, Süße“, rief er, „unser Flieger geht gleich. Sonst jederzeit gerne.“

Rotzlümmel! Der Bengel war noch ganz grün hinter den Ohren. Wenn er sich körperlich betätigen will, dann soll er gefälligst an den Bundesjugendspielen teilnehmen!, dachte ich empört.

„Mareike, es reicht“, flehte ich meine Freundin an. „Steck sie bitte wieder weg!“

„Aber warum denn? Hey, was ist schon dabei? Ich hab bloß Kondome in der Handtasche. Keine Drogen oder Schusswaffen.“ Aufgebracht stemmte sie die Hände in die Hüften. „In jedem zweiten Film treiben sie es wie die Karnickel, ja selbst im Vorabendprogramm werden schon nackte Titten gezeigt. Und trotzdem ist es den meisten Menschen weniger peinlich über ihre Verdauung als über Verhütung zu sprechen. Tut mir leid, ich versteh das nicht. Erklär mir das mal!“

„Nun, ich glaube ...“

Hatte die rhetorische Frage eigentlich einen kleinen Bruder? Gab es ihn, den rhetorischen Imperativ? Falls nicht, so hatte Mareike ihn soeben erfunden. Sie erwartete nämlich gar keine Erklärung von mir, sondern fuhr fort, die Zellophanschlange mit den Kondomen wie ein Lasso durch die Luft zu wirbeln.

Aus den Augenwinkeln sah ich, dass sich nach den jungen Wilden nun auch das Mittelalter für uns zu interessieren begann. Noch unschlüssig, ob sie es wagen sollten, uns anzusprechen, beobachteten zwei allein reisende Herren wie gebannt unser Treiben. Heiliger Strohsack! Wenn Mareike so weitermachte, würden wir schneller Anschluss finden, als uns lieb war.

„Nun gib schon endlich die Kondome her“, zischte ich zunehmend ärgerlicher.

„Mensch, Belinda, jetzt hab dich doch nicht so.“ Im Gegensatz zu mir hatte Mareike sichtlich Spaß an unserer Kabbelei. „Wenn du die Lümmeltüten haben willst, musst du sie dir schon holen!“ Grinsend hielt sie die Kondome über ihrem Kopf in die Höhe und hüpfte auf und ab. Als ich versuchte, ihr die Zellophanschlange mit Brachialgewalt zu entwinden, flogen die Verhüterlis plötzlich im hohen Bogen durch die Luft. Während ich hilflos zusah, schwirrten mir allerhand wirre Gedanken durch den Kopf.

Ich dachte: Mareike ist meine beste Freundin.

Ich dachte: Es ist schön, eine beste Freundin zu haben.

Ich dachte: Aber eigentlich reicht es auch, wenn man eine zweitbeste Freundin hat.

Die Kondome setzten zum Landeanflug an und gingen über dicht besiedeltem Gebiet zu Boden. Das wäre der perfekte Zeitpunkt gewesen, um sich still und leise aus dem Staub zu machen.

„Da! Dahinten sind sie!“, krakelte Mareike.

„Du hältst bei unseren Koffern die Stellung, verstanden?!“, befahl ich ihr im Kasernenton.

So unauffällig wie möglich pirschte ich mich an die japanischen Geschäftsleute heran, in deren Mitte das ungewöhnliche Flugobjekt gelandet war. Mit dem Mut der Verzweiflung kämpfte ich mich zum Zentrum des Geschehens vor und rutschte unter den neugierigen Blicken der asiatischen Delegation auf allen vieren zwischen ihren Beinen herum, um die Kondome einzusammeln. Ein kurzer Blick nach oben bestätigte mein Gefühl: Ich sah in ein Dutzend breit smilender Gesichter.

Hey, Moment mal, machten die Jungs sich etwa über mich lustig?! Ach, Quatsch! Japaner sind außerordentlich höfliche und freundliche Menschen. Die lächeln immer. Reflexartig. Die können gar nicht anders, das hängt irgendwie mit ihrer Kultur zusammen. Wenn ich andauernd in eine Kamera starren müsste, würde ich garantiert auch mit einem Cheeeese-Dauergrinsen durch die Weltgeschichte laufen.

„Thank’s a lot”, bedankte ich mich  bei einem hilfsbereiten Asiaten, der einen Schritt zurückgetreten war, damit ich besser an die Zellophanverpackung mit dem brisanten Inhalt drankam.

„You are welcome“, parierte der kleine Mann prompt.

Höflichkeit hin oder her, in Anbetracht der Tatsache, dass ich gerade mit einem Jumbopack Kondome vor ihm kniete, fand ich diese Redewendung ziemlich unpassend. Na, egal. Hauptsache, ich hatte meine Mission erfolgreich erfüllt. Aufatmend ließ ich die Zellophanschlange in meiner Umhängetasche verschwinden.

Ich war unendlich erleichtert, als wir endlich eingecheckt hatten und im Flieger saßen. Aber falls ich gedacht hatte, Mareike würde nun Ruhe geben, hatte ich mich geirrt ..



Michaela Thewes

Michaela Thewes - Der Kater der Braut
Originalausgabe
Bastei Lübbe, Juli 2008
Taschenbuch
ISBN: 3-404-15886-5



Originalausgabe:
Bastei Lübbe,
Juli 2008
Genre:
Beziehungskomödie
Zeit: Gegenwart
Handlungsort: Düsseldorf /
Las Vegas