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Vereinigung deutschsprachiger Liebesromanautoren

Aszendent blödmann


Man trifft sich im Leben immer zwei Mal. In Kais Fall ist jedoch ein Mal bereits mehr als genug! Das findet zumindest Melina. Nicht nur, dass der neue Kollege ihr vor Jahren fast das Herz gebrochen hat, nun will dieser Blödmann ihr auch noch die Beförderung streitig machen. Und leider scheint Kai nicht nur in Sachen Liebe alles andere als zimperlich vorzugehen. Fiese Gerüchte, hinterhältige Intrigen und heiße Liebesschwüre – bald weiß Mel nicht mehr, wem sie beim Kopf-an-Kopf-Rennen um den begehrten Job noch trauen kann ...



LESEPROBE


Schweigend durchquerten wir die Hotellobby und traten fast gleichzeitig durch die geöffnete Eingangstür ins Freie hinaus.
„Ich kann ja verstehen, dass Sie enttäuscht sind“, begann Kai plötzlich wie aus heiterem Himmel. „Aber ich finde, dafür, dass Sie improvisieren mussten, haben Sie sich verdammt gut geschlagen.“
So, das reichte jetzt aber! Was zu viel war, war zu viel. Überheblichkeit, Triumph – zur Not auch Schadenfreude, mit allem hätte ich umgehen können, aber nicht mit diesem gönnerhaften, scheinheiligen Getue. „Für wie blöd halten Sie mich eigentlich? Glauben Sie, ich hätte Ihre üblen Machenschaften nicht längst durchschaut?“, fauchte ich Kai an. Er hatte genau hinter mir geparkt, sodass wir auf dem Parkplatz die gleiche Richtung einschlugen.
Im Gehen kramte ich meinen Autoschlüssel aus der Tasche. Nichts wie weg hier!, dachte ich. Wenn ich nur eine Minute länger in diese dämliche Visage gucken musste, konnte ich für nichts mehr garantieren. Vor Wut zitternd, stieg ich in mein Auto, startete den Motor und drückte das Gaspedal nach unten. So, als hätte mein VW nur darauf gewartet, endlich mal zeigen zu dürfen, was er unter der Haube hatte, röhrte er wie ein brünstiger Hirsch laut auf und preschte mit quietschenden Reifen los. Rückwärts statt vorwärts! Offenbar hatte ich in der Hitze des Gefechts die Gänge vertauscht. Anstatt schnell auf die Bremse zu treten, drückte ich vor lauter Schreck das Gaspedal noch ein bisschen weiter nach unten. In halsbrecherischer Geschwindigkeit schoss der Wagen in die Richtung, in die Kai gerade verschwunden war.
Ich spürte einen dumpfen Aufprall, kurz darauf war ein lautes Knirschen zu hören. Oh mein Gott, ich hatte ihn überfahren! Da hatte ich immer so groß verkündet, dass Kai für den Job über Leichen gehen würde, und in Wirklichkeit war nun ich es, die ein Leben auf dem Gewissen hatte.
Mit schweißnassen Händen tastete ich nach meinem Handy, um Krankenwagen und Polizei zu informieren. Wenn nicht ohnehin jede Hilfe zu spät kam … Durch das offene Seitenfenster versuchte ich, das Ausmaß der Katastrophe abzuschätzen. Ich war auf das Schlimmste gefasst. Blut? Abgetrennte Gliedmaßen? Herausquellende Gedärme? Auszusteigen traute ich mich nicht, denn meine Beine würden mir bestimmt den Dienst verweigern.
„Sie dumme Pute! Haben Sie Ihren Führerschein bei eBay ersteigert?!“, tönte es auf einmal höchst lebendig vom Heck meines Wagens herüber. „Wenn Sie nicht Auto fahren können, dann gehen Sie gefälligst zu Fuß oder nehmen den Bus.“
Gottlob, es ging ihm gut! Noch nie war ich so froh gewesen, Kai Hoffmann zu sehen. Noch dazu lebendig! Meine anfängliche Erleichterung legte sich jedoch schnell wieder. Wie undankbar! Anstatt froh und glücklich zu sein, dass der liebe Gott ihm ein zweites Leben geschenkt hatte, lamentierte er über ein paar Kratzer. Kai kniete vor seinem Allerheiligsten, beäugte den Schaden von allen Seiten und kriegte sich kaum wieder ein.
„Nun regen Sie sich mal nicht künstlich auf. Es ist doch überhaupt nichts passiert.“ Mit wackeligen Knien stieg ich aus meinem Wagen.
Kai deutete auf eine fette Beule an seinem Kotflügel. „Nichts? Das nennen Sie nichts?!“
„Eine kleine Schramme. Für einen Schrauber und Bastler wie Sie eine Kleinigkeit.“
„Wissen Sie eigentlich, wie schwierig es ist, für einen Oldtimer Ersatzteile zu bekommen?! Aber was rede ich denn! Sie haben doch überhaupt keine Ahnung von Autos“, echauffierte sich Kai. „Lernen Sie erst einmal Gaspedal und Bremse zu unterscheiden, dann unterhalten wir uns weiter.“
Dieser aufgeblasene Vollidiot! Als gäbe es nichts Wichtigeres als einen Haufen Blech auf vier Rädern. Fast bedauerte ich es schon, dass ich das Gaspedal nicht ein bisschen länger gedrückt gehalten hatte.
Kai blitzte mich wütend an. „Ich hoffe, Sie sind gut versichert.“
„Wieso ich? Es steht doch noch gar nicht fest, wer den Schaden übernimmt. Dafür müsste ja wohl erst einmal die Schuldfrage geklärt werden.“
Ein halb offener Mund lässt nur die wenigsten Menschen intelligent aussehen. Kai gehörte eindeutig nicht dazu. „Sie wollen doch nicht allen Ernstes behaupten, dass es meine Schuld ist, dass Sie rückwärts in meinen Mercedes gerauscht sind!“
Ich nickte nachdrücklich. „Doch genau so ist es. Streng genommen ist sowieso alles Ihre Schuld!“ Kai nun auch noch für die Armut in der Dritten Welt und die Klimaerwärmung verantwortlich zu machen, war möglicherweise nicht ganz fair. Aber bei einem Mann, der Fairness allenfalls für einen Lückenfüller im Duden hielt, spielte das wohl kaum eine große Rolle. „Wenn Sie meine CD nicht zerstört hätten, damit ich die Präsentation in den Sand setze, wäre ich nicht so von der Rolle gewesen, dass ich den Vorwärts- mit dem Rückwärtsgang verwechselt habe.“ Klang doch eigentlich ganz logisch, oder? „Sie sind also selbst schuld, dass Ihre bescheuerte Heckflosse was abbekommen hat.“
„Das sieht die Versicherung unter Umständen aber etwas anders. Außerdem: Wieso sollte ich Ihre CD zerstören?“
Meine Knie hatten aufgehört zu schlottern, dafür zitterte ich jetzt am ganzen Körper. Vor Wut! „Das Unschuldslamm kaufe ich Ihnen nicht ab! Glauben Sie im Ernst, ich wüsste nicht, was hier gespielt wird?! Sie haben doch das Gerücht in Umlauf gebracht, ich sei schwanger.“ Ich spießte ihn mit meinem anklagend ausgefahrenen Zeigefinger fast auf. „Aber das war ja Pullala im Vergleich zu Ihren anderen Intrigen. Neulich der verschwundene Zettel vor dem Fotoshooting, der Virus auf meinem Computer und jetzt auch noch die zerkratzte CD. Und wahrscheinlich haben Sie nur probiert, mich zu küssen, um mir Ihre Grippe anzuhängen! Seit Sie hier aufgetaucht sind, versuchen Sie, mir zu schaden und meine Arbeit zu sabotieren.“
Kai, der sich meine flammende Rede schweigend angehört hatte, schüttelte ärgerlich den Kopf. „Pah, lächerlich. Jetzt hören Sie endlich auf mit Ihren haltlosen Unterstellungen, sonst lernen Sie mich mal von meiner unangenehmen Seite kennen.“
„Ich wusste gar nicht, dass Sie eine angenehme Seite haben.“
„Wenn Sie möchten, können wir auch gerne die Polizei hinzuziehen. Vielleicht ist die Ihnen ja angenehmer.“ Kai wandte sich kopfschüttelnd wieder seinem Auto zu und knurrte: „Frauen wie Sie benutzen den Rückspiegel wirklich nur zum Schminken.“
Ich hatte keine Lust, mich weiter beleidigen zu lassen, deshalb stieg ich einfach in mein Auto, grüßte huldvoll und brauste erneut los. Rückwärts mit Karacho in Kais Auto. Dann legte ich den Vorwärtsgang ein und fuhr in dem beruhigenden Gefühl, Kai einen Denkzettel verpasst zu haben, von dannen.
Pah, von wegen den Rückspiegel nur zum Schminken benutzen! Das Letzte, was ich im Rückspiegel sah, war Kais entsetzter Gesichtsausdruck. Volltreffer. Ich hatte den Mistkerl an seiner empfindlichsten Stelle getroffen. Da, wo es richtig wehtat: an seiner Penisverlängerung!



Michaela Thewes




Michaela Thewes - Aszendent Blödmann
Originalausgabe
Bastei Lübbe Verlag
Juli 2010
Taschenbuch, 352 Seiten
ISBN: 978-3-404-16470-7

Originalausgabe:
  Bastei Lübbe Verlag
  Juli 2010
Genre: Beziehungskomödie
Zeit: Gegenwart
Handlungsort:
  Deutschland