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Vereinigung deutschsprachiger Liebesromanautoren

Friesenfeuer


Seit ihrer Kindheit wird Paulina von schrecklichen Träumen und Visionen heimgesucht. Als man bei Deich- Sanierungsarbeiten ein Skelett findet, scheinen diese Alpträume Wahrheit zu werden. Und dann verschwindet auch noch Paulinas jüngere Schwester Ellen, die sich einer geheimnisvollen Sekte angeschlossen hat, welche, wie sich bald herausstellt, auch vor Mord nicht zurückschreckt.

Zum Glück findet Paulina Hilfe in Jeanette, einer Autorin, die nach Ostfriesland gekommen ist, um ihr neues Buch vorzustellen, und bei Daniel, für den sie mehr als nur freundschaftliche Gefühle hegt. Die Frage ist nur, ob sie es schaffen werden, Ellens Leben zu retten, zumal sie sich selbst auf einmal in tödlicher Gefahr befinden.

Der Fluch ‚So viele Muscheln es am Strand gibt, so viele Schmerzen sollst du erleiden’, ist bereits einmal zur grausamen Realität geworden...







LESEPROBE


Das Skelett war erstaunlich gut erhalten, was wahrscheinlich an der Zusammensetzung des Erdreichs lag, in dem es gelegen hatte. Dr. Schuhmann hatte also ausreichend Material für seine Laboranalysen.

 

Er begann zunächst damit, das Alter und Geschlecht der Leiche festzustellen. Das intakte Schambein gab da beispielsweise zuverlässige Anhaltspunkte. Schon kurze Zeit später konnte der Assistent in das Kästchen “männlich” des Formulars ein Kreuzchen machen.

 

Im Labor war man inzwischen intensiv damit beschäftigt, die Stoffreste auszuwerten, die man in dem grausigen Grab gefunden hatte. Als Daniel Beekmann am nächsten Morgen in sein Büro kam, teilte ihm sein Kollege Rüdiger Fehring mit, dass die ersten Ergebnisse eingegangen waren.

 

Interessiert nahm Daniel den Hefter zur Hand, der auf seinem Schreibtisch lag, und vertiefte sich in den Inhalt.

 

Schuhmann schrieb, dass es sich bei der Deichleiche, wie man den unbekannten Toten inzwischen nannte, um einen jungen Mann handelte, der bei seinem Tod zirka zwanzig Jahre alt gewesen war. Zahlreiche Knochenbrüche und die Reste von Hanfseilstücken untermauerten die Annahme, dass er nicht eines natürlichen Todes gestorben war.

 

Trotzdem konnten die Forensiker nicht davon ausgehen, dass es sich um Mord handelte, weil Dr. Schuhmann den Todeszeitpunkt auf mindestens fünfzig Jahre zurückdatierte. “Ein Zeitraum von sechzig bis siebzig Jahren ist sogar noch wahrscheinlicher anzunehmen”, schrieb der Doktor. Nähere Informationen erhoffte er sich von den Uniformresten, die man bei der Leiche gefunden hatte.

 

Daniel ließ die Lektüre sinken und starrte nachdenklich aus dem Fenster, von dem er direkt auf die Kaiser-Wilhelm-Brücke sehen konnte. Eine sechzig Jahre alte Leiche! Welche Geschichte würde sie den Wissenschaftlern erzählen?

Uniform – früher Tod – das musste tatsächlich nicht auf eine Gewalttat schließen lassen. Vor sechzig Jahren herrschte Krieg. Vielleicht war der Junge im Kampf verwundet worden und man hatte ihn am Fuß des Deiches beerdigt.

 

“Fehring, was wissen Sie über die Kriegszeit in unserer Gegend?”, wandte sich Daniel an seinen Mitarbeiter.

 

Rüdiger Fehring sah ihn aus seinen ein wenig vorstehenden Augen verständnislos an.

 

“Nichts”, murmelte Fehring schließlich. “Das Thema hat mich nie sonderlich interessiert.”

 

“Mein Gott, hatten Sie denn keinen Opa, der von seinen Kriegserlebnissen erzählt hat?”, fuhr Daniel ihn an, worauf sich der Kollege beleidigt abwandte.

 

“Meine Großeltern waren bei Kriegsende noch Kinder”, erwiderte er abweisend.

 

Daniel beschloss, die Stimmung nicht durch weitere Fragen noch mehr zu verderben.

 

“Dann finden Sie heraus, wo hier zwischen neunzehnhundertneununddreißig und neunzehnhundertsechsundvierzig gekämpft wurde”, wies er Fehring an. “Ach, am besten suchen Sie alles zusammen, was Sie über diese Kriegsjahre in unserer Region finden können.”

 

Fehring zeigte seinen Unwillen deutlich, widersprach aber nicht, weil Daniel erstens sein Vorgesetzter war und er zweitens kein Argument hatte, das er gegen die Anweisung ins Feld führen konnte. Also stand Rüdiger auf und schlurfte aus dem Büro.

 

Daniel war sich sicher, dass er den Kommissarsanwärter am heutigen Tage nicht mehr sehen würde.





Edna Schuchardt

Edna Schuchardt - Friesenfeuer
Aaronis Collection August 2009
Taschenbuch
ISBN: 978-3-936524-03-1



Originalausgabe: Aaronis
August 2009
Genre: Nordseekrimi
Zeit: Gegenwart
Handlungsort: Ostfriesland