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Vereinigung deutschsprachiger Liebesromanautoren

marie anderswie


Mal ist sie scheu und zickig, dann wieder fällt sie mit der Tür ins Haus. Oder schweigt die ganze Zeit und findet hinterher das Gespräch ungeheuer anregend. Diese Marie ist wirklich seltsam und nicht die Frau, mit der man freiwillig einen ganzen Tag verbrächte ...
Anfangs tut die junge Studentin Sarah bloß ihrem Vater einen Gefallen, als sie dessen wichtige neue Mitarbeiterin durch Wien führt - doch mehr und mehr erfasst sie eine rätselhafte Zuneigung zu der verschlossenen Marie. Die lebensfrohe, kontaktfreudige Sarah gibt sich alle Mühe mit der Wissenschaftlerin, doch Marie bleibt unzugänglich und introvertiert - allerdings macht sie ihrer jungen Begleiterin überraschende erotische Avancen. Und offenbart Sarah schließlich, dass sie unter dem Asperger Syndrom, einer Sonderform von Autismus, leidet. Tastend lässt sich Sarah auf ihre erste Frauenbeziehung ein und erlebt aufregende Momente mit ihrer oft schwierigen Partnerin. Doch bald wachsen Zweifel: Ist Marie überhaupt fähig, sie zu lieben, so wie sie Marie liebt? Welche Bedeutung hat eine Liebesbeziehung für eine Frau mit emotionaler und sozialer Beeinträchtigung?



LESEPROBE


„Sarah, ich bitte dich doch nicht um viel… und letzten Sonntag hattet ihr doch auch eine nette Zeit!“
Es war Freitagabend, sie saßen beim Abendessen, und fast beiläufig hatte ihr Vater in das abendliche Gespräch einfließen lassen, dass Marie Felder auch noch Schloss Schönbrunn und den Prater sehen wollte. Erst hatte Sarah nicht reagiert, da sie keinen Bezug zwischen sich und diesen zwei Wiener Anziehungspunkten herstellen konnte. Doch als ihr Vater an seine Aussage die Frage „Du hast doch Zeit?“ anhängte, schrillten bei ihr die Alarmglocken.
„Ich habe doch den vergangenen Sonntagnachmittag mit ihr verbracht. Das reicht doch!“
„Ja, aber du hast ja erzählt, dass es zu regnen begonnen hat, und dass du ihr daher nicht alles zeigen konntest.“
„Das geht sich an einem Nachmittag doch sowieso nicht aus, unabhängig vom Regen“, erwiderte Sarah spontan, und merkte zu spät, dass sie sich in eine Falle manövriert hatte. „Wien ist zu groß.“
„Eben“, meinte ihr Vater triumphierend. „Also spricht doch nichts dagegen, noch eine zweite Runde mit ihr zu drehen.“
Sarah sah gequält von ihren Spaghetti Bolognese auf, die ihr plötzlich gar nicht mehr schmecken wollten.
„Es war furchtbar“, erwiderte sie, obgleich sie wusste, dass dies wirklich eine Übertreibung war. Es war nicht furchtbar gewesen, aber anstrengend. Und sie hatte absolut keine Lust, erneut einen Nachmittag wie diesen zu verbringen.
„Sie fand es anscheinend nett“, sagte er ruhig. „Sie hat sich jedenfalls sehr positiv geäußert.“
„Positiv geäußert? Hat sie sich wirklich geäußert?“
Sarahs Stimme triefte vor Sarkasmus. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie sich überhaupt zu irgendetwas äußert. Sie hat während unseres Treffens ziemlich wenig gesagt.“
„Sie spricht wirklich nicht viel“, gab ihr Vater zu. „Aber sie ist fachlich brillant.“
„Ja, mag sein, aber sie ist auch sozial gestört“, warf Sarah ein. „Sie ist echt komisch! Irgendetwas stimmt mit ihr nicht.“
„Du urteilst sehr hart. Das kenne ich gar nicht an dir.“
„Vielleicht wird man so, wenn man dazu verurteilt ist, einen ganzen Nachmittag mit dieser permanenten Schweigsamkeit konfrontiert zu sein“, konterte Sarah und stocherte lustlos in ihren restlichen Spaghetti herum.
„Na ja, es ist ja nicht so, dass sie nichts gesprochen hätte, wenn ich mich recht an deinen Bericht von eurem Treffen erinnere…“
„Bitte. Das kann man wohl schwer als Gespräch bezeichnen, was in diesem Café statt gefunden hat“, bemerkte Sarah mit spöttischem Lächeln. Dann wurde sie ernst. „Bitte, Papa, tu mir das nicht an. Es macht mir wirklich keinen Spaß. Sie ist merkwürdig. Es ist mit ihr mühsam. Ich habe echt null Bock auf so etwas!“
„Sarah, es ist wirklich nicht viel, was ich von dir verlange“, begann ihr Vater erneut. „Zeig ihr den Prater, oder Schloss Schönbrunn, oder was auch immer noch sehenswert ist. Ich habe dir doch gesagt, warum es so wichtig ist, dass sie sich hier wohl fühlt. Sie wird sonst nicht unterschreiben, und ich brauche sie für dieses Projekt. Es war schwer genug, einen Spezialisten auf diesem Gebiet überhaupt zu finden, und jetzt, wo wir endlich einen gefunden und überhaupt hierher bewegt haben, möchte ich ihn beziehungsweise in diesem konkreten Fall sie nicht gleich wieder verlieren.“
Sarah hatte das Gefühl, sich mit ihrem Vater kommunikativ im Kreis zu drehen. All das, was er ihr da sagte, hatte ihr doch schon vor ein paar Tagen lang und breit erklärt…
„Ehrlich gesagt, ich frage mich, wie sich Marie Felder dabei fühlt, dass ihr die Tochter ihres Chefs als Freizeitbegleitung auf das Auge gedrückt wird“, warf sie ein. Vielleicht war ja das die Erklärung für ihr kurz angebundenes, merkwürdiges Verhalten?
Ihr Vater hob die Schultern.
„Offensichtlich ganz gut, sonst würde sie ja nicht noch einmal einen Tag mit dir verbringen wollen.“
Etwas an seinem Gesichtsausdruck machte Sarah misstrauisch.
„Sag mal…. war das wirklich IHR Vorschlag, noch einmal mit mir auf Tour zu gehen, oder hast du es ihr angeboten, und sie hat lediglich zugestimmt?“
Ihr Vater antwortete nicht gleich. Für Sarah war damit alles gesagt.
Sie stand auf, nahm ihren Teller und ging in die Küche. Dort beseitigte sie den Rest der Pasta im Mülleimer. Der Appetit war ihr gründlich vergangen.



Carolin Schairer




Carolin Schairer - Marie anderswie
Ulrike-Helmer-Verlag
  März  2010
broschiert, 304 Seiten
ISBN: 978-3-897-41297-2

Originalausgabe:
Ulrike-Helmer-Verlag
  März  2010
Genre: Liebesroman
Zeit: Gegenwart
Handlungsort:
Wien


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