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Vereinigung deutschsprachiger Liebesromanautoren

lass keine fremden ins haus


Diese Frau ist unfassbar schön, aber das ist nicht das einzig Verwirrende an ihr. Denn außerdem trägt sie zerissene Kleider und einen einzelnen Stiletto…
Die mysteriöse Begegnung geht Laura nicht mehr aus dem Kopf. Als Krimiliebhaberin entschließt sie sich, hinter das Geheimnis der Namenlosen zu kommen – und tut etwas, das in ihrem eher grauen Leben viel Staub aufwirbeln wird. Denn jäh findet sie sich in einer realen Kriminalgeschichte mit internationalen Verstrickungen wieder.
Carolin Schairer präsentiert hier eine packende Melange aus Wirtschaftskrimi(nalität) und der erwachenden Liebe zweier höchst ungleicher Frauen.
 



LESEPROBE


»Wo ist meine Kleidung?«
Die Frau stand auf der Schwelle zum Wohnzimmer, ein
Handtuch um den Körper geschlungen. Ihr ganzes Auftreten wirkte auf Laura herrisch – und angesichts der Situation ausgesprochen unhöflich.
Sie deutete auf das Bündel, das seit Tagen unangetastet
neben dem Sofa lag. »Hier. Aber ich glaube nicht, dass…«
Dass diese Kleidungsstücke sauber sind, wollte Laura sagen, doch die Unbekannte riss ihr das Bündel nahezu aus der Hand und verschwand erneut im Badezimmer. Wenige Minuten später stand sie bereits wieder auf der Türschwelle. Sie trug die Jogginghose von Lauras Mutter, die ihr viel zu weit war und gut fünfzehn Zentimeter oberhalb des Knöchels endete, dazu das Baumwollshirt von zuvor. Ihre Gesichtszüge gaben nicht zu erkennen, was in ihrem Inneren vor sich ging. Lediglich ihre Stimme hatte nun an Dominanz verloren.
»Kann ich diese Kleidung noch eine Weile ausleihen?«
Für die zehn Minuten, die Sie noch mein Gast sind, gerne, schoss es Laura durch den Kopf. Sie nickte.
Die Frau nahm unaufgefordert in dem Schaukelstuhl Platz, der dem Sofa gegenüber stand und bisher allein Mutter vorbehalten gewesen war.
»Wie kam ich hierher?«
»Ich habe Sie an der Straßenbahnhaltestelle aufgesammelt. Es war Nacht, es war kalt … und Sie sahen aus, als hätten Sie kein Zuhause. Ich habe Sie daher mit in meine Wohnung genommen. Dann sind Sie krank geworden.«
»Wohnen Sie hier alleine?«
»Ja, seit dem Tod meiner Mutter.«
»Wie lange ist das her?«
»Drei Jahre.«
Laura fühlte sich allmählich wie bei einem Verhör. Die Augen der Fremden glitten durch das Zimmer. Prüfend, wie Laura schien.
»Haben Sie jemandem erzählt, dass ich hier bin?«
»Nein, niemandem.« Sie sprach es aus und wurde sich im selben Atemzug bewusst, dass sie einen Kardinalfehler begangen hatte. Sie hatte sich der Fremden ausgeliefert. Diese seltsame Besucherin konnte ihr nun alles Mögliche antun in der Gewissheit, dass niemand zur Hilfe kommen würde. Obendrein war Wochenende. Nicht einmal in der Arbeit würde man sie vermissen. Wie blöd war sie eigentlich? Wozu hatte sie all die Krimis gelesen, wenn sie weiterhin so lächerlich naiv an das Gute im Menschen glaubte?
Laura versuchte sich ihr Entsetzen nicht anmerken zu lassen, als sie sich erhob. Sie ging in die Küche. Jetzt, da sie sich dem prüfenden Blick der Fremden entzogen hatte, fiel jede Selbstbeherrschung von ihr ab und sie begann unkontrolliert zu zittern.
Das ist das Resultat deiner eigenen Dummheit, hätte Mutter gewiss gesagt. Wie kann man auch nur einen wildfremden Menschen in seine Wohnung lassen?
Die plötzliche Angst, die von ihr Besitz ergriffen hatte, trieb ihr die Tränen in die Augen. Sicher würde gleich etwas sehr Schlimmes passieren. Sie konnte es förmlich schon spüren.
»Kann ich ein Glas Wasser haben?«
Laura fuhr herum.
Die Fremde stand unmittelbar hinter ihr. »Ich …«, begann sie und verstummte abrupt, als sie in Lauras Gesicht blickte.
Sie strich sich eine Strähne ihres offenen, langen Haares aus dem Gesicht. »Es tut mir leid«, sagte sie, wobei ihre Stimme nun deutlich weicher klang. »Ich wollte Sie nicht verletzen. Sie haben sehr viel für mich getan. Ich bin nur … verwirrt und ich fühle mich noch immer sehr wacklig auf den Beinen.«
Laura wischte sich mit dem Handrücken die Tränen aus
den Augen. »Haben Sie Hunger?« Etwas Besseres fiel ihr darauf nicht ein.
Die Fremde sah sie überrascht an.
»Ja … wenn ich ehrlich bin, fühle ich mich, als hätte ich tagelang gehungert.«
»Das haben Sie ja auch.« Laura setzte einen Topf mit Wasser auf. Sie kramte aus einem der oberen Küchenkästen eine Packung Spaghetti und ein Glas Fertigsugo hervor. »Mögen Sie Nudeln mit Tomatensoße?«
»Ja, gerne, vielen Dank. – Kann ich Ihnen zur Hand gehen?«
Laura schüttelte den Kopf. Sie wollte die Frau, deren Namen sie noch immer nicht kannte, lieber nicht bei sich in der Küche haben. In den Schubladen befanden sich immerhin zahlreiche Messer. Wer wusste schon, zu was diese Person fähig war?
»Ruhen Sie sich lieber aus. Sie sagten ja selbst, dass Sie sich noch nicht ganz fit fühlen.«
»Danke. Das ist nett.«
Laura war froh, als die andere den Raum verließ. Die Unbekannte war nun zwar höflich, aber sie zweifelte noch immer daran, dass es gut war, sie in die Wohnung gebeten zu haben.
Eine Frau, die sich nicht einmal vorstellte!
Als sie mit zwei Tellern Nudeln ins Wohnzimmer zurückkam, stand ihr Gast vor der Schrankwand und ließ den Blick über die Buchrücken und die CD-Sammlung schweifen.
»Sie lieben klassische Literatur, Opern und Krimis? – Eine interessante Mischung!«
»Ich habe Germanistik studiert«, gab Laura Auskunft, während sie die Teller auf den Esstisch stellte. »Die Musik und die Krimis sind nur zum Hobby … eine private Leidenschaft.«
Wenn sie das Wort Leidenschaft aussprach, hörte es sich sogar in ihren eigenen Ohren fremd an. »Entschuldigen Sie.« Es kostete Laura einige Überwindung, in die Offensive zu gehen. »Ich will Ihnen nicht zu nahe treten, aber … Sie haben sicher auch einen Namen?«
Die Frau schaute sie einen Moment lang mit weit aufgerissenen Augen an. Ihr Blick schweifte nochmals unruhig über das Bücherregal, ehe sie antwortete: »Ja, natürlich. Tosca. Tosca Raimund. Entschuldigen Sie bitte, dass ich mich noch nicht vorgestellt habe.« Ihr Mund verzog sich zu einem Lächeln.
Es wirkte seltsam verkrampft.



Carolin Schairer




Carolin Schairer - Lass keine Fremden ins Haus
Ulrike-Helmer-Verlag
  Juni  2011
Taschenbuch, 300 Seiten
ISBN: 978 3-897-41311-5

Originalausgabe:
Ulrike-Helmer-Verlag
  Juni  2011
Genre: Liebesroman
Zeit: Gegenwart
Handlungsort:
Wien, Salzburg


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