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Vereinigung deutschsprachiger Liebesromanautoren

ELLEN


Die kühle Ellen behandelt Nina tagtäglich von oben herab und raubt ihr mit ihrer gnadenlosen Arroganz den letzten Nerv. Und abends findet Ninas Freund auch noch, sie solle das alles nicht so eng sehen. Nina beißt die Zähne zusammen und erträgt den Job. Schließlich ist sie extra nach Österreich gezogen, um mit Lukas glücklich zu werden. Doch dann hat sie ein atemberaubendes Erlebnis mit Ellen und entdeckt wohlgehütete Geheimnisse. Nicht zuletzt bei sich selbst.




LESEPROBE


Jasna und sie hatten ein Büro betreten, das offensichtlich das Vorzimmer eines größeren Büros darstellte. Inmitten von zahlreichen Pflanzen saß eine kleine, mollige Frau mittleren Alters und schaute sie freundlich an.
„Das ist Stephanie Müller, Ellens Sekretärin und leidenschaftliche Hobby-Botanikerin, wie du siehst. - Stephanie, das ist Nina Blume. Sie hat jetzt einen Termin mit Ellen.“
Stephanie streckte Nina die Hand entgegen und begrüßte sie mit den Worten, dass sie gerne „du“ sagen könne. Dann meine sie mit Bedauern:
„Tut mir leid – Ellen ist noch nicht da; sie ist noch in einer Sitzung. Aber ihr könnt gerne einstweilen in ihrem Büro Platz nehmen; Sie weiß ja von dem Termin und müsste jeden Augenblick kommen.“
Ellens Büro war größer als Ninas Wohnzimmer. Die Büromöbel sahen aus wie Designerstücke, maßangefertigt, mit geschwungenen Glasplatten und kunstvoll gedrechselten Aluminiumstützen. Über dem Schreibtisch hing ein aus kleinen dunklen und  hellen Steinen zusammengesetzter Wandschmuck – Ying und Yang. Gut und Böse. Am Fensterbrett stand eine interessante Skulptur aus Stein und Holz. Nina wusste nicht, was sie bedeutete, erinnerte sich aber daran, ähnliches bereits in einem Fengshui-Laden gesehen zu haben.
Statt eines Besprechungstisches gab es in diesem Büro eine Sofaecke aus weißem Leder und einen großen Beistelltisch aus schwarz lackiertem Holz.
Es gab in diesem Büro keine Pflanzen.
Auf dem Schreibtisch befanden sich lediglich Laptop, Monitor und das Telefon. Es lagen keine Unterlagen herum, nichts verriet, dass in diesem Büro gearbeitet wurde.
Dominiert wurde das Büro, das so hochwertig und sichtlich sehr bewusst eingerichtet worden war, von einem überdimensionalen Gemälde an der Wand gegenüber dem Schreibtisch. Das Motiv stand, das war unerkennbar, eine stark vergrößerte Nachbildung von Edward Munchs bekannten Gemälde „Der Schrei“. Der Unterschied war lediglich, dass es auf dieser Nachbildung eine gesichtslose nackte Frau war, die schrie.
„Was denkst du?“
Jasna war Ninas Blick gefolgt.
Nina zögerte mit der Antwort, gab sich dann aber einen Ruck.
„Es muss traurig machen, immer auf so ein entsetzliches Bild zu starren. Immer diese Verzweiflung im Blick – ich könnte das nicht ertragen.“
„Ellen liebt dieses Bild“, erwiderte Jasna. „Ein Freund von ihr ist Künstler und hat das gemalt.“ Nina zuckte mit den Schultern.
„Na ja... jedem das Seine.“
Stephanie servierte unaufgefordert Kaffee. Augenblicke später ging die Türe erneut auf, und Ellen McGill betrat das Zimmer.
„Sorry, sorry, sorry. I am too late, I know.“ Sie legte die schwarze Mappe, die sie unter dem Arm getragen hatte, sorgfältig neben das Notebook auf den Schreibtisch. Über Telefon orderte sie bei Stephanie Tee. Sie sah sich kein einziges Mal zu Nina und Jasna um.
Während des kurzen Telefonats hatte Nina Zeit, sie zu betrachten. Büroeinrichtung und Büroinhaberin ergaben ein stimmiges Bild: Ellen McGill bewies nicht nur Stil bei ihrer Büroeinrichtung – abgesehen von der Munch-Nachbildung -, sondern auch in Kleidungsfragen. Obgleich nur einen halben Kopf größer als Nina mit ihren kleinen einen Meter sechzig, war sie eine auffallende Erscheinung. Sie war sehr schlank. Gemessen an ihren Proportionen wirkten ihre Beine lang. Sie hatte einen sehr hellen Teint; ihr Gesicht war dezent geschminkt, ihre Augenbrauen sehr dünn und mit extravagantem Schwung gezupft. Im Einklang mit ihren sehr feminin geschnittenen, kurzen Haaren wirkte ihr Gesicht wie das einer Porzellanpuppe, fand Nina. Der tailliert geschnittene Anzug, den sie trug, untermalte den puppenhaften Eindruck. Auch, wenn Nina sich für Kleidung wenig interessierte – dass dieser Anzug nicht von der Stange war, erkannte sogar sie. Noch nie hatte sie so einen extravaganten, aber zugleich eleganten Schnitt gesehen.  Dazu trug sie ebenfalls sehr ausgefallene Pumps mit einer dezenten Schnalle aus Metall, die wiederum eine eindrucksvoll geschwungene Form aufwies.
Das markanteste an Ellen war jedoch die Haarfarbe: ihr Haar glänzte kupferrot. Ob dies ihr natürlicher Farbton war oder ob sie nachhelfen hatte lassen, konnte Nina nicht erkennen, doch ihr erster Eindruck vom äußeren Erscheinungsbild dieser Frau war einfach überwältigend. Sie fand sie auf eine außergewöhnliche Art beeindruckend.
Ihr erster positiver Eindruck sollte nicht lange währen. Denn nun drehte sich Ellen McGill erstmals zu ihnen um. Nina fühlte, wie sie Ellen McGill erstarrte – innerlich. Äußerlich blieb ihr Gesicht nahezu unbewegt. Doch ihre Augen blickten Nina eisig an.
„Wer hat Sie eingestellt?“
Hätte sie nicht dieser kalte Blick getroffen, wäre Nina darüber erleichtert gewesen, dass Ellen McGill Deutsch mit ihr sprach, wenngleich auch mit leichtem amerikanischen Akzent. Es war ihre größte Sorge gewesen, dass sie einem native speaker gegenüber saß und ihr unzulängliches Englisch auffiel. So aber merkte sie, dass ihr Magen sich zusammen krampfte. Sie hatte schon immer gespürt, wenn sie jemand ablehnte – und so auch jetzt.
„Herr Dr. Brauer“, sagte Nina mit leiser Stimme. Sie sah an Ellen McGill vorbei auf den Boden, um dem eisigen Blick zu entkommen.
„Michaelis“, sagte Jasna zu ihrem Erstaunen. Für Nina war dies eine völlig neue Erkenntnis. Ihr Instinkt hatte sie also nicht getrogen: Brauer war nicht so begeistert von ihrer Person gewesen, dass er ihr die Stelle hatte geben wollen. Aber warum setzte sich dann Michaelis, der Herr mit dem freundlichen Lächeln, der mit ihr über das Leben und die Liebe philosophiert hatte, für sie ein?
Ellen McGill nahm Jasnas Kommentar mit unbewegter Miene zur Kenntnis. Sie reichte Nina nun die Hand. Ihr Händedruck war flüchtig und schwach, sie sah ihr nicht in die Augen.


Carolin Schairer




Carolin Schairer - Ellen
Ulrike-Helmer-Verlag
Mai  2009
broschiert, 448 Seiten
ISBN: 978-3-897-41277-4

Originalausgabe:
Ulrike-Helmer-Verlag
  Mai 2009
Genre: Liebesroman
Zeit: Gegenwart
Handlungsort:
Wien


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