Autumn Howard hat Schreckliches
erlebt und will noch einmal ganz neu anfangen. Sie gibt ihren Job als
Bibliothekarin in New York auf und wird Ranger im Arches National Park
in Utah. In der Ruhe hier und der atemberaubenden Landschaft hofft sie,
alles vergessen zu können. Der Anfang ist allerdings nicht leicht.
Gleich am ersten Tag verdreht sie sich das Bein und bleibt hilflos
liegen. Nur dank eines Zufalles wird sie von Shane Hunter gefunden. Der
Ranger, der in seiner Freizeit im Park fotografiert, ist hingerissen
von der neuen Kollegin. Als er ihr Knie untersuchen möchte, entdeckt er
entsetzt die vielen Narben auf ihrem Bein. Außerdem entgeht ihm nicht,
dass Autumn panische Angst vor ihm zu haben scheint. Statt über die
Hilfe glücklich zu sein, reagiert sie verstört und abweisend. Was ist
nur mit ihr los? Mit viel Geduld und liebevoller Zuneigung schafft
Shane es, Autumns Angst zu vertreiben. Wenn er nur wüsste, welches
Geheimnis sie verbirgt, dann könnte er ihr sicher helfen. Doch da wird
Autumn plötzlich von ihrer Vergangenheit eingeholt …
Auszeichnungen: »Canyon der Gefühle« gewann bei der Liebesromanwahl 2002 der Romantischen Bücherecke den 1. Platz für das beste Cover, den 2. Platz bei der Wahl zum besten zeitgenössischen Roman und den 3. Platz in der Sparte »Bester Mystery & Crime Roman«
Michelle Raven belegte bei dieser Wahl den zweiten Platz der besten AutorInnen-Neuentdeckung.
Arches National Park, Utah
Wenn sie geahnt hätte was passieren würde, dann wäre sie in einen anderen Teil des Parks gegangen, oder besser noch in ihrem Hotelzimmer in Moab geblieben, dachte sie und verlagerte ihr verletztes Bein auf dem glatten aber trotzdem unbequemen Felsblock, den sie mit letzter Kraft noch erreicht hatte. Sie hatte am Parkplatz zum Fiery Furnace im Arches Nationalpark die Warnschilder ignoriert, die auf unmarkierte Wege und Verirrungsgefahr hinwiesen, da sie sich nicht für einen unbedarften Besucher hielt. Schließlich würde sie in einer Woche ein Teil des National Park Service werden. Ein Ranger konnte sich ja wohl kaum in seinem Park verirren - hatte sie zumindest bis vor einigen Stunden noch gedacht. Nun wusste sie es besser und hatte sich dank ihrer Turnschuhe, mit denen sie auf dem teuflisch glatten Slickrock ausgerutscht war, auch noch ihr Knie verstaucht. Es wurde langsam dunkler und sie musste wohl die Hoffnung aufgeben, noch gefunden zu werden.
Das wäre eigentlich auch ziemlich unlogisch, da sie niemandem gesagt hatte, dass sie vorhatte hierher zu gehen. »Wieder einmal eine von deinen dämlichen Ideen, Autumn Howard«, schalt sie sich selbst. Wem hätte sie es auch sagen sollen, sie kannte hier niemanden und wenn es nach ihr ginge würde das auch so bleiben. Sie war in diese weite Landschaft gekommen, um dem Engegefühl in New York und ihrer Arbeit als Bibliothekarin zu entkommen. Natürlich gab es auch noch andere Gründe, aber darüber wollte sie im Moment lieber nicht nachdenken. Schließlich hatte sie schon genug Probleme. Sie lehnte sich zurück und war froh, dass es wenigstens ohne die Sonne ein wenig kühler wurde. Es würde sie nicht wundern, wenn ihre eher blasse Haut schon ziemlich verbrannt wäre.
Trotz ihrer misslichen Lage musste sie zugeben, dass dieser Nationalpark wunderschön war. Massive dunkelrote Felswände, balancierende Steine und die bekannten Felsbögen gaben eine faszinierende Kulisse ab. Hier im Fiery Furnace, im Schluchtenlabyrinth aus Buntsandsteinsäulen, die in der späten Abendsonne Feuer zu fangen schienen, gab es die moderne Welt nicht mehr. Kein Ton war zu hören außer dem gelegentlichen Singen eines Vogels. In ihren Büchern, die sie sich in Vorbereitung auf ihre Arbeit hier gekauft hatte, stand, dass die meisten der hier heimischen Tiere den ganzen Tag in Felsspalten schlummerten und erst nachts aktiv wurden. Sie hoffte, dass diese Regel auch für Schlangen und Skorpione galt.
Schnell richtete sie sich auf. Hatte sie nicht eben ein Rascheln gehört? Sie sah sich um, konnte aber nichts ungewöhnliches in der flimmernden Hitze und den dunklen Schatten entdecken. Langsam ließ sie sich zurücksinken. Gott sei Dank würde die Temperatur nachts nicht bis auf weniger als 15°C sinken, erfrieren würde sie also nicht. Aber es könnte durchaus sein, dass sie verdurstete. Ihr letztes Wasser hatte sie schon vor Stunden getrunken und nun fühlte sich ihre Zunge wie ein Holzblock an. Mühsam versuchte sie zu schlucken. In einem Buch hatte sie mal gelesen, dass man sich kleine Steine in den Mund legen sollte um den Speichelfluss anzuregen, aber wo waren diese Steine wenn man sie mal brauchte? Hier gab es nur Felsblöcke und Sand. Und Sandstein wäre sicher nicht ideal für so einen. Da sie im Moment nichts gegen die Situation tun konnte, lehnte sie sich zurück und schloss die Augen. Im Nu döste sie ein.
* * * * *
Shane lief leichtfüßig den schmalen, unmarkierten Weg hinab, den nur Eingeweihte erkennen konnten. Seine Stimmung war gut, hatte er doch viele gute Fotos von versteckten Orten im Fiery Furnace geschossen, die er Leigh zuschicken konnte. Seine Miene verdüsterte sich. Wie konnte er ihr nur helfen? Aber wie immer kam er auf keine Antwort. Nur seine Bilder konnten sie kurzzeitig aufmuntern, also würde er ständig neue Orte suchen, die er ihr noch nicht gezeigt hatte.
Zufrieden, dass er wenigstens etwas für sie tun konnte, gewann er seine gute Laune wieder und pfiff leise vor sich hin. Es wurde langsam dunkel und er würde sich beeilen müssen, denn hier gab es keine Laternen am Weg und selbst er würde sich im Dunkeln vermutlich verirren. Da er in guter Form war, machte ihm das Gewicht seines voll gepackten Rucksacks nicht viel aus. Sein einbeiniges Stativ benutzte er als Wanderstock. Wie immer fühlte er sich in der freien Natur sofort viel besser. Selbst ein anstrengender Tag als Ranger konnte ihn nicht davon abhalten allabendlich, sofern er keinen Dienst hatte, seinen Fotoapparat zu greifen und sich an stille, spektakuläre Orte zurückzuziehen und in Ruhe seine Fotos zu produzieren. In seiner kleinen Hütte hatte er außerdem ein gut eingerichtetes Fotolabor, in dem er die Fotos gleich entwickeln konnte.
In seine Gedanken versunken bemerkte er erst überhaupt nicht den dunkelroten Fleck auf einem der Felsblöcke. Erst als er sich bewegte, registrierte er, dass es sich hier nicht um einen der unzähligen roten Felsen handelte. Vielleicht war es ein verletztes Tier, dass in einer Felsspalte feststeckte, überlegte er. Andererseits hatte er hier noch nie ein Tier dieser Farbe gesehen. Shane bewegte sich langsam über die rutschigen Felsen auf den Fleck zu. Als er nur noch einige Meter entfernt war, konnte er plötzlich erkennen, was es war: Haare! Sofort legte er die letzte Strecke im Laufschritt zurück. Kleine Steine bröckelten unter seinen Schuhen ab. Aber in solch einem Augenblick konnte er wirklich keine Rücksicht auf die verletzliche mikrobiotische Kruste nehmen, die er sonst immer schützte.
Er umrundete den letzten Felsblock und stand vor einem Häufchen Mensch, das absolut bemitleidenswert aussah. Zerzauste dunkelrote Haare standen in hartem Kontrast zu rosafarbener, ehemals wohl weißer Haut, die ziemlich verquollen wirkte. Ein schmutziger Streifen zog sich über die rechte Wange hin. Shane bückte sich um den Puls an der Halsschlagader zu prüfen, als sich flatternd die Augenlider hoben und er in die grünsten Augen blickte, die er bis dahin gesehen hatte. Wie gebannt beobachtete er, wie sich die Augen erst zusammenzogen und dann erschreckt weiteten. Beruhigend wollte er mit der Hand über die Wange streichen, als das sonderbare Wesen ihn plötzlich mit beiden Händen vor die Brust stieß, so dass er nach hinten umkippte. Gleichzeitig zog sie sich in die Felsnische zurück. Der Stoß hatte ihn ziemlich unvorbereitet getroffen, er konnte sich nicht mehr rechtzeitig festhalten und fiel rückwärts den Felsen hinunter. Dank seines Rucksacks landete er relativ weich, aber er war doch ärgerlich darüber, dass er die Reaktion der Frau nicht hatte kommen sehen. Er griff sich sein Stativ, das er hatte fallen lassen und rückte wieder auf den Felsblock zu. Seine Miene wurde weicher, als er sah, dass die Frau anscheinend Angst vor ihm hatte. Also versuchte er sie zu beruhigen.
»Hören Sie, ich will Ihnen nichts tun, ich versuche nur Ihnen zu helfen. Wehren Sie sich nicht.« Er konnte nicht erkennen, ob sie ihn verstanden hatte, jedenfalls rührte sie sich nicht.
Autumn war aus ihrem Schlummer aufgeschreckt, als sie eine Hand an ihrem Hals fühlte. Sofort hatte sie gedacht es wäre Robert, der sie wieder schlagen würde und hatte instinktiv reagiert. Nun erkannte sie im Licht der untergehenden Sonne, dass es jemand anders war, der jedoch nicht ungefährlicher aussah: schwarze Haare, dunkle Augen, deren Farbe sie nicht identifizieren konnte, sehr groß und kräftig. Gegen ihn hätte sie keine Chance, das wusste sie. Seine Stimme jedoch klang vertrauenerweckend, tief und samtig, während er beruhigend auf sie einredete. Als wäre sie ein wildes Tier. Wahrscheinlich sah sie auch so aus, überlegte sie mit einem Anflug von Selbstironie. Langsam entspannte sie sich etwas und zugleich kam in ihr die Hoffnung auf, dass dieser Mann ihr vielleicht helfen würde. Er hatte sich jetzt wieder zu ihr vorgearbeitet und blickte stirnrunzelnd auf sie nieder.
»Verstehen Sie mich? Sprechen Sie meine Sprache?«, fragte er.
Vermutlich hielt er sie für eine Touristin die sich verirrt hatte. Vielleicht sollte sie ihn auch lieber in dem Glauben lassen, sonst könnte es peinlich werden. Welcher angehende Ranger gibt schon gerne zu sich an seinem ersten Tag im Park bereits verirrt zu haben?
»Ich verstehe Sie sehr gut. Es tut mir leid, dass ich Sie angegriffen habe, ich dachte Sie wären jemand anders.«
»Ist schon gut. Haben Sie sich verirrt? Können Sie aufstehen? Dann bringe ich Sie zum Parkplatz.«
Aufatmend stellte er fest dass die Frau wohl doch nicht so verwirrt war, wie er erst gedacht hatte. Und sie war Amerikanerin, wahrscheinlich von der Ostküste, wenn man ihre hastige Sprechweise als Indiz nahm. Ihre Stimme gefiel ihm, leise, dunkel und etwas rau, was allerdings auch daran liegen könnte, dass sie schon längere Zeit hier in der Sonne gesessen hatte.
»Möchten Sie etwas zu trinken? Oder haben Sie noch eigene Vorräte?«
»Ja, nein, ja bitte, nein.« Langsam entspannte sie sich. Jemand der so freundlich zu einem Fremden war, konnte ihr kaum etwas antun. Sie hatte sich natürlich schon einmal geirrt, aber wenn sie vorsichtig war, konnte ihr nicht viel passieren.
Erfreut merkte er, dass sie sich ihm etwas öffnete und vorhatte sich von ihm helfen zu lassen. Nun musste er nur noch nachdenken was er denn alles gefragt hatte. Also, sie hat sich verirrt, kann nicht aufstehen und möchte etwas zu trinken, weil sie selber keine Vorräte mehr hat. Aufmerksam beobachtete Autumn wie es in seinem Gesicht arbeitete, während er versuchte ihre Antwort mit seinen Fragen in Einklang zu bringen. Ein interessantes Gesicht, nicht im klassischen Sinn schön, aber ungeheuer männlich.
Schweigend setzte er seinen riesigen Rucksack ab und öffnete ihn. Er musste erst seine Kamera und einige Objektive auspacken um an seine Trinkflasche zu kommen. Sie hatte eine isolierende Schicht, aber er bezweifelte, dass der Inhalt bei dieser Hitze noch kühl sein würde. Wortlos reichte er ihr die Flasche.
»Vielen Dank, ich bin halb verdurstet.« Sie nahm ihm die Flasche ab, wobei sich kurz ihre Finger berührten. Sofort zuckte sie etwas zurück, fing sich aber rasch wieder. Hätte er sie nicht gerade beobachtet, es wäre ihm entgangen.
Sie trank gierig in großen Schlucken, bis sie seine Stimme vernahm.
»Nicht so viel auf einmal, dass ist nicht gut für den Organismus, wenn man längere Zeit nichts getrunken hat.« Sie nahm noch einen Schluck und gab ihm dann die halbleere Flasche zurück. »Behalten Sie sie, ich habe noch mehr davon.«
Mit diesen Worten nahm er noch eine Flasche aus seinem Rucksack und setzte sie an den Mund. Autumn beobachtete wie ihm beim Trinken etwas Wasser aus dem Mundwinkel lief und verfolgte den Weg des Tropfens über das markante Kinn, den kräftigen Hals bis in den Ausschnitt des aufgeknöpften Jeanshemdes. Er hat wirklich einen gutgebauten Körper, überlegte sie während ihr Blick nach unten wanderte, über die blaue, abgeschabte Jeans bis zu den Knöchel hohen Wanderstiefeln. Shane entging ihr Blick nicht, er fragte sich schon die ganze Zeit wie sie denn wohl ohne den Sonnenbrand und Schmutz im Gesicht aussehen würde.
»Habe ich Sie richtig verstanden, dass Sie nicht aufstehen können?«
»Ich fürchte, ja. Ich bin hier herumgeirrt und habe den richtigen Weg gesucht, als ich auf einem dieser verdammten Felsen ausgerutscht bin und mir das Knie verdreht habe. Es tut höllisch weh.«
»Soll ich es mir einmal ansehen, ich bin in erster Hilfe ausgebildet.«
»Nein, lieber nicht, es geht schon. Vielleicht könnten Sie mir nur beim Aufstehen helfen? Dann kann ich sehen, ob es inzwischen besser geworden ist.«
Shane sprang auf und legte ihr die Hand unter den Ellbogen, um sie zu stützen. Wieder bemerkte er, wie sie kurz zurückzuckte und wunderte sich darüber. Zitternd stützte sie sich mit einer Hand am Felsblock ab, während sie mit der anderen den Oberarm des Mannes umfasste. Sie konnte unter ihrer Hand seine angespannten Muskeln fühlen. Sie setzte den Fuß ihres verletzten Beines vorsichtig auf, um im nächsten Moment mit einem Schmerzenslaut wieder zurückzusinken. Mit verzerrtem Gesicht rieb sie über ihr Knie.
»Ich fürchte, ich kann doch nicht mehr laufen.« Besorgt kniete Shane sich neben sie.
»Ich habe in meinem Erste-Hilfe-Paket einen Eispack, den können wir über Ihr Knie binden. Ich hole ihn schnell aus meinem Rucksack.«
»Nein lassen Sie das, ich komme schon zurecht. Wenn Sie mich stützen, werde ich es schon schaffen.« Ihre Stimme klang angespannt. Er drehte sich wieder zu ihr um und musterte sie. In ihren Augen flackerte Panik, ihre Hände waren zu Fäusten geballt.
»Hören Sie, ich werde Ihnen bestimmt nichts tun. Ich bin hier Parkranger und es ist mein Job mich um Sie zu kümmern. Und das werde ich auch tun. Also, entweder Sie ziehen jetzt Ihre Hose aus, damit ich mir Ihr Knie ansehen kann, oder ich werde es tun.« Mit diesen Worten kam er auf sie zu.
»Aber Sie tragen keine Ranger-Kleidung, woher soll ich dann wissen, dass Sie nicht lügen?« fragte Autumn, immer noch ängstlich.
»Ich trage meine Privatkleidung, weil ich heute Abend keinen Dienst habe. Ich war hier um zu fotografieren. Und wenn wir uns nicht langsam beeilen, wird es ganz dunkel sein und selbst ich finde den Weg zurück nicht mehr.«
»In Ordnung. Haben Sie vielleicht eine Schere bei sich, ich wollte schon immer mal eine Shorts aus Jeansstoff haben.« Erstaunt blickte er sie an.
»Wäre es nicht einfacher, die Hose auszuziehen?« Als er sie ansah, verwarf er die Idee sofort wieder. »Okay, wie Sie wollen. Ich habe allerdings nur ein Messer bei mir, aber das wird wohl auch gehen.«
Er zog es aus einer Messerscheide, die er an seinem Gürtel befestigt hatte. Er sah ihr in die Augen und die Angst, die er darin sah, bestürzte ihn. Ihre zitternde Hand fuhr zu ihrer Kehle wie um sie zu schützen. Wenn es ginge, wäre sie in den Felsblock hinter ihr hineingekrochen. So konnte sie nur wie hypnotisiert das Messer anstarren. Ein Stöhnen entfuhr ihr.
Er kniete neben ihr nieder und legte das Messer zur Seite. »Keine Angst, ich will Ihnen helfen. Hören Sie mich?« Als sie nicht reagierte, nahm er ihre Hand in seine und rieb sie beruhigend. »Bitte, sprechen Sie mit mir. Ich will mir doch nur Ihr Knie ansehen.«
Ein Zittern durchlief ihren Körper, doch ihre Hand war nicht mehr ganz so verspannt. »Vielleicht sollte ich mich Ihnen vorstellen. Mein Name ist Shane Hunter. Wie heißen Sie?« Schweigen. »Also, ich nehme jetzt das Messer und schneide Ihre Hose auf, okay?«
Er nahm das Messer in seine Hand und setzte es an das Hosenbein. Mit einem kurzen Schnitt hatte er einen Anfang geschaffen und säbelte weiter, als sich eine weiche Hand auf seine legte. Er schaute auf.
»Ich bin Autumn. Autumn Howard.«
Er blickte auf ihre Haare und ein Lächeln zog über sein Gesicht. »Ja, das passt. Ich freue mich Sie kennen zu lernen. In Kürze werden Sie um eine Jeansshorts reicher sein.« Zögernd umspielte ein leichtes Lächeln ihre Lippen.
»Danke für Ihre Hilfe. Ohne Sie wäre ich aufgeschmissen gewesen.«
Ein letzter Ruck an ihrer Hose und ihr Bein war bis zum Oberschenkel nackt. Immer noch lächelnd beugte sich Shane darüber, um sich die Knieverletzung anzusehen. Doch das Lächeln verblasste schlagartig, als er die wulstigen, leicht rosafarbenen Linien sah, die ihren Oberschenkel überzogen. Er blickte hoch und sah den Schmerz, der in ihre Augen trat. Wenn er sich nicht irrte, sah er sogar eine Träne in ihrem Augenwinkel. Sofort wandte er sich wieder der Verletzung zu. Das Knie war geschwollen und bläulich verfärbt, es handelte sich wahrscheinlich um eine üble Prellung. Er wühlte in seinem Rucksack nach seinem Erste-Hilfe-Paket, entfernte den Deckel und zog den versprochenen Eispack heraus. Die Tüte enthielt eine chemische Flüssigkeit, die durch kneten des Beutels mit anderen Bestandteilen reagierte und so die Kälte erzeugte. Nach sorgfältigem kneten band er den Eispack mit Mullbinden an das Knie. Dabei achtete er sorgfältig darauf, nicht auf die Narben zu starren oder sich zumindest nichts anmerken zu lassen. Wie war sie dazu gekommen? Was hatte sie erlebt? War sie deshalb so schreckhaft? Diese Fragen und einige andere wanderten durch Shanes Kopf während er sie verarztete. Aber es ging ihn nichts an und deshalb fragte er sie nicht danach. Außerdem würde er sie nach diesem Abend wohl nie wieder sehen. Ein leichtes Bedauern durchrieselte ihn. Seine Familie sagte immer er wäre zu neugierig und würde sich in Sachen einmischen, die ihn nichts angingen. Wahrscheinlich hatten sie recht. Aber er konnte nicht einfach vorbeigehen und sich nicht um andere Menschen kümmern, wenn er das Gefühl hatte, sie bräuchten Hilfe.
Schweigend packte er seinen Rucksack wieder ein und schwang ihn auf seinen Rücken.
»Vielen Dank, das Knie fühlt sich schon viel besser an.«
»Keine Ursache, dafür bin ich schließlich da. Ich würde vorschlagen, Sie tragen Ihren Rucksack und mein Stativ während ich Sie trage. In Ordnung?«
»Aber ich bin doch viel zu schwer für Sie. Außerdem sind die Felsen schon für einen alleine ziemlich rutschig. Ich möchte nicht dafür verantwortlich sein, dass Sie sich auch noch verletzen.«
»Das lassen Sie nur meine Sorge sein. Ich habe bestimmt schon schwerere Sachen als Sie getragen.« Kritisch musterte er ihre schlanke Figur. »Und wie wir vorhin schon festgestellt haben, können Sie nicht mal auftreten.« Ohne langes Zögern bückte er sich und schob einen seiner kräftigen Arme unter ihre Knie während er mit dem anderen ihren Rücken stützte. Autumn griff rasch nach ihrem Rucksack und dem Stativ und fügte sich in ihr Schicksal.
Während der ersten Schritte hatte sie Angst, sie könnte herunterfallen, doch recht bald verließ sie sich auf seine Stärke. Sicheren Schritts folgte er dem Weg, der sie zum Parkplatz und zu seinem Auto führen würde. Sie selber war mit einem Shuttle-Bus hierher gekommen, da sie sich erst noch ein eigenes Auto besorgen musste.
Wie steif sie sich hielt, merkte sie erst als er seinen Kopf zu ihr hinunterbeugte.
»Legen Sie Ihre Arme um meinen Hals, dann können Sie nicht herunterfallen. Ich beiße nicht.«
»Das habe ich auch nicht angenommen. Ich bin es nur nicht gewöhnt auf diese Weise herumgetragen zu werden.«
Sie legte ihre Arme um seinen Nacken. Wenn sie ganz ehrlich war, war es sogar ein schönes Gefühl einmal getragen zu werden. Sie sah zu ihm hoch und bemerkte einige Bartstoppeln unter seinem Kinn. Sie war zu erschöpft um darüber nachzudenken was sie sagte.
»Sie haben sich heute nicht rasiert«, murmelte sie.
Amüsiert blickte er auf seine Last hinunter.
»Danke, dass Sie mich darauf hinweisen. Leider leide ich unter starkem Bartwuchs und sehe deshalb abends immer unrasiert aus, auch wenn ich morgens meine Pflicht getan habe.«
Erschrocken sah sie zu ihm auf. »Tut mir leid, das hätte ich nicht sagen sollen. Ich bin so müde, ich weiß selber nicht mehr was ich rede.«
»Dann schlafen Sie ruhig, ich finde meinen Weg auch ohne Ihre Hilfe. Am Parkplatz wecke ich Sie auf.«
Während sie noch seine gebräunte Brust in seinem Hemdausschnitt bewunderte, fielen ihr die Augen zu.
Auszeichnungen: »Canyon der Gefühle« gewann bei der Liebesromanwahl 2002 der Romantischen Bücherecke den 1. Platz für das beste Cover, den 2. Platz bei der Wahl zum besten zeitgenössischen Roman und den 3. Platz in der Sparte »Bester Mystery & Crime Roman«
Michelle Raven belegte bei dieser Wahl den zweiten Platz der besten AutorInnen-Neuentdeckung.
LESEPROBE
Arches National Park, Utah
Wenn sie geahnt hätte was passieren würde, dann wäre sie in einen anderen Teil des Parks gegangen, oder besser noch in ihrem Hotelzimmer in Moab geblieben, dachte sie und verlagerte ihr verletztes Bein auf dem glatten aber trotzdem unbequemen Felsblock, den sie mit letzter Kraft noch erreicht hatte. Sie hatte am Parkplatz zum Fiery Furnace im Arches Nationalpark die Warnschilder ignoriert, die auf unmarkierte Wege und Verirrungsgefahr hinwiesen, da sie sich nicht für einen unbedarften Besucher hielt. Schließlich würde sie in einer Woche ein Teil des National Park Service werden. Ein Ranger konnte sich ja wohl kaum in seinem Park verirren - hatte sie zumindest bis vor einigen Stunden noch gedacht. Nun wusste sie es besser und hatte sich dank ihrer Turnschuhe, mit denen sie auf dem teuflisch glatten Slickrock ausgerutscht war, auch noch ihr Knie verstaucht. Es wurde langsam dunkler und sie musste wohl die Hoffnung aufgeben, noch gefunden zu werden.
Das wäre eigentlich auch ziemlich unlogisch, da sie niemandem gesagt hatte, dass sie vorhatte hierher zu gehen. »Wieder einmal eine von deinen dämlichen Ideen, Autumn Howard«, schalt sie sich selbst. Wem hätte sie es auch sagen sollen, sie kannte hier niemanden und wenn es nach ihr ginge würde das auch so bleiben. Sie war in diese weite Landschaft gekommen, um dem Engegefühl in New York und ihrer Arbeit als Bibliothekarin zu entkommen. Natürlich gab es auch noch andere Gründe, aber darüber wollte sie im Moment lieber nicht nachdenken. Schließlich hatte sie schon genug Probleme. Sie lehnte sich zurück und war froh, dass es wenigstens ohne die Sonne ein wenig kühler wurde. Es würde sie nicht wundern, wenn ihre eher blasse Haut schon ziemlich verbrannt wäre.
Trotz ihrer misslichen Lage musste sie zugeben, dass dieser Nationalpark wunderschön war. Massive dunkelrote Felswände, balancierende Steine und die bekannten Felsbögen gaben eine faszinierende Kulisse ab. Hier im Fiery Furnace, im Schluchtenlabyrinth aus Buntsandsteinsäulen, die in der späten Abendsonne Feuer zu fangen schienen, gab es die moderne Welt nicht mehr. Kein Ton war zu hören außer dem gelegentlichen Singen eines Vogels. In ihren Büchern, die sie sich in Vorbereitung auf ihre Arbeit hier gekauft hatte, stand, dass die meisten der hier heimischen Tiere den ganzen Tag in Felsspalten schlummerten und erst nachts aktiv wurden. Sie hoffte, dass diese Regel auch für Schlangen und Skorpione galt.
Schnell richtete sie sich auf. Hatte sie nicht eben ein Rascheln gehört? Sie sah sich um, konnte aber nichts ungewöhnliches in der flimmernden Hitze und den dunklen Schatten entdecken. Langsam ließ sie sich zurücksinken. Gott sei Dank würde die Temperatur nachts nicht bis auf weniger als 15°C sinken, erfrieren würde sie also nicht. Aber es könnte durchaus sein, dass sie verdurstete. Ihr letztes Wasser hatte sie schon vor Stunden getrunken und nun fühlte sich ihre Zunge wie ein Holzblock an. Mühsam versuchte sie zu schlucken. In einem Buch hatte sie mal gelesen, dass man sich kleine Steine in den Mund legen sollte um den Speichelfluss anzuregen, aber wo waren diese Steine wenn man sie mal brauchte? Hier gab es nur Felsblöcke und Sand. Und Sandstein wäre sicher nicht ideal für so einen. Da sie im Moment nichts gegen die Situation tun konnte, lehnte sie sich zurück und schloss die Augen. Im Nu döste sie ein.
* * * * *
Shane lief leichtfüßig den schmalen, unmarkierten Weg hinab, den nur Eingeweihte erkennen konnten. Seine Stimmung war gut, hatte er doch viele gute Fotos von versteckten Orten im Fiery Furnace geschossen, die er Leigh zuschicken konnte. Seine Miene verdüsterte sich. Wie konnte er ihr nur helfen? Aber wie immer kam er auf keine Antwort. Nur seine Bilder konnten sie kurzzeitig aufmuntern, also würde er ständig neue Orte suchen, die er ihr noch nicht gezeigt hatte.
Zufrieden, dass er wenigstens etwas für sie tun konnte, gewann er seine gute Laune wieder und pfiff leise vor sich hin. Es wurde langsam dunkel und er würde sich beeilen müssen, denn hier gab es keine Laternen am Weg und selbst er würde sich im Dunkeln vermutlich verirren. Da er in guter Form war, machte ihm das Gewicht seines voll gepackten Rucksacks nicht viel aus. Sein einbeiniges Stativ benutzte er als Wanderstock. Wie immer fühlte er sich in der freien Natur sofort viel besser. Selbst ein anstrengender Tag als Ranger konnte ihn nicht davon abhalten allabendlich, sofern er keinen Dienst hatte, seinen Fotoapparat zu greifen und sich an stille, spektakuläre Orte zurückzuziehen und in Ruhe seine Fotos zu produzieren. In seiner kleinen Hütte hatte er außerdem ein gut eingerichtetes Fotolabor, in dem er die Fotos gleich entwickeln konnte.
In seine Gedanken versunken bemerkte er erst überhaupt nicht den dunkelroten Fleck auf einem der Felsblöcke. Erst als er sich bewegte, registrierte er, dass es sich hier nicht um einen der unzähligen roten Felsen handelte. Vielleicht war es ein verletztes Tier, dass in einer Felsspalte feststeckte, überlegte er. Andererseits hatte er hier noch nie ein Tier dieser Farbe gesehen. Shane bewegte sich langsam über die rutschigen Felsen auf den Fleck zu. Als er nur noch einige Meter entfernt war, konnte er plötzlich erkennen, was es war: Haare! Sofort legte er die letzte Strecke im Laufschritt zurück. Kleine Steine bröckelten unter seinen Schuhen ab. Aber in solch einem Augenblick konnte er wirklich keine Rücksicht auf die verletzliche mikrobiotische Kruste nehmen, die er sonst immer schützte.
Er umrundete den letzten Felsblock und stand vor einem Häufchen Mensch, das absolut bemitleidenswert aussah. Zerzauste dunkelrote Haare standen in hartem Kontrast zu rosafarbener, ehemals wohl weißer Haut, die ziemlich verquollen wirkte. Ein schmutziger Streifen zog sich über die rechte Wange hin. Shane bückte sich um den Puls an der Halsschlagader zu prüfen, als sich flatternd die Augenlider hoben und er in die grünsten Augen blickte, die er bis dahin gesehen hatte. Wie gebannt beobachtete er, wie sich die Augen erst zusammenzogen und dann erschreckt weiteten. Beruhigend wollte er mit der Hand über die Wange streichen, als das sonderbare Wesen ihn plötzlich mit beiden Händen vor die Brust stieß, so dass er nach hinten umkippte. Gleichzeitig zog sie sich in die Felsnische zurück. Der Stoß hatte ihn ziemlich unvorbereitet getroffen, er konnte sich nicht mehr rechtzeitig festhalten und fiel rückwärts den Felsen hinunter. Dank seines Rucksacks landete er relativ weich, aber er war doch ärgerlich darüber, dass er die Reaktion der Frau nicht hatte kommen sehen. Er griff sich sein Stativ, das er hatte fallen lassen und rückte wieder auf den Felsblock zu. Seine Miene wurde weicher, als er sah, dass die Frau anscheinend Angst vor ihm hatte. Also versuchte er sie zu beruhigen.
»Hören Sie, ich will Ihnen nichts tun, ich versuche nur Ihnen zu helfen. Wehren Sie sich nicht.« Er konnte nicht erkennen, ob sie ihn verstanden hatte, jedenfalls rührte sie sich nicht.
Autumn war aus ihrem Schlummer aufgeschreckt, als sie eine Hand an ihrem Hals fühlte. Sofort hatte sie gedacht es wäre Robert, der sie wieder schlagen würde und hatte instinktiv reagiert. Nun erkannte sie im Licht der untergehenden Sonne, dass es jemand anders war, der jedoch nicht ungefährlicher aussah: schwarze Haare, dunkle Augen, deren Farbe sie nicht identifizieren konnte, sehr groß und kräftig. Gegen ihn hätte sie keine Chance, das wusste sie. Seine Stimme jedoch klang vertrauenerweckend, tief und samtig, während er beruhigend auf sie einredete. Als wäre sie ein wildes Tier. Wahrscheinlich sah sie auch so aus, überlegte sie mit einem Anflug von Selbstironie. Langsam entspannte sie sich etwas und zugleich kam in ihr die Hoffnung auf, dass dieser Mann ihr vielleicht helfen würde. Er hatte sich jetzt wieder zu ihr vorgearbeitet und blickte stirnrunzelnd auf sie nieder.
»Verstehen Sie mich? Sprechen Sie meine Sprache?«, fragte er.
Vermutlich hielt er sie für eine Touristin die sich verirrt hatte. Vielleicht sollte sie ihn auch lieber in dem Glauben lassen, sonst könnte es peinlich werden. Welcher angehende Ranger gibt schon gerne zu sich an seinem ersten Tag im Park bereits verirrt zu haben?
»Ich verstehe Sie sehr gut. Es tut mir leid, dass ich Sie angegriffen habe, ich dachte Sie wären jemand anders.«
»Ist schon gut. Haben Sie sich verirrt? Können Sie aufstehen? Dann bringe ich Sie zum Parkplatz.«
Aufatmend stellte er fest dass die Frau wohl doch nicht so verwirrt war, wie er erst gedacht hatte. Und sie war Amerikanerin, wahrscheinlich von der Ostküste, wenn man ihre hastige Sprechweise als Indiz nahm. Ihre Stimme gefiel ihm, leise, dunkel und etwas rau, was allerdings auch daran liegen könnte, dass sie schon längere Zeit hier in der Sonne gesessen hatte.
»Möchten Sie etwas zu trinken? Oder haben Sie noch eigene Vorräte?«
»Ja, nein, ja bitte, nein.« Langsam entspannte sie sich. Jemand der so freundlich zu einem Fremden war, konnte ihr kaum etwas antun. Sie hatte sich natürlich schon einmal geirrt, aber wenn sie vorsichtig war, konnte ihr nicht viel passieren.
Erfreut merkte er, dass sie sich ihm etwas öffnete und vorhatte sich von ihm helfen zu lassen. Nun musste er nur noch nachdenken was er denn alles gefragt hatte. Also, sie hat sich verirrt, kann nicht aufstehen und möchte etwas zu trinken, weil sie selber keine Vorräte mehr hat. Aufmerksam beobachtete Autumn wie es in seinem Gesicht arbeitete, während er versuchte ihre Antwort mit seinen Fragen in Einklang zu bringen. Ein interessantes Gesicht, nicht im klassischen Sinn schön, aber ungeheuer männlich.
Schweigend setzte er seinen riesigen Rucksack ab und öffnete ihn. Er musste erst seine Kamera und einige Objektive auspacken um an seine Trinkflasche zu kommen. Sie hatte eine isolierende Schicht, aber er bezweifelte, dass der Inhalt bei dieser Hitze noch kühl sein würde. Wortlos reichte er ihr die Flasche.
»Vielen Dank, ich bin halb verdurstet.« Sie nahm ihm die Flasche ab, wobei sich kurz ihre Finger berührten. Sofort zuckte sie etwas zurück, fing sich aber rasch wieder. Hätte er sie nicht gerade beobachtet, es wäre ihm entgangen.
Sie trank gierig in großen Schlucken, bis sie seine Stimme vernahm.
»Nicht so viel auf einmal, dass ist nicht gut für den Organismus, wenn man längere Zeit nichts getrunken hat.« Sie nahm noch einen Schluck und gab ihm dann die halbleere Flasche zurück. »Behalten Sie sie, ich habe noch mehr davon.«
Mit diesen Worten nahm er noch eine Flasche aus seinem Rucksack und setzte sie an den Mund. Autumn beobachtete wie ihm beim Trinken etwas Wasser aus dem Mundwinkel lief und verfolgte den Weg des Tropfens über das markante Kinn, den kräftigen Hals bis in den Ausschnitt des aufgeknöpften Jeanshemdes. Er hat wirklich einen gutgebauten Körper, überlegte sie während ihr Blick nach unten wanderte, über die blaue, abgeschabte Jeans bis zu den Knöchel hohen Wanderstiefeln. Shane entging ihr Blick nicht, er fragte sich schon die ganze Zeit wie sie denn wohl ohne den Sonnenbrand und Schmutz im Gesicht aussehen würde.
»Habe ich Sie richtig verstanden, dass Sie nicht aufstehen können?«
»Ich fürchte, ja. Ich bin hier herumgeirrt und habe den richtigen Weg gesucht, als ich auf einem dieser verdammten Felsen ausgerutscht bin und mir das Knie verdreht habe. Es tut höllisch weh.«
»Soll ich es mir einmal ansehen, ich bin in erster Hilfe ausgebildet.«
»Nein, lieber nicht, es geht schon. Vielleicht könnten Sie mir nur beim Aufstehen helfen? Dann kann ich sehen, ob es inzwischen besser geworden ist.«
Shane sprang auf und legte ihr die Hand unter den Ellbogen, um sie zu stützen. Wieder bemerkte er, wie sie kurz zurückzuckte und wunderte sich darüber. Zitternd stützte sie sich mit einer Hand am Felsblock ab, während sie mit der anderen den Oberarm des Mannes umfasste. Sie konnte unter ihrer Hand seine angespannten Muskeln fühlen. Sie setzte den Fuß ihres verletzten Beines vorsichtig auf, um im nächsten Moment mit einem Schmerzenslaut wieder zurückzusinken. Mit verzerrtem Gesicht rieb sie über ihr Knie.
»Ich fürchte, ich kann doch nicht mehr laufen.« Besorgt kniete Shane sich neben sie.
»Ich habe in meinem Erste-Hilfe-Paket einen Eispack, den können wir über Ihr Knie binden. Ich hole ihn schnell aus meinem Rucksack.«
»Nein lassen Sie das, ich komme schon zurecht. Wenn Sie mich stützen, werde ich es schon schaffen.« Ihre Stimme klang angespannt. Er drehte sich wieder zu ihr um und musterte sie. In ihren Augen flackerte Panik, ihre Hände waren zu Fäusten geballt.
»Hören Sie, ich werde Ihnen bestimmt nichts tun. Ich bin hier Parkranger und es ist mein Job mich um Sie zu kümmern. Und das werde ich auch tun. Also, entweder Sie ziehen jetzt Ihre Hose aus, damit ich mir Ihr Knie ansehen kann, oder ich werde es tun.« Mit diesen Worten kam er auf sie zu.
»Aber Sie tragen keine Ranger-Kleidung, woher soll ich dann wissen, dass Sie nicht lügen?« fragte Autumn, immer noch ängstlich.
»Ich trage meine Privatkleidung, weil ich heute Abend keinen Dienst habe. Ich war hier um zu fotografieren. Und wenn wir uns nicht langsam beeilen, wird es ganz dunkel sein und selbst ich finde den Weg zurück nicht mehr.«
»In Ordnung. Haben Sie vielleicht eine Schere bei sich, ich wollte schon immer mal eine Shorts aus Jeansstoff haben.« Erstaunt blickte er sie an.
»Wäre es nicht einfacher, die Hose auszuziehen?« Als er sie ansah, verwarf er die Idee sofort wieder. »Okay, wie Sie wollen. Ich habe allerdings nur ein Messer bei mir, aber das wird wohl auch gehen.«
Er zog es aus einer Messerscheide, die er an seinem Gürtel befestigt hatte. Er sah ihr in die Augen und die Angst, die er darin sah, bestürzte ihn. Ihre zitternde Hand fuhr zu ihrer Kehle wie um sie zu schützen. Wenn es ginge, wäre sie in den Felsblock hinter ihr hineingekrochen. So konnte sie nur wie hypnotisiert das Messer anstarren. Ein Stöhnen entfuhr ihr.
Er kniete neben ihr nieder und legte das Messer zur Seite. »Keine Angst, ich will Ihnen helfen. Hören Sie mich?« Als sie nicht reagierte, nahm er ihre Hand in seine und rieb sie beruhigend. »Bitte, sprechen Sie mit mir. Ich will mir doch nur Ihr Knie ansehen.«
Ein Zittern durchlief ihren Körper, doch ihre Hand war nicht mehr ganz so verspannt. »Vielleicht sollte ich mich Ihnen vorstellen. Mein Name ist Shane Hunter. Wie heißen Sie?« Schweigen. »Also, ich nehme jetzt das Messer und schneide Ihre Hose auf, okay?«
Er nahm das Messer in seine Hand und setzte es an das Hosenbein. Mit einem kurzen Schnitt hatte er einen Anfang geschaffen und säbelte weiter, als sich eine weiche Hand auf seine legte. Er schaute auf.
»Ich bin Autumn. Autumn Howard.«
Er blickte auf ihre Haare und ein Lächeln zog über sein Gesicht. »Ja, das passt. Ich freue mich Sie kennen zu lernen. In Kürze werden Sie um eine Jeansshorts reicher sein.« Zögernd umspielte ein leichtes Lächeln ihre Lippen.
»Danke für Ihre Hilfe. Ohne Sie wäre ich aufgeschmissen gewesen.«
Ein letzter Ruck an ihrer Hose und ihr Bein war bis zum Oberschenkel nackt. Immer noch lächelnd beugte sich Shane darüber, um sich die Knieverletzung anzusehen. Doch das Lächeln verblasste schlagartig, als er die wulstigen, leicht rosafarbenen Linien sah, die ihren Oberschenkel überzogen. Er blickte hoch und sah den Schmerz, der in ihre Augen trat. Wenn er sich nicht irrte, sah er sogar eine Träne in ihrem Augenwinkel. Sofort wandte er sich wieder der Verletzung zu. Das Knie war geschwollen und bläulich verfärbt, es handelte sich wahrscheinlich um eine üble Prellung. Er wühlte in seinem Rucksack nach seinem Erste-Hilfe-Paket, entfernte den Deckel und zog den versprochenen Eispack heraus. Die Tüte enthielt eine chemische Flüssigkeit, die durch kneten des Beutels mit anderen Bestandteilen reagierte und so die Kälte erzeugte. Nach sorgfältigem kneten band er den Eispack mit Mullbinden an das Knie. Dabei achtete er sorgfältig darauf, nicht auf die Narben zu starren oder sich zumindest nichts anmerken zu lassen. Wie war sie dazu gekommen? Was hatte sie erlebt? War sie deshalb so schreckhaft? Diese Fragen und einige andere wanderten durch Shanes Kopf während er sie verarztete. Aber es ging ihn nichts an und deshalb fragte er sie nicht danach. Außerdem würde er sie nach diesem Abend wohl nie wieder sehen. Ein leichtes Bedauern durchrieselte ihn. Seine Familie sagte immer er wäre zu neugierig und würde sich in Sachen einmischen, die ihn nichts angingen. Wahrscheinlich hatten sie recht. Aber er konnte nicht einfach vorbeigehen und sich nicht um andere Menschen kümmern, wenn er das Gefühl hatte, sie bräuchten Hilfe.
Schweigend packte er seinen Rucksack wieder ein und schwang ihn auf seinen Rücken.
»Vielen Dank, das Knie fühlt sich schon viel besser an.«
»Keine Ursache, dafür bin ich schließlich da. Ich würde vorschlagen, Sie tragen Ihren Rucksack und mein Stativ während ich Sie trage. In Ordnung?«
»Aber ich bin doch viel zu schwer für Sie. Außerdem sind die Felsen schon für einen alleine ziemlich rutschig. Ich möchte nicht dafür verantwortlich sein, dass Sie sich auch noch verletzen.«
»Das lassen Sie nur meine Sorge sein. Ich habe bestimmt schon schwerere Sachen als Sie getragen.« Kritisch musterte er ihre schlanke Figur. »Und wie wir vorhin schon festgestellt haben, können Sie nicht mal auftreten.« Ohne langes Zögern bückte er sich und schob einen seiner kräftigen Arme unter ihre Knie während er mit dem anderen ihren Rücken stützte. Autumn griff rasch nach ihrem Rucksack und dem Stativ und fügte sich in ihr Schicksal.
Während der ersten Schritte hatte sie Angst, sie könnte herunterfallen, doch recht bald verließ sie sich auf seine Stärke. Sicheren Schritts folgte er dem Weg, der sie zum Parkplatz und zu seinem Auto führen würde. Sie selber war mit einem Shuttle-Bus hierher gekommen, da sie sich erst noch ein eigenes Auto besorgen musste.
Wie steif sie sich hielt, merkte sie erst als er seinen Kopf zu ihr hinunterbeugte.
»Legen Sie Ihre Arme um meinen Hals, dann können Sie nicht herunterfallen. Ich beiße nicht.«
»Das habe ich auch nicht angenommen. Ich bin es nur nicht gewöhnt auf diese Weise herumgetragen zu werden.«
Sie legte ihre Arme um seinen Nacken. Wenn sie ganz ehrlich war, war es sogar ein schönes Gefühl einmal getragen zu werden. Sie sah zu ihm hoch und bemerkte einige Bartstoppeln unter seinem Kinn. Sie war zu erschöpft um darüber nachzudenken was sie sagte.
»Sie haben sich heute nicht rasiert«, murmelte sie.
Amüsiert blickte er auf seine Last hinunter.
»Danke, dass Sie mich darauf hinweisen. Leider leide ich unter starkem Bartwuchs und sehe deshalb abends immer unrasiert aus, auch wenn ich morgens meine Pflicht getan habe.«
Erschrocken sah sie zu ihm auf. »Tut mir leid, das hätte ich nicht sagen sollen. Ich bin so müde, ich weiß selber nicht mehr was ich rede.«
»Dann schlafen Sie ruhig, ich finde meinen Weg auch ohne Ihre Hilfe. Am Parkplatz wecke ich Sie auf.«
Während sie noch seine gebräunte Brust in seinem Hemdausschnitt bewunderte, fielen ihr die Augen zu.





