Die Bilanz
der Celler Landesfrauenklinik in einer
Weihnachtsnacht Anfang der sechziger Jahre: Mehrere Neugeborene
erblicken das
Licht der Welt, doch eines stirbt direkt nach der Geburt. Über vierzig
Jahre
später entdeckt Cornelius Conrady, der Hauptsattelmeister der
Hengstprüfungsanstalt in Adelheidsdorf bei Celle, während eines
Ausritts einen
Toten.
Die Spur führt Kommissar Mark-Heinrich Fischer und sein Team in die
Welt der
Pferde, ins südbadische Freiburg, sogar zu der alt eingesessenen
Familie
Conrady selbst - und in die Nähe eines seit langem gesuchten
Pferde-Rippers.
LESEPROBE
“Haben Sie eine Ahnung davon, wer das sein könnte?”, wandte sich Kommissar Fischer
an den Hauptsattelmeister. Der schüttelte seinen Kopf:
“Ich kann mir ja nicht mal erklären, wie der dahin kam.”
Er sah fragend zu Cosima Fabricius.
“Wildschweine,” erwiderte diese leise, “Tote werden oft von Wildschweinen verschleppt.” Mit diesen Worten stemmte sie sich ächzend in die Höhe.
“Kannst du uns sonst etwas sagen, Cosi? So wie es hier aussieht, ist ein Fremdverschulden in den Fall wohl nicht auszuschließen,” fügte Fischer an.
“Im Moment kann ich nur sagen, ich vermute, es ist ein älterer Mann. Den Haaren und der Kleidung nach zu urteilen. Für weitere Infos muss ich ihn aufmachen. Mögliche sichtbar gewesene Spuren sind verwittert und verwaschen. Morgen elf Uhr dreißig, Mark. Dann weiß ich mehr.”
Conrady verzog den Mund und fragte:
“Das wollte ich schon immer mal wissen. Was können Sie bei einer Obduktion denn herausfinden? Ist das so, wie es im Fernsehen meist gezeigt wird, Frau Doktor?”
Die Ärztin zog sich die Handschuhe aus, murmelte ein ich heiße Cosima Fabricius und lächelte den Mann dabei freundlich an. Sie stellte sich neben Fischer an die Absperrung und begann zu erklären:
“Teilweise zeigen sie im Fernsehen gute Sachen, ja. Aber grundsätzlich machen sie Fehler bei der Kleidung. Oder zeigen die toughen jungen Ermittlerinnen mit langen wehenden Haaren über ein Opfer gebeugt. Der Zeitfaktor stimmt auch nie. Aber andere Sachen sind gut dargestellt.”
Sie räusperte sich und fuhr fort:
“Zu Ihrer Frage nach der Obduktion: Ich kann zum Beispiel, darüber haben Sie doch bestimmt auch schon mal etwas gesehen, über den Madenbefall den Todeszeitpunkt bestimmen, je nachdem in welchem Stadium der Verpuppung diese sich befinden, lässt sich der schnell feststellen. Ferner lässt eine mögliche Fettwachsbildung auf die Liegezeit sowie die Liegeumgebung schließen.”
“Fettwachsbildung?”, fragte Conrady interessiert.
Fischer sah auf. Was interessierte der sich für Sonderformen der Leichenfäule? War an dem selber was faul?
Cosima Fabricius, sichtlich erfreut über das Interesse des Mannes an ihrem Beruf, ein seltenes Phänomen in der Branche, wie sie die Rechtsmedizin gerne bezeichnete, fuhr fort:
“Fettwachs entsteht in feuchter Umgebung. Bei höheren Temperaturen schneller als bei niedrigen. Körpereigenes Fett wird dabei vor allem in Palmitin- und Stearinsäure verwandelt. Dabei können Haut oder Weichteile fast so hart werden wie Kerzenwachs.”
Fischer sah, wie der jüngere Conrady abwechselnd mit dem Gefühl des Ekels und dem der Faszination zu kämpfen hatte. Sein Gesichtsausdruck wechselte ständig zwischen angewidert und überrascht.
“Ich werde aber vor allem” stellte die Rechtsmedizinerin nun klar, “zusammen mit der Kripo herausfinden, durch DNA-Analyse oder wie auch immer, wer dieser Mensch ist, woher er stammt und, das Wichtigste überhaupt, ich werde natürlich versuchen, die Todesursache zu ermitteln.”
“Also, ob er einen Herzinfarkt hatte. Oder einen Schlaganfall.”
“Oder er eins drüber bekam. Oder erstickt ist oder erschlagen wurde. Erschossen. Erstochen. Ein Toter ist wie ein aufgeschlagenes Buch.”
“All das kann man in Toten lesen?” Conrady sah anerkennend zu Dr. Fabricius. “Ich bewundere Sie und den Beruf, den Sie ausüben. Darüber würde ich gerne mehr von Ihnen erfahren. Vielleicht könnten wir mal...”, er stockte.
Der flirtete, schoss es Fischer durch den Sinn. An einem Tatort! Mit einer Schwangeren! So ein bodenloser Drecksack! Und der wollte eindeutig zuviel über die Autopsie wissen!
Sofort stellte sich Fischer schützend vor Cosima und grinste den Mann breit an.
“Könnten wir was?”, säuselte die Medizinerin im gleichen Moment mit einem säuerlichen Blick auf Fischer.


