Die frisch
examinierte Archäologin Marlene Maria
Lorenz ist Teilnehmerin an einer ersten Grabungskampagne, während der
die
Überreste der Stadt Tsellis freigelegt und dokumentiert werden.
Am Abend eines langen Grabungstages schlägt in Marlenes unmittelbarer
Nähe der
Blitz ein und sie verliert das Bewusstsein. Als Marlene erwacht, findet
sie
sich im Körper der neunzehnjährigen Greth, Tochter des Ritters Bertolt,
wieder,
der 1291 in Tsellis lebt. Fasziniert und verwirrt zugleich versucht
sich die
junge Frau in der fremden Umgebung zurechtzufinden. Sie verliebt sich
auf der
Stelle in den höchst attraktiven Vivelin, Ritter von Hainberg, den
Verlobten
von Greth. Aber eigentlich gehört doch Greth zu Vivelin und nicht
Marlene. Was
soll sie nur tun? Und, wo zum Teufel, steckt diese Greth? Doch das
Schlimmste
ist, Marlene weiß, dass die alte Stadt noch im Jahr 1291 durch ein
Feuer
zerstört werden wird ...
LESEPROBE
Den größten Raum am Platz nahm ohne Frage das Rathaus ein, ein imposantes Holzhaus, das wie alle anderen mit Stroh gedeckt und in etwa doppelt so groß war wie die übrigen Bauten. Sein großes Tor, in das ein Mannloch eingelassen war, wurde rechts und links von Obstbäumen besäumt. Am Ende der Straße befand sich ein hölzernes Stadttor, mäßig bewacht von zwei Männern im Wams, die ihr keinerlei Beachtung schenkten und statt dessen dösend rechts und links vom Tor mit vor den Knien gekreuzten Hellebarden in der Abendsonne saßen. Der Platz lag träge und still vor sich hin dämmernd im milden Licht. Nur ein Hämmern verriet, dass hier Menschen am Werkeln waren.
“Greth”, hörte sie es plötzlich hinter sich rufen, “Greth, ich suche Euch schon überall. Kommt schnell.” Erschrocken drehte sie sich um. Wer rief nach ihr? Oder besser gesagt nach Greth? Sie entdeckte auf dem Weg ein junges Mädchen, das aussah wie eine Mamsell zu Fasching und wild mit den Armen fuchtelnd auf sie zu rannte. Als es schließlich atemlos vor Marlene stand, knickste es kurz und sagte mit weicher melodischer Stimme: “Schnell, Herrin, die schwere Stunde Ihrer Gevatterin Cristina nebenan ist gekommen. Sie liegt in den Wehen und ruft nach Euch. Ihr müsst ihr beistehen.”
Verzweiflung kroch an Marlenes Beinen hoch und wand sich darum wie eine Schlange. Das war die Bestätigung, sie war nicht etwa auf einer Filmkulisse. Kein Regisseur der Welt würde in eine Doku ausgerechnet eine reale menschliche Geburt einbauen. Oder er musste wirklich eine extrem schräge Persönlichkeit haben, woran sie einfach nicht glauben wollte. Der Verzweiflung wich nun rasch Angst, schließlich der Angst die unglaublichen Erkenntnis, dass sie ... spätestens jetzt wurde ihr klar, dass sie tatsächlich diese Greth war, die offensichtlich obendrein Hebamme war. Oh, Gott! Aber, nein, das war nicht möglich. Das gab es doch nur in Büchern. Einen Augenblick weigerte sie sich, diesen Gedanken zuzulassen, doch dann murmelte sie leise: “Zeitreise. Es muss eine Zeitreise sein.”
“Herrin, was sagt Ihr? Kommt jetzt, schnell!”
Konnte das wirklich möglich sein? Sie war plötzlich Greth? Eine Hebamme im 13. Jahrhundert?
“Herrin! Bitte! Worauf wartet Ihr? Geht zu ihr, ich bitte Euch.”
Marlene nickte und sah auf das Mädchen, sie schätzte es auf kaum vierzehn, dessen Gesicht einer gründlichen Wäsche bedurfte. Sie versuchte sich zu sammeln und ihr Wissen aus dem Praktikumsjahr zu reaktivieren.
“Okay ... ähm ... gut”, stotterte sie schließlich, als der bittende Blick, der auf sie gerichtet war, immer eindringlicher wurde, “warte einen Augenblick. Ich bin vorhin gestürzt. Ich muss mich erst ein wenig umsehen, da ich auf den Kopf fiel und nicht mehr genau weiß, wo ich bin.”
Einen Moment blitzte in den Augen des Mädchens Überraschung auf, dann erwiderte es: “Ich bringe Euch zum Haus der Gevatterin. Rasch.”


