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Vereinigung deutschsprachiger Liebesromanautoren

Unsere Farm am Arrow lake


Die Geschichte der Familie Hartmann beginnt Anfang der neunziger Jahre, zwei Monate nach ihrer Auswanderung vom fränkischen Schwabach ins kanadische British Columbia. Heldin der Serie ist die 15-jährige Andrea, aber auch ihre Eltern, der ältere Bruder Michael, ihr nach einem Unfall gelähmter Zwillingsbruder Holger und die kleine Schwester Nicole kommen zu Wort. In Eagle Creek am Arrow Lake wollen sie sich eine neue Existenz aufbauen. Das Farmhaus wird renoviert, die Gegend erkundet, allerlei Abenteuer bestanden und neue Freundschaften geschlossen. Doch dann bedrohen riesige Waldbrände das Tal, die sich in der Hitze und Trockenheit rasch ausbreiten. Gemeinsam mit den Bewohnern des Eagle Creek Valley kämpfen die Hartmanns gegen die Feuer an, wobei zwei der Kinder in Lebensgefahr geraten.





LESEPROBE


Nicole faltete die Hände zum Gebet. Lieber Gott, nun schlaf ich ein, schicke mir ein Engelein, dass es treulich bei mir wacht, in der langen dunklen Nacht. Amen.

Nach dem Gebet war Nicole ein bisschen leichter zumute. Trotzdem lag sie noch lange wach. Sie konnte einfach nicht mehr einschlafen. Der Mond war jetzt wieder verschwunden, und es war vollkommen dunkel draußen. Zu Hause in Schwabach war immer ein freundlicher Lichtschein gewesen, der sie in ihre Träume begleitet hatte. Hier dagegen waren die Nächte oft stockdunkel und voller unheimlicher Geräusche.

Irgendwann fiel Nicole dann doch in einen unruhigen Schlaf. Wirre Träume quälten sie, in denen sie von blutdürstigen Kojoten mit roten Feueraugen verfolgt wurde.


Mitten in der Nacht wachte sie abermals auf. Erst glaubte sie, dass sie das neuerliche Heulen der Kojoten nur geträumt hatte. Doch dann merkte sie, dass es Wirklichkeit war.

Sie waren zurückgekommen! Was sie auf ihrer Farm nur wollten? Die Hühner waren alle in ihrem Stall, da konnten die Kojoten nicht rein. Und Mickey … war er im Haus? Nein, bestimmt nicht. Das hatten die Eltern nicht so gern, wegen der Katzenhaare. Deshalb musste er draußen bleiben. Wahrscheinlich jagte er in der Scheune den Mäusen nach. Ob er sich vor den Kojoten noch rechtzeitig verstecken hatte können?

In ihrer Sorge um Mickey vergaß Nicole, wie wütend ihre Schwester werden konnte, wenn man sie aufweckte.

»Andrea!«, rief sie unterdrückt. »Die Kojoten sind wieder da!«

»Na und!«, kam prompt die Antwort. Andrea war vom Heulen der Kojoten also bereits wach geworden.

Nicole hörte, wie die Schwester aufstand und zum Fenster ging. Licht machte sie dabei nicht an. Dann stieß Andrea plötzlich einen lauten Schrei aus.


»Oh my God!« Es klang so voller Angst und Verzweiflung, dass Nicole förmlich das Herz stehen blieb.

»W-was ist denn?« Ihre Beine zitterten richtig, als sie aufstand und zum Fenster lief.

Ganz entgeistert standen sie dann beide da und schauten hinüber zu den Bergen über dem See. So etwas hatten sie noch nie gesehen! Der Himmel war glutrot erleuchtet. Aber nicht etwa, weil der Morgen graute und die Sonne sich zum Aufgehen anschickte, sondern von den Feuern!

Der ganze Himmel schien zu brennen, mitten in der dunklen Nacht! Aus den schwarzen Qualmwolken, die tagsüber hinter den Bergen aufgestiegen waren, war ein bedrohliches Flammenmeer geworden.

Nicole fing zu weinen an. »Was sollen wir machen? Andrea, ich hab solche Angst!«

Nun tat Andrea die kleine Schwester doch Leid. Sie verstand, wie ihr zumute war, denn sie bekam es jetzt selbst mit der Angst zu tun. Sie legte Nicole den Arm um die Schultern und drückte sie kurz an sich.


»Machen können wir im Moment gar nichts«, sagte sie mit ganz dünner Stimme.

Noch während sie am Fenster standen und auf das Inferno über dem See schauten, hörten sie aus dem Hühnerstall lautes, aufgeregtes Gackern. Dann krachte auf einmal ein Schuss.

Nicole stieß einen Schrei aus. »Andrea!« Voller Angst klammerte sie sich an ihre große Schwester. An die Kojoten hatte sie beim Anblick des Flammenmeeres gar nicht mehr gedacht gehabt.

Im nächsten Moment überstürzten sich die Ereignisse. Lautes Bellen und Jaulen waren zu hören, dazwischen das wilde Kreischen einer Katze. Dann fiel abermals ein Schuss. Im Hühnerstall schien die reinste Panik ausgebrochen zu sein.

Im Haus wurde es laut. Die Tür zum Schlafzimmer der Eltern ging, eilige Schritte polterten die Treppe hinunter. Von unten klangen Stimmen herauf.


Nicole hielt sich die Ohren zu. Sie wollte gar nicht hören, was passiert war.

»Ich will heim!«, schluchzte sie. »Heim nach Schwabach!«

Andrea ging die kleine Schwester mit ihrem Gejammer schon wieder auf die Nerven. Ungeduldig schob sie sie von sich. »Dann geh doch!«

Sie fuhr in ihre Jeans und zog sich ein Sweatshirt über den Kopf.

»Andrea, wo willst du hin?«, rief Nicole ängstlich.

»Nachsehen, was los ist!«, war die entschlossene Antwort. »Und du bleibst hier, verstanden? Lass dir bloß nicht einfallen, mir nachzulaufen!«

Nicole wagte keine Widerrede. Dabei wollte sie jetzt alles andere als allein bleiben. Wenn sie doch nur ebenso tapfer wäre wie Andrea! Aber das schaffte sie einfach nicht. Sie würde wohl ihr Leben lang ein Angsthase bleiben, über den die anderen sich lustig machten!


Nicole riskierte wieder einen Blick aus dem Fenster. Der Mond war jetzt hinter schwarzen Wolken verschwunden, die vom Feuerschein rötlich angeleuchtet wurden.

Gewitterwolken? Regenwolken?

Sie brauchten doch so dringend Regen!

Lieber Gott, lass es regnen! betete Nicole voller Inbrunst. Ganz viel regnen, damit die Feuer ausgehen!

Unterdessen rannte Andrea die Treppe hinunter. Unten stieß sie mit ihrer Mutter zusammen.

»Mama, was ist denn los?«, rief sie.

»Ich glaube, die Kojoten wollten in den Hühnerstall eindringen!« Renates Stimme klang sehr besorgt. »Michael
muss schon draußen gewesen sein, als Papa und ich aufwachten. Zumindest hoffe ich, dass er es gewesen ist, der da geschossen hat und kein Fremder.«

»Wo ist Papa?«, fragte Andrea. Ihre Zähne klapperten plötzlich wie im Schüttelfrost. Sie ärgerte sich darüber, dass sie es nicht abstellen konnte. Auch sie fand jetzt alles ziemlich beängstigend.

»Rausgegangen, um nachzusehen, was los ist«, war die Antwort ihrer Mutter.

»Hey, wird man hier vielleicht mal darüber informiert, was da mitten in der Nacht in Haus und Hof vor sich geht?«, rief Holger ungeduldig aus seinem Zimmer, dessen Tür offen stand.

Andrea lief zu ihm und berichtete, was sie von ihrer Mutter wusste. »Mehr weiß Mama im Moment auch nicht.«

In diesem Augenblick krachte draußen ein weiterer Schuss. Andrea merkte, wie Holger vor Schreck zusammenzuckte. »Keine Angst«, sagte sie tröstend. »Das ist eben Wildnis pur. Feuer und Kojoten und Schüsse mitten in der Nacht. Wir werden schon mit allem fertig werden.«

Ihr, ja!, dachte Holger bei sich. Plötzlich fühlte er sich wieder ganz niedergeschlagen. Und ich Krüppel kann immer nur tatenlos dasitzen! Was ist, wenn wir evakuiert werden müssen? Dann bin ich für euch bloß eine Last. Besser, ihr lasst mich hier zurück und im Feuer umkommen! Das ist für uns alle das Beste! Doch er behielt seine Gedanken für sich und sprach sie nicht aus. Er wusste auch, dass sie nicht recht waren. Aber genau so war ihm in diesem Augenblick ums Herz.




Jutta Plössner


Jutta Ploessner - Unsere Farm am Arrow Lake
Originalausgabe
Books on Demand 2002
Taschenbuch
ISBN: 3-89811-914-9




Originalausgabe: Books on
Demand  2002
Genre: Jugendbuch ⁄
 Familienserie 1. Band
Zeit: Gegenwart
Handlungsort: Kanada
Illustrationen: Betty Fahlman