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Vereinigung deutschsprachiger Liebesromanautoren

mit haut und herz


»Hallo, guten Morgen«, sagte Roger so unbekümmert, als wäre es die natürlichste Sache der Welt, daß Vicky hier neben ihm lag.
Vicky wurde der Mund noch trockener, als er ohnehin schon war. »Ich … nun … ja«, stammelte sie und wollte sich aus dem Bett schwingen, doch Roger hielt sie fest.
»Nun mal langsam«, meinte er und lächelte. »Wir haben ja noch kaum etwas voneinander gehabt!«
Vicky starrte ihn mißtrauisch an. »Und was genau war es, bitte, was wir bisher voneinander gehabt haben …?


Zusatzinfo: »Mit Haut und Herz« ist als E-Book bei vph-eBooks unter dem Titel »Probier’s doch mal mit mir« erhältlich.





LESEPROBE


In Vancouver angekommen, holte Vicky sich gleich ihren Leihwagen ab, den sie bereits vom Eden Lake aus bestellt hatte. Sie verstaute ihre Sachen in dem hellen Kleinwagen und fuhr ein paar Minuten später über die Granville Street in Richtung Stadtmitte. Dort begann sie, das Viertel nach einem Parkplatz abzuklappern. Die Parkhäuser und bewachten Parkplätze waren natürlich alle wieder überfüllt.

Auf dem Parkplatz eines Supermarktes fand sie dann endlich eine Lücke. Entnervt vom vielen Suchen und Herumfahren schickte Vicky sich an, dort einzuparken. Sie hasste es, aus Parklücken herausfahren zu müssen, ohne etwas sehen zu können, deshalb fuhr sie lieber rückwärts hinein. Bisher war das auch immer glatt gegangen, doch diesmal tauchte ein schwergewichtiges Problem auf. Als sie gerade mit Schwung in die Lücke fahren wollte, stieß sie mit ihrem Wagen gegen etwas, das ihr unerschütterlich wie der Fels von Gibraltar im Weg stand. Es gab ein hässliches Geräusch und einen heftigen Ruck, dann überlief es Vicky heiß und kalt.

Mein Gott, das ist doch hoffentlich kein Fußgänger mit seinem Einkaufswagen gewesen!, dachte sie entsetzt. Doch als sie sich umdrehte, sah sie, dass sie gegen einen protzigen sandfarbenen Lincoln geprallt war.

Wo zum Teufel kam der plötzlich her?

Vicky öffnete die Tür und schwang gerade ihre Beine aus dem Auto, als der attraktivste, aber auch wütendste Mann, dem sie jemals begegnet war, auf sie zugestürzt kam. Er trug einen maßgeschneiderten Anzug, hatte dunkles welliges Haar und Augen, die sie an glühende Kohlen erinnerten.

Unwillkürlich zog Vicky die Schultern ein. Ihr war klar, dass der Mann der Besitzer des Lincoln sein musste. Ebenso klar war ihr, dass er im Begriff war, sie anzubrüllen.

»Sagen Sie mal, Sie haben wohl nicht alle Tassen im Schrank?«, legte er auch schon zornblitzend los. »Haben Sie keine Augen im Kopf oder wissen Sie nicht, wozu die Spiegel gut sind, die vorsorglich an jedem Wagen angebracht sind?«

»Nun halten Sie aber mal die Luft an!«, fauchte Vicky ebenso wütend zurück. »Dasselbe könnte ich von Ihnen sagen. Haben Sie geschlafen oder sind Sie betrunken, dass Sie nicht gesehen haben, dass ich gerade rückwärts einparken wollte?«

Obwohl er sich ihr gegenüber alles andere als charmant verhielt und Vicky beinahe vor Wut zu platzen drohte, spürte sie, wie die Nähe dieses Mannes sie erregte. Ein wirklich toller Mann!, schoss es ihr völlig unpassend durch den Kopf.

»Werden Sie bloß nicht frech, Madam!«, knurrte er drohend. »Sonst kann es passieren, dass Sie nicht nur eine Anzeige wegen Sachbeschädigung am Hals haben werden, sondern auch noch eine wegen Beleidigung!«

»Was fällt Ihnen ein?« Der unfreundliche Ton brachte Vicky augenblicklich wieder in die Wirklichkeit zurück. Sie stieg aus und richtete sich zu ihrer vollen Größe von einsachtundfünfzig auf. Es ärgerte sie maßlos, feststellen zu müssen, dass ihr Widersacher mindestens dreißig Zentimeter größer war als sie. »Passen Sie nur auf, dass es nicht umgekehrt der Fall sein wird! Aber was streiten wir hier herum? Los, holen Sie die Polizei, die wird schon herausfinden, wer hier im Recht oder im Unrecht ist!«

Der unverschämt gut aussehende Fremde musterte Vicky ungeniert von Kopf bis Fuß. Für Sekunden ließ er den Blick auf ihren kleinen festen Brüsten ruhen. Seine Zornfalten glätteten sich ein wenig. Lässig lehnte er sich gegen ihren Honda.

»Wer wird denn gleich mit der Polizei daherkommen?«, fragte er schon viel versöhnlicher. »Es gibt schließlich auch Mittel und Wege, sich über einen Bagatellschaden wie diesen gütlich zu einigen.« Plötzlich ging seine grimmige Miene in ein gewinnendes Lächeln über.

Vicky schluckte. Dieser Mann ging ihr ins Blut, was sie höchst alarmierend fand. Sie musste versuchen, ihre Wut aufrecht zu erhalten, bevor sie dahinschmolz wie Butter in der Sonne.

»Sie waren doch derjenige, der von einer Anzeige geredet hat«, erinnerte sie ihn herausfordernd. »Oder besser gesagt, gleich von zweien!«

Als der Mann die Röte sah, die Vicky ins Gesicht gestiegen war, zog er die Brauen hoch.

»Nun stellen Sie sich doch nicht so an!«, sagte er leiser. »Oder wollen Sie tatsächlich die Polizei einschalten?« Er senkte seine Stimme noch mehr, weil sich bereits ein paar Schaulustige eingefunden hatten. »Machen Sie jetzt kein Theater und lassen Sie uns die Sache endlich klären. Ich hasse es, wie ein Ochse im Zoo angestarrt zu werden.«

»Im Zoo gibt es keine Ochsem«, belehrte Vicky ihn immer noch ärgerlich.

Er überhörte ihre Zurechtweisung und stieß sich geschmeidig von ihrem Auto ab. »So viel ich bisher gesehen habe, ist an meinem Auto kein nennenswerter Schaden entstanden«, meinte er. »Kommen Sie, sehen wir uns die Bescherung einmal genauer an.«

Es war, wie er schon vermutet hatte. Nachdem Vicky ihr Auto ein Stück vorgefahren hatte, konnten sie sehen, dass die Stoßstange des Lincoln nur einen winzig kleinen Kratzer abbekommen hatte, während der Kotflügel des Honda nicht so ungeschoren davongekommen war. In dem hellen Lack war eine hässliche Delle.

»Sie haben Recht, es ist nur eine Bagatelle«, sagte Vicky hastig. Sie hatte es eilig, aus der Nähe dieses aufregendenMannes zu kommen. »Mein Auto hier ist nur ein Leihwagen, also brauche ich mich nicht weiter aufzuregen. Und bei Ihnen sieht man ja sowieso kaum etwas.«

Er sah sie mit einem so intensiven Blick an, dass es Vicky noch heißer wurde. »Keine Polizei mehr?«, fragte er in einem aufreizenden Tonfall.

»Vergessen Sie es«, erwiderte Vicky und hoffte, dass ihre Stimme nichts von ihrem inneren Aufruhr verriet. »Wenn Sie glauben, dass Ihnen kein Schaden entstanden ist, dann soll es mir Recht sein.« Sie wandte sich ab und machte Anstalten, in ihr Auto zu steigen. »Was natürlich nicht heißen soll, dass ich irgendeine Schuld an diesem … ähm, unglückseligen Zusammenstoß eingestehe«, fügte sie angriffslustig hinzu.

»Wollen Sie die etwa mir in die Schuhe schieben?«, fragte der Mann und kam wieder einen Schritt näher.

Vicky konnte förmlich die Wärme spüren, die von ihm ausging. Ihr wurde noch heißer. Sie versuchte, die Autotür zuzuziehen, doch er hielt sie mit festem Griff offen.

»Hören Sie, ich habe nicht die geringste Lust, mit Ihnen über die Schuldfrage zu diskutieren«, versetzte sie ärgerlich. »Wenn Sie nicht vorhaben, jetzt noch irgendetwas zu unternehmen, dann ist der Fall für mich ebenso erledigt. Und wenn Sie jetzt endlich die Tür loslassen würden, überlasse ich Ihnen sogar die Parklücke.«

Um Roger Falkiners Mund zuckte es belustigt. Diese streitbare junge Frau gefiel ihm ausnehmend gut. Selbst ohne Makeup war ihr Gesicht unwahrscheinlich attraktiv. Er hatte nicht vor, sie so schnell wieder gehen zu lassen.

Sein aufgestauter Ärger, der im Grund genommen von ganz anderen Dingen herrührte als von diesem kleinen Zusammenstoß, war verflogen. »Das ist ausgesprochen liebenswürdig von Ihnen«, meinte er mit einem charmanten Lächeln. »Darf ich mich dafür mit einer Tasse Kaffee erkenntlich zeigen?« Er deutete zur gegen überliegenden Straßenseite. »Dort drüben ist ein nettes kleines Cafe.«

Oh nein, bloß das nicht!, dachte Vicky in aufsteigender Panik. Ihr wäre es lieber gewessen, wenn er weiterhin wütend gewesen wäre. Sein Stimmungsumschwung wirkte sich äußerst gefährlich auf sie aus. Auch mit größter Anstrengung konnte sie ihren Ärger nicht mehr länger aufrechterhalten. Dafür wuchs ihr Interesse an diesem attraktiven Mann und der Wunsch, ihn näher kennen zu lernen.

»Vielen Dank«, sagte sie so abweisend, wie sie es zustande brachte. »Mir ist ohnehin schon genug Zeit verloren gegangen. Ich habe eine … eine dringende geschäftliche Verabredung.«

Die Erinnerung daran, warum sie nach Vancouver gekommen war, ernüchterte Vicky wieder mit einem Schlag. Wie hatte sie den Grund, warum sie hier war, auch nur einen Moment vergessen können? Energisch zog sie am Türgriff.

Der Mann ließ die Tür immer noch nicht los, sondern beugte sich stattdessen vor und schaute mit einem unwiderstehlichem Lächeln auf Vicky herab.

»Heute Abend vielleicht?«, schlug er mit dunkler, verführerisch klingender Stimme vor.

Vicky schüttelte den Kopf. lhr Fuß spielte ungeduldig mit dem Gaspedal. »Nein, tut mir Leid«, lehnte sie entschieden ab. Sie wollte nur noch so schnell wie möglich aus der Nähe dieses gefährlichen Mannes wegkommen. »Heute Abend sitze ich schon längst wieder im Flugzeug und fliege nach Hause. Und nun halten Sie mich bitte nicht länger auf, sonst gerate ich in Schwierigkeiten.«

Als ob sie in diesen nicht ohnehin schon bis über beide Ohren steckte! Vicky vermied es, ihn anzusehen, als er sich mit einem Schulterzucken verabschiedete und widerstrebend die Hand von der Tür nahm. Mit einem entschlossenen Ruck machte sie die Tür zu und fuhr los.



Melissa Anderson


Melissa Anderson - Mit Haut und Herz
Originalausgabe
Bastei Verlag 1988
Heftroman




Originalausgabe: Bastei Verlag
 1988
Genre: erotischer Liebesroman
Zeit: Gegenwart
Handlungsort: Vancouver Island
Serie: Janine