Der Mond beleuchtet nur schwach
den Dschungelgarten mit seinen Ruinenresten aus der Majazeit. Roxanne
tastet sich an einem riesigen Steinkopf vorbei. Sie weiß, daß sie in
Gefahr ist, in höchster Gefahr! Plötzlich huscht lautlos ein Schatten
auf sie zu. Bevor die Gestalt sie erreicht, verschwindet sie ebenso
unvermittelt. In einem unterirdischen Gang vielleicht? Liegt hier der
Schlüssel für das seltsame Verschwinden ihrer Schwester Isabell? Der
Mut der Verzweiflung treibt Roxanne weiter …
Zusatzinfo: »Im Tal des Todes« ist als E-Book bei vph-eBooks unter dem Titel »Was geschah mit Isabell« in der Reihe »Romantic Mysteries« erhältlich.
Ich war froh, als der Zug endlich in den Bahnhof von Merida einlief. Die weite Reise von Mexiko City, wohin ich von San Antonio aus geflogen war, war in dieser Hitze zu einer unerträglichen Strapaze geworden. Außerdem fühlte ich mich schrecklich einsam und hilflos in diesem fremden Land, für dessen vielfältige Schönheit ich bisher noch keinen Blick gehabt hatte.
Erschöpft nahm ich meinen Koffer und stieg aus dem Zug. Mühsam kämpfte ich mich durch den Strom der Reisenden zum Ausgang.
Dort blieb ich erst einmal stehen und setzte meinen Koffer ab. Ich hasste Bahnhöfe in dem gleichen Maß wie ich Flughäfen liebte. Mein Blick fiel auf einen Reklamespiegel vor einer kleinen Apotheke. Eine zusammengesunkene Gestalt blickte mir entgegen mit bleichem Gesicht und großen grauen Augen, unter denen dunkle Schatten lagen. Mein rotblondes Haar fiel mir strähnig und verschwitzt auf die Schultern, und mein geblümter weiter Rock sah aus, als hätte ich damit eine Nacht im Freien verbracht.
Am liebsten hätte ich mir im nächstbesten Hotel ein Zimmer genommen und mich erst einmal gründlich ausgeruht, doch die Sorge um meine Schwester Isabell trieb mich weiter. So stieg ich in einen vollkommen überfüllten Omnibus, der mich nach Huerta an die Küste bringen sollte.
Der Bus war leuchtend weiß und rot und trug den salbungsvollen Namen »Die fünf Wunden Christi«. Ich begriff, dass Schweine, Ziegen und Hühner hier reguläre Fahrgäste waren und zwängte mich seufzend dazwischen.
Niedergeschlagen saß ich auf meinem Koffer zwischen den vielen Menschen, die lautstark in einer Sprache redeten, die ich nicht verstand. Schon jetzt, am zweiten Tag meiner Reise, sehnte ich mich zurück nach der Geborgenheit meines Elternhauses in San Antonio. Bis vor einem Jahr lebte ich dort glücklich und unbeschwert mit meiner Mutter, die schon seit vielen Jahren Witwe war, und meiner Zwillingsschwester Isabell.
Dann heiratete meine Schwester Hals über Kopf Miguel de Carranza, einen mexikanischen Plantagenbesitzer und folgte ihm in seine Heimat Yucatan. Seitdem bestand unser Kontakt nur noch aus gelegentlichen Briefen und kurzen Telefongesprächen. Meine Mutter war sehr gegen diese Heirat gewesen. Weder sie noch ich hatten diesen Miguel de Carranza jemals zu Gesicht bekommen. Isabell hatte ihn ohne unser Wissen in der Cathedrale von Merida geheiratet und war ihm in seine prächtige Villa am Meer gefolgt.
Tief in meinem Herzen ahnte ich, dass Isabell in dieser Ehe nicht glücklich war, obwohl sie nie etwas Derartiges durchblicken hatte lassen. Und dann kam dieser Brief von ihr, der mir zum Verhängnis werden sollte …
Isabells Brief! Er brannte förmlich in meiner Hand, die ich in die Tasche meines weiten Rockes geschoben hatte. Ich holte ihn hervor und breitete ihn auf meinen Knien aus, obwohl ich ihn schon etliche Male gelesen hatte.
Eigentlich unterschied er sich im Text kaum von Isabells bisherigen Briefen. Auch der Tatsache, dass das Kuvert mit der Schreibmaschine geschrieben war, maß ich keine besondere Bedeutung bei. Doch etwas war mir sofort aufgefallen. Isabell hatte für gewöhnlich eine klare, saubere Handschrift. Sie schrieb fehlerlos und ohne jemals etwas verbessern zu müssen. Und gerade deshalb waren mir die vielen Schnitzer aufgefallen. Mehrere Male hatte Isabell Buchstaben ausgebessert und dick übermalt. Und diese Buchstaben, richtig aneinander gesetzt, ergaben das Wort »Hilfe«!
Anfangs glaubte ich noch an einen dummen Zufall, aber je öfter ich den Brief las, umso mehr bekam ich die Gewissheit, dass Isabell in Gefahr war. Auch meine Mutter war in größter Sorge und hatte meiner überstürzten Abreise schließlich schweren Herzens zugestimmt, nachdem es nicht möglich gewesen war, mit dem Casa deI Flores, dem Wohnsitz der Carranzas, eine telefonische Verbindung herzustellen.
Allmählich leerte sich der Bus und ich konnte meinen unbequemen Platz auf dem Koffer aufgeben. Ich setzte mich hinter den Fahrersitz, und der Omnibusfahrer richtete sofort ein paar freundliche Warte in Spanisch an mich. Ich hatte diese Sprache in der Schule gelernt und verstand ihn ganz gut, im Gegensatz zu dem Indiokauderwelsch der mitreisenden Bauern und Viehhirten.
Ich erklärte ihm, dass ich auf dem Weg zu meiner Schwester war.
Der Busfahrer deutete mit seinem Arm temperamentvoll über die riesigen Agavenplantagen, die sich links und rechts von der Straße ausbreiteten.
»Das alles gehört den Carranzas«, sagte er und etwas wie Ehrfurcht schwang in seiner Stimme. »Dort drüben ist die Fabrik, wo die Agaven zu Sisal verarbeitet werden.«
Ich erblickte einige moderne, lang gestreckte Gebäude, deren Aluminiumdächer im Schein der untergehenden Sonne feuerrot leuchteten.
Plötzlich begann mein Herz wie wild zu klopfen. Irgendwie hatte der Name Carranza etwas Bedrohliches, Unheilvolles an sich. Ich fürchtete mich vor dem, was ich in den nächsten Stunden erleben würde. Meine Phantasie gaukelte mir schreckliche Bilder vor. Isabell krank, gequält, etwa gar ermordet …
Zusatzinfo: »Im Tal des Todes« ist als E-Book bei vph-eBooks unter dem Titel »Was geschah mit Isabell« in der Reihe »Romantic Mysteries« erhältlich.
LESEPROBE
Ich war froh, als der Zug endlich in den Bahnhof von Merida einlief. Die weite Reise von Mexiko City, wohin ich von San Antonio aus geflogen war, war in dieser Hitze zu einer unerträglichen Strapaze geworden. Außerdem fühlte ich mich schrecklich einsam und hilflos in diesem fremden Land, für dessen vielfältige Schönheit ich bisher noch keinen Blick gehabt hatte.
Erschöpft nahm ich meinen Koffer und stieg aus dem Zug. Mühsam kämpfte ich mich durch den Strom der Reisenden zum Ausgang.
Dort blieb ich erst einmal stehen und setzte meinen Koffer ab. Ich hasste Bahnhöfe in dem gleichen Maß wie ich Flughäfen liebte. Mein Blick fiel auf einen Reklamespiegel vor einer kleinen Apotheke. Eine zusammengesunkene Gestalt blickte mir entgegen mit bleichem Gesicht und großen grauen Augen, unter denen dunkle Schatten lagen. Mein rotblondes Haar fiel mir strähnig und verschwitzt auf die Schultern, und mein geblümter weiter Rock sah aus, als hätte ich damit eine Nacht im Freien verbracht.
Am liebsten hätte ich mir im nächstbesten Hotel ein Zimmer genommen und mich erst einmal gründlich ausgeruht, doch die Sorge um meine Schwester Isabell trieb mich weiter. So stieg ich in einen vollkommen überfüllten Omnibus, der mich nach Huerta an die Küste bringen sollte.
Der Bus war leuchtend weiß und rot und trug den salbungsvollen Namen »Die fünf Wunden Christi«. Ich begriff, dass Schweine, Ziegen und Hühner hier reguläre Fahrgäste waren und zwängte mich seufzend dazwischen.
Niedergeschlagen saß ich auf meinem Koffer zwischen den vielen Menschen, die lautstark in einer Sprache redeten, die ich nicht verstand. Schon jetzt, am zweiten Tag meiner Reise, sehnte ich mich zurück nach der Geborgenheit meines Elternhauses in San Antonio. Bis vor einem Jahr lebte ich dort glücklich und unbeschwert mit meiner Mutter, die schon seit vielen Jahren Witwe war, und meiner Zwillingsschwester Isabell.
Dann heiratete meine Schwester Hals über Kopf Miguel de Carranza, einen mexikanischen Plantagenbesitzer und folgte ihm in seine Heimat Yucatan. Seitdem bestand unser Kontakt nur noch aus gelegentlichen Briefen und kurzen Telefongesprächen. Meine Mutter war sehr gegen diese Heirat gewesen. Weder sie noch ich hatten diesen Miguel de Carranza jemals zu Gesicht bekommen. Isabell hatte ihn ohne unser Wissen in der Cathedrale von Merida geheiratet und war ihm in seine prächtige Villa am Meer gefolgt.
Tief in meinem Herzen ahnte ich, dass Isabell in dieser Ehe nicht glücklich war, obwohl sie nie etwas Derartiges durchblicken hatte lassen. Und dann kam dieser Brief von ihr, der mir zum Verhängnis werden sollte …
Isabells Brief! Er brannte förmlich in meiner Hand, die ich in die Tasche meines weiten Rockes geschoben hatte. Ich holte ihn hervor und breitete ihn auf meinen Knien aus, obwohl ich ihn schon etliche Male gelesen hatte.
Eigentlich unterschied er sich im Text kaum von Isabells bisherigen Briefen. Auch der Tatsache, dass das Kuvert mit der Schreibmaschine geschrieben war, maß ich keine besondere Bedeutung bei. Doch etwas war mir sofort aufgefallen. Isabell hatte für gewöhnlich eine klare, saubere Handschrift. Sie schrieb fehlerlos und ohne jemals etwas verbessern zu müssen. Und gerade deshalb waren mir die vielen Schnitzer aufgefallen. Mehrere Male hatte Isabell Buchstaben ausgebessert und dick übermalt. Und diese Buchstaben, richtig aneinander gesetzt, ergaben das Wort »Hilfe«!
Anfangs glaubte ich noch an einen dummen Zufall, aber je öfter ich den Brief las, umso mehr bekam ich die Gewissheit, dass Isabell in Gefahr war. Auch meine Mutter war in größter Sorge und hatte meiner überstürzten Abreise schließlich schweren Herzens zugestimmt, nachdem es nicht möglich gewesen war, mit dem Casa deI Flores, dem Wohnsitz der Carranzas, eine telefonische Verbindung herzustellen.
Allmählich leerte sich der Bus und ich konnte meinen unbequemen Platz auf dem Koffer aufgeben. Ich setzte mich hinter den Fahrersitz, und der Omnibusfahrer richtete sofort ein paar freundliche Warte in Spanisch an mich. Ich hatte diese Sprache in der Schule gelernt und verstand ihn ganz gut, im Gegensatz zu dem Indiokauderwelsch der mitreisenden Bauern und Viehhirten.
Ich erklärte ihm, dass ich auf dem Weg zu meiner Schwester war.
Der Busfahrer deutete mit seinem Arm temperamentvoll über die riesigen Agavenplantagen, die sich links und rechts von der Straße ausbreiteten.
»Das alles gehört den Carranzas«, sagte er und etwas wie Ehrfurcht schwang in seiner Stimme. »Dort drüben ist die Fabrik, wo die Agaven zu Sisal verarbeitet werden.«
Ich erblickte einige moderne, lang gestreckte Gebäude, deren Aluminiumdächer im Schein der untergehenden Sonne feuerrot leuchteten.
Plötzlich begann mein Herz wie wild zu klopfen. Irgendwie hatte der Name Carranza etwas Bedrohliches, Unheilvolles an sich. Ich fürchtete mich vor dem, was ich in den nächsten Stunden erleben würde. Meine Phantasie gaukelte mir schreckliche Bilder vor. Isabell krank, gequält, etwa gar ermordet …


