DeLiA

Vereinigung deutschsprachiger Liebesromanautoren

clio und jack -

eine liebe in venedig


Sie hat alles im Griff, die adelige Perserkatze Clio. Der Palazzo gehört ihr, Ratten, Mäuse und Tauben sind durch ausgeklügelte Verträge an sie gebunden und den Menschen überlässt Clio großmütig die Regentschaft. Ihre Herrschaft könnte perfekt sein – da geschieht etwas Unfassliches: Ihre Familie hat die Frechheit, einen verlausten, dreckigen Dachkater in den Palazzo aufzunehmen. Jack, der kleine Prolet, ist gewitzt und er hat keinerlei Respekt vor der adeligen Katzendame.
Da erhebt sich aus dem Keller des Palazzo eine Bedrohung, die Clios wohlgeordnete Welt aus den Fugen geraten lässt. Die Zeit der klugen Verhandlungen und Verträge ist vorbei – die Zeit der Helden ist angebrochen. Aber kann Jack, der verlauste Schmutzling, der noch nicht einmal von Adel ist, in der Stunde der Not zu einem Helden werden? Clio bezweifelt das stark.




LESEPROBE


Dieser Giovanni, zum Beispiel, der in letzter Zeit ständig in meinem Haus herumlungert, als wäre er bereits Mitglied der Familie! Auf den ersten Blick habe ich seine Ähnlichkeit mit einer Ratte bemerkt. Mag er noch so kokett seine schwarzen Löckchen über die spitzen Ohren legen und den Mund zu beständigem unterwürfigem Lächeln verziehen. Die scharfe Nase und der gierige Blick entlarven ihn als Kriminellen. War er es nicht, der diesen nichtsnutzigen Kater in mein Haus schleppte?
Was tut er allein in der Bibliothek? Er kratzt an den Bildern herum, sucht in den Ecken der Gemälde nach verborgenen Zeichen, hängt sie von der Wand und betrachtet die Rückseiten. Gestern sah ich ihn Bücher aus den Schränken nehmen, sie aufschlagen und sich auf ein Papier hastig Notizen machen. Eines der Bücher stellte er nicht wieder an seinen Platz zurück, er steckte es in die Brusttasche seiner Jacke und nahm es mit. Nicht, dass mich die alten Bücher besonders interessieren, aber es gefällt mir nicht, dass er Dinge aus meinem Haus trägt, ohne darüber mit Mama gesprochen zu haben. Stattdessen sollte er besser seinen albernen Kater wieder dorthin zurücktragen, wo er ihn gefunden hat.
Es wird Zeit, dass ich mir ernsthaft darüber Gedanken mache, wie ich diese Eindringlinge auf elegante Art loswerde. Den Kater zuerst, um Giovanni werde ich mich später kümmern. Mit ihm werde ich ohne Zweifel leichtes Spiel haben, denn schließlich ist er nur ein Mensch.
Für diesen Kater aber werde ich meinen gesamten Scharfsinn und alle Erfahrungen meiner edlen Ahninnen benötigen, denn es geht nicht schlicht darum, ihm in einem unbewachten Moment die Kehle durchzubeißen. Erstens scheint mir diese Wegelagerermethode meiner adeligen Herkunft nicht angemessen zu sein, zweitens ist der Winzling in den letzten Wochen um einiges gewachsen und drittens steht er unter Mamas und Camillas Schutz. Dieser letzte Grund vor allem, ist zu bedenken.
Ich gebe zu, dass die Versuchung mich gelegentlich heimsucht. Zum Beispiel als der Tunichtgut auf dem Balkongeländer balancierte, direkt über dem Wasser des Kanals, das laut Vertrag den Ratten gehört. Ein leichter Sprung, er wäre aus dem Gleichgewicht geraten und ... Ade liebe Sorgen!
Aber es hätte mich jemand dabei beobachten können, wenn nicht Mama oder ein Mitglied der Familie, so doch ein Nachbar. Die Leute sind schwatzhaft.
Nein, viel klüger ist es, das kleine Monster bei Mama und Camilla in Misskredit zu bringen, damit sie selbst ihn aus meinem Haus entfernen. Ich werde ihn zu einem Verbrechen verleiten, das ihm das Genick brechen wird. Zum Beispiel könnte er Camillas Kanarienvogel fressen, wenn ich ein klein wenig dabei helfe, indem ich die Käfigtüre öffne. Oder er könnte Mamas Brillantcollier umherschleppen und zerreißen, wenn ich ihm die Schatulle aufklappe. Solche Ereignisse beeindrucken Menschen erfahrungsgemäß außerordentlich und können zu starken Reaktionen führen.
Ich werde den Fall mit meinen drei Ahninnen in der Bibliothek beratschlagen. Nicht, dass ich glaubte, die Gemälde hätten so etwas wie eine magische Eigenschaft und könnten sich mit mir unterhalten. Ich bin nicht naiv. Aber dennoch spüre ich, dass die klaren, blauen Augen meiner Vorfahrinnen meinen Geist beflügeln und ihm Gedanken eingeben, die in ihrem Sinne zu meinem Vorteil sind. Es ist auf jeden Fall der beste Platz im ganzen Haus, um sich über eine wichtige Entscheidung klar zu werden.
Aber schon an der Türschwelle zur Bibliothek pralle ich zurück. Ein Geruch, so widerlich, dass ich fast das Bewusstsein verliere, schlägt mir ins Gesicht. Ich schüttle mich und halte die Nase hoch, aber der infernalische Gestank vergeht nicht, er verdichtet sich sogar, je näher ich den drei Gemälden komme.
Dieser dreckige Straßenkater hat es gewagt, auf den eingelegten Holzfußboden vor meine Ahninnen zu pinkeln! Deutlich, wie ein dunkles Fädchen zeichnen sich die  Ränder einer Pfütze auf dem Holz ab. Jene trübe, ölige Flüssigkeit, die den Boden schon ein wenig durchweicht hat, sendet einen solchen Gestank aus, dass der gesamte Raum verseucht ist. Sogar ein Mensch mit seiner schwachen Nase ist in der Lage diese Pest zu riechen.
Mein Fell auf Rücken und Nacken sträubt sich, ich bin so außer mir, dass meine Urinstinkte in diesem Moment Gewalt über mich haben. Wenn dieser respektlose Frechling sich jetzt in der Bibliothek zeigen würde, ich würde ihn ohne Rücksicht auf meine Herkunft mit Zähnen und Krallen zerreißen und seine Einzelteile den Ratten zum Fraß hinwerfen.
"Pfui, wie stinkt es hier!"
Das ist Mama, die hinter mir die Bibliothek betreten hat. Gut so, jetzt bekommt sie vor Augen und Nase geführt, was es bedeutet, solch einem hergelaufenen Proleten Asyl zu bieten, der weder vor kostbaren, eingelegten Hölzern noch vor ehrwürdigen Gemälden Respekt hat.
"Aber Clio! Das hätte ich von dir wirklich nicht erwartet!"
Ich begreife nicht.
"Wie kannst du so deine gute Erziehung vergessen, Clio!"
Ich sehe Mama mit echter Bestürzung an. Sie kann doch nicht so dumm sein, und mich für dieses Verbrechen verantwortlich machen. Doch nicht Mama, die von altem Adel und hellsichtiger Klugheit ist!
"Hinaus mit dir auf den Balkon! Oh wie es hier stinkt! Und der Fußboden ist völlig ruiniert. Maria!"
Wo sind meine Fähigkeiten der telepatischen Hypnose? Aber wenn Mama nicht in meine Augen schaut, ist die Methode wirkungslos. Sie steckt eben doch noch in den Kinderschuhen. Hilflos muss ich geschehen lassen, dass Mama mich ergreift und auf den Balkon hinausträgt.
"Da bleibst du jetzt, bis du wieder normal bist!"
Sie ist zornig, ich spüre es an ihren Händen, die mich härter als gewohnt anpacken und daran, dass sie mich nicht sanft auf den Boden setzt, sondern mir einen Schubs gibt, damit ich von ihrem Arm springe. Offensichtlich hat dieser primitive Dachkater bereits die guten Sitten in diesem Hause dermaßen verdorben, dass man nicht mehr weiß, wie eine adelige Katze angefasst werden muss.
Beleidigt und gedemütigt kauere ich mich in einer Ecke des Balkons zusammen und starre vor mich hin.
Bravo, Clio! Du hast es zugelassen, dass dieser Landstreicher deinen Plänen zuvorgekommen ist und das Heft umgedreht hat! Nicht er wurde eines Verbrechens bezichtigt, das du initiiert hattest, sondern umgekehrt ist es gekommen. Ich, Clio, werde für Schandtaten bestraft, die ich nicht begangen habe! Dafür schwöre ich diesem kriminellen Pinkelfritzen ewige Feindschaft! Pest, Colera und Katzenschnupfen an seinen dreckigen Hals! Dass ihn die Krätze und Flohplage überkomme wie es sich für Dachkater gehört! Die Milben mögen seine Gehörgänge zerfressen und die Würmer ...
Pfui, Clio! Das ist unwürdig! Vergiss auch im Zorn nicht, wo du herkommst!
Durch das Fenster kann ich Maria sehen, die mit Schrubber und Eimer aus der Bibliothek kommt. Sie schüttelt den Kopf und murmelt vor sich hin.
"Wenn das keine Katerpisse war, dann soll mich doch dieser und jener holen ..."
      Gesegnet seien deine natürlichen Instinkte, du kluge Küchenfee! Was ist doch aus diesem Hause geworden, da schon die Dienstboten weiser als die Regentin sind.



Carlotta Mink




Carlotta Mink - Clio und Jack - Eine Liebe in Venedig
Originalausgabe
Aaronis Collection
Februar 2011
Taschenbuch, 190 Seiten
ISBN: 978-3-936-52447-5

Originalausgabe:
  Aaronis Collection
Februar 2011
Genre: Die Helden dieses Buches
sind zwei Katzen
Zeit: Gegenwart
Handlungsort:
Venedig