Die
schöne Alina wird in ihren Träumen immer wieder von einem
Raben heimgesucht, der sich in einen schwarzen Ritter verwandelt,
sobald er sich zu ihrem Lager niederbeugt. Als die Burg ihres Vaters
überfallen wird, steht sie dem unheimlichen Gebieter ihrer
Träume plötzlich leibhaftig gegenüber. Mit
geheimnisvollen Kräften besiegt er die Angreifer – und
fordert Alina als »Kriegsbeute«.
Ein Windhauch fuhr durch das offene Fenster in ihr Gemach und sie hörte ein leises Knistern – die Pergamentseiten des Buches hatten sich bewegt. Ob dort Hilfe zu finden war? Wenn ja, dann würde sie nie wieder ein böses Wort gegen alte Folianten sagen, auch wenn sie noch so schwer und staubig waren.
Sie kniete sich auf den Boden und blätterte in dem Buch herum, fand allerlei bunte Malereien und Verse, wendete ungeduldig Seite um Seite und war bald kurz davor, ihren guten Vorsatz zu widerrufen, da stieß sie auf eine kleine Zeichnung. Sie stellte eindeutig jenes schmale Bündel da, in das sich das Rabenkleid zusammenlegte, wenn es eine Weile nicht benutzt wurde.
Der Name der Göttin verzaubert den Krieger
Bedeckt ihn mit blauschwarzem Rabengefieder
Ein Vogel am Himmel, der Göttin nun gleich
Ein pfeilschneller Flieger in Morrigans Reich.
Das war nichts Neues – sie hatte längst begriffen, dass man den Namen dieser scheußlichen Göttin aussprechen musste, um die Verwandlung herbei zu führen. Und weiter?
Der Name des Kriegers löset den Bann
Verwandelt den Raben zurück in den Mann
Wie Bronze die Haut und geschmeidig der Leib
So dient er der Göttin, der Räbin, dem Weib.
Oh wie sie diese Göttin hasste! Jetzt war sie so schlau wie vorher. Der Name des Kriegers? Aber sie war schließlich kein Krieger und in einen Mann wollte sie sich schon gar nicht verwandeln. Offensichtlich hatte niemand vorgesehen, dass auch eine Fee sich mit Hilfe des Rabenkleides verzaubern konnte. Seufzend klappte sie das Buch zu, sie hatte es ja geahnt, in solchen Folianten stand lauter Unsinn.
Sie würde es eben wagen – vielleicht wusste ja Fandur Rat. Unangenehm war nur, dass sie jetzt den Namen dieser grässlichen Person nennen musste, wenn auch nur in Gedanken.
Vorsichtshalber löschte sie die Flamme in der kleinen Laterne, dann lehnte sie sich aus dem Fenster und sah in den Burghof hinunter. Dort brannten nur noch zwei Fackeln, von den verkohlten Stümpfen der anderen stiegen feine Rauchfäden auf, die nach Pech und Baumharz rochen. Die Wächter saßen unverdrossen vor der Turmtreppe und schwatzten leise miteinander, dann stand einer von ihnen auf, um eine frische Fackel zu entzünden.
„Da könnte ihr lange leuchten – ihr werdet mich dennoch nicht sehen, ihr Dummköpfe“, murmelte sie.
Das Federbündel am Boden regte sich sacht, als sie sich dicht daneben aufstellte, es schien sich aufzuplustern und sie spürte das Kitzeln der kleinen Fläumchen an ihren Fußknöcheln. Noch einmal atmete sie tief ein und aus, versuchte, nicht daran zu denken, dass sie gleich einen langen Schnabel und krumme Krallen haben würde, dann hob sie langsam die Arme.
„Morrigan … Morrigan … Morrigan …“
LESEPROBE
Ein Windhauch fuhr durch das offene Fenster in ihr Gemach und sie hörte ein leises Knistern – die Pergamentseiten des Buches hatten sich bewegt. Ob dort Hilfe zu finden war? Wenn ja, dann würde sie nie wieder ein böses Wort gegen alte Folianten sagen, auch wenn sie noch so schwer und staubig waren.
Sie kniete sich auf den Boden und blätterte in dem Buch herum, fand allerlei bunte Malereien und Verse, wendete ungeduldig Seite um Seite und war bald kurz davor, ihren guten Vorsatz zu widerrufen, da stieß sie auf eine kleine Zeichnung. Sie stellte eindeutig jenes schmale Bündel da, in das sich das Rabenkleid zusammenlegte, wenn es eine Weile nicht benutzt wurde.
Der Name der Göttin verzaubert den Krieger
Bedeckt ihn mit blauschwarzem Rabengefieder
Ein Vogel am Himmel, der Göttin nun gleich
Ein pfeilschneller Flieger in Morrigans Reich.
Das war nichts Neues – sie hatte längst begriffen, dass man den Namen dieser scheußlichen Göttin aussprechen musste, um die Verwandlung herbei zu führen. Und weiter?
Der Name des Kriegers löset den Bann
Verwandelt den Raben zurück in den Mann
Wie Bronze die Haut und geschmeidig der Leib
So dient er der Göttin, der Räbin, dem Weib.
Oh wie sie diese Göttin hasste! Jetzt war sie so schlau wie vorher. Der Name des Kriegers? Aber sie war schließlich kein Krieger und in einen Mann wollte sie sich schon gar nicht verwandeln. Offensichtlich hatte niemand vorgesehen, dass auch eine Fee sich mit Hilfe des Rabenkleides verzaubern konnte. Seufzend klappte sie das Buch zu, sie hatte es ja geahnt, in solchen Folianten stand lauter Unsinn.
Sie würde es eben wagen – vielleicht wusste ja Fandur Rat. Unangenehm war nur, dass sie jetzt den Namen dieser grässlichen Person nennen musste, wenn auch nur in Gedanken.
Vorsichtshalber löschte sie die Flamme in der kleinen Laterne, dann lehnte sie sich aus dem Fenster und sah in den Burghof hinunter. Dort brannten nur noch zwei Fackeln, von den verkohlten Stümpfen der anderen stiegen feine Rauchfäden auf, die nach Pech und Baumharz rochen. Die Wächter saßen unverdrossen vor der Turmtreppe und schwatzten leise miteinander, dann stand einer von ihnen auf, um eine frische Fackel zu entzünden.
„Da könnte ihr lange leuchten – ihr werdet mich dennoch nicht sehen, ihr Dummköpfe“, murmelte sie.
Das Federbündel am Boden regte sich sacht, als sie sich dicht daneben aufstellte, es schien sich aufzuplustern und sie spürte das Kitzeln der kleinen Fläumchen an ihren Fußknöcheln. Noch einmal atmete sie tief ein und aus, versuchte, nicht daran zu denken, dass sie gleich einen langen Schnabel und krumme Krallen haben würde, dann hob sie langsam die Arme.
„Morrigan … Morrigan … Morrigan …“


