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Vereinigung deutschsprachiger Liebesromanautoren

königin für neun tage


Historisch fundierte Romanbiografie über Lady Jane Grey, die im Alter von 15 Jahren für neun Tage Königin von England war.

Um ihr Leben und das ihrer Mutter zu schützen, verkleidet sich Antonia Fenton als Knappe und folgt dem charismatischen Ritter Norman Powderham an den Hof von König Heinrich VIII. Inmitten von Männern gelingt es Antonia nicht lange, ihre wahre Identität zu verbergen, und Norman wendet sich scheinbar enttäuscht von ihr ab. Königin Catherine, Heinrichs letzte Frau, nimmt sie in ihren Haushalt auf, wo Antonia sich mit Lady Jane Grey anfreundet. Nach Heinrichs Tod folgt ihm sein Sohn Edward auf den Thron, doch die Tage des kranken Jungen sind ebenfalls gezählt. Als Spielball skrupelloser und machthungriger Männer wird Jane Grey nach Edwards Ableben zur Königin von England proklamiert, und Antonia muss erneut um ihr Leben fürchten, denn die rechtmäßige Erbin Mary Tudor lässt keine Gnade walten. Da tritt auch Norman wieder in Antonias Leben!





LESEPROBE


Fenton Castle, Dorset, 5. August 1532

Das Gesicht schweißüberströmt, das schlichte Leinenkleid am Körper klebend, versuchte die untersetzte, kurzatmige Frau mit dem jungen Burschen Schritt zu halten. Ein hoffnungsloses Unterfangen. Der Jüngling war ihrem Blickfeld entschwunden, als vor Kate Trevor die grauen Mauern der Burg aufragten. Sie verharrte kurz, wischte sich den Schweiß aus den Augen und blickte besorgt zum Himmel hinauf. Es war der heißeste Sommer seit sie denken konnte. Der Regen ließ auf sich warten, die Felder lagen verdorrt in der Sonne und drückende Schwüle machte jede Tätigkeit im Freien zur unüberwindlichen Anstrengung. Jetzt jedoch hatte sich der Himmel mit schwarzen tiefhängenden Gewitterwolken verdüstert. Mit Besorgnis erkannte Kate Trevor am Horizont eine gelbliche Wolkenfront, die auf Hagel schließen ließ.

Blitz und Donner erfolgten im selben Augenblick. Die korpulente Frau beeilte sich schnaufend, die rettende Burg zu erreichen. Gerade als heftiger Platzregen einsetzte, hatte sie die geschlossene Zugbrücke erreicht. Sie hämmerte vehement an die kleine Pforte, die in die massive Holzkonstruktion eingelassen war. Das schmale Fenster öffnete sich, und ein ungewaschener Mann mit struppigem Bart musterte sie missmutig.

»Was wollt Ihr?«

Ein Schwall alkoholgeschwängerten Atems ließ Kate Trevor augenblicklich zurückweichen, und sie schnappte mehrmals nach Luft, während es rund um sie herum gleichzeitig blitzte und donnerte.

»Euer Herr hat nach mir geschickt. Ich bin die Hebamme«, schrie sie gegen den Gewittersturm an.

Die schwarzen Augenbrauen des Mannes zogen sich über seiner Hakennase unwillig zusammen.

»Ich kenne die Hebamme. Ihr seid nicht Mary Trevor!«

»Ich bin Kate, ihre Schwester und ebenso als Hebamme …«

Rums! Die Klappe wurde zugeworfen. Nur mit Mühe konnte Kate Trevor noch die Worte »Wartet hier!« verstehen. Sie trommelte mit beiden Fäusten gegen das Holz und rief: »Lasst mich bitte ein!«, doch hinter der Tür rührte sich nichts mehr.

In diesem Augenblick setzte der Hagel ein. Taubeneigroße Körner prasselten hernieder und prallten schmerzhaft auf Kates Rücken und Arme. Sie versuchte, sich so dünn wie möglich zu machen und drückte sich direkt an die Wand der äußeren Burgmauer, um vor dem Unwetter ein wenig Schutz zu finden. Kate Trevor war keine abergläubische Frau, sie sah in einem Gewitter eine ganz normale Naturerscheinung, doch jetzt schien es ihr, als hätte der Himmel alle Schleusen geöffnet, und die Wassermassen wollten sie mitreißen.

»Auf was habe ich mich da nur eingelassen?«, murmelte sie und wünschte sich zurück in die einfache Kate, mit dem festen und dichten Dach. »Das hat man nun davon, wenn man sein Leben in den Dienst andere Frauen stellt!«

Nach einer Ewigkeit, wie es Kate schien, knirschte der Schlüssel im Schloss, und endlich wurde die kleine Pforte geöffnet. Kate musste sich bücken und sich regelrecht hindurchzwängen, doch dann stand sie endlich im trockenen Tordurchgang. Bedingt durch das Unwetter herrschte hier beinahe völlige Finsternis. Kate versuchte blinzelnd sich an die Dunkelheit zu gewöhnen, als sie eine tiefe, weibliche Stimme vernahm: »Ich schickte den Burschen aus, um die Hebamme aus dem Dorf zu holen. Wer bist du und was willst du?«

Eine mittelgroße, hagere Frau, beide Arme in die Hüften gestemmt, baute sich misstrauisch vor Kate auf.

Kate schauderte einerseits vor Kälte, die die feuchte Kleidung auf ihren Körper hervorrief, andererseits wegen der kalten Stimme der Frau.

»Mein Name ist Kate Trevor. Ich bin die Schwester der hiesigen Hebamme Mary Trevor. Meine Schwester ist gestern zu einem weiter entfernten Hof gerufen worden und noch nicht zurückgekehrt. So traf Eurer Bote nur mich an.«

»Weshalb habe ich dich nie zuvor gesehen habe?« Die Frau im mittleren Alter, deren Kleidung sie als eine höhergestellte Bedienstete auswies, blieb skeptisch. »Mary Trevor ist mit dem besonderen Fall der Lady vertraut. Sie hat ihr bereits bei den vorherigen Geburten beigestanden.«

Erleichtert atmete Kate auf. Gut, dass es sich nicht um eine Erstgebärende handelte, das würde die Sache ungemein beschleunigen. Schon jetzt sehnte sie sich zurück in ihre vier Wände und nach einem Becher warmen Bier.

»Ich komme aus einem Dorf in der Nähe von Launceston, das letzte Woche durch einen Brand völlig zerstört wurde. Darum habe ich mich auf den Weg zu meiner Schwester gemacht, denn es gibt sonst niemanden, zu dem ich hätte gehen können. Ihr könnt mir glauben, ich habe die selben Kenntnisse wie meine Schwester Mary. Beide wurden wir von unserer Mutter, die ebenfalls Hebamme war, ausgebildet, und in meinem Dorf habe ich Dutzenden von Kindern auf die Welt geholfen.«

Die Frau drehte sich abrupt um und gebot Kate mit einer Handbewegung, ihr zu folgen.

»Dann müssen wir eben mit dir vorlieb nehmen. Hat dich deine Schwester über das Befinden von Lady Margaret unterrichtet?«

Kate bemühte sich, mit den schnellen Schritten der Frau mitzuhalten. Sie passierten einen gepflasterten Innenhof, der von vier Seiten mit mehrstöckigen Fachwerkgebäuden umschlossen war. Sobald sie wieder ins Freie traten, wurden sie erneut vom Regen durchnässt, doch hatte der Hagel zum Glück aufgehört. Kate verzichtete darauf zu erwähnen, dass sie zuvor weder von Lady Margaret Fenton noch von Fenton Castle etwas gehört hatte. Sie war erst am Vortag bei ihrer Schwester Mary eingetroffen. Die Schwestern hatten nicht viel Zeit gehabt, um miteinander zu sprechen, dann wurde Mary zu der Geburt gerufen. Nun betraten sie die große Halle der Burg. An der sich in der dunklen Holztäfelung mit den kunstvollen Schnitzarbeiten und dem großen, von hellen Kacheln gesäumten Kamin, erkannte Kate, dass es sich um ein vornehmes, reiches Anwesen handeln musste. Dutzende von Kerzen erhellten die Räume, da es wegen des Unwetters draußen finster wie mitten in der Nacht war. Während sie die Halle durchquerten sagte die Frau: »Die Lady ist sechs Wochen zu früh dran, eine Katastrophe!«

Sie betraten gerade die Treppe zum Obergeschoss, als aus einer Seitentür ein Mann auf sie zustürmte.

»Ist das endlich die Hebamme?«, blaffte er unfreundlich. »Ellen, warum hat das solange gedauert?«

Die mit Ellen Angesprochene Frau unter der lauten und dröhnenden Stimme des Mannes wie unter einem Peitschenhieb zusammen. Von ihrer vorherigen Überlegenheit Kate gegenüber war plötzlich nichts zu mehr zu bemerken. Ihre Stimme wurde zu einem demütigen Flüstern, als sie antwortete: »Verzeiht Herr, aber die Hebamme, die Mylady bereits öfters zur Seite gestanden hat, ist zurzeit nicht da. Wir haben jedoch einen Ersatz beschafft.«

Verärgert runzelte Kate Trevor die Stirn. Was sollte das heißen: Ersatz beschafft? Sie war schließlich freiwillig hier! Kein Mensch hatte sie beschafft. Sie war gekommen, weil der Bursche sie um Hilfe angefleht hatte, da seine Herrin in den Wehen lag. Zum zweiten Mal an diesem Tag bereute Kate, den Weg in die Burg angetreten zu haben. Sie hatte schließlich mit den Bewohnern von Fenton Castle nichts zu schaffen! Die nächsten Worte des Mannes, bei dem es sich offenbar um Mylord Fenton, den Hausherrn, handelte, jagten ihr erneut einen Schauer über den Rücken, der diesmal gewiss nicht von ihrem durchnässten Kleid kam: »Sorge dafür, dass meinem Sohn nichts geschieht, sonst wirst du es bitte bereuen!« Er beugte sich zu ihr hinab, denn er war sicher über sechs Fuß groß, dabei kräftig und muskulös. Sein dunkles Haar war ebenso wie sein sorgfältig gestutzter Bart von unzähligen grauen Strähnen durchzogen. Eiskalt, ohne jegliches Gefühl, bohrte sich sein Blick in Kates Augen. »Wenn du vor der Wahl stehen solltest, mein Kind oder meine Frau zu retten - so lass dir gesagt sein: Ich will meinen Sohn! Unter allen Umständen! Meine Geduld ist am Ende. Wenn es dieses Mal nicht gelingt, so werde ich mit euch allen kurzen Prozess machen! Hast du verstanden?«

Kate nickte beklommen, zumal der Mann immer noch drohend wie ein Berg den Weg ins Obergeschoss versperrte. Sie zweifelte keinen Augenblick daran, dass er immer das bekam, was er wollte. Aber Gottes Willen konnte auch er nicht beeinflussen. Offensichtlich hoffte er auf einen Sohn und Erben, das Schicksal seiner Frau schien ihm dagegen völlig gleichgültig zu sein.

Kate schluckte mehrmals trocken, um den Kloß in ihrem Hals zu vertreiben. Endlich konnte sie wieder der Frau mit dem Namen Ellen folgen, die sie im ersten Stock in einen großen Raum führte. Sofort bemerkte Kate die stickige Schwüle im Zimmer, vermischt mit dem Geruch von Schweiß, Blut und Angst. In dem großen, mit roten Samtvorhängen umschlossenen Bett lag eine Frau, die sich in heftigen Krämpfen wand. Sofort war Kate voll und ganz Hebamme. Hier war eine Frau, die dringend Hilfe benötigte. Sie würde alles tun, was in ihrer Macht stand.

Kate beugte sich über Lady Margaret und untersuchte sie mit schnellen, geschickten Griffen, ohne der geplagten noch mehr Schmerzen zuzufügen. Scharf zog sie die Luft ein, behielt aber ihre Erkenntnis, die ihr Abtasten des geschwollenen Leibes ergeben hatte, für sich. Lady Margaret hatte die Größe und Statur eines zwölfjährigen Kindes! Jetzt war ihr zarter Körper auf ein Vielfaches aufgedunsen, ein schwaches Rinnsal von hellrotem Blut lief an ihren Beinen herunter.

»Die wievielte Geburt ist es für sie?«, fragte sie Ellen, während sie das mitgebrachte Bündel mit ihren Utensilien öffnete.

»Wenn du die Schwangerschaften rechnest, die Mylady bis zum Ende durchgestanden hat, so ist es die fünfte. Dazu kommen allerdings noch einige Fehlgeburten.«

Fünf Geburten! Dieser zarte Körper war kaum dazu geeignet, einem Kind das Leben zu schenken!

Kate ölte ihre rechte Hand ein und tastete sich in den Geburtskanal vor. Mit der Linken drückte sie leicht von außen dagegen. Lady Margaret stöhnte, über ihre Pupillen zog ein milchiger Schimmer.

»Rettet mein Kind.«, hauchte sie und versuchte sich aufzusetzen. In ihren Augen stand die nackte Angst. Mit erstaunlicher Kraft umklammerte sie Kates linkes Handgelenk. »Es muss ein Junge sein! Hörst du? Sonst sind wir alle verloren!«

»Es ist alles in Ordnung, Mylady«, versuchte Kate sie zu beruhigen. Auf keinen Fall durfte sie ihr sagen, was sie eben bei der Untersuchung festgestellt hatte. Wenn sich Lady Margaret zu sehr aufregte, wäre ihr Leben keinen Pfifferling mehr wert. Sie brauchte ihre ganze Konzentration und Kraft für die kurz bevorstehende Geburt.

Kate wischte sich die Hände an einem feuchten Tuch ab, dann zog sie eine Glasphiole aus der Tasche, und träufelte Lady Margaret einige Tropfen auf die Zunge.

»Was machst du da?«, fuhr Ellen sie barsch an. Die anderen Frauen standen mit ängstlichen Blicken um das Bett herum.

»Sie muss ein wenig ruhen«, antwortete Kate bestimmt. »Wie lange liegt sie schon in den Wehen?«

»Seit sechs Stunden. Zuerst dachten wir, sie würden wieder vergehen, da ihre Zeit noch nicht gekommen ist. Aber dann setzten die Blutungen ein …«

Kate nickte verstehend.

»Bringt mir heißes Wasser und feuchte Tücher. Es kann nicht mehr lange dauern.«

Ellen gab entsprechende Anweisungen, worauf zwei jüngere Frauen das Zimmer verließen. Eine andere beugte sich zu Kate vor und flüsterte: »Der Herr wird uns alle aus dem Haus weisen, wenn die Lady dieses Mal keinen gesunden Jungen zur Welt bringt.«

Verständnislos schüttelte Kate den Kopf.

»Wir können froh sein, wenn diese Frau überhaupt ein lebendes Kind gebärt. Aber ich habe Euren Herrn kennen gelernt - er scheint einzig auf einen Sohn versessen zu sein.«

Kate schaute sich nach Ellen um, die geschäftig Leinentücher in schmale Streifen riss.

»Mylord Fenton ist kein Deut besser als der König.« Die Augen der jungen Frau weiteten sich angstvoll, und sie senkte ihre Stimme zu einem Flüstern. »Als die Lady wieder schwanger wurde, hat er gesagt: Das ist deine letzte Chance. Entweder du bekommst endlich einen Sohn, oder ich will dich niemals wieder sehen! Ich bin noch jung genug, mir eine andere Frau zu nehmen, die im Stande ist, mir einen gesunden Erben zu schenken. Seitdem hat die Lady panische Angst, dass der Herr ihr etwas antun könnte. Denn es gibt bereits eine andere Frau …«

»Was habt ihr da zu tuscheln?« Barsch unterbrach Ellens Stimme die geflüsterte Unterhaltung. »Alice, verlass das Zimmer. Du kannst hier doch nicht helfen.«

In der nächsten Stunde beobachtete Kate besorgt, wie sich Lady Margaret vor Schmerzen krümmte. Sie wusste, es waren nicht nur die Wehen, die es der Frau so schwer machten, nein, sie war von einer panischen Angst beherrscht, dass ihr Kind - sollte es überhaupt lebensfähig zur Welt kommen - ein Mädchen sein könnte. Diese Angst hemmte den natürlichen Geburtsvorgang.

Endlich war draußen das Gewitter vorüber, und Ellen öffnete ein Fenster. Tief sog Kate die frische Luft ein, die nach dem Regen und kühl und rein ins Zimmer strömte. Doch die Sonne strahlte schon wieder erbarmungslos vom Himmel, der Natur war also nur eine kurze Ruhepause von der sommerlichen Hitze beschert worden.

Plötzlich schrie Lady Margaret qualvoll auf. Sie versuchte, ihre Fersen auf das Laken zu stemmen, ihr Körper bog sich nach oben. Kate und Ellen tauschten vielsagenden Blick. Nun ging es richtig los. Längst war alles vorbereitet, und die anderen, doch nur hilflos herumstehenden, Frauen aus dem Zimmer hinausgeschickt worden.

Eine Stunde später hielt Kate ein blutverschmiertes Bündel in den Händen. Es war klein und zart, aber es lebte - und es war ein Junge! Der kleine Brustkorb hob und senkte sich in unregelmäßigen Abständen, aber das Kind atmete. Kate gab dem neuen Lebewesen einen Klaps auf den Po, worauf er sofort zu wimmern anfing. Zum kraftvollen Schreien waren seine Lungen zu klein und zu zart. In diesem Moment wurde die Tür aufgerissen und Mylord Fenton stolperte in den Raum.

»Wie lange dauert es denn noch?«

Kate erkannte an seinem glasigen Blick, dass er betrunken war. Stolz streckte sie ihm das kleine Bündel entgegen.

»Euer Sohn!«

Thomas Fenton warf einen flüchtigen Blick auf das Neugeborene, mit dem er nichts anfangen konnte. Einzig sein Geschlecht interessierte ihn.

»Wird er länger als einige Stunden leben?«, herrschte er Kate an, die unter seinem drohenden Blick an die Wand zurückwich.

»Er ist zwar sehr zart und klein, vor seiner Zeit geboren, aber ich bin sicher, dass er eines Tages ein großer und mutiger Kämpfer und Edelmann werden wird«, sagte sie überzeugter, als es ihr zu Mute war. »Eurer Frau geht es allerdings nicht sehr gut, denn sie …«

Mit einer herrischen Handbewegung schnitt Thomas Fenton ihr das Wort ab.

»Es ist mir gleichgültig, was mit meiner Frau ist! Ich habe einen Sohn.« Von seinem Gürtel nestelte er einen Lederbeutel ab und warf ihn Kate zu, die ihn geschickt mit beiden Händen auffing. »Dein Lohn. Du hast ihn dir verdient. Aber Gnade dir Gott, wenn dieses Kind stirbt. Dann ziehe ich dir bei lebendigem Leib die Haut ab!«

Seine Haltung und sein Blick ließen Kate keinen Augenblick an seinen Worten zweifeln. Es war nicht ungewöhnlich, dass ein Mann unter allen Umständen einen Sohn wollte, war doch König Heinrich allen Männern in diesem Land mit bestem Beispiel vorangegangen. Nachdem ihm die Königin nur eine überlebende Tochter geboren hatte, wurde sie von Heinrich verstoßen. Der König hatte sich sogar von der Kirche in Rom gelöst, um sich scheiden zu lassen. Schon wartete eine neue Frau, die dem König endlich den ersehnten Stammhalter gebären sollte. Unwillig schüttelte Kate den Kopf. Was war das für eine Welt, in der Frauen keinerlei Rechte hatten, in der sie wie eine Zuchtstute gegen Höchstgebot an die Männer verschachert und dann, konnten sie ihre »Pflicht« nicht erfüllen, einfach in die Gosse geworfen wurden? Ganz sicher hatte auch Thomas Fenton seine Frau einst nicht aus Liebe geheiratet.

Kate warf einen kurzen Blick in den Beutel, er enthielt lauter Goldstücke! Sofort sah sie vor ihrem inneren Auge das Bild einer gemütlichen Kate irgendwo auf dem Land. Sie und ihre Schwester waren nicht mehr die Jüngsten. Das Gold würde ihnen beiden einen angenehmen Lebensabend bescheren.

Sie nahm dem Mann das Kind wieder ab und wickelte es in ein vorgewärmtes Tuch. Im selben Moment stöhnte Lady Margaret laut auf.

»Lasst uns jetzt bitte wieder allein, Mylord«, sagte sie bestimmt. »Ihre Gemahlin hat es noch nicht ganz überstanden.«

Er winkte gelangweilt ab.

»Ja, ja, ich weiß, die Nachgeburt.« Kate war erstaunt, dass ein Mann diesen Vorgang mit so deutlichen Worten benannte. »Ich reite sofort nach Okehampton und hole den Priester, der die Taufe gleich morgen Vormittag vornehmen soll.« Erneut zogen sich seine buschigen Augenbrauen drohend zusammen, als er an das Bett seiner Frau trat. Sie war bei vollem Bewusstsein und starrte ihn angstvoll an. »Du weißt, ich kenne keine Gnade, wenn ich morgen wieder hier eintreffe und feststellen sollte, dass unser Sohn auch dieses Mal nicht die ersten Stunden überlebt hat, dann müssen du und deine Weiber noch morgen mein Haus verlassen!« Ohne eine zärtliche Geste drehte er sich um und stapfte mit schweren Schritten zur Tür, die krachend hinter ihm ins Schloss fiel.

Entsetzt fragte Kate Ellen, deren Unbehagen nicht minder sichtbar war: »Das meint er doch nicht im Ernst?«

Ellen nickte und hob mit einer verstörten Geste die Hände.

»Mylady hat bereits drei Söhne geboren, die den zweiten Tag nicht überlebten. Die Geduld des Herrn ist erschöpft. Was meinst du, Hebamme, wird dieses Kind leben?«

Kate zuckte mit den Schultern, aber bevor sie etwas sagen konnte, schrie Lady Margaret laut auf.

»Was ist los?« Ellen eilte besorgt an die Seite ihrer Herrin.

»Nun, sie bekommt das zweite Kind.«

»Ein zweites?«

Kate nickte und machte sich bereit, dem nächsten neuen Erdenbürger auf die Welt zu helfen.

»Es sind Zwillinge. Darum auch die frühe Geburt. Der Bauch Eurer Herrin ist für zwei Kinder viel zu klein.«

Kaum hatte Kate beim Zweitgeborenen - dieses Mal war es ein Mädchen - die Nabelschnur durchtrennt, als Ellen laut aufschrie. Zitternd streckte sie Kate den Jungen entgegen, dessen Gesichtsfarbe sich mehr und mehr blau verfärbte.

»Er atmet nicht mehr!«

Sofort begann Kate, den kleinen Brustkorb zu massieren. Sie hauchte ihren eigenem Atem durch den Mund, aber es war zwecklos. Gott hatte die Seele des Säuglings zu sich geholt, bevor er überhaupt einen Namen erhalten hatte.

»Was ist mit dem Jungen?« Schwach kam die Stimme Lady Margarets vom Bett her. »Bitte, sagt nicht, dass auch er wieder tot ist!«

Kate und Ellen sahen sich stumm an. Lady Margaret reichte dieser Blick, um zu erkennen, was geschehen war. Verzweifelt warf sie den Kopf hin und her. Kate trat zu ihr und legte ihr das zweite Kind in die Arme. Das Mädchen war zwar genauso zart und klein wie ihr erstgeborener Bruder, doch es amtete kräftig und tief. Jetzt verzog sich der Mund, und das Mädchen schrie, wie gesunde Neugeborene schreien müssen.

Als würde sie Ekel empfinden, sah Margaret auf das hilflose Bündel in ihren Armen. Auch als sich das kleine Mündchen den Weg zu ihrer Brust suchte und gierig zu saugen begann, glättete sich ihre Stirn nicht.

»Warum du?«, stieß sie zornig hervor. »Warum muss ein unnützes Mädchen leben und mein Sohn sterben?«

»Mylady, versündigt Euch nicht!«, versuchte Ellen sie zu beruhigen. »Es ist Gottes Wille …« Sie stutzte und zog nagend die Unterlippe zwischen die Zähne, dann drehte sich mit einem hintergründigen Lächeln zu Kate herum. »Hast du dem Herrn etwas davon gesagt, dass Mylady Zwillinge erwartet?«

Kate verneinte verwundert. »Als Mylord im Zimmer war, war erst der Junge geboren worden. Er hat mich ja nicht zu Wort kommen lassen, als ich ihm etwas über den Zustand der Herrin sagen wollte.«

»Gut, sehr gut sogar!« Zärtlich strich Ellen über den dunklen Flaum auf dem Kopf des Mädchens. »Hebamme, wird dieses Kind leben?«

»Nun, man weiß nie, aber es ist wesentlich kräftiger und damit lebensfähiger als ihr Bruder.«

Lady Margaret mochte zwar eine ängstliche Frau sein, aber sie war nicht dumm. Sie ahnte, was ihre Zofe plante, und ihre Augen weiteten sich erwartungsvoll. Sie gebot Kate, ihr das Mädchen abzunehmen, dann richtete sie sich mühsam auf.

»Mein Sohn wird morgen getauft. Ganz so, wie es mein Mann wünscht.«

»Kann das wirklich gut gehen?«, fragte Ellen, nun über ihren eigenen Gedanken skeptisch geworden.

»Thomas wird in den nächsten Tagen nach Frankreich reisen. Der König plant mal wieder einen Feldzug. Möglicherweise wird mein Mann von dort nicht zurückkehren. Warum sollte ich jetzt also unser aller Leben und unser Heim aufs Spiel setzen? Es ist eine Chance, eine kleine zwar nur, aber immerhin eine Chance, die uns auf jeden Fall Zeit verschafft.«

Staunend verfolgte Kate das Gespräch der beiden. In ihren Armen gluckste das muntere kleine Mädchen, während der Junge auf dem Boden lag, als sei er ein Bündel Lumpen, das jemand achtlos fortgeworfen hatte. Dann dachte sie an den Beutel mit den Goldstücken. Wenn Lord Fenton erfuhr, dass sein Sohn tot war, würde sie vielleicht nicht nur das Geld verlieren. Dieser Mann war zu allem fähig.

»Was soll mit dem Jungen geschehen?« Ihre Stimme klang belegt, und sie vermied es, das Kind noch einmal anzusehen. Ellen erhob sich.

»Ich werde mich darum kümmern.« Sie trat so nah an Kate heran, dass ihre Gesichter nur noch eine Handbreit trennte. »Du verschwindest jetzt. Am besten zieht ihr, du und deine Schwester, gleich morgen in eine andere Grafschaft und kommt niemals wieder auch nur in die Nähe von Fenton Castle. Hast du verstanden?«

Kate nickte. "Genau das hatte ich vor", antwortete sie mit harter Stimme und verließ Fenton Castle, ohne einen Blick auf die grauen Mauern zurückzuwerfen.

Am nächsten Vormittag wurde in der Burgkapelle ein Säugling auf den Namen Anthony Francis Thomas Fenton getauft. Der stolze Vater ritt noch am gleichen Tag nach London und von dort Seite an Seite mit den Männern des Königs nach Dover, um nach Frankreich überzusetzen.



Rebecca Michéle


Rebecca Michele - Königin für neun Tage
Ullstein Verlag Juni 2006
Taschenbuch
ISBN: 3-548-26341-0


Rebecca Michele - Königin für neun Tage
Originalausgabe
Moments Verlag März 2005
Hardcover mit Lesebändchen
ISBN: 3-937670-44-0



Originalausgabe: Moments Verlag
 März 2005
Genre: historischer Roman
Zeit: 16. Jahrhundert
Handlungsort: Dorset, London
und Umgebung, Schottland