Lucille arbeitet als Verkäuferin
in einem Hutladen im London des ausgehenden 19. Jahrhunderts, als sie
von ihrem Großvater ein Haus in Schottland erbt. Das Erbe entpuppt sich
als kleine, mittelalterliche Burg, in die sich Lucille sofort verliebt.
Noch mehr aber setzt Harrison MacGinny, der äußerst attraktive
Verwalter des Anwesens, ihr Blut in Wallung. Zusammen mit seiner Mutter
lässt dieser jedoch keinen Zweifel daran, dass er Lucille als
Eindringling empfindet und eigentlich selbst mit dem Erbe gerechnet
hatte. Trotz der Intrigen der Mutter kommen sich Harrison und Lucille
näher …
Als Lucille Kenntnis von einem seit Jahrhunderten verschollenem Schatz erhält, dazu eine vermeintliche Schwester Harrisons auftaucht und Lucille Harrison beobachtet, wie er des Nachts in der Burg umherwandert und die Wände abklopft, ahnt sie, dass sich hinter ihrem Rücken einiges zusammenbraut.
Zusatzinfo: »Der Schatz in den Highlands« gehörte zu den 8 Finalisten des DeLiA-Literaturpreises 2005.
Mein Hotelzimmer war klein, aber gemütlich und zweckmäßig in der Einrichtung. Es gab allerdings kein Badezimmer, nur eine Anrichte mit einer großen Waschschüssel aus blaubemaltem Porzellan. Ich sehnte mich nach einem heißen Bad, um den Staub der langen Reise abwaschen zu können. Doch wahrscheinlich würde ein solcher Luxus extra kosten. Da ich nicht wusste, was mich in Cromdale House erwartete, musste ich meine knappen Ersparnisse zusammenhalten. Meine Vermutung bestätigte sich zehn Minuten später, als ein Mädchen mit einem Krug heißem Wasser das Zimmer betrat.
»Sie möchten sich sicher frisch machen, Miss. Wenn Sie möchten, kann ich Ihnen auch ein Bad richten. Das kostet dann zwei Schillinge extra.«
Ich versicherte, das Wasser würde ausreichend sein, und erkundigte mich nach dem Abendessen.
»Ab halb neun im Speisezimmer«, antwortete das Mädchen. »Wenn Sie aber lieber in Ihrem Zimmer speisen wollen, kann ich Ihnen das Essen auch heraufbringen.«
Ich dankte und erwiderte, dass ich gegen später herunterkommen würde.
So gut es ging wusch ich mich und richtete mein Haar. Dann legte ich mich auf das Bett, um mich ein paar Minuten auszuruhen. Als ich erwachte, war es bereits nach acht Uhr! Ich hatte mehrere Stunden tief und fest geschlafen, fühlte mich aber dadurch erfrischt. Zudem gab mein Magen so laute Geräusche von sich, dass ich meinte, man könnte es bis hinunter in die Gaststube hören. Ich beschloss, mein gutes Sonntagskleid mit dem Spitzenkragen anzuziehen. Warum nicht, dachte ich. Obwohl das Hotel zur Mittelklasse zählte, konnte es nicht schaden, sich zum Essen umzukleiden. Danach richtete ich erneut mein widerspenstiges Haar, dass durch das Liegen durcheinandergeraten war und ging in den Speisesaal hinab, in dem zu meiner Überraschung reger Betrieb herrschte. Das Mädchen von vorhin führte mich zu einem einzelnen Tisch direkt neben dem Kamin, in dem ein anheimelndes Feuer brannte. Ich wählte aus der Tageskarte auf dem Blackbord als Suppe eine Scotch Broth und als Hauptgang Lachs mit Kartoffeln und verschiedenem Gemüse. Dazu bestellte ich eine Limonade. Bei den Düften, die aus der Küche in den Raum drangen, lief mir das Wasser mit Mund zusammen. Mir war gerade die kräftige, wohlschmeckende Suppe serviert worden, als die Hotelbesitzerin an meinen Tisch trat.
»Entschuldigen Sie bitte, Miss. Würden Sie es erlauben, Ihren Tisch mit einem weiteren Gast zu teilen? Wir haben heute Abend einen unerwarteten Andrang im Restaurant.«
Ich blickte auf und direkt in zwei eisblaue Augen. Das Verwunderlichste daran war, dass sie von einem Kranz dichter, schwarzer Wimpern umgeben waren. Die Augen sahen mich spöttisch, ja beinahe herausfordernd an und schienen direkt auf den Grund meiner Seele zu blicken. Nie zuvor hatte ich einen solch intensiven Blick bei einem anderem Menschen gesehen! Ich murmelte meine Zustimmung und ergriff die muskulöse, zugleich schlanke Männerhand. Obwohl die Berührung weniger als eine Sekunde dauerte, fuhr ein warmer Strom durch meinen Körper.
»Das ist sehr freundlich von Ihnen. Mein Name ist MacGinny. Harrison MacGinny«, sagte der Mann, der mich sicher um einen Kopf überragte. Dabei war ich alles andere als kleingewachsen. »Ungewöhnlich voll heute Abend.« Erstaunt bemerkte ich, dass mein Blick immer noch an seinen blauen Augen hing und senkte rasch den Kopf, um meine volle Aufmerksamkeit wieder der Suppe zu widmen. Nicht nur seine Wimpern, sondern auch sein Haar war pechschwarz. Entgegen der herrschenden Mode fiel es ihm in unordentlichen Locken bis auf die breiten Schultern. Aber was wusste ich schon von der Mode in Schottland? Dass dieser Mann ein Schotte war, hatte ich an seinem ausgeprägten Akzent in bemerkt. Plötzlich begann mein Herz aufgeregt zu flattern. Tatsächlich saß ich zum ersten Mal in meinem Leben mit einem Mann zusammen in einem Restaurant. Hoffentlich erwartete er keine geistreiche Konversation? Das war anscheinend nicht der Fall, denn er bestellte ein Gericht von der Tageskarte, und wir schwiegen, bis sein Essen serviert wurde. Zwischenzeitlich hatte ich den zarten, rosigen Lachs gegessen, ohne genau zu registrieren, was ich eigentlich auf dem Teller hatte. Ich schob meine Verwirrung der Müdigkeit zu, doch seltsamerweise fühlte ich mich auf einmal gar nicht mehr erschöpft. Es war, als würde prickelndes Feuer durch meine Adern fließen.
»Trinken Sie keinen Wein?«, fragte er plötzlich und deutete auf mein Limonadenglas.
Ich schüttelte den Kopf. Verflixt, ich konnte ihm unmöglich sagen, dass ich noch nie in meinem Leben Alkohol getrunken hatte!
»Es erwartet mich morgen ein anstrengender Tag. Da muss ich einen klaren Kopf bewahren.« Irgendwo hatte ich einen ähnlichen Satz gelesen und fand, dass er recht passabel klang. MacGinny hob überrascht eine Augenbraue.
»Sie sind Engländerin, nicht wahr? Besuchen Sie Verwandte in der Gegend?«
Ich runzelte die Stirn. Was ging das den Fremden an?
»Das könnte man so ausdrücken«, entgegnete ich kühl. Tatsächlich hatte ich nicht gelogen, aber mehr wollte ich dieser Zufallsbekanntschaft nicht preisgeben. Doch MacGinny ließ nicht locker.
»Woher kommen Sie? Aus dem Süden, nehme ich an?«
»Aus London«, stimmte ich widerwillig zu und sah suchend nach der Bedienung, um die Rechnung zu verlangen. Insgeheim schalt ich mich ein dummes, naives Gänschen, deren Gefühlswelt durch eine alltägliche Konversation völlig in Verwirrung geriet. Allerdings war Harrison MacGinny eine außergewöhnliche Erscheinung! Ich schätzte ihn gute zehn Jahre älter als mich.
»Trägt man in der Hauptstadt das Haar so streng?«, fragte er und musterte mich eingehend. »Sie sollten sich ein paar Locken in die Stirn kämmen. Dann würden Sie nicht wie eine sittsame Gouvernante aussehen!«
Hörbar schnappte ich nach Luft. Am liebsten wäre ich aufgesprungen und aus dem Saal geflüchtet, aber ich blieb unruhig sitzen. Es war zwar absolut lächerlich, aber ich wollte auf keinen Fall dass er mein Hinken sah.
»Ich wüsste nicht, was Sie das angeht«, zischte ich leise zurück.
Doch MacGinny machte keine Anstalten, das Thema auf sich beruhen zu lassen.
»Habe ich etwa ins Schwarze getroffen, und Sie sind tatsächlich auf dem Weg, eine Stellung als Erzieherin anzutreten? Viele alte schottische Familien lassen Ihre Sprösslinge von gebildeten Engländerinnen unterrichten.«
Einzig die Tatsache, dass er mir offensichtlich eine gewisse Bildung zuschrieb, hinderte mich daran, meinem Verlangen, ihm den Rest der Limonade mitten ins Gesicht zu schütten, nachzugeben. Zudem wollte ich nicht die Aufmerksamkeit der anderen Gäste erregen. Krampfhaft überlegte ich, wie ich es anstellen sollte, den Raum zu verlassen, um zu Bett zu gehen. Im gleichen Moment erklang aus dem Nebenraum Musik.
»Ah! Hören Sie?«, machte er mich darauf aufmerksam. »In der Bar wird musiziert! Sie müssen mit herüberkommen! Vielleicht wird sogar getanzt?«
Getanzt! Du meine Güte! Ich würde in meinem Leben niemals tanzen! Wie sollte ich auch? Es war einfach grotesk, mich mit meinem hinkenden Bein auf dem Tanzboden vorzustellen! MacGinny musste die Ablehnung in meinem Gesicht gelesen haben, denn er stand ohne weitere Worte auf und griff nach meinem Arm. Mühelos, als hätte ich das Gewicht einer Gänsefeder, zog er mich von dem Stuhl hoch.
»Nun kommen Sie schon! Wenn Sie das erste Mal in unserem schönen Schottland sind, dürfen Sie sich das Schauspiel nicht entgehen lassen! Hören Sie, die Männer singen in Gälisch, unserer alten Sprache. Sie dürfen es nicht ausschlagen, dass ich Sie zu einem guten Whisky einlade!«
Da er meinen Arm nicht freigab musste ich ihm willenlos durch das Restaurant folgen. Ich fühlte, wie meine Kniegelenke so weich wie Pudding waren, wodurch ich bei den wenigen Schritten in die Bar hinüber stärker als sonst hinkte. Plötzlich blieb MacGinny stehen und sah mir ins Gesicht.
»Deswegen sind Sie also so verschlossen!« Er deutete auf meinen rechten Fuß. »Wie lange haben Sie das schon? Von Geburt an?«
Dunkle Röte schoss mir in den Kopf. Dieser Mann hatte wahrlich nicht das Benehmen eines Gentleman. Jeder andere hätte meine Behinderung zwar bemerkt, wäre jedoch kommentarlos darüber hinweggegangen. Wahrscheinlich erkannte er jetzt, dass es mit einem kurzweiligen Tanzvergnügen nichts werden würde. Ich schluckte zwei Mal und sagte dann ohne seinem durchdringenden Blick zu begegnen: »Ich bin wirklich sehr müde, Mister MacGinny, und möchte jetzt zu Bett gehen. Ich danke Ihnen für Ihr Angebot.«
Er lächelte. »Schade, dass ich Sie nicht zu einem Schlummertrunk bewegen kann. Es wäre sicher ein netter Abend geworden, bevor Sie ihre strenge Stellung antreten müssen. Wir werden uns allerdings morgen beim Frühstück nicht mehr sehen, denn ich reise bei Sonnenaufgang ab.«
Unverschämter Kerl! Wie kam er auf die Idee, dass ich am kommenden Morgen Wert auf seine Gesellschaft legen könnte! Verärgert über meine Unsicherheit dem anderem Geschlecht gegenüber, drehte ich mich einfach um und ließ ihn stehen. Während ich durch den Raum hinkte, war es mir, als hinterließen seine blauen Augen brennende Male auf meinem Rücken.
Morgen würde ich nach Cromdale House reisen und keinen Gedanken mehr an Harrison MacGinny verschwenden.
Wenn ich in dem Moment gewusst hätte, was mir am folgenden Tag bevorstand, ich glaube, ich hätte den nächsten Zug zurück nach London bestiegen.
Als Lucille Kenntnis von einem seit Jahrhunderten verschollenem Schatz erhält, dazu eine vermeintliche Schwester Harrisons auftaucht und Lucille Harrison beobachtet, wie er des Nachts in der Burg umherwandert und die Wände abklopft, ahnt sie, dass sich hinter ihrem Rücken einiges zusammenbraut.
Zusatzinfo: »Der Schatz in den Highlands« gehörte zu den 8 Finalisten des DeLiA-Literaturpreises 2005.
LESEPROBE
Mein Hotelzimmer war klein, aber gemütlich und zweckmäßig in der Einrichtung. Es gab allerdings kein Badezimmer, nur eine Anrichte mit einer großen Waschschüssel aus blaubemaltem Porzellan. Ich sehnte mich nach einem heißen Bad, um den Staub der langen Reise abwaschen zu können. Doch wahrscheinlich würde ein solcher Luxus extra kosten. Da ich nicht wusste, was mich in Cromdale House erwartete, musste ich meine knappen Ersparnisse zusammenhalten. Meine Vermutung bestätigte sich zehn Minuten später, als ein Mädchen mit einem Krug heißem Wasser das Zimmer betrat.
»Sie möchten sich sicher frisch machen, Miss. Wenn Sie möchten, kann ich Ihnen auch ein Bad richten. Das kostet dann zwei Schillinge extra.«
Ich versicherte, das Wasser würde ausreichend sein, und erkundigte mich nach dem Abendessen.
»Ab halb neun im Speisezimmer«, antwortete das Mädchen. »Wenn Sie aber lieber in Ihrem Zimmer speisen wollen, kann ich Ihnen das Essen auch heraufbringen.«
Ich dankte und erwiderte, dass ich gegen später herunterkommen würde.
So gut es ging wusch ich mich und richtete mein Haar. Dann legte ich mich auf das Bett, um mich ein paar Minuten auszuruhen. Als ich erwachte, war es bereits nach acht Uhr! Ich hatte mehrere Stunden tief und fest geschlafen, fühlte mich aber dadurch erfrischt. Zudem gab mein Magen so laute Geräusche von sich, dass ich meinte, man könnte es bis hinunter in die Gaststube hören. Ich beschloss, mein gutes Sonntagskleid mit dem Spitzenkragen anzuziehen. Warum nicht, dachte ich. Obwohl das Hotel zur Mittelklasse zählte, konnte es nicht schaden, sich zum Essen umzukleiden. Danach richtete ich erneut mein widerspenstiges Haar, dass durch das Liegen durcheinandergeraten war und ging in den Speisesaal hinab, in dem zu meiner Überraschung reger Betrieb herrschte. Das Mädchen von vorhin führte mich zu einem einzelnen Tisch direkt neben dem Kamin, in dem ein anheimelndes Feuer brannte. Ich wählte aus der Tageskarte auf dem Blackbord als Suppe eine Scotch Broth und als Hauptgang Lachs mit Kartoffeln und verschiedenem Gemüse. Dazu bestellte ich eine Limonade. Bei den Düften, die aus der Küche in den Raum drangen, lief mir das Wasser mit Mund zusammen. Mir war gerade die kräftige, wohlschmeckende Suppe serviert worden, als die Hotelbesitzerin an meinen Tisch trat.
»Entschuldigen Sie bitte, Miss. Würden Sie es erlauben, Ihren Tisch mit einem weiteren Gast zu teilen? Wir haben heute Abend einen unerwarteten Andrang im Restaurant.«
Ich blickte auf und direkt in zwei eisblaue Augen. Das Verwunderlichste daran war, dass sie von einem Kranz dichter, schwarzer Wimpern umgeben waren. Die Augen sahen mich spöttisch, ja beinahe herausfordernd an und schienen direkt auf den Grund meiner Seele zu blicken. Nie zuvor hatte ich einen solch intensiven Blick bei einem anderem Menschen gesehen! Ich murmelte meine Zustimmung und ergriff die muskulöse, zugleich schlanke Männerhand. Obwohl die Berührung weniger als eine Sekunde dauerte, fuhr ein warmer Strom durch meinen Körper.
»Das ist sehr freundlich von Ihnen. Mein Name ist MacGinny. Harrison MacGinny«, sagte der Mann, der mich sicher um einen Kopf überragte. Dabei war ich alles andere als kleingewachsen. »Ungewöhnlich voll heute Abend.« Erstaunt bemerkte ich, dass mein Blick immer noch an seinen blauen Augen hing und senkte rasch den Kopf, um meine volle Aufmerksamkeit wieder der Suppe zu widmen. Nicht nur seine Wimpern, sondern auch sein Haar war pechschwarz. Entgegen der herrschenden Mode fiel es ihm in unordentlichen Locken bis auf die breiten Schultern. Aber was wusste ich schon von der Mode in Schottland? Dass dieser Mann ein Schotte war, hatte ich an seinem ausgeprägten Akzent in bemerkt. Plötzlich begann mein Herz aufgeregt zu flattern. Tatsächlich saß ich zum ersten Mal in meinem Leben mit einem Mann zusammen in einem Restaurant. Hoffentlich erwartete er keine geistreiche Konversation? Das war anscheinend nicht der Fall, denn er bestellte ein Gericht von der Tageskarte, und wir schwiegen, bis sein Essen serviert wurde. Zwischenzeitlich hatte ich den zarten, rosigen Lachs gegessen, ohne genau zu registrieren, was ich eigentlich auf dem Teller hatte. Ich schob meine Verwirrung der Müdigkeit zu, doch seltsamerweise fühlte ich mich auf einmal gar nicht mehr erschöpft. Es war, als würde prickelndes Feuer durch meine Adern fließen.
»Trinken Sie keinen Wein?«, fragte er plötzlich und deutete auf mein Limonadenglas.
Ich schüttelte den Kopf. Verflixt, ich konnte ihm unmöglich sagen, dass ich noch nie in meinem Leben Alkohol getrunken hatte!
»Es erwartet mich morgen ein anstrengender Tag. Da muss ich einen klaren Kopf bewahren.« Irgendwo hatte ich einen ähnlichen Satz gelesen und fand, dass er recht passabel klang. MacGinny hob überrascht eine Augenbraue.
»Sie sind Engländerin, nicht wahr? Besuchen Sie Verwandte in der Gegend?«
Ich runzelte die Stirn. Was ging das den Fremden an?
»Das könnte man so ausdrücken«, entgegnete ich kühl. Tatsächlich hatte ich nicht gelogen, aber mehr wollte ich dieser Zufallsbekanntschaft nicht preisgeben. Doch MacGinny ließ nicht locker.
»Woher kommen Sie? Aus dem Süden, nehme ich an?«
»Aus London«, stimmte ich widerwillig zu und sah suchend nach der Bedienung, um die Rechnung zu verlangen. Insgeheim schalt ich mich ein dummes, naives Gänschen, deren Gefühlswelt durch eine alltägliche Konversation völlig in Verwirrung geriet. Allerdings war Harrison MacGinny eine außergewöhnliche Erscheinung! Ich schätzte ihn gute zehn Jahre älter als mich.
»Trägt man in der Hauptstadt das Haar so streng?«, fragte er und musterte mich eingehend. »Sie sollten sich ein paar Locken in die Stirn kämmen. Dann würden Sie nicht wie eine sittsame Gouvernante aussehen!«
Hörbar schnappte ich nach Luft. Am liebsten wäre ich aufgesprungen und aus dem Saal geflüchtet, aber ich blieb unruhig sitzen. Es war zwar absolut lächerlich, aber ich wollte auf keinen Fall dass er mein Hinken sah.
»Ich wüsste nicht, was Sie das angeht«, zischte ich leise zurück.
Doch MacGinny machte keine Anstalten, das Thema auf sich beruhen zu lassen.
»Habe ich etwa ins Schwarze getroffen, und Sie sind tatsächlich auf dem Weg, eine Stellung als Erzieherin anzutreten? Viele alte schottische Familien lassen Ihre Sprösslinge von gebildeten Engländerinnen unterrichten.«
Einzig die Tatsache, dass er mir offensichtlich eine gewisse Bildung zuschrieb, hinderte mich daran, meinem Verlangen, ihm den Rest der Limonade mitten ins Gesicht zu schütten, nachzugeben. Zudem wollte ich nicht die Aufmerksamkeit der anderen Gäste erregen. Krampfhaft überlegte ich, wie ich es anstellen sollte, den Raum zu verlassen, um zu Bett zu gehen. Im gleichen Moment erklang aus dem Nebenraum Musik.
»Ah! Hören Sie?«, machte er mich darauf aufmerksam. »In der Bar wird musiziert! Sie müssen mit herüberkommen! Vielleicht wird sogar getanzt?«
Getanzt! Du meine Güte! Ich würde in meinem Leben niemals tanzen! Wie sollte ich auch? Es war einfach grotesk, mich mit meinem hinkenden Bein auf dem Tanzboden vorzustellen! MacGinny musste die Ablehnung in meinem Gesicht gelesen haben, denn er stand ohne weitere Worte auf und griff nach meinem Arm. Mühelos, als hätte ich das Gewicht einer Gänsefeder, zog er mich von dem Stuhl hoch.
»Nun kommen Sie schon! Wenn Sie das erste Mal in unserem schönen Schottland sind, dürfen Sie sich das Schauspiel nicht entgehen lassen! Hören Sie, die Männer singen in Gälisch, unserer alten Sprache. Sie dürfen es nicht ausschlagen, dass ich Sie zu einem guten Whisky einlade!«
Da er meinen Arm nicht freigab musste ich ihm willenlos durch das Restaurant folgen. Ich fühlte, wie meine Kniegelenke so weich wie Pudding waren, wodurch ich bei den wenigen Schritten in die Bar hinüber stärker als sonst hinkte. Plötzlich blieb MacGinny stehen und sah mir ins Gesicht.
»Deswegen sind Sie also so verschlossen!« Er deutete auf meinen rechten Fuß. »Wie lange haben Sie das schon? Von Geburt an?«
Dunkle Röte schoss mir in den Kopf. Dieser Mann hatte wahrlich nicht das Benehmen eines Gentleman. Jeder andere hätte meine Behinderung zwar bemerkt, wäre jedoch kommentarlos darüber hinweggegangen. Wahrscheinlich erkannte er jetzt, dass es mit einem kurzweiligen Tanzvergnügen nichts werden würde. Ich schluckte zwei Mal und sagte dann ohne seinem durchdringenden Blick zu begegnen: »Ich bin wirklich sehr müde, Mister MacGinny, und möchte jetzt zu Bett gehen. Ich danke Ihnen für Ihr Angebot.«
Er lächelte. »Schade, dass ich Sie nicht zu einem Schlummertrunk bewegen kann. Es wäre sicher ein netter Abend geworden, bevor Sie ihre strenge Stellung antreten müssen. Wir werden uns allerdings morgen beim Frühstück nicht mehr sehen, denn ich reise bei Sonnenaufgang ab.«
Unverschämter Kerl! Wie kam er auf die Idee, dass ich am kommenden Morgen Wert auf seine Gesellschaft legen könnte! Verärgert über meine Unsicherheit dem anderem Geschlecht gegenüber, drehte ich mich einfach um und ließ ihn stehen. Während ich durch den Raum hinkte, war es mir, als hinterließen seine blauen Augen brennende Male auf meinem Rücken.
Morgen würde ich nach Cromdale House reisen und keinen Gedanken mehr an Harrison MacGinny verschwenden.
Wenn ich in dem Moment gewusst hätte, was mir am folgenden Tag bevorstand, ich glaube, ich hätte den nächsten Zug zurück nach London bestiegen.



