DeLiA

Vereinigung deutschsprachiger Liebesromanautoren

das geheimnis von longwell house


Die 18-jährige Eileen Howard, Spross einer alten englischen Adelsfamilie, kehrt nach ihrer Ausbildung in einem Schweizer Internat in ihre Heimat Cornwall zurück, so sie erfährt, dass sie durch eine reiche Heirat den Familienbesitz retten soll. Empört flieht sie vor diesem Ansinnen zu ihrer Tante nach London und verliebt sich dort unsterblich in einen jungen Mann, dessen Herkunft im Dunkeln bleibt. Als der Geliebte ihr gesteht, er sei von seinen Eltern bereits einer Anderen versprochen, findet die Romanze ein schnelles Ende.

Nach dem Verlust des elterlichen Besitzes verdingt sich Eileen als Gouvernante auf einem alten Wasserschloss. Lord Longwell, seit einem Jahr Witwer, überträgt Eileen die Erziehung seiner beiden Kinder. Doch schon bald ereignen sich geheimnisvolle Vorfälle im Schloss, und Eileen beschließt, den Gerüchten um den mysteriösen Tod von Lady Cecilie Longwell nachzugehen. Bald verdichten sich die Anzeichen, dass Lord Longwell seine junge Frau ermordet haben soll.

Welche Rolle spielt Augusta Corben, die Haushälterin und Vertraute der verstorbenen Lady? Was geschieht des Nachts im Turmzimmer? In dem Hilfsgeistlichen Elias Kant findet Eileen einen Freund, der bald um sie wirbt, doch sie kann ihre Londoner Liebe nicht vergessen. Dann überschlagen sich die Ereignisse, und Eileen flieht erneut zu ihrer Tante, um Abstand zu gewinnen. Dort kommt es zu einer schicksalhaften Begegnung …





LESEPROBE


Vier Wochen nach dem schönen Tag in London fing es an, zuerst ganz harmlos und unbedeutend. Ich fühlte mich in dem alten Wasserschloss immer mehr zu Hause, die Umgebung war mir inzwischen ebenfalls vertraut, und an schönen Tagen ritt ich mit den Kindern aus. Annica besaß ein kleines, ruhiges Pony, Tobias bekam eine ältere, braune Stute. Für mich hatte der Lord eine lammfromme Stute ausgewählt, so dass wir unsere Ausritte unbesorgt genießen konnten. Der Sommer meinte es in diesem Jahr gut mit England, Regentage waren selten, und die Sonne verwöhnte uns mit hohen Temperaturen.

An diesem Nachmittag waren wir bis zum nächsten Dorf geritten und hatten dort eine Hopfentrocknerei besichtigt. Die kegelförmigen Dächer mit den lustigen Windhütchen obenauf waren in großer Zahl in ganz Kent zu sehen. Nach dem Abendessen machte ich einen Spaziergang im Garten. Das war mir in den letzten Wochen zu einer lieben Gewohnheit geworden - zum einen waren die Sommerabende lau, zum anderen half es mir, meine Gedanken von Mike Swaddon abzulenken. Längst hatte ich den Versuch, mich abends auf ein Buch zu konzentrieren, aufgegeben. Oft merkte ich beim Umblättern, dass ich von dem eben Gelesenen kein Wort verstanden hatte. Mein Verhältnis zu Miss Corben hatte sich in keiner Weise geändert. Die kühle Distanz zwischen uns wurde von ihr aufrecht gehalten, manchmal meinte ich sogar, argwöhnisch beobachtet zu werden. Warum nur? Sie konnte wohl kaum auf meine immer besser werdende Beziehung zu den Kindern eifersüchtig sein. Miss Corben machte mir nicht den Eindruck, als wäre sie besonders kinderlieb. Sie hatte sich zwar nach dem Tod Lady Longwells um Tobias und Annica gekümmert, aber aus Bemerkungen der Kinder konnte ich heraushören, dass es ein eher zweckmäßiges als liebevolles Verhältnis gewesen war.

»Sie ist sehr streng und lacht nie«, sagte Tobias. Er hatte ihr einmal eine tote Maus ins Bett gelegt und an der Tür gelauscht, als Miss Corben sie fand. »Miss Howard, sie ist nicht einmal erschrocken, hat gar nicht geschrieen. Können Sie sich das vorstellen?«

Das konnte ich wohl, denn auch ich hatte keine Angst vor Mäusen, ob tot oder lebendig. Aber ich wusste, was Tobias meinte. Miss Corben war absolut distinguiert. Zwar lächelte ihr Mund manchmal, doch ihre Gesichtszüge blieben unbeweglich.

So verbrachte ich also meine reichlich bemessene Freizeit allein. An diesem Abend war die Luft noch sehr warm, und es duftete nach Geißblatt und Kirschblüten. Die Rhododendrenbüsche blühten farbenprächtig, und das Mondlicht spiegelte sich im Wassergraben. Ich hatte gerade meinen Spaziergang beendet und wollte ins Haus zurückkehren, als Stimmen aus dem Irrgarten zu mir durchdrangen. Unmittelbar hinter der Hecke musste sich jemand befinden. Ich vernahm die Stimme eines jungen Mädchens, die mir bekannt vorkam, sicher eines der Hausmädchen. Dann hörte ich einen Mann sprechen. Ich lächelte. Keinesfalls wollte ich hier ein Liebespärchen beim Rendezvous stören. Was allerdings Miss Corben davon hielt, dass sich eine Angestellte nachts mit einem Mann im Garten traf, konnte ich mir denken. Nun, von mir würde sie nichts erfahren. Ich wollte schnell und leise vorbeigehen, doch zwangsläufig bekam ich mit, wie der Mann sagte:

»Es macht mir Angst, dass du noch immer im Haus bist. Mir wäre es lieber, du würdest endlich gehen!«

Unwillkürlich blieb ich stehen. Ich wollte nicht lauschen, aber in der Stimme des Mannes klang ein wirklich angstvoller Unterton.

»Liebster, wo soll ich hin? Die Stellung ist angenehm. Mir wird schon nichts passieren. Die Sache ist über ein Jahr her!«

»Aber wenn er es einmal getan hat, dann kann es immer wieder geschehen! Ich traue Lord Longwell nicht!«

Spätestens bei diesen Worten war mir klar, dass ich meine gute Erziehung vergessen und lauschen würde. Mein Herz klopfte so stark, dass ich meinte, man müsste es auf der anderen Seite der Hecke hören. Das Mädchen lachte kurz auf.

»Ich wette, der Lord hat mich seit damals nicht mehr angesehen! Warum sollte er einer Hausmagd etwas tun? Zudem ist er freigesprochen worden.«

Ein verächtliches Schnauben war die Antwort.

»Ja, freigesprochen mangels Beweisen! Seine Unschuld hat sich nicht herausgestellt. Peggy, für mich ist es klar, dass er seine Frau ermordet hat. Wir alle hier wissen doch genau, wie es um die Ehe bestellt war. Ich möchte nicht, dass du noch länger in einem Mordhaus bleibst!«

Mord! Das Wort hing in der Luft, sichtbar, greifbar, ich brauchte nur die Hand danach auszustrecken. Obwohl meine Knie zu zittern anfingen und ich mir am liebsten die Ohren zugehalten hätte, hoffte ich, noch mehr zu erfahren. Das als Peggy angesprochene Mädchen, ich konnte dem Namen jetzt auch ein Gesicht zuordnen, antwortete ernst:

»Wir sollten einen Menschen nicht verurteilen, solange seine Schuld nicht erwiesen ist. Lord Longwell ist ein gerechter Herr. Er liebt seine Kinder von ganzem Herzen. Darell, ich bin sicher, niemals in irgendwelcher Gefahr zu schweben, egal, was damals geschehen ist.«

Doch Darell schien davon nicht überzeugt.

»Liebling, ich werde noch mehr arbeiten, Tag und Nacht, wenn es sein muss. Bald habe ich genügend Geld für ein Cottage zusammen. Dann hole ich dich als meine Frau von hier weg, das schwöre ich dir!«

»Ach, Darell«, seufzte Peggy, und Geräusche, die eindeutig von gegenseitigen Liebkosungen zeugten, drangen zu mir. Ich hatte genug gehört und entfernte mich leise. Wie im Traum ging ich in mein Zimmer zurück. Dort saß ich lange am Fenster und dachte über das eben Gehörte nach. Konnte das sein? War dies das Geheimnis von Longwell House? Lord Marcus stand unter Verdacht, seine Frau getötet zu haben? Die Ehe sei schlecht gewesen, hatten sie gesagt. Ach was, Dienstbotengetratsche! Nichts weiter! Hatte ich in der Schule und von meiner Mutter nicht gelernt, darauf nichts zu geben? Aber nun gehörte ich auch zum Personal, stand nur geringfügig höher als Peggy. Lord Longwell… Nein, unmöglich! Das musste ein übles Gerücht sein. Doch passte seine Reserviertheit, sobald das Gespräch auf seine verstorbene Frau kam, nicht dazu? Auch Miss Corben mied das Thema wie die Pest. Sicher wusste sie genau Bescheid. Aber er ist freigesprochen worden, sagte ich mir und hörte daraufhin Darells Stimme: Aus Mangel an Beweisen. Was war geschehen, dass man einen Mann wie Lord Longwell eines Mordes verdächtigen konnte? Ich beschloss, sofort an meine Tante zu schreiben. Doch als ich den Brief versiegelt hatte, zeriss ich ihn wieder.

»Wenn sie etwas wüsste, hätte sie es mir gesagt«, murmelte ich. »Außerdem hält Tante Rose auch nichts von Dienstbotengerüchten.« Nein, ich reagierte reichlich überspannt. Ich ging zum Fenster und drückte meine Stirn an die kühle Scheibe. Langsam beruhigte ich mich. Ich hatte Lord Longwell als freundlichen, zuvorkommenden Mann und liebevollen Vater erlebt. Ich hatte eine angenehme Stellung in seinem Haus und fühlte mich wohl. Was vor über einem Jahr geschehen war, brauchte mich nicht zu kümmern.

Es war weit nach Mitternacht, als ich mich endlich zu Bett begab. Wider Erwarten schlief ich schnell ein. In dieser Nacht träumte ich den Traum zum ersten Mal. Eine große, schlanke Frau, deren Gesichtszüge ich nicht erkennen konnte, stand in einiger Entfernung vor mir. Sie trug ein seltsames Gewand: dunkelblau mit weißen Sternen. Beinahe sah es wie ein Abendhimmel aus. Sie winkte, doch ich konnte mich nicht von der Stelle rühren. Ich wollte zu ihr gehen, meine Beine klebten am Boden fest. Ich fror und zitterte. Plötzlich war die Frau verschwunden, und ich wachte auf. Mein Herz flatterte wie ein aufgescheuchter Vogel in meiner Brust. Nur ein Traum, dachte ich erleichtert, aber mir war immer noch kalt. Da merkte ich, dass die Bettdecke auf den Boden gefallen war und das Fenster offen stand. Seltsam, ich hätte schwören können, es vorhin geschlossen zu haben. Aber ich machte mir keine weiteren Gedanken, zu viel war am Abend geschehen. Wahrscheinlich hatte ich den Fensterriegel nicht richtig verschlossen. Die restliche Nacht wälzte ich mich unruhig im Bett umher. Der Schlaf wollte sich nicht mehr einstellen. Meine Gedanken kreisten um die verstorbene Lady, und ich wusste, ich musste herausfinden, was geschehen war. Dankbar begrüßte ich das Morgenlicht. Ich fühlte mich müde und zerschlagen, aber es war seit langer Zeit die erste Nacht gewesen, in der ich nicht an Mike gedacht hatte.

Am Morgen kamen mir die Phantasiebilder der Nacht töricht vor. Warum machte man ein Geheimnis aus dem, was in diesem Haus geschehen war? Ich weiß, woher es kommt, sagte ich mir. Wenn die Menschen ein altes Gemäuer wie Longwell House sehen, bilden sie sich phantastische Geschichten ein. Man denkt an die vielen Generationen, die in diesen Mauern gelebt, geliebt und auch gelitten haben. Das regt die Phantasie an. Und wenn die Herrin eines solchen Hauses auf tragische Weise ums Leben kommt, stellt man sich nur zu gern vor, dass ihr Geist umgeht.

Nach einem ausgiebigen Frühstück sah die Angelegenheit für mich weit weniger beunruhigend aus. Ja, fast konnte ich über meine nächtliche Beklemmung lachen. Dienstbotengewäsch, sagte ich mir, kommt in jedem Haus vor. Ich würde mir darüber nicht weiter den Kopf zerbrechen.

* * * * *

Der Sommer blieb warm und trocken. Ich verbrachte die meiste Zeit mit den Kindern im Freien. Wenn es zu heiß zum Ausreiten war, saßen wir in dem Pavillon am See, und ich erzählte ihnen von Englands Geschichte. An einem Nachmittag hatte Tobias einen Ball entdeckt, den er jetzt mit wahrer Begeisterung durch den Park kickte, während Annica ein Bild malte.

»Kommen Sie, Miss, Sie müssen den Ball zurückschießen«, rief er mit erhitztem Gesicht.

Ich stand auf, raffte meine Röcke, so weit es schicklich war, und trat mit ganzer Kraft gegen das runde Leder. Ein Meisterschuss!

»Oh«, staunte Tobias, »so weit habe ich es noch nie geschafft. Ich glaube, er ist auf dem Friedhof gelandet!«

Der Familienfriedhof war um eine Kapelle am Rande des Parks angelegt. Ich war dort noch nicht gewesen, aber Tobias hatte Recht. Mit voller Wucht hatte ich den Ball über die niedrige Mauer befördert. An der kleinen Pforte zum Friedhof zögerte Annica.

»Ich... äh, ich... warte lieber hier«, sagte sie ängstlich.

»Aber Annica, das ist doch nur ein Friedhof. So wie der im Dorf, du erinnerst dich? Wir haben dort vor einigen Tagen die Kirche besichtigt und Grabinschriften gelesen.«

Doch Annica ließ sich nicht überzeugen.

»Das ist etwas anderes«, antwortete sie. »Papa sagt, hier liegt unsere Familie, Mama auch. Ich will aber nicht, dass meine Mama dort in der Erde liegt.« Jetzt verzog sie ihr Gesicht, und Tränen kullerten über die rosigen Wangen. Das arme Kind! Schnell nahm ich sie in meine Arme.

»Annica, irgendwann müssen wir alle diesen Weg gehen, manche früher, manche später. Deine Mama ist ganz sicher zu früh gegangen, doch sie schaut jeden Tag vom Himmel herab auf ihre kleine Annica. Bestimmt freut sie sich, wenn du an ihrem Grab stehst und dort mit ihr redest.«

»Meine Mama ist nicht im Himmel«, schluchzte Annica laut auf, und ihr Körper schmiegte sich zitternd in meine Röcke.

»Aber sicher ist sie im Himmel. Alle Menschen, die sterben, kommen in den Himmel.«

Doch Annica ließ sich nicht überzeugen. Sie schüttelte den Kopf, unaufhaltsam lief der Tränenstrom über ihr Gesicht. Tobias seufzte und trat ungeduldig von einem Bein aufs andere.

»Ach, Miss Howard, Annica meint wohl das Gerede, das sie vor einiger Zeit zufällig gehört hat.«

»Welches Gerede?«

Tobias zuckte die Schultern und machte eine abfällige Handbewegung.

»Irgendwelche Dienstmädchen hatten sich darüber unterhalten, dass es eine Schande sei, unsere Mutter überhaupt auf dem Familienfriedhof zu begraben. Sie käme sowieso nicht in den Himmel, weil Selbstmörder von Petrus nicht hineingelassen würden.«

Ich erstarrte innerlich. Die armen Kinder! Was hatten sie alles mitanhören müssen! Selbstmord! Kürzlich wurde von Mord gesprochen. Ich musste diesen Gerüchten so schnell wie möglich ein Ende bereiten.

»Kommt, Kinder, setzten wir uns hierhin, ja?« sagte ich und ließ mich auf einem Baumstumpf nieder. »Also, jetzt mal von vorne: Annica, du hast also gehört, deine Mutter habe Selbstmord begangen. Wer hat das gesagt?«

Annica schniefte und wischte sich mit dem Handrücken über die Nase.

»Zwei Mädchen in der Küche. Ich wollte nur noch etwas von dem Pudding holen, Miss Corben gibt uns immer so wenig auf die Teller. Ich dachte, es wäre niemand in der Küche. Plötzlich kamen sie, und ich versteckte mich hinter dem Vorhang. Dann sprachen sie darüber, dass meine Mama nicht auf den Friedhof gehört.«

»Und du, Tobias, was hast du gehört?«

Er schüttelte den Kopf.

»Ich war nicht dabei. Annica hat es mir aber sofort erzählt. Ich weiß nur, dass Papa nach Mutters Tod lange fort war. In der Zeit haben alle im Haus andauernd miteinander getuschelt. Aber sie haben damit aufgehört, sobald ich in die Nähe kam. Miss Corben hat zwar immer mit ihnen geschimpft und uns gesagt, wir dürfen nicht lauschen. Habe ich auch nie getan, Miss!« Stolz schwang in seiner Stimme mit.

Ich holte tief Luft.

»So, jetzt hört mir mal gut zu: Es war für euch gewiss ein großer Schock, als eure Mutter gestorben ist. Wie sie gestorben ist - das weiß ich nicht. Aber vor Gott ist es gleich. Er liebt alle seine Schäflein gleichermaßen, und alle haben das Recht, ihre letzte Ruhestätte auf einem christlichen Friedhof zu finden. Versteht ihr das?« Zustimmendes Nicken von beiden Kindern war die Antwort. Annica schien sich wieder beruhigt zu haben. Ich zog ein Taschentuch heraus und putzte ihr die Nase, dann fuhr ich fort: »Eines müsst ihr euch merken: Personal tratscht und klatscht immer, das ist seit Jahrhunderten so. Meistens erfinden sie die abenteuerlichsten Geschichten, schmücken diese aus, und jeder erzählt es dem Nächsten anders. Was ihr da hört, sind nichts anderes als Märchen wie die von Dornröschen, Hänsel und Gretel oder Schneewittchen, die ich euch erzählt habe. Habt ihr das verstanden?«

»Ja, Miss Howard«, antwortete Tobias ernsthaft. »Und ich glaube auch nicht daran!«

»Und du Annica?«

Das Mädchen nickte langsam.

»Ich habe jetzt keine Angst mehr, zu Mama ans Grab zu gehen«, sagte sie tapfer und wischte die letzten Tränen fort.

Ich atmete erleichtert auf. Zu komisch, ich glaubte selbst, was ich da eben den Kindern erzählt hatte. Aber ich hatte dem Gespräch von Peggy und ihrem Liebhaber genauso zugehört und Schlüsse daraus gezogen, wie es die Kinder getan hatten.

Zu dritt betraten wir den Friedhof, und Tobias führte mich zum Familiengrab. Als ich davor stand, konnte ich nicht verhindern, dass mir ein Schauer über den Rücken lief. Lady Longwell war erst achtundzwanzig Jahre alt gewesen! Tobias war damals neun. Sie musste den Lord also sehr jung geheiratet haben. Marcus Longwell war deutlich älter, sicher ging er bereits auf die Vierzig zu. Unwillkürlich kamen mir die Worte von Romina, meiner Schulfreundin, in den Sinn: Eine arrangierte Ehe. Zum Nutzen beider Familien. Ich zwang mich, solche Gedanken abzuwenden. Es ging mich nichts an. Doch wurde im Haus von Selbstmord und sogar Mord gesprochen, während Lord Longwell und Miss Corben einen Unfall erwähnt hatten. Ich erwog, mit Lord Longwell darüber zu sprechen - zum Wohl der Kinder, sagte ich mir. Er hätte sehen müssen, wie verstört Annica eben reagiert hatte. Er soll das Gerede verbieten! Aber konnte ich einfach zu ihm gehen und sagen: Mylord, ich habe gehört, Sie sollen Ihre Frau getötet haben… Nein, unmöglich, das würde ich nicht fertig bringen. Zuerst wollte ich selbst mehr herausfinden.

»Miss, ich habe ihn gefunden«, unterbrach Tobias meine Gedanken und hielt lachend den Ball in den Händen. Für ihn war diese Episode bereits vergessen. Wir verließen den Friedhof, und nun musste ich Torwart spielen, während Annica zum Schiedsrichter ernannt wurde. Bis der Tee serviert wurde, hatten wir noch viel Spaß miteinander, und der Schatten, der über uns gefallen war, löste sich allmählich auf.

* * * * *

 

Jedes Mal, wenn ich Lord Longwell begegnete, überlegte ich, ob ich ihn ansprechen sollte. Doch stets verließ mich der Mut. Er würde es bestimmt als Einmischung in sein Leben ansehen. Natürlich ging es mir um das Wohl der Kinder. Aber wenn ich ehrlich war, musste ich mir eingestehen, dass auch ich die Wahrheit wissen wollte. Was war in Longwell House wirklich geschehen? Es hatte damals sicher in allen Zeitungen gestanden, aber in dem kleinen Dorf gab es kein Archiv und um nach Canterbury oder sogar London zu gelangen, bräuchte ich eine entsprechende Begründung. Sollte ich Tante Rose schreiben? Sie könnte Informationen über den Vorfall beschaffen. Nein, das war nicht richtig! Ich hatte kein Recht, hinter dem Rücken meines Dienstherrn, der mich freundlich und gut behandelte und in dessen Haus ich eine angesehene Stellung innehatte, zu spionieren. Ich beschloss, die Angelegenheit vorerst auf sich beruhen zu lassen.

Dass mir das aber nicht gelingen sollte, zeigte die folgende Nacht. Ich hatte erneut diesen Traum. Die dunkelhaarige Frau in dem Himmelskleid winkte mir zu. Wieder konnte ich ihr Gesicht nicht erkennen, doch ich spürte, dass die Frau Angst hatte. Ich sollte zu ihr kommen, sie wollte mir etwas zeigen. Wie beim ersten Mal konnte ich mich nicht von der Stelle rühren, und langsam schwebte die Frau immer weiter fort. »Warte«, rief ich, dann erwachte ich, und wieder war es kühl im Zimmer, und das Fenster stand offen. Mich schauerte, aber nicht vor Kälte, denn diesmal war ich hundertprozentig sicher, das Fenster fest geschlossen und die Vorhänge vorgezogen zu haben.

Am nächsten Abend stand ich vor dem Portrait von Cecilie Longwell. Sie hatte lange, schwarze Haare gehabt. Ich war sicher, dass es sich bei der Frau in meinem Traum um Lady Longwell handelte. Kein Wunder, viel zu oft hatten sich meine Gedanken mit ihrem rätselhaften Tod beschäftigt. Auf dem Portrait trug die Lady ein malvenfarbenes Kleid, im Traum jedoch sah ich immer ein blaues Gewand mit weißen Sternen.

»Eine schöne Frau, nicht wahr?«

Ich erschrak beinahe zu Tode, mein Herz schlug bis zum Hals. Miss Corben! Ich hatte sie nicht herankommen hören, sie stand in ihrem obligatorischen dunkelgrauen Kleid hinter mir, einen Kerzenleuchter in der Hand. Das flackernde Licht fiel auf ihr Gesicht und ließ es seltsam verzerrt aussehen.

»Ja, ja... sicher«, stotterte ich, versucht, mein Erschrecken zu verbergen. Doch sie hatte es bemerkt.

»Verzeihen Sie, wenn ich sie erschreckt habe, Miss Howard«, sagte sie mit leiser, fast unterwürfiger Stimme, »aber Sie standen so lange in der Dämmerung, dass ich Ihnen ein Licht bringen wollte. Sie wissen, dass die Galerie noch nicht an den elektrischen Strom angeschlossen ist?«

Ich schüttelte den Kopf, Nein, das hatte ich nicht gewusst, aber ich hatte auch nicht bemerkt, wie dunkel es zwischenzeitlich geworden war. Ich hatte wohl lange vor dem Bild Lady Longwells gestanden. Und Miss Corben hatte mich die ganze Zeit beobachtet. Wie sie mich jetzt ansah! Verschlagen war das richtige Wort.

»Wie ist Cecilie Longwell gestorben?« fragte ich Miss Corben und sah ihr fest in die Augen. War da ein kurzes Flackern gewesen? Oder war es nur das Kerzenlicht? Ich erwartete, dass sie sich umdrehen und fortgehen würde, doch sie antwortete mir, und in ihrer Stimme lag keine Gefühlsregung, als sie sagte:

»Sie ist aus dem obersten Turmzimmer gestürzt. Ein schrecklicher Unfall. An Ihrer Stelle würde ich das Lord Longwell gegenüber nicht erwähnen. Er spricht nicht über das Unglück.« Unvermittelt wechselte sie das Thema. »Ich soll Ihnen von Mylord ausrichten, dass er Sie vor dem Dinner im Arbeitszimmer sprechen möchte. Würden Sie bitte gleich mit mir mitkommen?«

Stumm folgte ich ihr. Das eben Gehörte hämmerte in meinem Kopf. Aus dem Turmfenster gestürzt! Wie schrecklich! Jetzt wunderten mich die Gerüchte nicht mehr. Wie leicht konnte so ein Unfall als Selbstmord dargestellt werden. Man kann jemanden auch aus dem Fenster stoßen, dann wäre es Mord. Der Gedanke lag nahe, besonders wenn die Ehe nicht gut gewesen war.

Marcus Longwell bat mich, Platz zu nehmen. Gespannt wartete ich, was er mir zu sagen hatte.

»Miss Howard, ich möchte Ihnen nochmals für Ihre Arbeit danken«, begann er. »Die Kinder sind geradezu verliebt in Sie. Wenn ich mit Tobias ausreite, spricht er unentwegt von Ihnen. Sie haben viel bewirkt.« Er machte eine kurze Pause, und ich senkte den Kopf, um meinen Dank mit einer Geste auszudrücken. Dann fuhr er fort: »Ich muss für einige Zeit verreisen. Vier bis sechs Wochen werde ich fortbleiben. Ich möchte, dass sie in dieser Zeit den Sommer mit den Kindern genießen. Arbeiten Sie nicht zu viel mit ihnen, dazu ist im Herbst und Winter noch Zeit. Aus den beiden sollen ja keine krummen Stubenhocker werden, die zwar jedes Buch, dafür nichts von der Natur kennen. Auch Annica soll herumtoben, wenn es ihr Spaß macht. Sie wird noch früh genug das gezierte Verhalten einer Lady lernen.«

»Das ist auch meine Meinung«, erwiderte ich.

»Es freut mich, dass wir uns verstehen. Ich reise zeitig. Wir werden uns morgen nicht mehr sehen. Haben Sie noch Fragen?«

Jetzt! Jetzt wäre der passende Zeitpunkt. Ich könnte ihm von dem Dienstbotentratsch erzählen und wie sehr es Annica belastet hatte, aber ich schwieg. Danach war ich entlassen und nahm ein weiteres einsames Mahl in meinem Zimmer ein.



Rebecca Michéle


Rebecca Michele - Das Geheinmis von Longwell House
Originalausgabe
Stieglitz Verlag März 2001
Hardcover
ISBN: 3-7987-0356-6



Originalausgabe: Stieglitz Verlag
 März 2001
Genre: historischer
Romantic-Thriller
Zeit: Anfang 20. Jahrhundert
Handlungsort: Cornwall, London,
 Kent