Celeste Hawk - aufgewachsen als
behütete Tochter eines Dorfschmieds in Cornwall - fühlt sich seit ihrer
Kindheit magisch angezogen von Landhydrock Hall, dem Schloss, das nicht
nur landschaftlich das Dorf beherrscht. Als Celeste nach dem Tod ihrer
Mutter überraschend als Gesellschafterin für Lady Marian engagiert
wird, beginnt für sie ein neues, faszinierendes Leben, das einzig durch
die heftigen Zusammenstöße mit Lord Simon, dem künftigen Schlossherrn,
getrübt wird.
Während eines Aufenthaltes in London kommen sich die beiden jungen Menschen näher. Da geschieht auf der Heimreise ein schreckliches Zugunglück, bei dem Lady Marian stirbt. In diesen schweren Tagen sucht und findet Simon Halt bei Celeste - und gesteht ihr seine Liebe. Doch die Testamentseröffnung endet mit einem großen Eklat. Voller Zorn wendet sich Simon von Celeste ab. Erst als ihr das Tagebuch von Lady Marian in die Hände fällt und die gutgehüteten dunklen Familiengeheimnisse ans Licht kommen, nimmt Celestes Leben eine überraschende Wendung.
Oft ging ich, wenn ich allein sein wollte, in den Innenhof mit den herrlich blühenden Hortensien. Lady Marian wusste bald, dass dies mein Lieblingsplatz geworden war, und sie ließ mich nie rufen, wenn ich dort meine Zeit verbrachte. Häufig machte ich mit Gedanken über meine Zukunft, schließlich konnte ich ja nicht immer im Haushalt Lady Marians bleiben. Was hatte sie mit mir vor? Würde sie mir einen passenden Ehemann besorgen? Jetzt war ich sechzehn, in zwei oder drei Jahren war ich alt genug, um zu heiraten. Ich sprach Lady Marian jedoch nie darauf an, wahrscheinlich fürchtete ich mich vor ihrer Antwort.
So vergingen die Wochen in vollkommener Harmonie zwischen Lady Marian und mir, bis erneut jemand in mein Leben trat, dessen Existenz ich längere Zeit ignoriert hatte.
Es war ein herrlicher Septembernachmittag. Die Abende wurden schon kühl und ließen den herannahenden Herbst ahnen. Nach meiner täglichen Reitstunde hatte ich mich umgezogen, war in den Blumengarten gegangen und gerade damit beschäftigt, für Lady Marian einen Strauß Astern zu schneiden. Lady Marian selbst hatte sich mit einem Pächter zurück gezogen, um wichtige Dinge durchzusprechen. Aus der Gerne hörte ich eine Kutsche vor das Haus fahren. Es kümmerte mich jedoch nicht weiter, sondern ich summte eine kleine Ballade vor mich hin, die Lady Marian und ich am gestrigen Abend zusammen gesungen hatten. Erst als ein Schatten auf mich fiel, blickte ich hoch.
»Sieh mal einer an, eine fremde Blume zwischen all den Astern! Was willst du hier in unserem Garten? Woher hast du die Erlaubnis, unsere Blumen zu schneiden?«
Simon Elkham! Wie hatte ich ihn nur vergessen können! Er war schließlich der Sohn Lady Marian und trotz seiner Jugend Herr von Landhydrock Hall!
»Lady Marian selbst wünschte, dass ich ihr Blumen schneide und sie in ihr Arbeitszimmer stelle.« Ich hatte mich aufgerichtet und schaute Lord Elkham fest in die Augen. »Sie liebt Astern«, fügte ich fast trotzig hinzu.
»Was meine Mutter liebt, brauchst du mir nicht zu sagen!«, fuhr er mich barsch an. Seine Hand griff plötzlich an mein Kinn und hielt mein Gesicht in die Sonne. »Kennen wir und nicht? Ja, ich weiß! Du bist das freche Gör aus dem Dorf, das schon vor Jahren unser Tafelsilber stehlen wollte! Ich wundere mich, du bist genügsam geworden, heute sind es nur Blumen, auf die du es abgesehen hast!«
Sein Ton war genauso zynisch geblieben, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Wütend entgegnete ich:
»Ich lebe hier. Lady Marian hat mich als ihre Gesellschafterin angestellt, und ich habe und hatte es noch nie nötig, irgendetwas zu stehlen!«
»Ach nein, seit wann haben Dienstboten mitten am Tag Zeit, im Garten umher zu spazieren? Und das Kleid, das du trägst, sieht nicht gerade wie das eines Dienstmädchens aus.«
»Wenn Sie etwas an mir auszusetzen haben, dann besprechen Sie es bitte mit Ihrer Mutter, Lord Elkham. In deren Diensten stehe ich.«
Mit letzter Selbstbeherrschung ergriff ich die Blumen und kehrte Simon Elkham den Rücken, konnte jedoch nicht verhindern, dass Tränen in meinen Augen standen. Warum musste dieser Mann mich immer nur demütigen?
* * * * *
Ich ordnete gerade die Astern in eine Vase auf Lady Marians Schreibtisch unter dem Fenster, als die beschwingt den Raum betrat.
»Celeste, mein Sohn ist gerade angekommen«, rief sie fröhlich. und ihre Augen strahlten.
Ich nickte.
ra"Ja, ich habe ihn im Garten gesehen.«
»Na wunderbar! Ich glaube, ihr werdet euch gut verstehen! Kleide dich zum Dinner heute Abend in dein bestes Kleid, wir haben Anlass zu feiern. Wenn auch der Grund für Simons Anwesenheit keinesfalls erfreulich ist. Das Eton College musste wegen einer starten Grippeepidemie bis auf weiteres schließen, man stelle sich mal vor - Grippe, jetzt im Sommer! Nun, deshalb ist Simon mitten im Semester nach Hause gekommen. Ich hatte ihn eigentlich frühestens zu Weihnachten erwartet.«
Wäre mir auch lieber gewesen, dachte ich bei mir, und einen Moment schoss es mir sogar durch den Kopf, warum eigentlich Simon nicht an der Grippe erkrankt war. Dann wäre er wenigstens nicht hier! Sofort schämte ich mich meiner Gedanken und dachte an die Worte meiner Mutter, niemanden anderem etwas Schlechtes oder Böses zu wünschen.
»Verzeih mir , Mutter!«, murmelte ich und zu Lady Marian gewandt: »Ich werde pünktlich zum Abendessen erscheinen. Ich freue mich, Ihren Sohn näher kennen zu lernen,«
* * * * *
Das malvenfarbige Kleid stand mir besonders gut. Es harmonierte mit meinen dunklen Augen. Mein lockiges Har trug ich zu einem Knoten aufgesteckt, doch hatte ich es einigen vorwitzigen Strähnen erlaubt, in die Stirn zu fallen. In dem Bewusstsein, älter und reifer auszusehen, schritt ich die Treppe hinunter, durchquerte die Halle und wollte gerade das Speisezimmer betreten, als Lord Simons erregte Stimme mich innehalten ließ. »Der Lauscher an der Wand hört seine eigene Schand!« Die Worte meiner Mutter kamen mir ins Gedächtnis, aber da ich Simon Elkham meinen Namen sagen hörte, konnte ich nicht anders. Ich verbarg mich hinter der Tür.
»Mutter, ich bitte dich! Du kannst mir unmöglich zumuten, mit dem Personal zu speisen!«
»Celeste ist meine Gesellschafterin und Vertraute. Ja, fast so etwas wie meine Freundin. Du kannst sie nicht zum Personal rechnen. Und außerdem - Sarah May hat immer mit uns gegessen!«, entgegnete Lady Marian heftig.
»Sarah May war auch eine erwachsene und würdige Frau. Doch dieses Gör...!« Simon machte eine verächtliche Pause. »Hast du vergessen, wie sie vor Jahren, schmutzig und verkommen, hier im Speisezimmer unser Silber stehlen wollte?«
»Das ist nicht erwiesen, Simon, nur du hast behauptet, Celeste sei zum Stehlen gekommen. Ich vielmehr glaube, sie war nur ein kleines, neugieriges Kind.«
»Nun, auf jeden Fall weigere ich mich, mit dieser Person an einem Tisch zu sitzen. Schlimm genug, dass sie mit uns unter einem Dach lebt. Wenn Vater noch leben würde …«
»Ja, Simon, was wäre dann?«
»Vater pflegte nie einen solch … freundschaftlichen Umgang mit dem Personal. Wir dürfen nicht vergessen, wer wir sind. Das Geschlecht der Elkhams hat seit Jahrhunderten das Sagen hier in Cornwall.«
»Und das meiste Geld, wolltest du doch sagen, oder?«, ergänzte Lady Marian mit einem bitteren Unterton in der Stimme. Simon Elkham ging darauf nicht ein.
»Auf jeden Fall, Mutter, wenn du mir wirklich zumuten willst, mit dieser Person zu speisen oder womöglich noch mehr Zeit mit ihr zu verbringen, sehe ich mich leider gezwungen, abzureisen.«
»Abzureisen? Wohin?«
»Ich habe mich mit Richard Thynne in Eton angefreundet, dem Sohn des Marquis von Bath. Sie leben in der Nähe von Warminster in Longleat House. Richard hat mir schon mehrfach angeboten, die Ferien dort zu verbringen.«
Ich hatte genug gehört. Tränenblind stolperte ich die Treppe hinauf und war mich in meinem Zimmers aus Bett. Wütend hämmerte ich auf das Kopfkissen ein. Warum hatte ich jetzt nicht stolz und selbstbewusst den Raum betreten und so getan, als hätte ich kein Wort gehört? Warum konnte ich diesem Simon Elkham nicht beweisen, dass auch Menschen aus dem einfachen Volk ihren Stolz haben und sich benehmen können wie solche, die zufällig adlig geboren wurden? Warum nahm ich mir seine Worte nur so zu Herzen?
Es war klar, was Lady Marian tun würde. Simon war ihr Sohn. Lieber würde sie auf meine Anwesenheit verzichten, als zu riskieren, dass ihr eigener Sohn das Haus verließ. Doch ich wollte ihr die Peinlichkeit ersparen, mir mitteilen zu müssen, ich sei nicht zum Dinner erwünscht. Ich brachte mein Gesicht in Ordnung und klingelte nach einem Mädchen.
»Claire, bitte richte Lady Marian aus, dass ich mich nicht wohl fühle. Wahrscheinlich war ich heute Nachmittag zu lange in der Sonne. Mylady mögen mich beim Dinner entschuldigen, ich werde eine Kleinigkeit in meinem Zimmer zu mir nehmen.«
Die Speise, die mir Claire später brachte, ließ ich unberührt. In dieser Nacht weinte ich mich in den Schlaf.
* * * * *
Das Frühstück am nächsten Morgen nahm ich ebenfalls in meinem Zimmer zu mir; ich trank nur eine Tasse Tee und aß eine Scheibe Toast. als ich Hufgeklapper hörte, eilte ich zum Fenster. Simon Elkham war im Begriff, auszureiten. Erleichtert atmete ich auf. Allein der Gedanke, ihn außer Haus zu wissen, beruhigte mich ungemein.
Wenig später suchte mich Lady Marian auf.
»Celeste, Kind, das Mädchen sagte mir, dass du dich nicht wohl fühlst. Hoffentlich hast dir nicht diesen schrecklichen Grippevirus eingefangen?«
Sie schien ehrlich besorgt. Mit keinem Wort erwähnte sie den gestrigen Abend, geschweige denn den Streit mit ihrem Sohn. Warum sollte sie auch?
»Ich fühle mich wirklich schwach, Lady Marian«, erwiderte ich, vermied es aber, Lady Marian dabei anzusehen. »Vielleicht sollte ich mich wieder hinlegen. Oder benötigen Sie mich heute?«
»Nein, Celeste, nicht unbedingt. Ich möchte heute mit Simon über die Ländereien reiten. Es wäre schön gewesen, wenn du dich uns angeschlossen hättest. Aber es ist besser, du schonst dich, vielleicht bricht die Krankheit dann gar nicht erst aus.«
»Ja, Mylady Ich werde sogleich wieder zu Bett gehen.«
Lady Marian erhob sich.
»Ich schicke dir Claire. Sie steht heute zu deiner Verfügung, wenn du etwas brauchst.«
Kurze Zeit später hörte ich auch Lady Marian fortreiten, und eine tiefe Traurigkeit ergriff mich.
* * * * *
In den folgenden Tagen begegnete ich Simon Elkham nicht. Ich schützte Schwäche und Kopfschmerzen vor und verließ mein Zimmer nur, wenn ich sicher sein konnte, dass Simon das Haus verlassen hatte. Tag für Tag betete ich, das Eton College möge mitteilen, dass die Epidemie vorüber sei und das Semester fortgesetzt werden könne. In dieser Zeit fielen meine Unterrichtsstunden aus, aber ich hätte auch kaum die Nerven gehabt, mich zu konzentrieren.
* * * * *
An einem schönen Herbsttag suchte ich schon morgens meinen Lieblingsplatz, den Innenhof, auf in der Meinung, Simon seit ausgeritten. Ich hielt die Augen geschlossen und wandte mein Gesicht der Morgensonne zu, um die noch warmen Strahlen auf meiner Haut zu spüren.
»Ach nein, tagelang die Todkranke spielen, aber dann dem Herrgott die Zeit stehlen und ein Sonnenbad nehmen. Werden meine Angestellten etwa dafür bezahlt?«
Lord Simons scharfe Stimme ließ mich auffahren. Groß und breitschultrig stand er vor mir, die Hände, in der einen hielt er noch die Reitpeitsche, lässig auf die Hüften gestützt.
Hastig stand ich auf.
»Verzeihen Sie, Mylord. Ich wähnte Sie außer Haus.«
»Und wenn die Katze aus dem Haus ist, tanzen die Mäuse, wie? Nun, meine Mutter will dich sprechen. Claire sagte mir, du seiest nicht in deinem Zimmer. Da wollte ich doch mal schauen, wo sich krankes Personal denn so rumtreibt.«
Sein Ton war so voller Hohn, dass es mir die Röte in die Wangen trieb. Schnell senkte ich den Kopf.
»Ich werde ihre Mutter sofort aufsuchen, Mylord. Verzeihen Sie.«
Um die Tür zu erreichen, musste ich an ihm vorbei. Er wich keinen Zentimeter zur Seite, im Gegenteil. Fest umschlossen seine Finger meinen Arm und zogen mich zu ihm hin. Mit der anderen Hand, er hielt immer noch die Peitsche, fasste er mein Kinn und hob meinen Kopf so, dass ich ihm in die Augen sehen musste. Sein Griff war brutal und schmerzte, er schien mir den Kiefer zusammen zu drücken. Sekundenlang schauten wir uns an. Es war kaum zu glauben, dass Simon Elkham nur wenig älter als selbst war. Sein Gesicht mit den dunklen Bartstoppeln wirkte ausgesprochen männlich. Anscheinend hatte er sich heute Morgen noch nicht rasiert. Seine Augen bohrten sich in die meinigen, doch ich hielt dem Blick stand.
»Ich weiß zwar nicht, was du hier willst und was deine Anwesenheit im Schloss bezwecken soll, Mädchen, aber eines sage ich dir: Solltest du ein böses Spiel mit Lady Marian spielen, dann bekommst du es mit mir zu tun. Und nun geh und sieh zu, dass du mir während meiner restlichen Anwesenheit auf Landhydrock so wenig wie möglich unter die Augen kommst.«
Mit einem Ruck ließ er mich los, so dass ich taumelte. Schnell verließ ich den Innenhof. Mein Lieblingsplatz in diesem Haus war für mich zu einem Ort des Schreckens geworden!
* * * * *
Lady Marian bemerkte mein Eintreten nicht. Sie saß, den Rücken zur Tür gewandt, über den Schreibtisch gebeugt und starrte auf mehrere Skizzen, die wahllos auf der Platte verteilt waren. Erst als ich sie sacht an der Schulter berührte, zuckte sie zusammen.
»Ach Celeste, du hast mich erschreckt! Ich war einen Moment lang in Gedanken versunken.«
Vorsichtig nahm ich eine der Skizzen in die Hand und betrachtete sie lange. Es handelte sich um eine feine Tuschezeichnung. Abgebildet war ein dreigeschossiges Haus mit zahlreichen Fenstern. Es war nur einflügelig gebaut und schien nicht einmal halb so groß zu sein wie Landhydrock Hall, und doch ging etwas Heimeliges von ihm aus. Lag es daran, dass das Haus in die es umgebende Hügellandschaft eingebettet schien? Hatte der Zeichner mit dieser Skizze nicht ein ganz besonderes Flair eingefangen?
»Was ist das für ein Haus, Mylady?«, fragte ich.
»Das ist mein Zuhause, der Ort, wo ich geboren wurde: Durkham Manor in Wiltshire.«
»Es ist eigentümlich«, bemerkte ich, "aber es ist wunderschön!"
»Ja, es ist der wundervollste Platz auf dieser Welt.«
»Schöner als Landhydrock Hall?«, fragte ich verwundert.
Lady Marians Blick schien in diesem Moment meilenweit entfernt zu sein.
»Kind, es mag dir unverständlich klingen, da du Landhydrock Hall so sehr liebst. Doch dort, in Durkham Manor, ist meine Seele, mein Herz.« Sie schwieg und begann die Skizzen zusammen zu legen. Auf jeder war das Haus abgebildet: von vorne, von der Seite und von der Rückseite. Auf einer Zeichnung konnte ich eine weitausladende Terrasse erkennen. Gerne hätte ich mehr über Durkham Manor erfahren, doch ich merkte, dass ich Lady Marian in einer schwachen Minute gestört hatte und sie nicht bereit war, mehr preiszugeben.
»Du musst Simon ungebührliches Verhalten verzeihen«, wechselte Lady Marian abrupt das Thema. Die Skizzen hatte sie inzwischen in einer Schublade des Schreibtisches verschlossen. »Sein Vater war ein sehr stolzer Mann, der seinen Sohn stets in dem Glauben erzogen hat, dass Adel und Geld die Welt regieren. Leider benimmt sich Simon entsprechend. Ich hatte noch nie großen Einfluss auf ihn.«
»Es ist schon gut, Mylady. Ich verstehe es. Und außerdem gehöre ich wirklich nur zu den Dienstboten.«
Lady Marian stand auf und nahm meine Hand.
»Nein, bitte sprich nicht so, Celeste! Du bist viel, viel mehr! du bist mir eine Freundin geworden. Ich kann mir ein Leben auf Landhydrock ohne dich nicht mehr vorstellen.« Peinlich berührt sah ich zu Boden. Lady Marian sprach jedoch weiter. »Ich wünsche, dass du heute zum Dinner erscheinst. Du wirst es mit uns einnehmen, ob es meinem feinen Sohn gefällt oder nicht. Ich habe nämlich sehr wohl bemerkt, Celeste, warum du gerade in den letzten Tagen krank geworden bist.«
Beschämt ließ ich meinen Blick gesenkt.
»Verzeihen Sie, Mylady. Aber Lord Simon ist schließlich der Herr und Besitzer von Landhydrock Hall.«
Lady Marian sah mich erstaunt an.
»Es ist richtig, dass er als einziger Sohn und Erbe den Titel seines Vaters bei dessen Tod erhalten hat. Simon ist der rechtmäßige Lord Elkham. Landhydrock Hall jedoch wurde laut Testamentsbeschluss nur zu fünfzig Prozent ihm übertragen. Die andere Hälfte hat mein Mann mir vermacht. Außerdem habe ich über Simons Anteil bis zu seiner Volljährigkeit die alleinige Verfügungsgewalt. Du siehst also Celeste, noch bin ich die Herrin auf Landhydrock Hall, und ich gedenke, es noch einige Zeit zu bleiben. Und ich wünsche, dich zum Abendessen im Speisezimmer zu sehen.« Den letzten Satz hatte sie mit einem Zwinkern in den Augen gesagt, so dass ich wusste, es war kein Befehl, sondern eine Bitte.
Noch nie hatte ich eine solch qualvolle Mahlzeit erleben müssen. Es lag jedoch nicht am Essen, nein, das war gewiss vorzüglich, wenn ich nur etwas davon geschmeckt hätte, was mir auf den Teller gelegt wurde. Nur Lady Marians scharfe Worte hatten Simon daran gehindert, das Speisezimmer bei meinem Betreten sofort zu verlassen. Einen gewissen Respekt vor seiner Mutter hat er sich also bewahrt, dachte ich. Das Mahl verlief unter eisigem Schweigen. Anfangs war Lady Marian um leichte Konversation bemüht, doch weder Simon noch ich gingen darauf ein. Er bedachte mich mit kalten Blicken und ich war froh, dass ich meinen Mund wenigstens so weit aufbrachte, die Speisen zu mir zu nehmen.
Sobald das Dessert serviert worden war, warf Simon seine Serviette auf den Teller, schob den Stuhl geräuschvoll zurück und erhob sich. Beim Verlassen des Raumes wandte er sich an der Tür noch einmal um und meinte nur:
»Ich reise Morgen bei Tagesanbruch, Mutter. Du brauchst dich nicht extra bemühen, mir adieu zu sagen. Einen schönen Abend wünsche ich noch.«
Lady Marian saß stolz und aufrecht auf ihrem Stuhl. Kein Muskel regte sich in ihrem Gesicht, doch ich spürte, wie aufgewühlt sie war, wie sehr sie diese Zurückweisung ihres einzigen Sohnes traf.
Zum erstenmal bereute ich den Tag, an dem ich nach Landhydrock Hall gekommen war.
Während eines Aufenthaltes in London kommen sich die beiden jungen Menschen näher. Da geschieht auf der Heimreise ein schreckliches Zugunglück, bei dem Lady Marian stirbt. In diesen schweren Tagen sucht und findet Simon Halt bei Celeste - und gesteht ihr seine Liebe. Doch die Testamentseröffnung endet mit einem großen Eklat. Voller Zorn wendet sich Simon von Celeste ab. Erst als ihr das Tagebuch von Lady Marian in die Hände fällt und die gutgehüteten dunklen Familiengeheimnisse ans Licht kommen, nimmt Celestes Leben eine überraschende Wendung.
LESEPROBE
Oft ging ich, wenn ich allein sein wollte, in den Innenhof mit den herrlich blühenden Hortensien. Lady Marian wusste bald, dass dies mein Lieblingsplatz geworden war, und sie ließ mich nie rufen, wenn ich dort meine Zeit verbrachte. Häufig machte ich mit Gedanken über meine Zukunft, schließlich konnte ich ja nicht immer im Haushalt Lady Marians bleiben. Was hatte sie mit mir vor? Würde sie mir einen passenden Ehemann besorgen? Jetzt war ich sechzehn, in zwei oder drei Jahren war ich alt genug, um zu heiraten. Ich sprach Lady Marian jedoch nie darauf an, wahrscheinlich fürchtete ich mich vor ihrer Antwort.
So vergingen die Wochen in vollkommener Harmonie zwischen Lady Marian und mir, bis erneut jemand in mein Leben trat, dessen Existenz ich längere Zeit ignoriert hatte.
Es war ein herrlicher Septembernachmittag. Die Abende wurden schon kühl und ließen den herannahenden Herbst ahnen. Nach meiner täglichen Reitstunde hatte ich mich umgezogen, war in den Blumengarten gegangen und gerade damit beschäftigt, für Lady Marian einen Strauß Astern zu schneiden. Lady Marian selbst hatte sich mit einem Pächter zurück gezogen, um wichtige Dinge durchzusprechen. Aus der Gerne hörte ich eine Kutsche vor das Haus fahren. Es kümmerte mich jedoch nicht weiter, sondern ich summte eine kleine Ballade vor mich hin, die Lady Marian und ich am gestrigen Abend zusammen gesungen hatten. Erst als ein Schatten auf mich fiel, blickte ich hoch.
»Sieh mal einer an, eine fremde Blume zwischen all den Astern! Was willst du hier in unserem Garten? Woher hast du die Erlaubnis, unsere Blumen zu schneiden?«
Simon Elkham! Wie hatte ich ihn nur vergessen können! Er war schließlich der Sohn Lady Marian und trotz seiner Jugend Herr von Landhydrock Hall!
»Lady Marian selbst wünschte, dass ich ihr Blumen schneide und sie in ihr Arbeitszimmer stelle.« Ich hatte mich aufgerichtet und schaute Lord Elkham fest in die Augen. »Sie liebt Astern«, fügte ich fast trotzig hinzu.
»Was meine Mutter liebt, brauchst du mir nicht zu sagen!«, fuhr er mich barsch an. Seine Hand griff plötzlich an mein Kinn und hielt mein Gesicht in die Sonne. »Kennen wir und nicht? Ja, ich weiß! Du bist das freche Gör aus dem Dorf, das schon vor Jahren unser Tafelsilber stehlen wollte! Ich wundere mich, du bist genügsam geworden, heute sind es nur Blumen, auf die du es abgesehen hast!«
Sein Ton war genauso zynisch geblieben, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Wütend entgegnete ich:
»Ich lebe hier. Lady Marian hat mich als ihre Gesellschafterin angestellt, und ich habe und hatte es noch nie nötig, irgendetwas zu stehlen!«
»Ach nein, seit wann haben Dienstboten mitten am Tag Zeit, im Garten umher zu spazieren? Und das Kleid, das du trägst, sieht nicht gerade wie das eines Dienstmädchens aus.«
»Wenn Sie etwas an mir auszusetzen haben, dann besprechen Sie es bitte mit Ihrer Mutter, Lord Elkham. In deren Diensten stehe ich.«
Mit letzter Selbstbeherrschung ergriff ich die Blumen und kehrte Simon Elkham den Rücken, konnte jedoch nicht verhindern, dass Tränen in meinen Augen standen. Warum musste dieser Mann mich immer nur demütigen?
* * * * *
Ich ordnete gerade die Astern in eine Vase auf Lady Marians Schreibtisch unter dem Fenster, als die beschwingt den Raum betrat.
»Celeste, mein Sohn ist gerade angekommen«, rief sie fröhlich. und ihre Augen strahlten.
Ich nickte.
ra"Ja, ich habe ihn im Garten gesehen.«
»Na wunderbar! Ich glaube, ihr werdet euch gut verstehen! Kleide dich zum Dinner heute Abend in dein bestes Kleid, wir haben Anlass zu feiern. Wenn auch der Grund für Simons Anwesenheit keinesfalls erfreulich ist. Das Eton College musste wegen einer starten Grippeepidemie bis auf weiteres schließen, man stelle sich mal vor - Grippe, jetzt im Sommer! Nun, deshalb ist Simon mitten im Semester nach Hause gekommen. Ich hatte ihn eigentlich frühestens zu Weihnachten erwartet.«
Wäre mir auch lieber gewesen, dachte ich bei mir, und einen Moment schoss es mir sogar durch den Kopf, warum eigentlich Simon nicht an der Grippe erkrankt war. Dann wäre er wenigstens nicht hier! Sofort schämte ich mich meiner Gedanken und dachte an die Worte meiner Mutter, niemanden anderem etwas Schlechtes oder Böses zu wünschen.
»Verzeih mir , Mutter!«, murmelte ich und zu Lady Marian gewandt: »Ich werde pünktlich zum Abendessen erscheinen. Ich freue mich, Ihren Sohn näher kennen zu lernen,«
* * * * *
Das malvenfarbige Kleid stand mir besonders gut. Es harmonierte mit meinen dunklen Augen. Mein lockiges Har trug ich zu einem Knoten aufgesteckt, doch hatte ich es einigen vorwitzigen Strähnen erlaubt, in die Stirn zu fallen. In dem Bewusstsein, älter und reifer auszusehen, schritt ich die Treppe hinunter, durchquerte die Halle und wollte gerade das Speisezimmer betreten, als Lord Simons erregte Stimme mich innehalten ließ. »Der Lauscher an der Wand hört seine eigene Schand!« Die Worte meiner Mutter kamen mir ins Gedächtnis, aber da ich Simon Elkham meinen Namen sagen hörte, konnte ich nicht anders. Ich verbarg mich hinter der Tür.
»Mutter, ich bitte dich! Du kannst mir unmöglich zumuten, mit dem Personal zu speisen!«
»Celeste ist meine Gesellschafterin und Vertraute. Ja, fast so etwas wie meine Freundin. Du kannst sie nicht zum Personal rechnen. Und außerdem - Sarah May hat immer mit uns gegessen!«, entgegnete Lady Marian heftig.
»Sarah May war auch eine erwachsene und würdige Frau. Doch dieses Gör...!« Simon machte eine verächtliche Pause. »Hast du vergessen, wie sie vor Jahren, schmutzig und verkommen, hier im Speisezimmer unser Silber stehlen wollte?«
»Das ist nicht erwiesen, Simon, nur du hast behauptet, Celeste sei zum Stehlen gekommen. Ich vielmehr glaube, sie war nur ein kleines, neugieriges Kind.«
»Nun, auf jeden Fall weigere ich mich, mit dieser Person an einem Tisch zu sitzen. Schlimm genug, dass sie mit uns unter einem Dach lebt. Wenn Vater noch leben würde …«
»Ja, Simon, was wäre dann?«
»Vater pflegte nie einen solch … freundschaftlichen Umgang mit dem Personal. Wir dürfen nicht vergessen, wer wir sind. Das Geschlecht der Elkhams hat seit Jahrhunderten das Sagen hier in Cornwall.«
»Und das meiste Geld, wolltest du doch sagen, oder?«, ergänzte Lady Marian mit einem bitteren Unterton in der Stimme. Simon Elkham ging darauf nicht ein.
»Auf jeden Fall, Mutter, wenn du mir wirklich zumuten willst, mit dieser Person zu speisen oder womöglich noch mehr Zeit mit ihr zu verbringen, sehe ich mich leider gezwungen, abzureisen.«
»Abzureisen? Wohin?«
»Ich habe mich mit Richard Thynne in Eton angefreundet, dem Sohn des Marquis von Bath. Sie leben in der Nähe von Warminster in Longleat House. Richard hat mir schon mehrfach angeboten, die Ferien dort zu verbringen.«
Ich hatte genug gehört. Tränenblind stolperte ich die Treppe hinauf und war mich in meinem Zimmers aus Bett. Wütend hämmerte ich auf das Kopfkissen ein. Warum hatte ich jetzt nicht stolz und selbstbewusst den Raum betreten und so getan, als hätte ich kein Wort gehört? Warum konnte ich diesem Simon Elkham nicht beweisen, dass auch Menschen aus dem einfachen Volk ihren Stolz haben und sich benehmen können wie solche, die zufällig adlig geboren wurden? Warum nahm ich mir seine Worte nur so zu Herzen?
Es war klar, was Lady Marian tun würde. Simon war ihr Sohn. Lieber würde sie auf meine Anwesenheit verzichten, als zu riskieren, dass ihr eigener Sohn das Haus verließ. Doch ich wollte ihr die Peinlichkeit ersparen, mir mitteilen zu müssen, ich sei nicht zum Dinner erwünscht. Ich brachte mein Gesicht in Ordnung und klingelte nach einem Mädchen.
»Claire, bitte richte Lady Marian aus, dass ich mich nicht wohl fühle. Wahrscheinlich war ich heute Nachmittag zu lange in der Sonne. Mylady mögen mich beim Dinner entschuldigen, ich werde eine Kleinigkeit in meinem Zimmer zu mir nehmen.«
Die Speise, die mir Claire später brachte, ließ ich unberührt. In dieser Nacht weinte ich mich in den Schlaf.
* * * * *
Das Frühstück am nächsten Morgen nahm ich ebenfalls in meinem Zimmer zu mir; ich trank nur eine Tasse Tee und aß eine Scheibe Toast. als ich Hufgeklapper hörte, eilte ich zum Fenster. Simon Elkham war im Begriff, auszureiten. Erleichtert atmete ich auf. Allein der Gedanke, ihn außer Haus zu wissen, beruhigte mich ungemein.
Wenig später suchte mich Lady Marian auf.
»Celeste, Kind, das Mädchen sagte mir, dass du dich nicht wohl fühlst. Hoffentlich hast dir nicht diesen schrecklichen Grippevirus eingefangen?«
Sie schien ehrlich besorgt. Mit keinem Wort erwähnte sie den gestrigen Abend, geschweige denn den Streit mit ihrem Sohn. Warum sollte sie auch?
»Ich fühle mich wirklich schwach, Lady Marian«, erwiderte ich, vermied es aber, Lady Marian dabei anzusehen. »Vielleicht sollte ich mich wieder hinlegen. Oder benötigen Sie mich heute?«
»Nein, Celeste, nicht unbedingt. Ich möchte heute mit Simon über die Ländereien reiten. Es wäre schön gewesen, wenn du dich uns angeschlossen hättest. Aber es ist besser, du schonst dich, vielleicht bricht die Krankheit dann gar nicht erst aus.«
»Ja, Mylady Ich werde sogleich wieder zu Bett gehen.«
Lady Marian erhob sich.
»Ich schicke dir Claire. Sie steht heute zu deiner Verfügung, wenn du etwas brauchst.«
Kurze Zeit später hörte ich auch Lady Marian fortreiten, und eine tiefe Traurigkeit ergriff mich.
* * * * *
In den folgenden Tagen begegnete ich Simon Elkham nicht. Ich schützte Schwäche und Kopfschmerzen vor und verließ mein Zimmer nur, wenn ich sicher sein konnte, dass Simon das Haus verlassen hatte. Tag für Tag betete ich, das Eton College möge mitteilen, dass die Epidemie vorüber sei und das Semester fortgesetzt werden könne. In dieser Zeit fielen meine Unterrichtsstunden aus, aber ich hätte auch kaum die Nerven gehabt, mich zu konzentrieren.
* * * * *
An einem schönen Herbsttag suchte ich schon morgens meinen Lieblingsplatz, den Innenhof, auf in der Meinung, Simon seit ausgeritten. Ich hielt die Augen geschlossen und wandte mein Gesicht der Morgensonne zu, um die noch warmen Strahlen auf meiner Haut zu spüren.
»Ach nein, tagelang die Todkranke spielen, aber dann dem Herrgott die Zeit stehlen und ein Sonnenbad nehmen. Werden meine Angestellten etwa dafür bezahlt?«
Lord Simons scharfe Stimme ließ mich auffahren. Groß und breitschultrig stand er vor mir, die Hände, in der einen hielt er noch die Reitpeitsche, lässig auf die Hüften gestützt.
Hastig stand ich auf.
»Verzeihen Sie, Mylord. Ich wähnte Sie außer Haus.«
»Und wenn die Katze aus dem Haus ist, tanzen die Mäuse, wie? Nun, meine Mutter will dich sprechen. Claire sagte mir, du seiest nicht in deinem Zimmer. Da wollte ich doch mal schauen, wo sich krankes Personal denn so rumtreibt.«
Sein Ton war so voller Hohn, dass es mir die Röte in die Wangen trieb. Schnell senkte ich den Kopf.
»Ich werde ihre Mutter sofort aufsuchen, Mylord. Verzeihen Sie.«
Um die Tür zu erreichen, musste ich an ihm vorbei. Er wich keinen Zentimeter zur Seite, im Gegenteil. Fest umschlossen seine Finger meinen Arm und zogen mich zu ihm hin. Mit der anderen Hand, er hielt immer noch die Peitsche, fasste er mein Kinn und hob meinen Kopf so, dass ich ihm in die Augen sehen musste. Sein Griff war brutal und schmerzte, er schien mir den Kiefer zusammen zu drücken. Sekundenlang schauten wir uns an. Es war kaum zu glauben, dass Simon Elkham nur wenig älter als selbst war. Sein Gesicht mit den dunklen Bartstoppeln wirkte ausgesprochen männlich. Anscheinend hatte er sich heute Morgen noch nicht rasiert. Seine Augen bohrten sich in die meinigen, doch ich hielt dem Blick stand.
»Ich weiß zwar nicht, was du hier willst und was deine Anwesenheit im Schloss bezwecken soll, Mädchen, aber eines sage ich dir: Solltest du ein böses Spiel mit Lady Marian spielen, dann bekommst du es mit mir zu tun. Und nun geh und sieh zu, dass du mir während meiner restlichen Anwesenheit auf Landhydrock so wenig wie möglich unter die Augen kommst.«
Mit einem Ruck ließ er mich los, so dass ich taumelte. Schnell verließ ich den Innenhof. Mein Lieblingsplatz in diesem Haus war für mich zu einem Ort des Schreckens geworden!
* * * * *
Lady Marian bemerkte mein Eintreten nicht. Sie saß, den Rücken zur Tür gewandt, über den Schreibtisch gebeugt und starrte auf mehrere Skizzen, die wahllos auf der Platte verteilt waren. Erst als ich sie sacht an der Schulter berührte, zuckte sie zusammen.
»Ach Celeste, du hast mich erschreckt! Ich war einen Moment lang in Gedanken versunken.«
Vorsichtig nahm ich eine der Skizzen in die Hand und betrachtete sie lange. Es handelte sich um eine feine Tuschezeichnung. Abgebildet war ein dreigeschossiges Haus mit zahlreichen Fenstern. Es war nur einflügelig gebaut und schien nicht einmal halb so groß zu sein wie Landhydrock Hall, und doch ging etwas Heimeliges von ihm aus. Lag es daran, dass das Haus in die es umgebende Hügellandschaft eingebettet schien? Hatte der Zeichner mit dieser Skizze nicht ein ganz besonderes Flair eingefangen?
»Was ist das für ein Haus, Mylady?«, fragte ich.
»Das ist mein Zuhause, der Ort, wo ich geboren wurde: Durkham Manor in Wiltshire.«
»Es ist eigentümlich«, bemerkte ich, "aber es ist wunderschön!"
»Ja, es ist der wundervollste Platz auf dieser Welt.«
»Schöner als Landhydrock Hall?«, fragte ich verwundert.
Lady Marians Blick schien in diesem Moment meilenweit entfernt zu sein.
»Kind, es mag dir unverständlich klingen, da du Landhydrock Hall so sehr liebst. Doch dort, in Durkham Manor, ist meine Seele, mein Herz.« Sie schwieg und begann die Skizzen zusammen zu legen. Auf jeder war das Haus abgebildet: von vorne, von der Seite und von der Rückseite. Auf einer Zeichnung konnte ich eine weitausladende Terrasse erkennen. Gerne hätte ich mehr über Durkham Manor erfahren, doch ich merkte, dass ich Lady Marian in einer schwachen Minute gestört hatte und sie nicht bereit war, mehr preiszugeben.
»Du musst Simon ungebührliches Verhalten verzeihen«, wechselte Lady Marian abrupt das Thema. Die Skizzen hatte sie inzwischen in einer Schublade des Schreibtisches verschlossen. »Sein Vater war ein sehr stolzer Mann, der seinen Sohn stets in dem Glauben erzogen hat, dass Adel und Geld die Welt regieren. Leider benimmt sich Simon entsprechend. Ich hatte noch nie großen Einfluss auf ihn.«
»Es ist schon gut, Mylady. Ich verstehe es. Und außerdem gehöre ich wirklich nur zu den Dienstboten.«
Lady Marian stand auf und nahm meine Hand.
»Nein, bitte sprich nicht so, Celeste! Du bist viel, viel mehr! du bist mir eine Freundin geworden. Ich kann mir ein Leben auf Landhydrock ohne dich nicht mehr vorstellen.« Peinlich berührt sah ich zu Boden. Lady Marian sprach jedoch weiter. »Ich wünsche, dass du heute zum Dinner erscheinst. Du wirst es mit uns einnehmen, ob es meinem feinen Sohn gefällt oder nicht. Ich habe nämlich sehr wohl bemerkt, Celeste, warum du gerade in den letzten Tagen krank geworden bist.«
Beschämt ließ ich meinen Blick gesenkt.
»Verzeihen Sie, Mylady. Aber Lord Simon ist schließlich der Herr und Besitzer von Landhydrock Hall.«
Lady Marian sah mich erstaunt an.
»Es ist richtig, dass er als einziger Sohn und Erbe den Titel seines Vaters bei dessen Tod erhalten hat. Simon ist der rechtmäßige Lord Elkham. Landhydrock Hall jedoch wurde laut Testamentsbeschluss nur zu fünfzig Prozent ihm übertragen. Die andere Hälfte hat mein Mann mir vermacht. Außerdem habe ich über Simons Anteil bis zu seiner Volljährigkeit die alleinige Verfügungsgewalt. Du siehst also Celeste, noch bin ich die Herrin auf Landhydrock Hall, und ich gedenke, es noch einige Zeit zu bleiben. Und ich wünsche, dich zum Abendessen im Speisezimmer zu sehen.« Den letzten Satz hatte sie mit einem Zwinkern in den Augen gesagt, so dass ich wusste, es war kein Befehl, sondern eine Bitte.
Noch nie hatte ich eine solch qualvolle Mahlzeit erleben müssen. Es lag jedoch nicht am Essen, nein, das war gewiss vorzüglich, wenn ich nur etwas davon geschmeckt hätte, was mir auf den Teller gelegt wurde. Nur Lady Marians scharfe Worte hatten Simon daran gehindert, das Speisezimmer bei meinem Betreten sofort zu verlassen. Einen gewissen Respekt vor seiner Mutter hat er sich also bewahrt, dachte ich. Das Mahl verlief unter eisigem Schweigen. Anfangs war Lady Marian um leichte Konversation bemüht, doch weder Simon noch ich gingen darauf ein. Er bedachte mich mit kalten Blicken und ich war froh, dass ich meinen Mund wenigstens so weit aufbrachte, die Speisen zu mir zu nehmen.
Sobald das Dessert serviert worden war, warf Simon seine Serviette auf den Teller, schob den Stuhl geräuschvoll zurück und erhob sich. Beim Verlassen des Raumes wandte er sich an der Tür noch einmal um und meinte nur:
»Ich reise Morgen bei Tagesanbruch, Mutter. Du brauchst dich nicht extra bemühen, mir adieu zu sagen. Einen schönen Abend wünsche ich noch.«
Lady Marian saß stolz und aufrecht auf ihrem Stuhl. Kein Muskel regte sich in ihrem Gesicht, doch ich spürte, wie aufgewühlt sie war, wie sehr sie diese Zurückweisung ihres einzigen Sohnes traf.
Zum erstenmal bereute ich den Tag, an dem ich nach Landhydrock Hall gekommen war.





