DeLiA

Vereinigung deutschsprachiger Liebesromanautoren

Die sklavin des wikingers


Um 850 in der Normandie: Das Kloster, in das sie sich geflüchtet hat, bietet der jungen Grafentochter Mechthild keinen Schutz vor den kriegerischen Horden der Wikinger. Doch Ragnar, ihr Anführer, erkennt in Mechthild die schöne Frau, die ihm einst mit ihrer Heilkunst das Leben gerettet hat. Er nimmt sie gefangen – in der Hoffnung, ihr Herz zu gewinnen …





LESEPROBE


Das Tosen und Schlagen der Brecher war an dieser Stelle fast ohrenbetäubend. Möwen strichen in kühnem Flug über die heraneilenden, dunkelgrünen  Wellen. In der Mitte der Bucht lagen unzählige größere und kleinere Granitbrocken, die das Wasser jetzt langsam freigeben musste, denn die Meereswogen zogen sich zurück, weil der Mond es ihnen befahl. Mechthild schien es plötzlich, als habe sich einer der dunklen Steine bewegt. Sie schärfte den Blick. Hatte das Meer ein Seetier an Land gespült? Das wäre ein Segen für den kargen Mittagstisch des Klosters gewesen, wo es bisher nur Getreidebrei und verbrannte Zwiebeln gegeben hatte.

Doch als sie sich nun der Stelle mit vorsichtigen Schritten näherte, erkannte sie, dass dort kein Fisch lag, sondern ein Mensch.

Ein Ertrunkener, durchfuhr es sie voller Abscheu. Die Toten des Meeres waren hässlich, aufgequollen und hatten glasige Augen wie Fische. Hatte er sich wirklich gerührt, oder hatte das zurückflutende Wasser nur eines seiner Glieder bewegt? Zögernd ging sie weiter. Wenn jetzt jemand über die Felsen stieg, blieb ihr hier unten in der Bucht kaum eine Möglichkeit, sich zu verbergen. Du den Nonnenschleier hatte der Wind davongetragen. Aber sie wollte Gewissheit. Wenn es Brian war, der dort drüben leblos im Sand ausgestreckt la, hatten sich ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt. O Gott, lass es nicht Brian sein, flehte sie innerlich.

Er war es nicht. Schon aus der Entfernung erkannte sie, dass der Mann viel größer und kräftiger war als der schmale Brian. Auch trug er keine Mönchskutte, sondern ein zerrissenes Wams und eng anliegende Beinkleider. Dann erschrak sie, denn sie sah, dass das abgebrochene Ende eines Speeres aus seinem Rücken ragte.

Er atmete schwer und mühsam, sein Gesicht war bärtig, das nasse Haar klebte an seiner Stirn. Mechthild stutzte, als sie sich über ihn beugte: Der Mann hatte helles Haar. Seine Augenlider zitterten leicht, war er bei Besinnung?

Ein Amulett, das er an einer langen Kette um den Hals trug, blinkte neben ihm im Sand. Deutlich war die Form zu erkennen: ein Kreuz, dem der untere Längsbalken fehlte. Mechthild erstarrte. Es gab keinen Zweifel: Dieser Mann war einer der Drachenkrieger, die ihr Land verwüstet hatten. Ein Wikinger.
Ihr erster Impuls war, das Speerende zu fassen, um es dem Feind tief in den Körper zu stoßen. So tief, dass er auf der Stelle daran sterben würde …



Hilke Sellnick

Hilke Sellnick: Die Sklavin des Wikingers
Originalausgabe
Ullstein Januar 2008
Taschenbuch
ISBN: 3- 978-3-548-26782-1



Originalausgabe: Ullstein
Januar 2008
Genre: historischer Liebesroman
Zeit: um 850 n. Chr.
Handlungsort: Normandie