Wer ist das Mädchen, das sich
als Tochter des alten Barons ausgibt?
Felicitas kniete auf der Erde und stellte eine schlichte Vase in die Mitte eines Grabes. Es war noch früh am Morgen, und Nebelfetzen schwebten gespenstisch über dem Friedhof. Fee achtete nicht darauf. Völlig in Gedanken versunken, wickelte sie ihre langstieligen, schneeweißen Rosen aus dem Papier und steckte sie in eine Vase. Ein leichter Wind spielte in ihren rotblonden Haaren, die, offen getragen, über ihren Rücken bis zur Hälfte reichten.
»Deine Lieblingsblumen sind diesmal besonders schön«, flüsterte Fee. Erst als sie mit ihrem Arrangement zufrieden war, erhob sie sich und sah sich um. Es war noch niemand auf dem Friedhof zu sehen. Die Morgensonne versteckte sich hinter den Wolken, nur ab und zu tauchte ein Lichtstrahl die Umgebung in rötliches Licht. Alles wirkte friedlich. Aber Fee war aufgewühlt bis ins Innerste. Es hing mit Tante Helenes geheimnisvollen Anruf zusammen. Was wollte die Freundin ihrer verstorbenen Mutter von ihr? Denn mit dem Gewirr, der unzusammenhängenden Sätze bei dem gestrigen Telefonat, konnte sie beim besten Willen nichts anfangen. Noch in der selben Nacht war sie aufgebrochen, um mit ihrem kleinen Auto gleich am Morgen in der Stadt zu sein, in der Tante Helene lebte und wo sie selbst geboren und aufgewachsen war. Doch ehe sie die Tante begrüßte, hatte es Fee zum Friedhof gezogen, auf dem ihre Mutter schon seit langen Jahren beerdigt lag. Noch einen letzten Blick auf die Rosen und das Grab ihrer Mutter werfend, drehte sie sich um und lief mit zügigen Schritten dem Ausgang entgegen. Das Haus, in dem sie zusammen mit ihrer Mutter, deren Freundin Helene und deren Tochter Marie Jana aufgewachsen war, stand nur wenige Gehminuten entfernt.
Genau sieben Minuten später erreichte Felicitas ihr Ziel. Im Küchenfenster brannte Licht. Tante Helene war also schon wach. Vorsichtig öffnete Fee das schmiedeeiserne Tor, aber heute verstärkte das sonst so vertraute Quietschen ihre Unruhe. Zum ersten Mal in ihrem Leben betrat sie nur ungern die Stätte ihrer Kindheit. Gerade wollte sie den Klingelknopf drücken, als sich die Tür öffnete.
Helene, die ehemalige Baronin von Kronau, hatte sie schon vom Fenster aus gesehen.
»Fee!« rief sie nervös. »Wo steckst du? Ich habe dein Auto vor einer halben Stunde entdeckt, nur von dir fand ich keine Spur. Ich war so in Sorge. Zieh deine Jacke aus, in der Küche ist es mollig warm.« Wie ein gehetztes Tier blickte sie um sich, schloß die Tür und schob Fee in die Küche. »Nimm Platz, ich habe heißen Milchkaffee gekocht, so wie du ihn magst. Viel Milch und ein wenig Zucker.« Mit fahrigen Händen goß sie Kaffee in Fees Tasse und setzte sich ihr gegenüber. Ihre Finger faßten hektisch nach dem Zuckerdöschen. Felicitas ahnte, daß etwas geschehen sein mußte, denn so nervös Helene auch sonst war, so angstvoll wie heute hatte sie sie noch nie erlebt.
»Tante Helene, was ist denn?« fragte sie deshalb gleich. »Seit deinem Anruf bin ich in Sorge. Aber am Telefon wolltest du mir ja nichts erzählen. Was bedrückt dich? Rede doch!«
LESEPROBE
Felicitas kniete auf der Erde und stellte eine schlichte Vase in die Mitte eines Grabes. Es war noch früh am Morgen, und Nebelfetzen schwebten gespenstisch über dem Friedhof. Fee achtete nicht darauf. Völlig in Gedanken versunken, wickelte sie ihre langstieligen, schneeweißen Rosen aus dem Papier und steckte sie in eine Vase. Ein leichter Wind spielte in ihren rotblonden Haaren, die, offen getragen, über ihren Rücken bis zur Hälfte reichten.
»Deine Lieblingsblumen sind diesmal besonders schön«, flüsterte Fee. Erst als sie mit ihrem Arrangement zufrieden war, erhob sie sich und sah sich um. Es war noch niemand auf dem Friedhof zu sehen. Die Morgensonne versteckte sich hinter den Wolken, nur ab und zu tauchte ein Lichtstrahl die Umgebung in rötliches Licht. Alles wirkte friedlich. Aber Fee war aufgewühlt bis ins Innerste. Es hing mit Tante Helenes geheimnisvollen Anruf zusammen. Was wollte die Freundin ihrer verstorbenen Mutter von ihr? Denn mit dem Gewirr, der unzusammenhängenden Sätze bei dem gestrigen Telefonat, konnte sie beim besten Willen nichts anfangen. Noch in der selben Nacht war sie aufgebrochen, um mit ihrem kleinen Auto gleich am Morgen in der Stadt zu sein, in der Tante Helene lebte und wo sie selbst geboren und aufgewachsen war. Doch ehe sie die Tante begrüßte, hatte es Fee zum Friedhof gezogen, auf dem ihre Mutter schon seit langen Jahren beerdigt lag. Noch einen letzten Blick auf die Rosen und das Grab ihrer Mutter werfend, drehte sie sich um und lief mit zügigen Schritten dem Ausgang entgegen. Das Haus, in dem sie zusammen mit ihrer Mutter, deren Freundin Helene und deren Tochter Marie Jana aufgewachsen war, stand nur wenige Gehminuten entfernt.
Genau sieben Minuten später erreichte Felicitas ihr Ziel. Im Küchenfenster brannte Licht. Tante Helene war also schon wach. Vorsichtig öffnete Fee das schmiedeeiserne Tor, aber heute verstärkte das sonst so vertraute Quietschen ihre Unruhe. Zum ersten Mal in ihrem Leben betrat sie nur ungern die Stätte ihrer Kindheit. Gerade wollte sie den Klingelknopf drücken, als sich die Tür öffnete.
Helene, die ehemalige Baronin von Kronau, hatte sie schon vom Fenster aus gesehen.
»Fee!« rief sie nervös. »Wo steckst du? Ich habe dein Auto vor einer halben Stunde entdeckt, nur von dir fand ich keine Spur. Ich war so in Sorge. Zieh deine Jacke aus, in der Küche ist es mollig warm.« Wie ein gehetztes Tier blickte sie um sich, schloß die Tür und schob Fee in die Küche. »Nimm Platz, ich habe heißen Milchkaffee gekocht, so wie du ihn magst. Viel Milch und ein wenig Zucker.« Mit fahrigen Händen goß sie Kaffee in Fees Tasse und setzte sich ihr gegenüber. Ihre Finger faßten hektisch nach dem Zuckerdöschen. Felicitas ahnte, daß etwas geschehen sein mußte, denn so nervös Helene auch sonst war, so angstvoll wie heute hatte sie sie noch nie erlebt.
»Tante Helene, was ist denn?« fragte sie deshalb gleich. »Seit deinem Anruf bin ich in Sorge. Aber am Telefon wolltest du mir ja nichts erzählen. Was bedrückt dich? Rede doch!«


