Wird Miriam das Rätsel im alten
Wasserschloss lösen können?
Miriam schrak aus ihren Gedanken an dieses Zusammentreffen auf, als sich eine Amsel direkt vor sie setzte. Nein, es hatte keinen Sinn, immer wieder an diese Begegnung zu denken. Zwei Wochen war es her, und seitdem war sie dem Fremden nicht wiederbegegnet. Warum sie ständig an ihn denken mußte, wußte sie selbst nicht. Wahrscheinlich waren es seine stahlblauen Augen, die sie so seltsam berührt hatten. Miriam atmete tief durch, riß sich zusammen und betrachtete das Schloß, das groß und mächtig vor ihr lag. Es strahlte etwas Majestätisches aus. Hier wehte ein Hauch aus einer anderen Zeit, ein Hauch einer anderen Welt. Sie mußte diesen fremden Mann endlich vergessen, denn höchstwahrscheinlich würde sie ihn nie wieder sehen. Das Sanatorium mußte jetzt ihr wichtigstes Anliegen sein, keine sonstigen Träume. Mit diesem Projekt hatte sie wahrlich genug zu tun. Jetzt galt es zu handeln.
Von der Baroneß Sandheim hatte Miriam einiges über die Besitzer von Hohenfels erfahren.
Graf Carsten mußte ihrer Beschreibung nach ein sehr ernster Mensch sein, das genaue Gegenteil seines Vaters. Und obwohl das Schloß Graf Bodo gehörte, hatte auch sein Sohn Carsten in Hohenfels ein Wort mitzureden. Denn der junge Graf steckte seine gesamten Einkünfte in den Erhalt des Schlosses. Vielleicht würde ihm die Idee mit dem Sanatorium gelegen kommen.
Miriam besann sich nicht lange. Sie erhob sich und schritt den schmalen gewundenen Weg, der zum Schloß führte, nach unten. Jetzt gleich wollte sie mit dem Grafen sprechen und ihn bitten, ihr das Wasserschloß zu zeigen.
Entschlossen und voller Tatendrang kletterte sie den Weg hinunter, ihrem Ziel entgegen, und stand eine halbe Stunde später vor einem riesigen schmiedeeisernen Tor. Es war mit wundervoll gearbeiteten Blumen verziert und gab den Blick auf einen verwilderten Park und auf das mit Efeu überwucherte Schloß frei. Miriam schob das Tor zurück, das ihrem Druck mit einem abscheulichen Quietschen nachgab. Nun klopfte ihr Herz doch in raschen Schlägen, und unsicher sah sie sich um. Wohin sollte sie sich wenden? Es war niemand zu sehen. Also steuerte sie bedächtig dem Haupteingang zu, sich immer wieder umsehend, ob nicht doch irgend jemand im Hof oder Garten zu sehen war. Bald stand sie vor dem Portal und betrachtete den großen Türklopfer in Gestalt eines Bären, versehen mit einem Nasenring aus Eisen zum Anklopfen. Miriam faßte den Ring und schlug damit dreimal kräftig gegen die Tür.
Nichts rührte sich. Als sie ihren Versuch wiederholte, hörte sie plötzlich direkt hinter sich eine Stimme.
»Sie wünschen?« Miriam wirbelte herum und schaute direkt in zwei hellblaue freundliche Augen hinein, die lebenslustig aus einem gebräunten und von Falten übersätem Gesicht blickten.
»Gestatten, Bodo von Hohenfels. Ich bin sozusagen hier der Hausherr«, erklärte der ältere Herr und schob sich den Hut aus der Stirn. »Mein alter Butler hört nicht mehr so gut, wahrscheinlich schläft er auch, ist ja schon bald 90 Jahre alt, aber er weigert sich, seinen Posten aufzugeben. Ich hingegen halte mich häufig im Freien auf, und das ist auch der Grund, warum die Besucher unseres Hauses fast immer von hinten überrumpelt werden.«
Er zwinkerte Miriam gutgelaunt zu und stellte seinen Spaten an der Wand ab. »Bin gerade dabei, im Garten Ordnung zu schaffen. Was kann ich also für Sie tun?«
Miriam holte tief Luft.
LESEPROBE
Miriam schrak aus ihren Gedanken an dieses Zusammentreffen auf, als sich eine Amsel direkt vor sie setzte. Nein, es hatte keinen Sinn, immer wieder an diese Begegnung zu denken. Zwei Wochen war es her, und seitdem war sie dem Fremden nicht wiederbegegnet. Warum sie ständig an ihn denken mußte, wußte sie selbst nicht. Wahrscheinlich waren es seine stahlblauen Augen, die sie so seltsam berührt hatten. Miriam atmete tief durch, riß sich zusammen und betrachtete das Schloß, das groß und mächtig vor ihr lag. Es strahlte etwas Majestätisches aus. Hier wehte ein Hauch aus einer anderen Zeit, ein Hauch einer anderen Welt. Sie mußte diesen fremden Mann endlich vergessen, denn höchstwahrscheinlich würde sie ihn nie wieder sehen. Das Sanatorium mußte jetzt ihr wichtigstes Anliegen sein, keine sonstigen Träume. Mit diesem Projekt hatte sie wahrlich genug zu tun. Jetzt galt es zu handeln.
Von der Baroneß Sandheim hatte Miriam einiges über die Besitzer von Hohenfels erfahren.
Graf Carsten mußte ihrer Beschreibung nach ein sehr ernster Mensch sein, das genaue Gegenteil seines Vaters. Und obwohl das Schloß Graf Bodo gehörte, hatte auch sein Sohn Carsten in Hohenfels ein Wort mitzureden. Denn der junge Graf steckte seine gesamten Einkünfte in den Erhalt des Schlosses. Vielleicht würde ihm die Idee mit dem Sanatorium gelegen kommen.
Miriam besann sich nicht lange. Sie erhob sich und schritt den schmalen gewundenen Weg, der zum Schloß führte, nach unten. Jetzt gleich wollte sie mit dem Grafen sprechen und ihn bitten, ihr das Wasserschloß zu zeigen.
Entschlossen und voller Tatendrang kletterte sie den Weg hinunter, ihrem Ziel entgegen, und stand eine halbe Stunde später vor einem riesigen schmiedeeisernen Tor. Es war mit wundervoll gearbeiteten Blumen verziert und gab den Blick auf einen verwilderten Park und auf das mit Efeu überwucherte Schloß frei. Miriam schob das Tor zurück, das ihrem Druck mit einem abscheulichen Quietschen nachgab. Nun klopfte ihr Herz doch in raschen Schlägen, und unsicher sah sie sich um. Wohin sollte sie sich wenden? Es war niemand zu sehen. Also steuerte sie bedächtig dem Haupteingang zu, sich immer wieder umsehend, ob nicht doch irgend jemand im Hof oder Garten zu sehen war. Bald stand sie vor dem Portal und betrachtete den großen Türklopfer in Gestalt eines Bären, versehen mit einem Nasenring aus Eisen zum Anklopfen. Miriam faßte den Ring und schlug damit dreimal kräftig gegen die Tür.
Nichts rührte sich. Als sie ihren Versuch wiederholte, hörte sie plötzlich direkt hinter sich eine Stimme.
»Sie wünschen?« Miriam wirbelte herum und schaute direkt in zwei hellblaue freundliche Augen hinein, die lebenslustig aus einem gebräunten und von Falten übersätem Gesicht blickten.
»Gestatten, Bodo von Hohenfels. Ich bin sozusagen hier der Hausherr«, erklärte der ältere Herr und schob sich den Hut aus der Stirn. »Mein alter Butler hört nicht mehr so gut, wahrscheinlich schläft er auch, ist ja schon bald 90 Jahre alt, aber er weigert sich, seinen Posten aufzugeben. Ich hingegen halte mich häufig im Freien auf, und das ist auch der Grund, warum die Besucher unseres Hauses fast immer von hinten überrumpelt werden.«
Er zwinkerte Miriam gutgelaunt zu und stellte seinen Spaten an der Wand ab. »Bin gerade dabei, im Garten Ordnung zu schaffen. Was kann ich also für Sie tun?«
Miriam holte tief Luft.


