Eine mystische Erfahrung
verändert Judiths Leben.
»Judith hat erzählt, dass Jakob vor einem Jahr in einen schrecklichen Sturm geraten ist und sich und mehrere Ziegen gerettet hat.« Frau Fürst winkte mit einer schnellen Handbewegung ab.
»Das war nicht vor einem, sondern vor 25 Jahren. Jakob kann die Zeit nicht auseinander halten. Aber es stimmt. Er war unten im Tal und hat Ziegen geholt und die große Standuhr meiner Großeltern.« Frau Fürst machte eine kurze Pause. »Seit dieser Zeit erzählt er von dem wunderschönen Engel. Ich kann mich noch gut an den damaligen Tag erinnern. Der Sturm wütete entsetzlich. In der gesamten Region gab es große Schäden und wenn Jakob nicht in die Höhle geflüchtet wäre und sich dort versteckt hätte, er würde heute nicht mehr leben. Er behauptet aber felsenfest, dass ihn der Engel in die Höhle gelockt hatte. Irgendetwas muss ihn wirklich angelockt haben, denn Jakob würde von sich aus nie eine Höhle betreten. Er fürchtet sich vor der Dunkelheit. Er hat meinem Mann später gezeigt, wo sein Versteck gewesen war. Es war sein Glück, dass er diesen Platz verlassen hat, denn sonst wäre es sein sicherer Tod gewesen. Wir haben ihm nicht geglaubt, aber den Beweis für die Richtigkeit seiner Behauptung haben wir später dann doch noch gefunden.« Frau Fürst stand auf und lief zum Fenster. Es war eine klare Nacht und unzählige Sterne funkelten am Himmel. »Wir haben die Standuhr gefunden«, fuhr Frau Fürst ruhig fort. »Sie war vollständig zertrümmert. Es stimmt also, dass er zuerst an der Stelle war, die er uns angegeben hatte. Warum er sich dann doch entschlossen hat zur Höhle zu kriechen, weiß kein Mensch. Logisch denken, kann er nicht, aber vielleicht hat ihn sein Instinkt gewarnt. Sein Instinkt ist sehr ausgeprägt. Er wird nicht durch irgendwelche Denkprozesse behindert.« Sie lächelte sanft und sah Stefan in die Augen. »Ich langweile Sie sicher mit meinem Geschwätz.«
»Aber nein«, antwortete Stefan schnell. »Da Judith an seinen Geschichten ein so reges Interesse zeigt, ist es auch für mich wichtig zu verstehen, was sich dahinter verbirgt. Judith hat den Alten in ihr Herz geschlossen. Sie verehrt ihn über alles.«
»Ich weiß«, antwortete Frau Fürst. »Aber das ist ja das Gefährliche. Jakob meint es gut, aber er verführt die Kinder, allein in die Berge zu gehen und den Engel zu suchen. Judith ist nicht die Erste, die auf seine Geschichten herein gefallen ist.«
’Karen’, schoss es Stefan durch den Kopf. Und obwohl er nichts Genaueres über ihren Unfall in den Bergen wusste, war er sich doch sicher, dass er mit seiner Vermutung richtig lag.
»Die Karen«, fuhr Frau Fürst auch schon mit ihrer Erzählung fort, »die ist auch wegen seiner Engelsgeschichten in die Berge gelaufen. Es hat nicht mehr viel gefehlt und sie hätte dieses Abenteuer mit ihrem Leben bezahlen müssen. Sie war damals acht Jahre alt. Genau so alt wie Judith heute. Man sollte denken, dass die Mädels in diesem Alter schon vernünftig sind und so einen Unsinn über Engel, die mit goldenen Flügeln aus den Bergen schweben, nicht mehr ernst nehmen. Aber sie tun es. Und das, obwohl alle wissen, dass der alte Jakob nicht ganz dicht ist. Alle glauben ihm. Ich habe noch kein Kind erlebt, das an ihm gezweifelt hätte. Deshalb bin ich mit den Kindern so streng. Jakob begreift die Gefahr nicht. Aber ich könnte ihn tot prügeln, er würde mit dem Erzählen seiner Geschichten nicht aufhören.« Frau Fürst schwieg einen Augenblick. Auch Stefan war in seine Gedanken versunken. »Vielleicht ist es doch gut, dass Sie ins Forsthaus ziehen und Judith auch noch mit anderen Menschen in Kontakt kommt. Denn wenn sie nur Jakob zuhört, dann wird sie sich eines Tages auf und davon machen. Genau wie die Karen damals vor vielen Jahren. Sie wird sich auf die Suche nach dem Engel in den Bergen machen, da wird sie auch ihr steifes Bein nicht hindern.« Frau Fürst berührte ihr Glas und fuhr mit den Fingern über den Rand. Sie wusste, dass sie mit ihrer Beurteilung über Judith richtig lag. Stefan Weigert musste auf sein Kind acht geben. Wie gut, dass Judith vorhatte, Karen zu besuchen. Wenn diese ihr von ihrem Unfall in den Bergen erzählte, dann war das die beste Abschreckung. Doch niemand, auch Stefan nicht, ahnte, dass die sonst so scharfsinnige Frau, sich dieses Mal gründlich getäuscht hatte.
LESEPROBE
»Judith hat erzählt, dass Jakob vor einem Jahr in einen schrecklichen Sturm geraten ist und sich und mehrere Ziegen gerettet hat.« Frau Fürst winkte mit einer schnellen Handbewegung ab.
»Das war nicht vor einem, sondern vor 25 Jahren. Jakob kann die Zeit nicht auseinander halten. Aber es stimmt. Er war unten im Tal und hat Ziegen geholt und die große Standuhr meiner Großeltern.« Frau Fürst machte eine kurze Pause. »Seit dieser Zeit erzählt er von dem wunderschönen Engel. Ich kann mich noch gut an den damaligen Tag erinnern. Der Sturm wütete entsetzlich. In der gesamten Region gab es große Schäden und wenn Jakob nicht in die Höhle geflüchtet wäre und sich dort versteckt hätte, er würde heute nicht mehr leben. Er behauptet aber felsenfest, dass ihn der Engel in die Höhle gelockt hatte. Irgendetwas muss ihn wirklich angelockt haben, denn Jakob würde von sich aus nie eine Höhle betreten. Er fürchtet sich vor der Dunkelheit. Er hat meinem Mann später gezeigt, wo sein Versteck gewesen war. Es war sein Glück, dass er diesen Platz verlassen hat, denn sonst wäre es sein sicherer Tod gewesen. Wir haben ihm nicht geglaubt, aber den Beweis für die Richtigkeit seiner Behauptung haben wir später dann doch noch gefunden.« Frau Fürst stand auf und lief zum Fenster. Es war eine klare Nacht und unzählige Sterne funkelten am Himmel. »Wir haben die Standuhr gefunden«, fuhr Frau Fürst ruhig fort. »Sie war vollständig zertrümmert. Es stimmt also, dass er zuerst an der Stelle war, die er uns angegeben hatte. Warum er sich dann doch entschlossen hat zur Höhle zu kriechen, weiß kein Mensch. Logisch denken, kann er nicht, aber vielleicht hat ihn sein Instinkt gewarnt. Sein Instinkt ist sehr ausgeprägt. Er wird nicht durch irgendwelche Denkprozesse behindert.« Sie lächelte sanft und sah Stefan in die Augen. »Ich langweile Sie sicher mit meinem Geschwätz.«
»Aber nein«, antwortete Stefan schnell. »Da Judith an seinen Geschichten ein so reges Interesse zeigt, ist es auch für mich wichtig zu verstehen, was sich dahinter verbirgt. Judith hat den Alten in ihr Herz geschlossen. Sie verehrt ihn über alles.«
»Ich weiß«, antwortete Frau Fürst. »Aber das ist ja das Gefährliche. Jakob meint es gut, aber er verführt die Kinder, allein in die Berge zu gehen und den Engel zu suchen. Judith ist nicht die Erste, die auf seine Geschichten herein gefallen ist.«
’Karen’, schoss es Stefan durch den Kopf. Und obwohl er nichts Genaueres über ihren Unfall in den Bergen wusste, war er sich doch sicher, dass er mit seiner Vermutung richtig lag.
»Die Karen«, fuhr Frau Fürst auch schon mit ihrer Erzählung fort, »die ist auch wegen seiner Engelsgeschichten in die Berge gelaufen. Es hat nicht mehr viel gefehlt und sie hätte dieses Abenteuer mit ihrem Leben bezahlen müssen. Sie war damals acht Jahre alt. Genau so alt wie Judith heute. Man sollte denken, dass die Mädels in diesem Alter schon vernünftig sind und so einen Unsinn über Engel, die mit goldenen Flügeln aus den Bergen schweben, nicht mehr ernst nehmen. Aber sie tun es. Und das, obwohl alle wissen, dass der alte Jakob nicht ganz dicht ist. Alle glauben ihm. Ich habe noch kein Kind erlebt, das an ihm gezweifelt hätte. Deshalb bin ich mit den Kindern so streng. Jakob begreift die Gefahr nicht. Aber ich könnte ihn tot prügeln, er würde mit dem Erzählen seiner Geschichten nicht aufhören.« Frau Fürst schwieg einen Augenblick. Auch Stefan war in seine Gedanken versunken. »Vielleicht ist es doch gut, dass Sie ins Forsthaus ziehen und Judith auch noch mit anderen Menschen in Kontakt kommt. Denn wenn sie nur Jakob zuhört, dann wird sie sich eines Tages auf und davon machen. Genau wie die Karen damals vor vielen Jahren. Sie wird sich auf die Suche nach dem Engel in den Bergen machen, da wird sie auch ihr steifes Bein nicht hindern.« Frau Fürst berührte ihr Glas und fuhr mit den Fingern über den Rand. Sie wusste, dass sie mit ihrer Beurteilung über Judith richtig lag. Stefan Weigert musste auf sein Kind acht geben. Wie gut, dass Judith vorhatte, Karen zu besuchen. Wenn diese ihr von ihrem Unfall in den Bergen erzählte, dann war das die beste Abschreckung. Doch niemand, auch Stefan nicht, ahnte, dass die sonst so scharfsinnige Frau, sich dieses Mal gründlich getäuscht hatte.


