Während der Herrscher von
Katrakan noch darüber nachdenkt, wie er die Schmach des verlorenen
Kampfes vergelten soll, trifft eine gute Botschaft bei ihm ein: Eleon,
die frisch gekrönte Königin von Solaras will den Frieden in ihrem Land
sichern. Ohne ihre fünf Hüter um Rat zu fragen, entsendet sie einen
Boten zu Ognam. Die Nachricht lautet Frieden für den Preis eines
Zugangs zum Meer. Türam, 2. Hüter von Solaras und Gesandter des
Nordens, ist entsetzt, dass Eleon dem Herrscher von Katrakan einen
Zugang zum Meer und somit zum Nordreich ermöglichen will. Er
verdächtigt Ognam, einen Überfall auf Solaras zu planen und versucht
Eleon davon zu überzeugen, den Boten zurückzurufen und ihr Angebot
zurückzuziehen. Doch die Königin bleibt bei ihrer Entscheidung. Sie
will Frieden! Sie vertraut auf die Weisungen des Ordens und auf die
Macht des Friedens. Sie glaubt Ognam, der das Friedensangebot annimmt.
Türam vertraut auf seine Erfahrungen mit Katrakan und ist gemeinsam mit
den anderen vier Hütern auf alles, was aus Katrakan kommen könnte,
vorbereitet.
„Wie schaffst du es, an solche Geheimnisse heranzukommen?“ Türam richtete sich auf. „Als wir uns zum ersten Mal begegnet sind, wusstest du von der Entführung Eleons durch Ognam und nun hast du herausgefunden, dass das Zeichen des Ordens unvollständig ist. Niemand weiß etwas davon, niemand kennt dieses Geheimnis, nur die wichtigsten Vertreter des Ordens und die Hüter.“
„Ich bin eine Hexe, warum vergesst ihr das immer wieder?“
„Weil es auch andere Hexen gibt, die aber dieses Wissen nicht mit dir teilen.“
Tamega zwinkerte ihm zu. „Vielleicht bin ich besser als die anderen. Vielleicht bin ich auch deshalb, obwohl ich eine Frau bin, Hüterin geworden.“
„Dass ist nur Eleons Verdienst. Unter einer männlichen Herrschaft wäre dieser Fehler nicht passiert.“ Türam starrte in seinen leeren Becher. „Da siehst du mal, wie das Schicksal manchmal die Fäden spinnt. Vielleicht spiele ich für Solaras noch eine ganz entscheidende Rolle. Vielleicht entdecke ich sogar das verloren gegangene alte Symbol unseres Ordens.“
„Hast du nicht gehört, was Hekum gesagt hat? Das Zeichen ist nicht verloren gegangen. Ein Geheimbund hütet das Geheimnis. Und sie sind auch die Einzigen, die jeder Zeit in der Lage sind, die ursprüngliche Macht des Ordens wieder heraufzubeschwören. Das Symbol ist mächtig, aber nicht ungefährlich. Die Prophezeiung sagt, nur wenn die Macht der Feenkräfte wieder auflebt, wird sich alles einen und es wird Frieden sein. Aber das Orakel von Ajin sieht auch genau in dieser Einigung eine große Gefahr. Und zwar darin, dass die Feenkräfte versagen und falsche Entscheidungen getroffen werden. Es ist besser, sich nicht mit der Vergangenheit zu beschäftigen. Unterlass jeden Versuch, das alte Symbol zu sehen, sonst weckst du ungeahnte Kräfte, die nicht zu kontrollieren sind. Noch ist die Zeit nicht reif. Überlass diese Entscheidung anderen.“
Tamega betrachtete ihn eine Weile stumm. Irgendetwas in seinen Augen ließ sie vermuten, dass er mehr wusste, als er ihr verriet. Aber in einem Punkt war sie sich sicher. Türam machte sich große Sorgen. Und es ging um sehr viel mehr, als sie selbst ahnte. Wieder saßen sie eine Weile stumm am Tisch und Tamega zerstampfte weiter die Kräuter in ihrer Schale. Als sie alles zerrieben hatte, nahm sie die feuchten Pflanzen in die Hand und roch daran. „Ein aromatischer Duft“, sagte sie und streckte die Hand über den Tisch. Dann stopfte sie Türam ohne zu fragen, die Kräuter in den Mund.
Er wollte zurückweichen, aber es war zu spät. „Schmeckt scharf“, sagte er und schluckte. Dann plötzlich riss er die Augen auf, fasste sich an den Hals und fiel im gleichen Augenblick zur Seite. Zusammengesunken lag er auf der Holzbank. Tamega sprang auf, doch es dauerte einige Zeit, bis der Riesenzwerg wieder zu sich kam. „Was, um Himmels willen, war das schon wieder?“, keuchte er und Tamega biss sich auf die Lippen.
„Offensichtlich die falsche Zusammensetzung“, gestand sie und erntete von Türam einen giftigen Blick.
„Du experimentierst schon wieder“, brummte er und erhob sich. „Bevor du mich völlig ausschaltest, ziehe ich mich freiwillig zurück.“
„Nicht böse sein“, lächelte Tamega und begleitete ihn nach draußen. Türam beschleunigte seinen Gang, doch Tamega ließ sich nicht abschütteln. Erst als sie an den Palastfenstern vorbeikamen, blieb sie stehen. Auch Türam hielt in seinem Schritt inne und folgte ihrem Blick nach oben. Mefalla lehnte aus einem der Fenster und starrte in die Nacht. „Da kann offenbar noch jemand keine Ruhe finden“, flüsterte Tamega und sah, wie Türam die Stirn in tiefe Falten zog.
„Ich würde im Palast meiner Feinde auch keine Ruhe finden“, brummte er. „Sie kommt aus Katrakan und ich sage dir, ihr zu vertrauen, ist genauso ein Fehler, wie Ognam die Hand zu reichen. In ihren Adern fließt Elfenblut, das dürfen wir nie vergessen.“ Er drehte sich um und lief davon. Tamega sah ein, dass ihm heute nicht mehr beizukommen war. Noch einmal schaute sie nach oben und hob die Hand zum Gruß. Und sie sah, wie Mefalla ebenfalls zurückwinkte. In tiefe Gedanken versunken, lief Tamega zurück und betrat ihr Haus. Doch Schlaf fand sie in dieser Nacht keinen.
LESEPROBE
„Wie schaffst du es, an solche Geheimnisse heranzukommen?“ Türam richtete sich auf. „Als wir uns zum ersten Mal begegnet sind, wusstest du von der Entführung Eleons durch Ognam und nun hast du herausgefunden, dass das Zeichen des Ordens unvollständig ist. Niemand weiß etwas davon, niemand kennt dieses Geheimnis, nur die wichtigsten Vertreter des Ordens und die Hüter.“
„Ich bin eine Hexe, warum vergesst ihr das immer wieder?“
„Weil es auch andere Hexen gibt, die aber dieses Wissen nicht mit dir teilen.“
Tamega zwinkerte ihm zu. „Vielleicht bin ich besser als die anderen. Vielleicht bin ich auch deshalb, obwohl ich eine Frau bin, Hüterin geworden.“
„Dass ist nur Eleons Verdienst. Unter einer männlichen Herrschaft wäre dieser Fehler nicht passiert.“ Türam starrte in seinen leeren Becher. „Da siehst du mal, wie das Schicksal manchmal die Fäden spinnt. Vielleicht spiele ich für Solaras noch eine ganz entscheidende Rolle. Vielleicht entdecke ich sogar das verloren gegangene alte Symbol unseres Ordens.“
„Hast du nicht gehört, was Hekum gesagt hat? Das Zeichen ist nicht verloren gegangen. Ein Geheimbund hütet das Geheimnis. Und sie sind auch die Einzigen, die jeder Zeit in der Lage sind, die ursprüngliche Macht des Ordens wieder heraufzubeschwören. Das Symbol ist mächtig, aber nicht ungefährlich. Die Prophezeiung sagt, nur wenn die Macht der Feenkräfte wieder auflebt, wird sich alles einen und es wird Frieden sein. Aber das Orakel von Ajin sieht auch genau in dieser Einigung eine große Gefahr. Und zwar darin, dass die Feenkräfte versagen und falsche Entscheidungen getroffen werden. Es ist besser, sich nicht mit der Vergangenheit zu beschäftigen. Unterlass jeden Versuch, das alte Symbol zu sehen, sonst weckst du ungeahnte Kräfte, die nicht zu kontrollieren sind. Noch ist die Zeit nicht reif. Überlass diese Entscheidung anderen.“
Tamega betrachtete ihn eine Weile stumm. Irgendetwas in seinen Augen ließ sie vermuten, dass er mehr wusste, als er ihr verriet. Aber in einem Punkt war sie sich sicher. Türam machte sich große Sorgen. Und es ging um sehr viel mehr, als sie selbst ahnte. Wieder saßen sie eine Weile stumm am Tisch und Tamega zerstampfte weiter die Kräuter in ihrer Schale. Als sie alles zerrieben hatte, nahm sie die feuchten Pflanzen in die Hand und roch daran. „Ein aromatischer Duft“, sagte sie und streckte die Hand über den Tisch. Dann stopfte sie Türam ohne zu fragen, die Kräuter in den Mund.
Er wollte zurückweichen, aber es war zu spät. „Schmeckt scharf“, sagte er und schluckte. Dann plötzlich riss er die Augen auf, fasste sich an den Hals und fiel im gleichen Augenblick zur Seite. Zusammengesunken lag er auf der Holzbank. Tamega sprang auf, doch es dauerte einige Zeit, bis der Riesenzwerg wieder zu sich kam. „Was, um Himmels willen, war das schon wieder?“, keuchte er und Tamega biss sich auf die Lippen.
„Offensichtlich die falsche Zusammensetzung“, gestand sie und erntete von Türam einen giftigen Blick.
„Du experimentierst schon wieder“, brummte er und erhob sich. „Bevor du mich völlig ausschaltest, ziehe ich mich freiwillig zurück.“
„Nicht böse sein“, lächelte Tamega und begleitete ihn nach draußen. Türam beschleunigte seinen Gang, doch Tamega ließ sich nicht abschütteln. Erst als sie an den Palastfenstern vorbeikamen, blieb sie stehen. Auch Türam hielt in seinem Schritt inne und folgte ihrem Blick nach oben. Mefalla lehnte aus einem der Fenster und starrte in die Nacht. „Da kann offenbar noch jemand keine Ruhe finden“, flüsterte Tamega und sah, wie Türam die Stirn in tiefe Falten zog.
„Ich würde im Palast meiner Feinde auch keine Ruhe finden“, brummte er. „Sie kommt aus Katrakan und ich sage dir, ihr zu vertrauen, ist genauso ein Fehler, wie Ognam die Hand zu reichen. In ihren Adern fließt Elfenblut, das dürfen wir nie vergessen.“ Er drehte sich um und lief davon. Tamega sah ein, dass ihm heute nicht mehr beizukommen war. Noch einmal schaute sie nach oben und hob die Hand zum Gruß. Und sie sah, wie Mefalla ebenfalls zurückwinkte. In tiefe Gedanken versunken, lief Tamega zurück und betrat ihr Haus. Doch Schlaf fand sie in dieser Nacht keinen.


