Auf der Flucht vor der Polizei
verschwindet ihr Freund spurlos, die Konten sind leer, Job und Wohnung
gekündigt - die junge Maribel Weber steht vor den Trümmern ihres
Lebens. Bringt der undurchsichtige Richard Pindall in dieser Situation
Rettung oder Verderben? Als Maribel ihm durch eine ihr bis dahin
verborgene Tür folgt, findet sie sich als Dienstmagd auf einem Gutshof
Ende 1813 am deutschen Niederrhein wieder. Maribel muss erfahren, dass
ihr Wissen aus dem 21. Jahrhundert wenig Wert besitzt in einer Welt,
die geprägt ist von Kampf, Unterdrückung und dem verzweifelten Wunsch
zu überleben. Während sie noch mit ihrem Schicksal hadert, ist Maribel
längst Mittelpunkt einer leidenschaftlichen Liebesgeschichte, die für
die Ewigkeit bestimmt zu sein scheint …
»Liebst du mich?«
»Wie mein Leben.«
Mit einem glücklichen Lächeln häufelte Kati Weber, dreiundzwanzig, ledig, Kaffeemehl in die Filtertüte, füllte Wasser in die Maschine und knipste sie an.
Es war der Morgen des dreizehnten Dezember. Unter ihrem Morgenrock trug Kati nichts als nackte Haut und im Zimmer nebenan wühlte Boris, der Mann ihrer Träume, sich in seine Kissen.
Während Kati die aufgebackenen Croissants aus dem Backofen holte und auf einen Teller legte, warf sie einen Blick hinaus. Das Haus, in dem sie wohnte, lag am Rande des Wasserschutzgebietes. Obwohl es der Jahreszeit entsprechend draußen noch dunkel war, wusste sie, dass sich ihr gegenüber nichts als flache, dünn besiedelte Landschaft erstreckte. Eine kleine Baumgruppe begrenzte am Horizont die winterlich kargen Felder. Der nahe Rhein grüßte mit dem typischen Tuckern der Dieselmotoren. Lastschiffe gehörten zu dieser Landschaft wie die Möwen und Krähen, die sich im Frühjahr das Saatgut auf den Feldern teilten. Kati mochte es, am Niederrhein zu leben. Auf die Frage: »Wo möchten Sie alt werden?« gab es für sie nur eine Antwort: »Natürlich hier, wo sonst?«
Sie wartete nicht, bis der Kaffee sprudelnd durch die Maschine gelaufen war, sondern stellte das Glas mit Flüssighonig zu dem Orangensaft und der Butter aufs Tablett. Auf leichten Füßen schwebte sie hinüber ins Schlafzimmer.
Boris lag noch im Bett, wie sie ihn verlassen hatte. Auf dem Bauch, ein Bein angezogen, den linken Arm um den Kopf gelegt. Zwischen den Fingern seiner Hand hindurch beobachtete er Kati, wie sie das Frühstückstablett auf dem Nachttisch neben dem Bett abstellte. Ihr Morgenmantel sprang über ihren Brüsten auf. Er streckte die Hand nach ihr aus und hakte sich in ihrem Ausschnitt ein. Breit grinsend zog er sie zu sich heran, bis sie das Gleichgewicht verlor und lachend zu ihm aufs Bett kippte.
»Hast du immer noch nicht genug?« Mehr, mehr. Ihre funkelnden Augen lockten ihn vergnügt.
»Von dir nie.« Begehrlich blinzelte er ihr in den Ausschnitt. Pralle, alabasterfarbene Brüste zogen seine Hand magisch an. Zart strich er mit den Fingerspitzen über ihre rosafarbenen Brustwarzen. Sie revanchierte sich, indem sie sich spielerisch in seine Ohrläppchen verbiss.
»Willst du dein Frühstücksei etwa kalt werden lassen?«, hauchte sie ihm ins Ohr.
Lachend vergrub er sein Gesicht in ihren Locken.
»Soll das eine Beleidigung sein? Es beginnt gerade wieder zu kochen.«
Ein glückliches Lächeln umspielte ihre Lippen. »Du bist der albernste Mann, den ich kenne.« Überrascht riss sie die Augen auf, als ihr ein klebriger Klecks in die Halskuhle klatschte.
Honig!
»Oh, Boris, bist du verrückt? Das klebt doch!«
»Nicht mehr lange!« Gierig züngelte seine Zunge über den Honig. Wonne und Qual gleichzeitig erregten sie.
»Du bist bei weitestem die süßeste Frau, die ich kenne.«
»Und du bist verrückt!« Kati schickte einen tiefen, sehnsuchtsvollen Seufzer hinterher. Sie war machtlos gegen ihre Gefühle für diesen Mann. Wie das Wasser eines klaren Bachlaufs spülte er jeden künstlich aufgebauten Widerstand einfach mit sich fort.
Wann war sie das letzte Mal derart glücklich gewesen?
Es klingelte an der Wohnungstür. Als er überrascht den Kopf hob und sie ansah, glänzte Honig an seinem Kinn.
»Erwartest du jemanden?«
»Nicht, dass ich wüsste.«
Kati warf einen verärgerten Blick auf ihren Radiowecker. 7:15 Uhr. Nicht die Zeit für unangemeldeten Besuch. Leise fluchend schwang Kati die Beine aus dem Bett. Dann erst brachte sie ihren Oberkörper in die Senkrechte. Träge ließ sie ein paar Sekunden verstreichen, bevor sie endgültig aufstand. Ihre Beine fühlten sich fremd an. Ihr Körper schien sich jedesmal in seine Bestandteile aufzulösen, wenn Boris und sie sich liebten. Auch an diesem Morgen fehlten ihr noch eine heiße Dusche und ein starker Kaffe, um wieder ganz sie selbst zu sein.
»Hier.« Boris zog ein Papiertuch aus der Packung, die immer griffbereit auf dem Nachttisch stand. Zärtlich versuchte er, Kati den Honig von der Brust zu tupfen. Kleine Papierkrümel blieben haften.
»Das sieht verdächtig nach einer gemeinsamen Dusche aus.«
»Lustmolch!«
Es klingelte erneut. Noch fordernder als beim ersten Mal.
Energisch verknotete Kati den Gürtel des dünnen Mantels vor ihrem Bauch und schlüpfte in ihre Pantoletten.
»Na warte, denen erzähle ich was.« Verärgert zog sie die Schlafzimmertür hinter sich zu. Auf dem Weg zur Wohnungstür klingelte es erneut. Das dritte Mal.
»Aufmachen, Polizei.« Mit der Faust wurde kräftig gegen die Tür geklopft.
Kati spürte, wie sich die Härchen auf ihrer Haut aufrichteten. Polizei? Bei ihr? Zu dieser Stunde?
»Ich komm ja schon.« Wo steckte denn nun schon wieder dieser verdammte Schlüssel? Andere Leute besaßen wenigstens einen Haken neben der Wohnungstür, um den Schlüssel stets griffbereit zu haben. Sie hatte leider noch nie zu den ordentlichsten Menschen gezählt.
Wieder dieses verdammte Klingeln.
Kati entdeckte den Wohnungsschlüssel in der Küche, neben dem Topf mit dem Rest der Tomatensoße, die sie gestern Abend zu den Spaghetti gegessen hatten. Im Hinauslaufen warf sie die Packung des Fertiggerichts in den Müllbehälter. Fast wäre der Schlüssel hinterher geflogen, so zitterten ihr die Finger.
Als Kati den Schlüssel ins Schloss steckte, um ihn zu drehen, stellte sie fest, dass nicht abgeschlossen war. Einen Moment lang blieb sie stehen und atmete bewusst aus. Dann erst drückte sie die Klinke hinunter.
Zwei Polizisten in Uniform stürmten an ihr vorbei in die Wohnung hinein. Eine junge Frau in Zivil blieb vor Kati stehen, maß sie mit abschätzendem Blick.
»Dagmar Wagner. Kripo. Betrugsdezernat. Wir suchen Boris Wendzinski. Ist er hier?« Überrumpelt wies Kati den Weg ins Schlafzimmer. Kriminalkommissarin Wagner hielt ihr den Dienstausweis vor die Nase. Kati war zu aufgeregt, um ernsthaft die Angaben prüfen zu können. Zu ihrem Entsetzen befand sie sich mitten in einer Polizeiaktion.
Wie gebannt starrte sie auf die Schlafzimmertür, hinter der Boris nackt auf sie wartete.
* * * * *
Man suchte nach ihm. Boris hatte es kommen gesehen. Was ihm blieb, war nur die Flucht. Auf ein Wiedersehen, Kati!
Es brannte kein Licht, als die Polizei das Schlafzimmer stürmte. Das Bett war leer. Weit stand das Fenster offen. Schneeluft wehte herein.
Boris Wendzinski hatte das Weite gesucht.
Kati zwickte sich in den Arm, um sicher zu gehen, dass sie nicht träumte. Einer der Beamten beugte sich aus dem Fenster, spähte konzentriert nach rechts, dann nach links, am Schluss nach unten in den Hinterhof.
»Wie vom Erdboden verschluckt, der Kerl.« Sein Kollege schien ihm ähnlich zu misstrauen wie Kati. Auch er trat ans Fenster, spähte nach oben, wo zwei weitere Stockwerke folgten.
»Nichts.«
»Fangt an, die Wohnung zu durchsuchen«, befahl Wagner. Obwohl Kati ihr Alter auf unter dreißig schätzte, klang ihre Stimme bereits resigniert.
»Ich versteh das alles nicht.« Kati ließ sich in den Sessel fallen, der ihr am nächsten stand. Ein dumpfer Druck machte sich hinter ihren Schläfen bemerkbar, als sie beobachtete, wie die beiden Polizisten eine Schranktür nach der anderen öffneten, Schubladen aufzogen, unters Bett spähten, Vorhänge und Decken anhoben, immer auf der Suche nach Boris.
»Ich versteh das nicht.«
Dagmar Wagner blieb vor ihr stehen und sah prüfend auf sie herab. »Möchten Sie etwas trinken? Ein Glas Wasser, vielleicht?«, fragte sie. Als ob sie hier zu Hause war und nicht Kati.
Kati schüttelte den Kopf.
»Was ist passiert? Was wollen sie von Boris?«
Die Kriminalbeamtin entsann sich ihrer Ausbildung in Psychologie. Sie zog einen Stuhl zu Kati heran und setzte sich. Ihr Lächeln sollte beruhigend wirken.
»In meiner Tasche steckt ein Haftbefehl für ihren Freund. Man wirft ihm fortgesetzten Betrug vor. Internetgeschäfte. Wir sind ihm schon seit langem auf der Spur.«
Die Frau ließ ihren Blick über das Mobiliar schweifen. Schwedische Selbstbauregale zu wenigen Designerstücken. Zeitschriften stapelten sich in losen Haufen auf Tischen und dem Fußboden. Kalter Zigarettenrauch hing in der Luft, im Aschenbecher häuften sich die Kippen.
»Rauchen Sie?«
»Nein, mein Freund.«
Mit dem Kopf gab Wagner ihrem Kollegen das Zeichen, die Kippen als Beweismittel zu sichern.
»Sie sind die Mieterin dieser Wohnung?«
Kati nickte wahrheitsgemäß.
»Seit wann wohnt Boris Wendzinski bei Ihnen?«
Kati zog an ihren Fingern, bis die Knochen knackten.
Sie glaubte nicht an seine Schuld. Wieviel durfte sie erzählen, ohne ihm zu schaden? Man kannte das ja aus Fernsehkrimis: Je mehr man erzählte, umso mehr Indizien wurden gegen einen gesammelt. Irgendwann landete dann sogar der Unschuldigste im Gefängnis.
»Boris und ich teilen uns die Wohnung.«
»Seit wann?«
Kati versuchte sich zu konzentrieren. Wann war Boris bei ihr eingezogen?
»Eigentlich von Anfang an. Es war Liebe auf den ersten Blick.«
»So etwas gibt’s noch?«
Verzogen sich die Mundwinkel der Kriminalbeamtin geringschätzig nach unten? Kati versuchte es zu ignorieren.
»Wir lernten uns vor etwa vier Wochen in einer Bar kennen. Ich arbeite in einem Eheanbahnungsinstitut und habe einen Kunden zu seinem ersten Date begleitet. Danach nahm ich noch einen Drink. Und dann sah ich ihn.« Katis Stimme verlor sich, als sie sich an diesen Moment erinnerte.
In dem schummrigen Licht, das in der Bar herrschte, erschien Boris ihr mit seinen hellen Haaren und dem weißen Anzug fast wie eine überirdische Erscheinung. Obwohl sie es versuchte, gelang es ihr nicht, den Blick abzuwenden, als er sie anlächelte. Sein Lächeln fühlte sich wie ein warmer Mantel an, den er ihr zum Schutz gegen die Kälte um die Schultern legte. Aufatmend schlüpfte sie hinein.
War es wirklich erst vier Wochen her?
Ratlosigkeit schnürte ihr die Kehle zu. Fast panisch sprang sie auf. Weit öffnete sie das Fenster, atmete bewusst ein und aus. Ihr Blick fiel hinunter auf die Straße. Kein zerschmetterter Körper verunstaltete das Betonpflaster. Doch eine Ansammlung Neugieriger scharrte sich um die beiden Polizeifahrzeuge, die draußen vor dem Haus warteten. Die Köpfe reckten sich nach oben, als sie Kati bemerkten. Hastig zog sie sich vom Fenster zurück.
»Hier.« Dankbar leerte Kati das Glas Wasser, das Wagner ihr reichte, in einem Zug.
»Typen, wie ihrem Boris passiert nichts. Die sind wie Katzen, die immer auf die Pfoten fallen.«
Die Kriminalbeamtin verfügte über das Gemüt eines Fleischers. Ein Sprung aus drei Metern Höhe konnte nicht ohne Folgen bleiben, auch für Boris nicht.
Aber warum war er geflohen, wenn er unschuldig war?
Kati wiederholte die Frage laut.
Die Beamtin lächelte grimmig. »Ohne entsprechende Beweise hätte die Staatsanwaltschaft keinen Haftbefehl ausgestellt.« Wagners Handy klingelte. Sie ging schnell in die Küche und nahm das Gespräch an. Während sie telefonierte, beobachtete Kati fröstelnd, wie ihre Kollegen die Wohnung in ihre Bestandteile zerlegten.
»Seit wann, sagten Sie, wohnt Wendzinski bei Ihnen in der Wohnung?« Kati zuckte zusammen. Sie hatte nicht bemerkt, dass die Frau ihr Telefonat längst beendet hatte.
Abermals schweiften ihre Gedanken zu Boris. Sie liebten sich.
Oder?
Als die Beamtin sich erneut räusperte, riss Kati sich zusammen. »Entschuldigung.«
Die undurchdringliche Miene ihres Gegenübers irritierte sie.
»Waren Sie schon mal verliebt?«
»Viel wichtiger ist, ob Sie es sind.«
»Und wie. Ich spürte sofort, dass wir zusammengehören. Ich meine, zusammengehörten. Quatsch. Zusammengehören.« Verzweifelt strich sie sich die Haare hinters Ohr. Sie presste die Hände gegen die Schläfen, um sich zu konzentrieren. »Es war Liebe auf den ersten Blick.«
»Was wir uns ja alle wünschen.«
»Ja.« Kati warf ihr einen dankbaren Blick zu. Doch die Mundwinkel der Frau verzogen sich nach unten. Ernüchtert redete Kati schneller.
»Also, genaugenommen wohnt Boris seit etwa vier Wochen bei mir.«
Die Kriminalbeamtin reagierte erleichtert. Endlich eine vernünftige Antwort.
»Teilen Sie sich die Miete?«
»Ja. Das heißt nein. Boris hat in den letzten Wochen Pech gehabt. Die Firma, für die er arbeitete, hat Konkurs angemeldet. Da konnte ich doch unmöglich Miete verlangen. Vor ihm habe ich sie auch allein bezahlt.«
»Dann bezog er also Arbeitslosenunterstützung?«
»Da bin ich mir nicht sicher. Boris war ziemlich stolz, müssen Sie wissen. Der Gedanke, anderen auf der Tasche zu liegen, behagte ihm nicht.«
»Also haben Sie ihm gelegentlich Geld geliehen?«
Kati stutzte. »Gelegentlich. Nicht viel. Ein paar Euro. Vierhundert, vielleicht.« Plötzlich keimte ein Verdacht in ihr.
»Was, sagten Sie, werfen Sie ihm vor?«
»Fortgesetzten Betrug. Er hat Hunderte um ihre Ersparnisse gebracht.« Wagner versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, was sie von dieser Kati hielt. Frauen wie sie gehörten zum Alltagsgeschäft der Beamtin. Sie waren Opfer ihrer eigenen Naivität und Gutgläubigkeit. Skrupellose Betrüger wie dieser Boris besaßen leichtes Spiel.
»Wann haben Sie das letzte Mal ihre Kontoauszüge kontrolliert?«
Diesmal benötigte Kati bloß Sekunden, um zu begreifen. Mit zwei Schritten stand sie vor ihrem Schreibtisch aus Kiefernholz, auf dem sich ihr Laptop befand. Ein paar Tastengriffe später war sie online. Sie rief ihre Bankverbindung auf. Mit zittrigen Fingern gab sie das Passwort ein.
Was sie sah, verschlug ihr den Atem. »Der Schuft hat mein Konto geplündert!« Wie hatte sie nur so blöd sein können, so unglaublich dämlich? Einem Fremden ihr Passwort anzuvertrauen. Nur weil er strahlend blaue Augen und das charmanteste Lächeln der Welt besaß.
»Wieviel hat er Ihnen gestohlen?« Neben ihr blickte die Kriminalbeamtin auf den Bildschirm.
»Alles. Einfach alles.« Ermattet ließ Kati sich nach hinten in den Stuhl sinken. »Der Dispokredit ist so gut wie ausgeschöpft. Ich bin pleite.« Sie spürte die Hand der Beamtin mitfühlend auf ihrer Schulter.
»Am besten erzählen Sie mir alles, was Sie über ihn wissen. Hat er Freunde? Wo hielt er sich in letzter Zeit am liebsten auf? Besitzt er eventuell Gewohnheiten, die uns auf seine Spur bringen könnten?«
Dankbar nahm Kati das Taschentuch, das die Frau ihr anbot. Sie schniefte hinein.
LESEPROBE
»Liebst du mich?«
»Wie mein Leben.«
Mit einem glücklichen Lächeln häufelte Kati Weber, dreiundzwanzig, ledig, Kaffeemehl in die Filtertüte, füllte Wasser in die Maschine und knipste sie an.
Es war der Morgen des dreizehnten Dezember. Unter ihrem Morgenrock trug Kati nichts als nackte Haut und im Zimmer nebenan wühlte Boris, der Mann ihrer Träume, sich in seine Kissen.
Während Kati die aufgebackenen Croissants aus dem Backofen holte und auf einen Teller legte, warf sie einen Blick hinaus. Das Haus, in dem sie wohnte, lag am Rande des Wasserschutzgebietes. Obwohl es der Jahreszeit entsprechend draußen noch dunkel war, wusste sie, dass sich ihr gegenüber nichts als flache, dünn besiedelte Landschaft erstreckte. Eine kleine Baumgruppe begrenzte am Horizont die winterlich kargen Felder. Der nahe Rhein grüßte mit dem typischen Tuckern der Dieselmotoren. Lastschiffe gehörten zu dieser Landschaft wie die Möwen und Krähen, die sich im Frühjahr das Saatgut auf den Feldern teilten. Kati mochte es, am Niederrhein zu leben. Auf die Frage: »Wo möchten Sie alt werden?« gab es für sie nur eine Antwort: »Natürlich hier, wo sonst?«
Sie wartete nicht, bis der Kaffee sprudelnd durch die Maschine gelaufen war, sondern stellte das Glas mit Flüssighonig zu dem Orangensaft und der Butter aufs Tablett. Auf leichten Füßen schwebte sie hinüber ins Schlafzimmer.
Boris lag noch im Bett, wie sie ihn verlassen hatte. Auf dem Bauch, ein Bein angezogen, den linken Arm um den Kopf gelegt. Zwischen den Fingern seiner Hand hindurch beobachtete er Kati, wie sie das Frühstückstablett auf dem Nachttisch neben dem Bett abstellte. Ihr Morgenmantel sprang über ihren Brüsten auf. Er streckte die Hand nach ihr aus und hakte sich in ihrem Ausschnitt ein. Breit grinsend zog er sie zu sich heran, bis sie das Gleichgewicht verlor und lachend zu ihm aufs Bett kippte.
»Hast du immer noch nicht genug?« Mehr, mehr. Ihre funkelnden Augen lockten ihn vergnügt.
»Von dir nie.« Begehrlich blinzelte er ihr in den Ausschnitt. Pralle, alabasterfarbene Brüste zogen seine Hand magisch an. Zart strich er mit den Fingerspitzen über ihre rosafarbenen Brustwarzen. Sie revanchierte sich, indem sie sich spielerisch in seine Ohrläppchen verbiss.
»Willst du dein Frühstücksei etwa kalt werden lassen?«, hauchte sie ihm ins Ohr.
Lachend vergrub er sein Gesicht in ihren Locken.
»Soll das eine Beleidigung sein? Es beginnt gerade wieder zu kochen.«
Ein glückliches Lächeln umspielte ihre Lippen. »Du bist der albernste Mann, den ich kenne.« Überrascht riss sie die Augen auf, als ihr ein klebriger Klecks in die Halskuhle klatschte.
Honig!
»Oh, Boris, bist du verrückt? Das klebt doch!«
»Nicht mehr lange!« Gierig züngelte seine Zunge über den Honig. Wonne und Qual gleichzeitig erregten sie.
»Du bist bei weitestem die süßeste Frau, die ich kenne.«
»Und du bist verrückt!« Kati schickte einen tiefen, sehnsuchtsvollen Seufzer hinterher. Sie war machtlos gegen ihre Gefühle für diesen Mann. Wie das Wasser eines klaren Bachlaufs spülte er jeden künstlich aufgebauten Widerstand einfach mit sich fort.
Wann war sie das letzte Mal derart glücklich gewesen?
Es klingelte an der Wohnungstür. Als er überrascht den Kopf hob und sie ansah, glänzte Honig an seinem Kinn.
»Erwartest du jemanden?«
»Nicht, dass ich wüsste.«
Kati warf einen verärgerten Blick auf ihren Radiowecker. 7:15 Uhr. Nicht die Zeit für unangemeldeten Besuch. Leise fluchend schwang Kati die Beine aus dem Bett. Dann erst brachte sie ihren Oberkörper in die Senkrechte. Träge ließ sie ein paar Sekunden verstreichen, bevor sie endgültig aufstand. Ihre Beine fühlten sich fremd an. Ihr Körper schien sich jedesmal in seine Bestandteile aufzulösen, wenn Boris und sie sich liebten. Auch an diesem Morgen fehlten ihr noch eine heiße Dusche und ein starker Kaffe, um wieder ganz sie selbst zu sein.
»Hier.« Boris zog ein Papiertuch aus der Packung, die immer griffbereit auf dem Nachttisch stand. Zärtlich versuchte er, Kati den Honig von der Brust zu tupfen. Kleine Papierkrümel blieben haften.
»Das sieht verdächtig nach einer gemeinsamen Dusche aus.«
»Lustmolch!«
Es klingelte erneut. Noch fordernder als beim ersten Mal.
Energisch verknotete Kati den Gürtel des dünnen Mantels vor ihrem Bauch und schlüpfte in ihre Pantoletten.
»Na warte, denen erzähle ich was.« Verärgert zog sie die Schlafzimmertür hinter sich zu. Auf dem Weg zur Wohnungstür klingelte es erneut. Das dritte Mal.
»Aufmachen, Polizei.« Mit der Faust wurde kräftig gegen die Tür geklopft.
Kati spürte, wie sich die Härchen auf ihrer Haut aufrichteten. Polizei? Bei ihr? Zu dieser Stunde?
»Ich komm ja schon.« Wo steckte denn nun schon wieder dieser verdammte Schlüssel? Andere Leute besaßen wenigstens einen Haken neben der Wohnungstür, um den Schlüssel stets griffbereit zu haben. Sie hatte leider noch nie zu den ordentlichsten Menschen gezählt.
Wieder dieses verdammte Klingeln.
Kati entdeckte den Wohnungsschlüssel in der Küche, neben dem Topf mit dem Rest der Tomatensoße, die sie gestern Abend zu den Spaghetti gegessen hatten. Im Hinauslaufen warf sie die Packung des Fertiggerichts in den Müllbehälter. Fast wäre der Schlüssel hinterher geflogen, so zitterten ihr die Finger.
Als Kati den Schlüssel ins Schloss steckte, um ihn zu drehen, stellte sie fest, dass nicht abgeschlossen war. Einen Moment lang blieb sie stehen und atmete bewusst aus. Dann erst drückte sie die Klinke hinunter.
Zwei Polizisten in Uniform stürmten an ihr vorbei in die Wohnung hinein. Eine junge Frau in Zivil blieb vor Kati stehen, maß sie mit abschätzendem Blick.
»Dagmar Wagner. Kripo. Betrugsdezernat. Wir suchen Boris Wendzinski. Ist er hier?« Überrumpelt wies Kati den Weg ins Schlafzimmer. Kriminalkommissarin Wagner hielt ihr den Dienstausweis vor die Nase. Kati war zu aufgeregt, um ernsthaft die Angaben prüfen zu können. Zu ihrem Entsetzen befand sie sich mitten in einer Polizeiaktion.
Wie gebannt starrte sie auf die Schlafzimmertür, hinter der Boris nackt auf sie wartete.
* * * * *
Man suchte nach ihm. Boris hatte es kommen gesehen. Was ihm blieb, war nur die Flucht. Auf ein Wiedersehen, Kati!
Es brannte kein Licht, als die Polizei das Schlafzimmer stürmte. Das Bett war leer. Weit stand das Fenster offen. Schneeluft wehte herein.
Boris Wendzinski hatte das Weite gesucht.
Kati zwickte sich in den Arm, um sicher zu gehen, dass sie nicht träumte. Einer der Beamten beugte sich aus dem Fenster, spähte konzentriert nach rechts, dann nach links, am Schluss nach unten in den Hinterhof.
»Wie vom Erdboden verschluckt, der Kerl.« Sein Kollege schien ihm ähnlich zu misstrauen wie Kati. Auch er trat ans Fenster, spähte nach oben, wo zwei weitere Stockwerke folgten.
»Nichts.«
»Fangt an, die Wohnung zu durchsuchen«, befahl Wagner. Obwohl Kati ihr Alter auf unter dreißig schätzte, klang ihre Stimme bereits resigniert.
»Ich versteh das alles nicht.« Kati ließ sich in den Sessel fallen, der ihr am nächsten stand. Ein dumpfer Druck machte sich hinter ihren Schläfen bemerkbar, als sie beobachtete, wie die beiden Polizisten eine Schranktür nach der anderen öffneten, Schubladen aufzogen, unters Bett spähten, Vorhänge und Decken anhoben, immer auf der Suche nach Boris.
»Ich versteh das nicht.«
Dagmar Wagner blieb vor ihr stehen und sah prüfend auf sie herab. »Möchten Sie etwas trinken? Ein Glas Wasser, vielleicht?«, fragte sie. Als ob sie hier zu Hause war und nicht Kati.
Kati schüttelte den Kopf.
»Was ist passiert? Was wollen sie von Boris?«
Die Kriminalbeamtin entsann sich ihrer Ausbildung in Psychologie. Sie zog einen Stuhl zu Kati heran und setzte sich. Ihr Lächeln sollte beruhigend wirken.
»In meiner Tasche steckt ein Haftbefehl für ihren Freund. Man wirft ihm fortgesetzten Betrug vor. Internetgeschäfte. Wir sind ihm schon seit langem auf der Spur.«
Die Frau ließ ihren Blick über das Mobiliar schweifen. Schwedische Selbstbauregale zu wenigen Designerstücken. Zeitschriften stapelten sich in losen Haufen auf Tischen und dem Fußboden. Kalter Zigarettenrauch hing in der Luft, im Aschenbecher häuften sich die Kippen.
»Rauchen Sie?«
»Nein, mein Freund.«
Mit dem Kopf gab Wagner ihrem Kollegen das Zeichen, die Kippen als Beweismittel zu sichern.
»Sie sind die Mieterin dieser Wohnung?«
Kati nickte wahrheitsgemäß.
»Seit wann wohnt Boris Wendzinski bei Ihnen?«
Kati zog an ihren Fingern, bis die Knochen knackten.
Sie glaubte nicht an seine Schuld. Wieviel durfte sie erzählen, ohne ihm zu schaden? Man kannte das ja aus Fernsehkrimis: Je mehr man erzählte, umso mehr Indizien wurden gegen einen gesammelt. Irgendwann landete dann sogar der Unschuldigste im Gefängnis.
»Boris und ich teilen uns die Wohnung.«
»Seit wann?«
Kati versuchte sich zu konzentrieren. Wann war Boris bei ihr eingezogen?
»Eigentlich von Anfang an. Es war Liebe auf den ersten Blick.«
»So etwas gibt’s noch?«
Verzogen sich die Mundwinkel der Kriminalbeamtin geringschätzig nach unten? Kati versuchte es zu ignorieren.
»Wir lernten uns vor etwa vier Wochen in einer Bar kennen. Ich arbeite in einem Eheanbahnungsinstitut und habe einen Kunden zu seinem ersten Date begleitet. Danach nahm ich noch einen Drink. Und dann sah ich ihn.« Katis Stimme verlor sich, als sie sich an diesen Moment erinnerte.
In dem schummrigen Licht, das in der Bar herrschte, erschien Boris ihr mit seinen hellen Haaren und dem weißen Anzug fast wie eine überirdische Erscheinung. Obwohl sie es versuchte, gelang es ihr nicht, den Blick abzuwenden, als er sie anlächelte. Sein Lächeln fühlte sich wie ein warmer Mantel an, den er ihr zum Schutz gegen die Kälte um die Schultern legte. Aufatmend schlüpfte sie hinein.
War es wirklich erst vier Wochen her?
Ratlosigkeit schnürte ihr die Kehle zu. Fast panisch sprang sie auf. Weit öffnete sie das Fenster, atmete bewusst ein und aus. Ihr Blick fiel hinunter auf die Straße. Kein zerschmetterter Körper verunstaltete das Betonpflaster. Doch eine Ansammlung Neugieriger scharrte sich um die beiden Polizeifahrzeuge, die draußen vor dem Haus warteten. Die Köpfe reckten sich nach oben, als sie Kati bemerkten. Hastig zog sie sich vom Fenster zurück.
»Hier.« Dankbar leerte Kati das Glas Wasser, das Wagner ihr reichte, in einem Zug.
»Typen, wie ihrem Boris passiert nichts. Die sind wie Katzen, die immer auf die Pfoten fallen.«
Die Kriminalbeamtin verfügte über das Gemüt eines Fleischers. Ein Sprung aus drei Metern Höhe konnte nicht ohne Folgen bleiben, auch für Boris nicht.
Aber warum war er geflohen, wenn er unschuldig war?
Kati wiederholte die Frage laut.
Die Beamtin lächelte grimmig. »Ohne entsprechende Beweise hätte die Staatsanwaltschaft keinen Haftbefehl ausgestellt.« Wagners Handy klingelte. Sie ging schnell in die Küche und nahm das Gespräch an. Während sie telefonierte, beobachtete Kati fröstelnd, wie ihre Kollegen die Wohnung in ihre Bestandteile zerlegten.
»Seit wann, sagten Sie, wohnt Wendzinski bei Ihnen in der Wohnung?« Kati zuckte zusammen. Sie hatte nicht bemerkt, dass die Frau ihr Telefonat längst beendet hatte.
Abermals schweiften ihre Gedanken zu Boris. Sie liebten sich.
Oder?
Als die Beamtin sich erneut räusperte, riss Kati sich zusammen. »Entschuldigung.«
Die undurchdringliche Miene ihres Gegenübers irritierte sie.
»Waren Sie schon mal verliebt?«
»Viel wichtiger ist, ob Sie es sind.«
»Und wie. Ich spürte sofort, dass wir zusammengehören. Ich meine, zusammengehörten. Quatsch. Zusammengehören.« Verzweifelt strich sie sich die Haare hinters Ohr. Sie presste die Hände gegen die Schläfen, um sich zu konzentrieren. »Es war Liebe auf den ersten Blick.«
»Was wir uns ja alle wünschen.«
»Ja.« Kati warf ihr einen dankbaren Blick zu. Doch die Mundwinkel der Frau verzogen sich nach unten. Ernüchtert redete Kati schneller.
»Also, genaugenommen wohnt Boris seit etwa vier Wochen bei mir.«
Die Kriminalbeamtin reagierte erleichtert. Endlich eine vernünftige Antwort.
»Teilen Sie sich die Miete?«
»Ja. Das heißt nein. Boris hat in den letzten Wochen Pech gehabt. Die Firma, für die er arbeitete, hat Konkurs angemeldet. Da konnte ich doch unmöglich Miete verlangen. Vor ihm habe ich sie auch allein bezahlt.«
»Dann bezog er also Arbeitslosenunterstützung?«
»Da bin ich mir nicht sicher. Boris war ziemlich stolz, müssen Sie wissen. Der Gedanke, anderen auf der Tasche zu liegen, behagte ihm nicht.«
»Also haben Sie ihm gelegentlich Geld geliehen?«
Kati stutzte. »Gelegentlich. Nicht viel. Ein paar Euro. Vierhundert, vielleicht.« Plötzlich keimte ein Verdacht in ihr.
»Was, sagten Sie, werfen Sie ihm vor?«
»Fortgesetzten Betrug. Er hat Hunderte um ihre Ersparnisse gebracht.« Wagner versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, was sie von dieser Kati hielt. Frauen wie sie gehörten zum Alltagsgeschäft der Beamtin. Sie waren Opfer ihrer eigenen Naivität und Gutgläubigkeit. Skrupellose Betrüger wie dieser Boris besaßen leichtes Spiel.
»Wann haben Sie das letzte Mal ihre Kontoauszüge kontrolliert?«
Diesmal benötigte Kati bloß Sekunden, um zu begreifen. Mit zwei Schritten stand sie vor ihrem Schreibtisch aus Kiefernholz, auf dem sich ihr Laptop befand. Ein paar Tastengriffe später war sie online. Sie rief ihre Bankverbindung auf. Mit zittrigen Fingern gab sie das Passwort ein.
Was sie sah, verschlug ihr den Atem. »Der Schuft hat mein Konto geplündert!« Wie hatte sie nur so blöd sein können, so unglaublich dämlich? Einem Fremden ihr Passwort anzuvertrauen. Nur weil er strahlend blaue Augen und das charmanteste Lächeln der Welt besaß.
»Wieviel hat er Ihnen gestohlen?« Neben ihr blickte die Kriminalbeamtin auf den Bildschirm.
»Alles. Einfach alles.« Ermattet ließ Kati sich nach hinten in den Stuhl sinken. »Der Dispokredit ist so gut wie ausgeschöpft. Ich bin pleite.« Sie spürte die Hand der Beamtin mitfühlend auf ihrer Schulter.
»Am besten erzählen Sie mir alles, was Sie über ihn wissen. Hat er Freunde? Wo hielt er sich in letzter Zeit am liebsten auf? Besitzt er eventuell Gewohnheiten, die uns auf seine Spur bringen könnten?«
Dankbar nahm Kati das Taschentuch, das die Frau ihr anbot. Sie schniefte hinein.



