Riekes
Mama hat Zwillinge bekommen - und seitdem geht es auf dem Waldenhof
noch mehr drunter und drüber als sonst. Nicht nur die vorwitzige Ziege
Frau Doktor, sechs Pferde, zwei Moorschnucken und die kecken
Schnatterenten halten die fröhliche Familie auf Trab, sondern auch das
große Tauffest, das bald gefeiert werden soll. Da ist für das freche
Zwergpony Peanut wirklich kein Platz mehr, oder?
Um zu ihrem Opa zu gelangen, musste Rieke an Tjorven und Goliath vorbei. Sie hatte den Kinderwagen erst wenige Meter geschoben, als ihr einfiel, dass der ängstliche Wallach sich wahrscheinlich vor dem seltsamen Gefährt fürchten würde. Vielleicht würde er sogar scheuen.
Bevor sie stoppen konnte, stürzte Tjorven auf sie zu. „Was willst du hier?“, fragte er barsch.
„Ich wohne hier!“, antwortete Rieke empört. Das war ja wohl unverschämt! Schließlich lebte sie auf dem Waldenhof – und die Pferde gehörten ihr und ihrer Familie.
Tjorvens Ton blieb unfreundlich. „Du erschreckst Goliath!“
„Deshalb bin ich ja auch nicht weitergegangen“, sagte Rieke und bemühte sich, ihre Stimme erwachsener klingen zu lassen.
Zugleich warf sie einen beunruhigten Blick auf die Zwillinge. Wenn sie den Kinderwagen nicht bald weiterschob, würden Mia und Mattis wach werden. Ihr Gebrüll würde Goliath und vielleicht sogar die anderen Ponys bestimmt noch viel mehr erschrecken als der bunte Kinderwagen.
„Am besten verschwindest du wieder“, murrte Tjorven ruppig.
Rieke zog die Stirn kraus. Entrüstet stemmte sie die Arme in die Seiten und fragte: „Warum bist du eigentlich immer so gemein?“
Der zehnjährige Junge riss kurz die Augen auf, starrte Rieke erstaunt an, würdigte sie aber keines Wortes. Stattdessen drehte er sich auf dem Absatz um und ging zurück in Goliaths Richtung.
Rieke ärgerte sich gewaltig. Sie wollte gerade hinter Tjorven herlaufen, um ihm zu sagen, wie blöd sie sein Verhalten fand, als sie eine Hand auf ihrer Schulter spürte.
„Nimmesnichtsoschwer“, nuschelte ihr Großvater, der das Gespräch verfolgt hatte. „Tjorven meint es nicht so.“
„Wie meint er es denn dann?“, fragte Rieke wütend. „Ich finde ihn richtig, richtig doof. Und frech.“ Zornig stampfte sie mit dem Fuß auf.
„Ach, mein Mädchen“, setzte Peter Walden an und strich über Riekes Wange. „Die einen sind so und die anderen sind anders.“
Während Rieke überlegte, wie ihr Opa diesen Satz meinte, fügte dieser hinzu: „Jeder Mensch hat seine guten Seiten. Das gilt auch für Tjorven Schumacher.“
„Also ich finde ihn einfach nur dämlich.“
Riekes Großvater wechselte das Thema. „Hast du mich gesucht oder Balduin?“
„Dich, Peterchen“, erwiderte Rieke. Sie zog die Nase hoch, holte tief Luft und dann brach alles aus ihr heraus, was seit dem frühen Morgen geschehen war: dass sie Fietje dressieren und mit ihm und Balduin an den Strand reiten wollte, dass ihre Mutter das verboten hatte – und dass Rena sowieso nie Zeit für sie hatte.
Rieke redete sich ihren Kummer von der Seele und bemerkte zunächst weder, dass sie aufgehört hatte, den Kinderwagen zu wippen, noch, dass Balduin hinter ihr stand und zärtlich an ihrer Schulter knabberte.
„Und dann meckert mich auch noch der blöde Tjorven an. Alle sind gemein!“, schimpfte sie zum Abschluss – und weil sie endlich spürte, dass dort etwas war, griff sie an ihre linke Schulter und direkt an Balduins samtweiche Nüstern. „Baldi!“, schniefte sie und musste gegen ihren Willen kichern. „Du hast mich angesabbert!“
Als Balduin schnaubte, landete noch mehr Sabber auf ihrer Schulter. Nun lachte Rieke.
„Siehst du“, grinste Peter Walden, der es übernommen hatte, den Kinderwagen vor und zurück zu schieben. „Nicht alle sind gemein!“
Rieke bewegte vorsichtig ihren Kopf. „Stimmt. Baldi ist toll. Du bist toll“ – ihr Blick fiel auf die friedlich schlummernden Zwillinge – „und Mia und Mattis sind toll. Wenn sie nicht schreien!“ Rieke schniefte erneut. „Und eigentlich ist Mama auch toll.“
LESEPROBE
Um zu ihrem Opa zu gelangen, musste Rieke an Tjorven und Goliath vorbei. Sie hatte den Kinderwagen erst wenige Meter geschoben, als ihr einfiel, dass der ängstliche Wallach sich wahrscheinlich vor dem seltsamen Gefährt fürchten würde. Vielleicht würde er sogar scheuen.
Bevor sie stoppen konnte, stürzte Tjorven auf sie zu. „Was willst du hier?“, fragte er barsch.
„Ich wohne hier!“, antwortete Rieke empört. Das war ja wohl unverschämt! Schließlich lebte sie auf dem Waldenhof – und die Pferde gehörten ihr und ihrer Familie.
Tjorvens Ton blieb unfreundlich. „Du erschreckst Goliath!“
„Deshalb bin ich ja auch nicht weitergegangen“, sagte Rieke und bemühte sich, ihre Stimme erwachsener klingen zu lassen.
Zugleich warf sie einen beunruhigten Blick auf die Zwillinge. Wenn sie den Kinderwagen nicht bald weiterschob, würden Mia und Mattis wach werden. Ihr Gebrüll würde Goliath und vielleicht sogar die anderen Ponys bestimmt noch viel mehr erschrecken als der bunte Kinderwagen.
„Am besten verschwindest du wieder“, murrte Tjorven ruppig.
Rieke zog die Stirn kraus. Entrüstet stemmte sie die Arme in die Seiten und fragte: „Warum bist du eigentlich immer so gemein?“
Der zehnjährige Junge riss kurz die Augen auf, starrte Rieke erstaunt an, würdigte sie aber keines Wortes. Stattdessen drehte er sich auf dem Absatz um und ging zurück in Goliaths Richtung.
Rieke ärgerte sich gewaltig. Sie wollte gerade hinter Tjorven herlaufen, um ihm zu sagen, wie blöd sie sein Verhalten fand, als sie eine Hand auf ihrer Schulter spürte.
„Nimmesnichtsoschwer“, nuschelte ihr Großvater, der das Gespräch verfolgt hatte. „Tjorven meint es nicht so.“
„Wie meint er es denn dann?“, fragte Rieke wütend. „Ich finde ihn richtig, richtig doof. Und frech.“ Zornig stampfte sie mit dem Fuß auf.
„Ach, mein Mädchen“, setzte Peter Walden an und strich über Riekes Wange. „Die einen sind so und die anderen sind anders.“
Während Rieke überlegte, wie ihr Opa diesen Satz meinte, fügte dieser hinzu: „Jeder Mensch hat seine guten Seiten. Das gilt auch für Tjorven Schumacher.“
„Also ich finde ihn einfach nur dämlich.“
Riekes Großvater wechselte das Thema. „Hast du mich gesucht oder Balduin?“
„Dich, Peterchen“, erwiderte Rieke. Sie zog die Nase hoch, holte tief Luft und dann brach alles aus ihr heraus, was seit dem frühen Morgen geschehen war: dass sie Fietje dressieren und mit ihm und Balduin an den Strand reiten wollte, dass ihre Mutter das verboten hatte – und dass Rena sowieso nie Zeit für sie hatte.
Rieke redete sich ihren Kummer von der Seele und bemerkte zunächst weder, dass sie aufgehört hatte, den Kinderwagen zu wippen, noch, dass Balduin hinter ihr stand und zärtlich an ihrer Schulter knabberte.
„Und dann meckert mich auch noch der blöde Tjorven an. Alle sind gemein!“, schimpfte sie zum Abschluss – und weil sie endlich spürte, dass dort etwas war, griff sie an ihre linke Schulter und direkt an Balduins samtweiche Nüstern. „Baldi!“, schniefte sie und musste gegen ihren Willen kichern. „Du hast mich angesabbert!“
Als Balduin schnaubte, landete noch mehr Sabber auf ihrer Schulter. Nun lachte Rieke.
„Siehst du“, grinste Peter Walden, der es übernommen hatte, den Kinderwagen vor und zurück zu schieben. „Nicht alle sind gemein!“
Rieke bewegte vorsichtig ihren Kopf. „Stimmt. Baldi ist toll. Du bist toll“ – ihr Blick fiel auf die friedlich schlummernden Zwillinge – „und Mia und Mattis sind toll. Wenn sie nicht schreien!“ Rieke schniefte erneut. „Und eigentlich ist Mama auch toll.“


