»Perle gesucht«: Eine kleine
Anzeige am Infobrett eines Baumarktes bringt Franziska Perle erst auf
die Idee, sich einen Nebenverdienst zu suchen. Nachdem sie schließlich
mehr als zwanzig Jahre einen Ehemann und drei inzwischen erwachsene
Kinder versorgt hat, ist es ihr ein Leichtes, an drei Tagen in der
Woche den kleinen Haushalt des dreißigjährigen Juniorchefs der
örtlichen Baumarktkette zu versorgen.
Nicht gerechnet hat Fanny Perle allerdings mit den unerwarteten Nebenwirkungen. Eines Tages stellt sich nämlich heraus, dass ihr Arbeitgeber, Paul Nett, im Begriff ist, sich ernsthaft zu binden. Fanny ist entsetzt: »Ihr« Paul und eine Frau, die, wie die heimlich gelesenen Briefe eindeutig beweisen, nicht im Geringsten zu ihm passt. »Ihr« Paul benötigt also offensichtlich eine sanfte, aber energische Hand, die ihn gleich in die richtige Richtung steuert - in ihre. Reifere Frauen um die Fünfzig sind ja schließlich in den besten Jahren, und Fanny hat stets auf ihr Äußeres geachtet. Doch wie soll sie das anstellen?
Durch einen glücklichen Zufall findet Fanny bald eine Komplizin: die welterfahrene und lebenslustige Katharina Legrand, ebenfalls eine sehr attraktive Fünfzigjährige.
Das gemeinsame Pläneschmieden wird schnell der Beginn einer wunderbaren Frauenfreundschaft … oder etwa doch nicht?
In meiner Wohnung herrschte himmlische Ruhe, ich legte mich aufs Sofa und versuchte an jedem Bissen von Paul und Paula zumindest gedanklich teilzuhaben. Am liebsten wäre ich sofort dorthin zurückgekehrt, um Paulas Platz einzunehmen. Stattdessen beschloss ich, ein gutes Werk zu tun und rief bei Norbert und Franka an. Nach dem ersten Klingeln warf mir eine weinerliche Stimme ein »Huber« entgegen, und ich forderte meine Tochter auf, mir Norbert ans Telefon zu holen. Mein hörbar verwunderter Schwiegersohn fragte, was ihm die Ehre meines späten Anrufes verschaffen würde, und ich schlug ihm vor, mit mir auf ein Bierchen in die Bison Bar zu gehen.
»Jetzt?«, fragte er verdattert.
»Klar«, antwortete ich.
Nach einem kurzen Zaudern schlussfolgerte er: »Dann wirst du mir sicher erklären, weshalb meine Angetraute unaufhörlich flennt, was?«
»Genau«, erwiderte ich barsch. »Also sei in zwanzig Minuten in der Bisonbar.«
In der schmuddeligen Eckkneipe, die den Namen Bar wahrlich nicht verdient, wartete Norbert bereits auf mich. Vor ihm stand ein Weizenbier und in dem kleinen Glas daneben befand sich augenscheinlich ein starker Klarer. Auch er musste sich also Mut antrinken.
»Hallo Mutter«, brummte er freundlich und schmatzte mir einen feuchten Schwiegersohnkuss auf die Wange.
»Hallo Norbert«, erwiderte ich seine Begrüßung, »schön, dass wir uns zu zweit treffen, da kann man sich endlich mal ganz in Ruhe austauschen.«
»Worüber austauschen?«, fragte er, und das berechtigte Misstrauen wölbte seine Stirn zu Falten, die einem Basset besser zu Gesichte gestanden hätten.
»Ach, so ganz allgemein, Norbert, von Schwiegersohn zu Schwiegermutter …«
Mein Ablenkungsmanöver funktionierte nicht, der Fliesen-Norbert wollte zur Kachel kommen.
»Was ist mit Franka los, Fanny?«
»Ich weiß nicht genau, aber ich glaube, es sind die Wechseljahre, Junge.«
»Mama, Franka ist noch keine dreißig.«
»Ja, bei manchen Frauen beginnt das eben früh …«, versuchte ich zu retten, was nicht zu retten war - und das über dem hölzernen Tisch schwebende Schweigen bewies mir, dass Norbert zumindest kurz über diese Möglichkeit nachdachte.
»Quatsch«, sagte er dann mit bierernster Stimme, »davon habe ich noch nie was gehört.«
»Norbert«, erwiderte ich hoheitsvoll, »du hast von vielen Dingen noch nie etwas gehört, schließlich bist du Fliesenleger und kein Professor, aber selbst die Herren Professoren wissen nicht …«
Der vorlaute Bengel unterbrach mich einfach. »Zur Sache, Mama.«
Eigentlich mochte ich es nicht, wenn er mich »Mama« nannte, ich fand, es genügte voll und ganz, wenn er seine eigene Mutter mit »Mama« anredete. »Vielleicht ist deine Frau ein wenig überlastet mit den vielen Kindern und der täglichen Hausarbeit«, schlug ich vermittelnd vor.
»Das hat ihr in den letzten neun Jahren nie was ausgemacht. Franka ist ein Powerbolzen, die kocht doch über vor Energie, Mama.«
»Sag ruhig Fanny zu mir Norbert, das Mama schallt mir bereits aus zu vielen anderen Mündern entgegen.«
Beleidigt verzogen sich seine Mundwinkel nach unten. »Du weichst mir aus, M… Fanny. Ich will sofort wissen, was los ist!«
»Hättest du eigentlich gerne noch ein Kind?«, gezielt steuerte ich nun endlich das bedeutungsschwangere Grundsatzthema des Abends an.
»Das weißt du doch, Mama! Meine Familie geht mir über alles. Am liebsten hätte ich einen ganzen Stall voller Kinder. Aber deine Tochter meint ja, vier sind genug. Obwohl vier viel zu wenig sind. Am besten wären sieben. Da hätte man so `ne kleine Kelly-Familie. Oder sind die sogar zu acht?«
Mein Gott, nie zuvor hatte dieser Mann in meiner Gegenwart mehr als zwei Sätze hintereinander gesprochen, das musste sein Thema sein! Und siehe da, Norbert wollte seinen Vortrag sogar fortsetzen.
»Kinder sind doch das Allertollste, Kinder sind unsere Zukunft, unsere Hoffnung, mit Kindern kommt Licht in die Welt. Ach, weißt du, wenn es nach mir ginge …«
Norberts Zugang zum christlichen Gedanken der Nächstenliebe war mir in den vergangenen Jahren nicht verborgen geblieben, dass er das Kirchenblättchen auswendig lernte, war mir allerdings noch klar geworden. Aber genau an diesem Punkt konnte man ihn packen.
»Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, mein Sohn«, sagte ich und tröpfelte insgeheim eine Kanne Weihwasser über meinen Satz.
Sichtlich irritiert murmelte er: »Aber das tue ich doch. Oder etwa nicht?«
»Gilt das auch für jeden, Norbert?«
»Natürlich, warum fragst du? Hat Franka sich etwa über mich beschwert? Ist sie mit irgendwas nicht zufrieden?«
»Zufrieden ist sie schon, grundsätzlich zumindest … «
»Spann mich nicht länger auf die Folter, Mama - entschuldige - Fanny.«
»Sag mal, was wäre denn, wenn ihr noch ein Kind bekämet?« Langsam tastete ich mich dem Problem entgegen. Schnell noch ein Bier ordern, dann spricht es sich leichter.
»Was sollte dann sein? Wäre schön.«
»Ja, aber …« - was sollte ich bloß sagen - »ja, aber ginge das denn?«
»Finanziell meinst du? Klar ginge das.« Stolz lächelte er mich an. »Ich verdiene gut. Du weißt ja, was ’ne Meisterstunde kostet, oder etwa nicht?«
Doch, doch, das wusste ich, aber weshalb begriff er nicht, worauf ich hinaus wollte? Ich musste endlich die Flucht nach vorne antreten, aber vorher wollte ich noch einen letzten, vorsichtig gezündeten Testballon starten. »Und wenn Franka schwanger wäre?«
»Ach, das wäre wunderbar«, sagte mein Schwiegersohn versonnen, »ist aber nicht möglich.«
Dass es nicht möglich war, hatte ich ja bereits in Erfahrung gebracht, also »Start frei« für ein weiteres Ablenkungsmanöver. Im mehrmaligen Ausweichen liegt die Kunst des Strategen begründet: »Was ich dir immer schon mal sagen wollte, Norbert: Ich finde es ganz, ganz toll, wie du mit Jana umgehst. Man hat tatsächlich das Gefühl, als sei sie dein eigenes Kind.«
»Das ist sie ja auch, Mama.«
Mann, ist dieser Mann kinderfreundlich. Man mag fast nicht glauben, dass der deutscher Staatsbürger sein soll. »Aber Jana ist nicht dein eigen Fleisch und Blut, wie man so schön sagt. Würdest du denn auch ein weiteres Kind, dessen Erzeuger jemand anderes ist, akzeptieren, Norbert?«
»Darauf läuft es also hinaus«, meinte er listig und schüttete sich sein Bier in den Schlund, »Franka möchte ein Kind adoptieren. Eins aus der Dritten Welt, was?«
»Nicht direkt aus der Dritten Welt«, wand ich mich, »eher aus heimatlichen Gefilden - sozusagen aus dem eigenen …«
»Bekanntenkreis«, ergänzte er. »Dann hat Claudia sich also endlich entschlossen, ihre Tochter in einer anständigen Familie aufwachsen zu lassen …«
Claudia? Wer zum Teufel war Claudia? Prompt fiel mir ein, dass es sich um eine Nachbarin handeln musste, die eine Tochter in Janas Alter hatte, vor x-Jahren von ihrem Mann verlassen wurde und seitdem nächtens in einer Bar als Animierdame arbeitete.
»Nicht direkt, Norbert, ich dachte da eher an was Kleines aus eigener Zucht.«
Sein Gesichtsausdruck vermittelte mir, dass er endlich begriffen hatte, was Sache war. »Sag bloß, Franka ist schwanger?« Ein völlig unpassendes Grinsen breitete sich über sein Gesicht.
»Ja«, antwortete ich schnell.
»Das kann nicht sein …«
»Ich weiß, mein Sohn, und wenn ich ehrlich sein soll, bin ich selbst mehr als verwundert über diesen Tatbestand …«
»Aber ich habe immer aufgepasst, dass nichts passiert.«
Nicht genug, dachte ich im Stillen, aber wie solltest du das auch anstellen, Junge. Wenn einer den ganzen Tag arbeitet, kann er den Leib seiner Frau natürlich nicht unter Dauerbeobachtung halten. Außer, er hat in jedem Zimmer eine Videokamera installiert …
»Weiß Franka es denn schon?«
Mein Gott war der Kerl blöd! Zum Glück ersparte er mir eine bissige Bemerkung, denn er präsentierte mir die simple Lösung des großen Problems auf dem berühmten goldenen Tablett.
»Also, ich verrate dir ein Geheimnis, Mama, weil ich Vertrauen zu dir habe: Nach Julia sollte ich mich sterilisieren lassen. Und glaube mir, ich wollte das auch. Aber als ich dann in der Praxis stand, da habe ich es einfach nicht fertig gebracht. Schließlich konnte ich mich nicht von irgendeinem Döc entmannen lassen … Deshalb bin ich nach zwei Stunden wieder nach Hause getigert, habe mich aufs Sofa gelegt und den Leidenden markiert. Aber seitdem war ich immer vorsichtig. Ich habe … ach, du weißt schon …«
Nichts wusste ich, aber ich wollte es wissen. »Was hast du, Norbert?«, fragte ich strenger als eigentlich beabsichtigt.
»Coitus interruptus …«
»Und das hat Franka nicht gemerkt?«, hakte ich verblüfft und beinahe sprachlos nach.
»Ich glaube nicht, Fanny, sie war immer so müde …«
Was für eine Familie! Meine Tochter schlief beim Sex und glaubte an eine unbefleckte Empfängnis, während mein Schwiegersohn auf die Zuverlässigkeit unzuverlässiger Praktiken vertraute. Bei aller Liebe: Denen war nicht zu helfen.
»Aber egal, wir bekommen ein Baby«, schnaubte Norbert strahlend, und seine ungetrübte Freude versöhnte mich ein bisschen. »Da muss ich aber zügig nach Hause und meiner Franka gratulieren. Ich bin ja so glücklich.«
Er sprang auf, drückte mir einen nassen Kuss aufs Ohr und entschwand, ehe ich noch ein weiteres Wort sagen konnte. Derart allein gelassen, bestellte ich noch ein Bier und einen Korn. Mein Blick schweifte durch das Lokal, und ich unterzog die gemischte Schar der Kneipengäste einer aufmerksamen Perle-Prüfung. Nicht ein Mensch war dabei, der mich interessierte: quasselnde Weibsbilder, zwei bierselige Männerrunden und vereinzelte, unglücklich wirkende Gestalten, die beduselt an der Theke hockten. Ein kahlköpfiger Endfünfziger warf mir einen interessierten Blick zu und winkte der Bedienung. Unter Garantie bestellte er jetzt noch ein Bier und einen Korn für mich, die mir umgehend an den Tisch gebracht werden würden. Solche Situationen kennt frau schließlich aus schlechten Filmen. Darauf hatte ich nun überhaupt keine Lust; also zückte ich schnell mein Portmonee, zahlte und verschwand nach draußen …
Nicht gerechnet hat Fanny Perle allerdings mit den unerwarteten Nebenwirkungen. Eines Tages stellt sich nämlich heraus, dass ihr Arbeitgeber, Paul Nett, im Begriff ist, sich ernsthaft zu binden. Fanny ist entsetzt: »Ihr« Paul und eine Frau, die, wie die heimlich gelesenen Briefe eindeutig beweisen, nicht im Geringsten zu ihm passt. »Ihr« Paul benötigt also offensichtlich eine sanfte, aber energische Hand, die ihn gleich in die richtige Richtung steuert - in ihre. Reifere Frauen um die Fünfzig sind ja schließlich in den besten Jahren, und Fanny hat stets auf ihr Äußeres geachtet. Doch wie soll sie das anstellen?
Durch einen glücklichen Zufall findet Fanny bald eine Komplizin: die welterfahrene und lebenslustige Katharina Legrand, ebenfalls eine sehr attraktive Fünfzigjährige.
Das gemeinsame Pläneschmieden wird schnell der Beginn einer wunderbaren Frauenfreundschaft … oder etwa doch nicht?
LESEPROBE
In meiner Wohnung herrschte himmlische Ruhe, ich legte mich aufs Sofa und versuchte an jedem Bissen von Paul und Paula zumindest gedanklich teilzuhaben. Am liebsten wäre ich sofort dorthin zurückgekehrt, um Paulas Platz einzunehmen. Stattdessen beschloss ich, ein gutes Werk zu tun und rief bei Norbert und Franka an. Nach dem ersten Klingeln warf mir eine weinerliche Stimme ein »Huber« entgegen, und ich forderte meine Tochter auf, mir Norbert ans Telefon zu holen. Mein hörbar verwunderter Schwiegersohn fragte, was ihm die Ehre meines späten Anrufes verschaffen würde, und ich schlug ihm vor, mit mir auf ein Bierchen in die Bison Bar zu gehen.
»Jetzt?«, fragte er verdattert.
»Klar«, antwortete ich.
Nach einem kurzen Zaudern schlussfolgerte er: »Dann wirst du mir sicher erklären, weshalb meine Angetraute unaufhörlich flennt, was?«
»Genau«, erwiderte ich barsch. »Also sei in zwanzig Minuten in der Bisonbar.«
In der schmuddeligen Eckkneipe, die den Namen Bar wahrlich nicht verdient, wartete Norbert bereits auf mich. Vor ihm stand ein Weizenbier und in dem kleinen Glas daneben befand sich augenscheinlich ein starker Klarer. Auch er musste sich also Mut antrinken.
»Hallo Mutter«, brummte er freundlich und schmatzte mir einen feuchten Schwiegersohnkuss auf die Wange.
»Hallo Norbert«, erwiderte ich seine Begrüßung, »schön, dass wir uns zu zweit treffen, da kann man sich endlich mal ganz in Ruhe austauschen.«
»Worüber austauschen?«, fragte er, und das berechtigte Misstrauen wölbte seine Stirn zu Falten, die einem Basset besser zu Gesichte gestanden hätten.
»Ach, so ganz allgemein, Norbert, von Schwiegersohn zu Schwiegermutter …«
Mein Ablenkungsmanöver funktionierte nicht, der Fliesen-Norbert wollte zur Kachel kommen.
»Was ist mit Franka los, Fanny?«
»Ich weiß nicht genau, aber ich glaube, es sind die Wechseljahre, Junge.«
»Mama, Franka ist noch keine dreißig.«
»Ja, bei manchen Frauen beginnt das eben früh …«, versuchte ich zu retten, was nicht zu retten war - und das über dem hölzernen Tisch schwebende Schweigen bewies mir, dass Norbert zumindest kurz über diese Möglichkeit nachdachte.
»Quatsch«, sagte er dann mit bierernster Stimme, »davon habe ich noch nie was gehört.«
»Norbert«, erwiderte ich hoheitsvoll, »du hast von vielen Dingen noch nie etwas gehört, schließlich bist du Fliesenleger und kein Professor, aber selbst die Herren Professoren wissen nicht …«
Der vorlaute Bengel unterbrach mich einfach. »Zur Sache, Mama.«
Eigentlich mochte ich es nicht, wenn er mich »Mama« nannte, ich fand, es genügte voll und ganz, wenn er seine eigene Mutter mit »Mama« anredete. »Vielleicht ist deine Frau ein wenig überlastet mit den vielen Kindern und der täglichen Hausarbeit«, schlug ich vermittelnd vor.
»Das hat ihr in den letzten neun Jahren nie was ausgemacht. Franka ist ein Powerbolzen, die kocht doch über vor Energie, Mama.«
»Sag ruhig Fanny zu mir Norbert, das Mama schallt mir bereits aus zu vielen anderen Mündern entgegen.«
Beleidigt verzogen sich seine Mundwinkel nach unten. »Du weichst mir aus, M… Fanny. Ich will sofort wissen, was los ist!«
»Hättest du eigentlich gerne noch ein Kind?«, gezielt steuerte ich nun endlich das bedeutungsschwangere Grundsatzthema des Abends an.
»Das weißt du doch, Mama! Meine Familie geht mir über alles. Am liebsten hätte ich einen ganzen Stall voller Kinder. Aber deine Tochter meint ja, vier sind genug. Obwohl vier viel zu wenig sind. Am besten wären sieben. Da hätte man so `ne kleine Kelly-Familie. Oder sind die sogar zu acht?«
Mein Gott, nie zuvor hatte dieser Mann in meiner Gegenwart mehr als zwei Sätze hintereinander gesprochen, das musste sein Thema sein! Und siehe da, Norbert wollte seinen Vortrag sogar fortsetzen.
»Kinder sind doch das Allertollste, Kinder sind unsere Zukunft, unsere Hoffnung, mit Kindern kommt Licht in die Welt. Ach, weißt du, wenn es nach mir ginge …«
Norberts Zugang zum christlichen Gedanken der Nächstenliebe war mir in den vergangenen Jahren nicht verborgen geblieben, dass er das Kirchenblättchen auswendig lernte, war mir allerdings noch klar geworden. Aber genau an diesem Punkt konnte man ihn packen.
»Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, mein Sohn«, sagte ich und tröpfelte insgeheim eine Kanne Weihwasser über meinen Satz.
Sichtlich irritiert murmelte er: »Aber das tue ich doch. Oder etwa nicht?«
»Gilt das auch für jeden, Norbert?«
»Natürlich, warum fragst du? Hat Franka sich etwa über mich beschwert? Ist sie mit irgendwas nicht zufrieden?«
»Zufrieden ist sie schon, grundsätzlich zumindest … «
»Spann mich nicht länger auf die Folter, Mama - entschuldige - Fanny.«
»Sag mal, was wäre denn, wenn ihr noch ein Kind bekämet?« Langsam tastete ich mich dem Problem entgegen. Schnell noch ein Bier ordern, dann spricht es sich leichter.
»Was sollte dann sein? Wäre schön.«
»Ja, aber …« - was sollte ich bloß sagen - »ja, aber ginge das denn?«
»Finanziell meinst du? Klar ginge das.« Stolz lächelte er mich an. »Ich verdiene gut. Du weißt ja, was ’ne Meisterstunde kostet, oder etwa nicht?«
Doch, doch, das wusste ich, aber weshalb begriff er nicht, worauf ich hinaus wollte? Ich musste endlich die Flucht nach vorne antreten, aber vorher wollte ich noch einen letzten, vorsichtig gezündeten Testballon starten. »Und wenn Franka schwanger wäre?«
»Ach, das wäre wunderbar«, sagte mein Schwiegersohn versonnen, »ist aber nicht möglich.«
Dass es nicht möglich war, hatte ich ja bereits in Erfahrung gebracht, also »Start frei« für ein weiteres Ablenkungsmanöver. Im mehrmaligen Ausweichen liegt die Kunst des Strategen begründet: »Was ich dir immer schon mal sagen wollte, Norbert: Ich finde es ganz, ganz toll, wie du mit Jana umgehst. Man hat tatsächlich das Gefühl, als sei sie dein eigenes Kind.«
»Das ist sie ja auch, Mama.«
Mann, ist dieser Mann kinderfreundlich. Man mag fast nicht glauben, dass der deutscher Staatsbürger sein soll. »Aber Jana ist nicht dein eigen Fleisch und Blut, wie man so schön sagt. Würdest du denn auch ein weiteres Kind, dessen Erzeuger jemand anderes ist, akzeptieren, Norbert?«
»Darauf läuft es also hinaus«, meinte er listig und schüttete sich sein Bier in den Schlund, »Franka möchte ein Kind adoptieren. Eins aus der Dritten Welt, was?«
»Nicht direkt aus der Dritten Welt«, wand ich mich, »eher aus heimatlichen Gefilden - sozusagen aus dem eigenen …«
»Bekanntenkreis«, ergänzte er. »Dann hat Claudia sich also endlich entschlossen, ihre Tochter in einer anständigen Familie aufwachsen zu lassen …«
Claudia? Wer zum Teufel war Claudia? Prompt fiel mir ein, dass es sich um eine Nachbarin handeln musste, die eine Tochter in Janas Alter hatte, vor x-Jahren von ihrem Mann verlassen wurde und seitdem nächtens in einer Bar als Animierdame arbeitete.
»Nicht direkt, Norbert, ich dachte da eher an was Kleines aus eigener Zucht.«
Sein Gesichtsausdruck vermittelte mir, dass er endlich begriffen hatte, was Sache war. »Sag bloß, Franka ist schwanger?« Ein völlig unpassendes Grinsen breitete sich über sein Gesicht.
»Ja«, antwortete ich schnell.
»Das kann nicht sein …«
»Ich weiß, mein Sohn, und wenn ich ehrlich sein soll, bin ich selbst mehr als verwundert über diesen Tatbestand …«
»Aber ich habe immer aufgepasst, dass nichts passiert.«
Nicht genug, dachte ich im Stillen, aber wie solltest du das auch anstellen, Junge. Wenn einer den ganzen Tag arbeitet, kann er den Leib seiner Frau natürlich nicht unter Dauerbeobachtung halten. Außer, er hat in jedem Zimmer eine Videokamera installiert …
»Weiß Franka es denn schon?«
Mein Gott war der Kerl blöd! Zum Glück ersparte er mir eine bissige Bemerkung, denn er präsentierte mir die simple Lösung des großen Problems auf dem berühmten goldenen Tablett.
»Also, ich verrate dir ein Geheimnis, Mama, weil ich Vertrauen zu dir habe: Nach Julia sollte ich mich sterilisieren lassen. Und glaube mir, ich wollte das auch. Aber als ich dann in der Praxis stand, da habe ich es einfach nicht fertig gebracht. Schließlich konnte ich mich nicht von irgendeinem Döc entmannen lassen … Deshalb bin ich nach zwei Stunden wieder nach Hause getigert, habe mich aufs Sofa gelegt und den Leidenden markiert. Aber seitdem war ich immer vorsichtig. Ich habe … ach, du weißt schon …«
Nichts wusste ich, aber ich wollte es wissen. »Was hast du, Norbert?«, fragte ich strenger als eigentlich beabsichtigt.
»Coitus interruptus …«
»Und das hat Franka nicht gemerkt?«, hakte ich verblüfft und beinahe sprachlos nach.
»Ich glaube nicht, Fanny, sie war immer so müde …«
Was für eine Familie! Meine Tochter schlief beim Sex und glaubte an eine unbefleckte Empfängnis, während mein Schwiegersohn auf die Zuverlässigkeit unzuverlässiger Praktiken vertraute. Bei aller Liebe: Denen war nicht zu helfen.
»Aber egal, wir bekommen ein Baby«, schnaubte Norbert strahlend, und seine ungetrübte Freude versöhnte mich ein bisschen. »Da muss ich aber zügig nach Hause und meiner Franka gratulieren. Ich bin ja so glücklich.«
Er sprang auf, drückte mir einen nassen Kuss aufs Ohr und entschwand, ehe ich noch ein weiteres Wort sagen konnte. Derart allein gelassen, bestellte ich noch ein Bier und einen Korn. Mein Blick schweifte durch das Lokal, und ich unterzog die gemischte Schar der Kneipengäste einer aufmerksamen Perle-Prüfung. Nicht ein Mensch war dabei, der mich interessierte: quasselnde Weibsbilder, zwei bierselige Männerrunden und vereinzelte, unglücklich wirkende Gestalten, die beduselt an der Theke hockten. Ein kahlköpfiger Endfünfziger warf mir einen interessierten Blick zu und winkte der Bedienung. Unter Garantie bestellte er jetzt noch ein Bier und einen Korn für mich, die mir umgehend an den Tisch gebracht werden würden. Solche Situationen kennt frau schließlich aus schlechten Filmen. Darauf hatte ich nun überhaupt keine Lust; also zückte ich schnell mein Portmonee, zahlte und verschwand nach draußen …


