DeLiA

Vereinigung deutschsprachiger Liebesromanautoren

ein herz für männer

Alles gibt es in dem Kölner Mietshaus, in dem die 30-jährige Meta seit Jahren lebt - nur keine Anonymität. Affären, Ehekräche und das unüberhörbare Liebesleben ihrer Nachbarin gehören genauso zur Normalität wie Hilfsbereitschaft und echte Anteilnahme.

Leise brodelt es hinter jeder Wohnungstür - egal, ob bei der lauten Grossfamilie Gröllmann oder dem stets freundlichen Herrn Tellur, der sich um seine behinderte Schwester kümmert.

Doch dann haben die Mieter eine höchst fatale Idee: ein Hausfest - und schon öffnet sich die Büchse der Pandora …






LESEPROBE


Während Irmgard Gröllmann im Fenster lag und auf Sensationen lauerte, saßen Jill und Alexander Marz am Frühstückstisch.

»Ich will heute auf jeden Fall noch zum Friseur«, sagte die attraktive Jill in das allmorgendliche Schweigen hinein.

»So«, murmelte ihr Gatte und fixierte weiterhin den Stadtanzeiger.

»Das interessiert dich wohl überhaupt nicht«, stichelte sie und wusste gleich, dass ihr Versuch, ein harmloses Gespräch in Gang zu bringen, einmal mehr am falschen Thema gescheitert war.

»Doch, doch«, antwortete er geistesabwesend und starrte weiterhin stur auf die Neuigkeiten aus Köln und dem Rest der Welt.

»Dann guck mich doch endlich mal an«, erklärte Jill bemüht freundlich und lächelte ihn an.

Genau das tat er. Und was er sah, gefiel ihm genauso gut wie vor vier Jahren, als er Jill zum ersten Mal begegnet war. Ihr schmales Gesicht mit den sanften Zügen und den erstaunlich blauen Augen war auf außergewöhnliche Art und Weise schön. Weiche brünette Locken, die leicht rötlich schimmerten, umrahmten ihr Gesicht und gaben ihm etwas Verletzliches. Alexander schaute seine Frau gerne an, obwohl er wusste, dass sie es überhaupt nicht mochte, wenn er sie musterte, ohne ein Wort mit ihr zu wechseln. Warum müssen Frauen ständig reden, fragte er sich zum tausendsten Mal, warum musste man ständig Belanglosigkeiten austauschen, um sich zu vergewissern, dass die Paarwelt in Ordung ist? Warum war das Schweigen, die Ruhe im täglichen Miteinander für Frauen offenkundig ein Signal dafür, dass sie nicht geliebt wurden? Nur weil sie in diesen Momenten keinen Anteil an den Gedanken ihres Partners hatten? Männer denken viel häufiger an gar nichts als Frauen wahrhaben wollen. Und sie lassen sich nur ungern dabei stören. Aber das konnte Jill sich genauso wenig vorstellen wie all die anderen Frauen, die ihn in den letzten fünfzehn Jahren mit der Frage »Liebling, was denkst du?« gequält hatten. Seiner Meinung nach verfolgte Jill mit ihrem unaufhörlichen Geplapper über Gott und die Welt einzig und alleine den Zweck, dass er keinen Gedanken fassen konnte, an dem sie keinen Anteil hatte.

»Und?«, unterbrach Jill seine Überlegungen.

»Und was?«, fragte er.

»Findest du nicht auch, dass ich dringend zum Friseur muss?«

»Mir gefällt es so, wie es ist«, widersprach er wenig überzeugend.

»Weil es dir ganz egal ist, wie ich aussehe«, provozierte sie ihn und ihr war klar, wie ungerecht dieser Behauptung war.

»Natürlich ist mir das nicht egal«, erwiderte er prompt. »Geh nur zum Friseur, wenn du Lust dazu hast.«

Jill fauchte ihn an: »Wie großzügig von dir!«

Mist, nun glaubte sie wohlmöglich, er hätte auf den Hunderter angespielt, den dieser Friseurbesuch kosten würde. Seit drei Monaten war Jill arbeitslos, und er bestritt den Lebensunterhalt für sie beide. Was wirklich kein Problem war, denn als leitender Angestellter beim großen Kölner Versicherungskonzern LKV verdiente er wahrlich nicht schlecht.

Jill war ebenfalls Versicherungskauffrau und hatte für ein kleineres Konkurrenzunternehmen gearbeitet. Im Gegensatz zu ihm hatte sie keinen Spaß an ihrer Arbeit, lehnte sich aber auch nicht wirklich dagegen auf. Der Job war halbwegs in Ordnung gewesen, bis ihr ein neuer Chef vor die Nase gesetzt worden war, den sie vom ersten Tag an widerwärtig fand. Und wenn Jill jemanden nicht leiden konnte, ließ sie es ihn spüren. Zwei Monate lang machten sich beide den Arbeitstag wo es nur ging zur Hölle, aber naturgemäß zog die kleine Angestellte den Kürzeren. Unter einem fadenscheinigen Grund flatterte ihr die fristgerechte Kündigung ins Haus. Alexander hatte ihr vorgeschlagen, den Fall vors Arbeitsgericht zu bringen, aber dazu hatte Jill keine Lust. Auch den Job bei der LKV, den er ihr dank seiner guten Beziehungen umgehend besorgte, schlug sie aus. Die Zeiten, wo sie sich mit der Berechnung von Bezügen herumärgerte, sollten endgültig vorbei sein. Jill war entschlossen, einen besseren Job zu ergattern, einen, der mit Menschen zu tun hatte und wirklich Spaß machte. Noch war sie nicht zu alt für einen beruflichen Wechsel. Ihr fehlte lediglich noch eine klare Vorstellung davon, was das für eine Arbeit sein könnte. Irgendwas beim Fernsehen oder in der Werbung vielleicht. Aber bis sie sich mit Elan in die Arbeitssuche stürzen konnte, musste sie zunächst einmal wissen, was sie wollte und das brauchte eben seine Zeit. Wenn sie allerdings ganz ehrlich mit sich selber war, wusste sie auch, dass sie höchstens noch ein Jahr arbeiten wollte, dann nämlich würde sie ihr gesamtes Leben einer viel, viel wichtigeren Angelegenheit widmen.

In den letzten zwölf Wochen hatte Jill deutlich gemerkt, wie sehr ihr Mann es schätzte, wenn sie zuhause war. Abends stand das Essen auf dem Tisch, Jill wusch und bügelte, saugte und putzte. Alles, was sie zuvor in Arbeitsteilung erledigt hatten, war nun zu einem einsamen Pflichtprogramm geworden, das sie sich selbst auferlegt hatte. Gegen diese Form der traditionellen Rollenverteilung war überhaupt nichts einzuwenden, fand Alexander, solange beide glücklich damit waren. Glücklich oder auch nur zufrieden war Jill allerdings nicht. Ganz und gar nicht.

Dann such dir doch einen neuen Job und hör endlich auf, diesen Berufsberührern meine sauer verdienten Moneten in den Rachen zu werfen, dachte Alexander, wenn Jill sich beklagte, war aber zu rücksichtsvoll, um diesen Satz auszusprechen.

Das war es nämlich: Jill Marz genoss es, wenn der Friseur ihr Haar wusch, schnitt, kämmte und wenn der Föhn wie ein warmer Wind über ihre Kopfhaut streichelte. Jill liebte es, wenn sich ein anderer Mensch ausschließlich mit ihr und ihren Bedürfnissen beschäftigte. Und genau diese Funktion erfüllten der Friseur, die Kosmetikerin und auch der Masseur, den sie seit zwei Monaten drei Mal wöchentlich aufsuchte.

»Aber Jill«, lächelte Alexander besänftigend, »Du weißt doch, mein Geld ist auch dein Geld.«

»Aber Jill«, äffte sie ihn nach, »Du kannst tun und lassen was du willst. Aber glaube bloß nicht, ich würde nicht merken, wie wenig recht es dir ist, wenn ich dein Geld für Dinge ausgebe, die du für unnötig hältst. Obwohl sie nicht unnötig sind, denn letzten Endes willst ja auch du eine attraktive Frau haben.«

’Auch du?’, schoss es ihm durch den Kopf. Wer denn noch? Der Friseur?

Jill biss in ihr Marmeladenbrötchen und beschloss im gleichen Moment, netter zu ihm zu sein. Alexander reagierte nämlich stets auf ihre Stimmungen. War sie gut gelaunt und freundlich, so war er es ebenfalls. Sobald sie registrierte, dass er den Leitartikel zu Ende gelesen hatte, versuchte sie es erneut.

»Alexander …«

Er sah auf und fragte: »Ja, Schatz?«

»Weißt du was? Ich lasse heute meinen Yoga-Kurs sausen und wir gehen im Tapas essen.«

»Wir haben am Wochenende ziemlich viel Geld ausgegeben, Jill, wir sollten ein bisschen sparsamer sein und brav zu Hause essen.«

Jill zauberte ihr verführerischstes Lächeln auf ihre Lippen. »Alex, wir müssen so viel besprechen …«

Dann setzte sie den Augenaufschlag ein, den er so süß fand. »Außerdem ist heute der Tag … na du weißt schon!«

Was antwortete der Kerl?

»Jill, ich dachte wir hätten das Thema vorläufig abgehakt! Und überhaupt, was hat das mit einem Essen im Tapas zu tun?«

Jill nahm sich vor, nicht aufzugeben: »Alex, man muss doch in Stimmung kommen!«

»Ich muss nicht in Stimmung kommen!«, konterte er.

»Das soll wohl ein Witz sein, Alexander. Du bist nie richtig in Stimmung.«

»Tja Jill, seit mein Sexualverhalten von deinem Ovulationskalender abhängig ist …«

Das stimmte ganz und gar nicht. Ihn auf dieses Thema anzusprechen, hatte Jill sich allerdings bis zum heutigen Tag nicht getraut. Es war irgendwie zu intim und außerdem trug Jill sich mit der Angst, dass dabei etwas ans Tageslicht kommen würde, was besser im Verborgenen bliebe. So wisperte sie lediglich: »Aber, ich möchte doch so gerne …«

»Wir haben doch bereits Hunderte von Malen darüber gesprochen, Jill, es ist zu früh für ein Kind. Wir müssen uns zuerst eine stabile Rücklage schaffen, damit wir eine sichere finanzielle Basis haben. Kinder sind teuer.«

»Ich werde spätestens nach einem halben Jahr wieder arbeiten gehen, Alex«, versuchte sie ihn zu besänftigen, obwohl sie ihr Kind so früh garantiert nicht in fremde Hände geben würde.

»Jill, mach dir nichts vor. Mit einem Säugling im Arm kannst du nicht arbeiten.«

Sie erweiterte ihre Lüge: »Wir könnten uns eine Kinderfrau besorgen. Ich bin fast siebenundzwanzig, so viel Zeit haben wir nicht mehr, Alexander.«

»Jill, das Thema nervt. Du weißt genau, dass du dann nur arbeiten würdest, um die Kinderfrau zu bezahlen.«

Alexanders Blick fiel auf seine edle Armbanduhr, die er nicht einmal zum Schlafen ablegte. »Halb neun, Jill, ich muss los.«

»Ja, ja«, maulte sie, »wenn es ernst wird, musst du gehen. Wie immer. Aber fahr nur, du fleißiger, kleiner Angestellter. Ich denke heute über meine Zukunft nach. Über meine Zukunft mit einem anderen Mann. Es gibt bestimmt Tausende von Männern, die nichts lieber täten, als eine Familie zu gründen.«

»Ich weiß, ich weiß«, antwortete Alexander und grinste. »Es gibt Tausende von Männern, die nichts lieber täten als mit Jill Marz eine Familie zu gründen …. Vergiss bei deinen Überlegungen aber bitte nicht, dass du bereits verheiratet bist.«

Darauf gab es keine Antwort.

Alexander stand auf und griff nach seinem Schlüssel, der ordentlich auf dem Sidebord lag.

»Bis heute Abend, Massa«, spottete sie, aber auch dieser Spaß ging daneben.

»Mach es uns nicht so schwer, Jill, ja?«

»Nein«, antwortete sie ernst. »Tschüss denn.«

Er warf sich das Jackett über die Schultern und schloss leise die Wohnungstüre.

Da stand sie nun, bedrängt von dem Gefühl, alles falsch zu machen. Es stimmte, sie war unzufrieden und fühlte sich nicht ausgelastet. Wie an jedem Morgen nahm sie sich vor, am Samstag auf jeden Fall die Stellenanzeigen durchzusehen und sich so bald wie möglich einen Termin beim Arbeitsberater geben zu lassen. Aber im Grunde fehlte ihr die Energie dazu. Mit ihrem angeschlagenen Selbstbewusstsein war es schlichtweg unmöglich, sich einem potenziellen Arbeitgeber als Beste aller Bewerberinnen zu präsentieren. Da konnte man allenfalls zum Friseur, zum Masseur und zur Kosmetikerin gehen und sich darüber freuen, dass man gut aussah und dass wenigstens diese Leute einen äußerst freundlich und zuvorkommend behandelten. Wie hatte sie es früher geliebt, gelassen und mit Muße ihr Gesicht zu betrachten, während der Friseur an ihren Haaren herumschnippelte. Inzwischen verbrachte sie viel Zeit vorm Spiegel. Viel zu viel. Noch mehr Zeit verbrachte sie mit den ausgefeilten Berechnungen ihres Monatszyklus. Aber es klappte trotzdem nicht.

Die täglichen Arbeiten im Haushalt waren schnell erledigt. Ihre anfänglich raffinierten Menüs waren deftigen Durchschnittsgerichten gewichen, die Alexander ohnehin lieber aß als die ausgefeilten Haute Cuisine-Menüs aus Elle, Vogue und Mademoiselle.

Ihre wenigen Freundinnen arbeiteten tagsüber und waren ihr bei diversen abendlichen Treffen in den letzten Wochen mit ihrem unsäglichen Geplapper über ihre ach so interessanten, aber auch sooo stressigen Jobs ziemlich auf die Nerven gegangen. Die einzige Ausnahme bildete ihre Schwester Meta. Aber Meta schrieb an ihrer Doktorarbeit, arbeitete an der Uni und hatte viel weniger Zeit für Jill und ihre Probleme als früher. Lediglich Montags gingen die beiden Frauen mit schöner Regelmäßigkeit gemeinsam zum Yoga-Kurs. An den meisten anderen Abenden zog Jill es vor, zu Hause zu bleiben und sich mit Alexander vor dem Fernseher zu langweilen. Oder besser gesagt: Während sie sich durch die Programme zappte, las der bildungsbeflissene Alexander ein gutes Sachbuch.

Ihre ehemals beste Freundin Ulrike hatte Alexander im Ortsverein der FDP kennen gelernt, wo Alexander sich für lokale Belange engagierte, und ihr in den allerhöchsten Tönen von diesem Mann v orgeschwärmt: »Dieser Kerl ist einfach vollkommen. Gut aussehend, durchtrainiert, höflich, liebenswürdig, weltgewandt - und er kann zuhören, Jill, wirklich zuhören. Das wird der Vater meiner Kinder, Jill, so viel ist sicher.« Ulrike war hin und weg. Ihre gesamte Energie investierte sie fortan in die Eroberung ihres Traumprinzen. Der jedoch gab sich spröde, obwohl er mit Ulrike ins Kino, ins Theater und auch zum Essen ins Restaurant ging.

Bei Ulrikes Geburtstagsparty - die sie, um Alexander zu beeindrucken, als gewaltiges venezianisches Spektakel mit Kostüm- und Maskenzwang aufgezogen hatte - , durfte auch Jill dieses männliche Wunder in Augenschein nehmen. Überraschenderweise steuerte Alexander schon nach kurzer Zeit zielsicher auf sie zu, was ihr gewaltig imponierte, weil Ulrike nach gängigen Kriterien noch attraktiver war als sie. Er drückte ihr ein Glas Prosecco in die Hand und begann umgehend zu plaudern. Sympathisch hatte sie ihn gefunden, ja, und auch ziemlich ansehnlich. Nicht mehr und nicht weniger. Zum ersten Tanz zog er sie in seine Arme, und weil Jill das zornige Funkeln in Ulrikes Augen nicht entgangen war, beschloss sie bereits nach zwei Stunden, sich zu verabschieden und die Party zu verlassen. Von Ulrike zu verabschieden, wohlgemerkt, nicht von Alexander Marz. Aber der aufmerksame Mann hatte sie im Auge behalten und folgte ihr in den üppig dekorierten Wohnungsflur. »Willst du schon gehen?«

»Ich muss«, hatte sie geantwortet.

»Dann gehe ich auch«, lächelte Alexander und griff nach seiner Jacke. »Das kannst du nicht machen«, stammelte sie.

»Ulrike hat …«

Alexander hatte sie einfach unterbrochen. »Ich habe meine Wahl getroffen, Jill.«

An diesem Abend war es ihr gelungen, ihn abzuschütteln, indem sie schnell in ein Taxi gesprungen war. Aber am nächsten Tag hatte er ihre Telefonnummer herausgefunden, und sie hatte seine Einladung zum Essen angenommen, obwohl sie sich überrumpelt fühlte und es ihr überhaupt nicht gefiel, Ulrike zu hintergehen.

Inzwischen war Jill davon überzeugt, dass Alexander sie damals über den Tisch gezogen hatte. Dieses selbstsichere Gebaren und sein massives Vorgehen ohne Rücksicht auf Verluste hätte sie vom ersten Tag ihrer Begegnung an stutzig machen sollen.

Allerdings war dieser erste Abend mit dem gut aussehenden und redegewandten Alexander ausgesprochen nett verlaufen. Tja, und von diesem Tag an hatte Jill Staudt einen neuen Freund - und eine alte Freundin weniger.

Nach vier Monaten bat Alexander sie, seine Frau zu werden und in einer romantischen Anwandlung stimmte Jill zu. Obwohl sie da natürlich schon wusste, dass ihr zukünftiger Gatte ein ausgesprochen lausiger Liebhaber war. Sex gehörte schlichtweg nicht zu seinen Hobbys. Man hatte ihn eben. Am besten einmal im Monat nach einem ausgedehnten Bad. Und wenn es schnell ging, war das in Alexanders Augen kein Fehler. Man war den biologischen Druck losgeworden, hatte sich sozusagen entlastet und genau das war für ihn der eigentliche Sinn und Zweck dieser Aktion. In der Brigitte hatte Jill letzthin zufällig gelesen, dass Männer seiner Altersgruppe alle sechzig Sekunden an Sex denken. Auf Alexander Marz traf das keinesfalls zu. Meistens kamen derartige Gelüste ihm nur in den Sinn, wenn eine Frau ihn durch eine erotisch eindeutige Aufforderung anmachte.

Jill, die mit anderen Männern vor ihm durchaus ihren Spaß gehabt hatte, tröstete sich im ersten Jahr ihrer Ehe damit, dass ihr Mann lernfähig und vielleicht sogar lernwillig wäre, und sie ihm alle wesentlichen Dinge beibringen könne. Inzwischen hatte sie es sich selbst eingestehen müssen: Alexander war unbelehrbar.

Dabei hatte sie ihn schon einige Wochen vor der Hochzeit mit dem Liebesalphabet getestet, einem unfehlbaren Gradmesser für die sexuelle Vorstellungskraft und Leistungsfähigkeit des jeweiligen Liebhabers. Eine sehr erfahrene Freundin hatte ihr davon erzählt, und Jill fand den Wahrheitsgehalt des Tests unschlagbar.

Man sagte im Stillen das Alphabet auf und der Liebesgefährte musste wie beim allseits beliebten Stadt-Land-Fluss »Stopp« sagen. Auf den Buchstaben, der laut ausgesprochen wurde, musste er einen gewagten Ort nennen, an dem das Liebesspiel stattfinden konnte oder, als Variante, eine sexuelle Wunschvorstellung äußern. Sie hatten sich darauf geeinigt, dass er einen Ort nennen sollte. Und Jills Versuch, Alexander zu testen, verlief folgendermaßen. Jill warf ein »A« in den Raum und machte es ihm leicht, indem sie auf sein gemurmeltes »Stopp« mit »S« antwortete.

Gelangweilt lächelnd sagte Alexander »Sex«.

Jill beschloss, ihm eine weitere Chance einzuräumen und schmachtete zärtlich: »Ist das ein Ort, Liebling?«

»Das nicht«, erwiderte Alexander nicht im Geringsten irritiert.

»Wir versuchen es noch einmal, Schatz«, meinte Jill, die zu dieser Zeit noch sehr geduldig war. Erneut gab sie ihm ein »S« vor.

»S … ähmm S«, überlegte Alexander. Er brauchte so viel Zeit, dass Jill zu der felsenfesten Überzeugung gelangte, er würde mit einer glänzenden Idee aufwarten.

Da lächelte Alexander sie an wie ein Schulkind und sagte »Schlafzimmer«.

Damit wusste Jill Bescheid. Ihr Glaube daran, dass Menschen, die keine Phantasie haben, auch nicht zärtlich sein können, bewahrheitete sich in den nachfolgenden Monaten.

Nun trug sie seit fast vier Jahren den eher lächerlichen Nachnamen Marz, und momentan fühlte sie sich wie das ewig missmutige Anhängsel eines erfolgreichen Mannes. All die Eigenschaften, die ihn zu einem richtigen Kerl machten, wie Ulrike es damals ausgedrückt hatte, gingen zu ihren Lasten. Die gute Ulrike hatte zu ihrem eigenen Glück im Gegensatz zu ihr nie erfahren müssen, was Alexander zu einem richtigen Kerl fehlte. Hartnäckig, zielorientiert, unnachgiebig, fleißig und gefühllos, das war er.

Aber trotz seiner offenkundigen Mängel schaffte Jill es einfach nicht, aus seinem übermäßig langen Schatten herauszutreten und verlor jeden Tag ein bisschen mehr von ihrer ursprünglichen Kraft. Alles war falsch gelaufen. Sie hatte sich einfangen lassen, und es existierte nicht einmal die minimale Aussicht darauf, dass er sich ändern konnte oder ändern wollte.

Seit letztem Sommer versuchte sie, einen andere Form von Sinn in ihr Leben zu bringen. Wenn sie ein Kind bekäme, wäre ihr Leben ausgefüllt und dann hätte sie auch jemanden, mit dem sie zärtlich sein könnte. Denn im Grunde fehlten ihr die liebvollen Berührungen wesentlich mehr als der Sex.

Aber auch gegen die normalste Sache der Welt sträubte Alexander sich. Ich könnte längst schwanger sein, dachte Jill wie so oft, seit Monaten schon, seit Jahren sogar. Früher haben wir auch nicht aufgepasst. Wenn das Kind erst mal da wäre, würde Alexander sich bestimmt freuen und ein guter Vater sein. Das war bei den meisten Männern, die kein Kind wollten, ganz genauso. So stand es zumindest in den Frauenzeitschriften, die Jill bei ihren Friseurbesuchen verschlang. Außerdem glaubte sie zu wissen, dass Alexander sich im Grunde auch nach einem Kind sehnte, sonst würde er das Thema Verhütung gewiss nicht ausschließlich in ihre Hände legen. Obwohl er da seit neuestem eine andere Methode anwendete, die Jill ganz und gar nicht behagte.

Alexander behauptete zwar, er würde den Coitus interruptus aus hygienischen Gründen bevorzugen, aber Jill ahnte, dass es ihm nicht nur um die Fleckenlosigkeit der Bettwäsche ging. Und exakt aus diesem Grund wurde sie vermutlich nicht schwanger.

Jeden Monat gab sie sich dem äußerst schwierigen Unterfangen hin und verführte ihren Mann punktgenau am Tag ihres Eisprungs. Am einzigen Tag, wo es funktionieren konnte, wie ihr Frauenarzt behauptete. Nicht am Tag vorher, nicht am Tag nachher, sondern genau an diesem Tag. Er hatte ihr übrigens auch mitgeteilt, dass mit ihr gynäkologisch alles in Ordnung sei: »Frau Marz, es wäre gut, wenn ihr Mann einen Urologen aufsucht, um die Anzahl und die Beweglichkeit seiner Spermien untersuchen zu lassen.«

Alexander beim Urologen? Unvorstellbar! Warum begriff dieser Mann bloß nicht, dass erst ein Kind eine Familie komplett machte, wo er doch schon in so vielen anderen Hinsichten versagte? Für Jill stand fest, dass sie ihr Leben keinesfalls als kinderlose Frau fristen wollte, und wer konnte wissen, ob es in ein paar Jahren klappen würde? Ein Leben lang arbeiten? Und wofür? Für nichts! So wie ihre Schwester Meta, die keinesfalls und nie und nimmer ein Kind haben wollte, wie sie in der Vergangenheit bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit betont hatte, würde Jill keinesfalls leben wollen. Bei aller schwesterlichen Liebe fand sie, dass Meta sich schon seit einiger Zeit relativ zickig verhielt. Intellektuell oder irgendwie altklug war ihre ältere Schwester seit Jill denken konnte, aber jetzt hatte sie außerdem so was Verbissenes. Da war so ein Zug um ihren rechten Mundwinkel, fast ein bisschen verhärmt.

Alexander fand das allerdings nicht. »Deine Schwester ist eine tolle Frau, Jill, klug, attraktiv und unterhaltsam«, hatte er schon mehr als einmal gesagt.

Und das grenzte im Grunde an Schwärmerei: »klug, attraktiv, unterhaltsam.« Dieser Chauvi, dachte Jill, sollte er sich doch mit Meta zusammentun, wenn er sie so klasse fand, dann könnten sie gemeinsam alt werden und sich für ihre jahrzehntelang gescheffelten Penunzen im Altenheim zu Tode pflegen lassen. Jills Leben würde anders aussehen. Glücklich, zufrieden, erfüllt. Ja, erfüllt! Nur Kinder bringen das Herz zum Lächeln, hatte ihr Ausbilder, Fred Kaiser, gesagt, und der wusste, wovon er sprach, weil er vier liebreizende Kinderchen hatte. Schade eigentlich, dass der Gute bereits verheiratet war. Denn das war ein Mann, wie er im Buche stand. Attraktiv, erfolgreich, charmant und gebildet. So einen Mann müsste man haben, nicht so eine kinder- und körperfeindliche Nulpe, dachte Jill und beschloss ernsthaft auf Brautschau zu gehen, wenn Alexander sich nicht in naher Zukunft um sie und die aktive Familienplanung kümmern würde.

Jill starrte in den Badezimmerspiegel und sah hinter der schönen Fassade die ersten Anzeichen des zunehmenden Verfalls. Und die Angst, spätestens mit fünfzig alle paar Monate in depressive Zustände zu verfallen wie ihre Mutter, streckte ihre mächtigen Fühler nach ihr aus. Ich muss mich zusammennehmen, beschloss Jill, und mich aus diesem Netz befreien. Am liebsten würde ich das Rad der Zeit zurückdrehen und einfach dort wieder anfangen, wo ich vor meiner Ehe aufgehört habe.

Sie nahm sich vor, ihre drei Jahre ältere Schwester um Rat zu fragen. Wenn die kluge Meta ihr empfehlen würde, sich von Alexander scheiden zu lassen, damit sie sich - so lange noch Zeit war - auf die Suche nach einem geeigneten Kindsvater machen könnte, würde sie alle notwendigen Schritte in die Wege leiten. Und wenn nicht? Tja, dann würde sie sich etwas Anderes überlegen, um Schwung in ihr Leben zu bringen. Aber nun würde sie zunächst duschen, sich schick machen, zum Friseur gehen und vielleicht dieses wunderbare Duschgel von KL kaufen.





Heide John

Heide John - Ein Herz für Männer
Originalausgabe
Blanvalet Verlag August 2002
Taschenbuch (vergriffen)


Originalausgabe: Blanvalet Verlag
 August 2002
Genre: Liebesroman
Zeit: Gegenwart
Handlungsort: Köln