LESEPROBE
"Ich kämpfe um dich"
"Bleiben Sie ganz ruhig, Sie sind nicht allein!" versuchte ihn Claudia zu beruhigen. Ihre Hand lag spürbar auf seiner Schulter. Sie ließ ihn keine Sekunde aus den Augen. Er drehte den Kopf so, dass sie ihn anschauen konnte. Das Blut begann langsam zu stocken. Unter zitternden Lidern öffnete er die Augen. Sie konnte sich täuschen, die Nacht schlug einem so manches Schnippchen, aber er schien dunkle Augen zu haben.
"Ich bin bei Ihnen. Ich helfe Ihnen, bis der Krankenwagen da ist", sagte sie mit warmer Stimme. Der Mann brannte seinen Blick an ihr fest, dann versuchte er sich auf den Rücken zu drehen.
"Bitte, nicht zuviel bewegen, es ist besser für Sie." Claudia versuchte, ihn mit sanftem Druck am Boden zu halten, aber sein Wille, sich flach hinzulegen, verlieh ihm plötzlich Kräfte. Claudia zweifelte daran, dass er trotz des harten Aufpralls auf ihrem Auto und danach auf dem Asphalt Wirbelsäulenverletzungen davongetragen hatte. Er ächzte zwar, bis er flach lag, aber er schien keine größeren Schmerzen dabei verspürt zu haben.
"Haben Sie irgendwo Schmerzen?" Sie ließ ihn los.
Er schüttelte trotz der Stirnwunde den Kopf, ohne sein Gesicht dabei zu verziehen. Für Claudia stand fest, dass der Mann unter Schock stand. Und wenn es noch jener betäubende psychische Zustand war, der ihn zum Selbstmord getrieben hatte…
"Sagen Sie mir, wie Sie heißen?" Sie stützte sich auf die Arme und beugte sich über den Verletzten. Mittlerweile lag er ruhig, aber er öffnete die Augen, als er ihre Stimme vernahm.
"Warum? Ist das wichtig?" Seine Stimme war kräftiger, als Claudia in seiner Situation vermutet hatte.
"Es geht mir um Ihren Zustand, Ihre Reaktion. Und sollten Sie wieder bewusstlos werden, haben wir bereits Ihre Personalien und können Ihre Angehörigen verständigen." Der Mann atmete plötzlich heftiger. Sie schien den bitteren Zug um seinen Mund nicht zu bemerken.
"Mein Zustand? Ich fühle mich nicht viel anders als vorher."
"Vorher?" fragte die Ärztin und zog die feinen Brauen zusammen.
"Ja, bevor ich das Auto kommen sah." Sein Blick hielt ihr Gesicht fest, das er nur undeutlich sehen konnte. Etwas Blut war in sein linkes Auge gekommen und klebte verkrustet zwischen Nasenwurzel und Tränensack. Er begann es vorsichtig wegzureiben. Plötzlich spürte er die Hand der Frau, die ihn davon abhalten wollte. Die Hand war warm und entschlossen, aber vielleicht hätte er sie abschütteln können, wenn er gewollt hätte.
"Tun Sie das lieber nicht. Wir wissen noch nicht, ob Sie auch am Auge Verletzungen haben, Herr… Ich weiß immer noch nicht Ihren Namen."
"Sie haben eine angenehme Stimme, obwohl mich das eigentlich gar nicht mehr interessieren sollte", meinte Peter Fabian. Es erstaunte ihn, dass er über Dinge nachdachte, die er glaubte, hinter sich gelassen zu haben. Der ganze Körper schmerzte ihn auf einmal, ohne dass er besonders besorgt darüber war. Ihm war alles egal - fast alles. Er hatte sich in eine bequemere Lage gebracht, aber er hätte stundenlang hier liegenbleiben können, sogar für immer, das war ihm völlig gleich.
Dann drang diese Stimme durch die Nacht zu ihm und dieses kleine, stechende Licht, das ihm in den Augen weh getan hatte. Zuerst wusste er nicht, was überhaupt geschehen war, und dann, warum er noch lebte. Er war nicht einmal wütend darüber, dass es schief gegangen war, sondern war nur enttäuscht.
Die Frau beugte sich immer noch zu ihm herunter. Sie duftete gut nach einer Mischung aus einem dezenten Parfüm und ungestümem Leben. Sicher war sie noch jung, jedenfalls hatte ihre Stimme diese helle Frische.
Müde schloss er die Augen. Die Gedanken nach so einer Handlung waren doch seltsam.
"Hören Sie, die angenehme Stimme wüsste aber gerne Ihren Namen, weil es die angenehme Stimme interessiert." Der Tonfall hinter dem kleinen, unnachgiebigen Punktlicht hörte sich ungeduldig an.



