Berlin, 24. Dezember 1793: Als die blutjunge Prinzessin Luise den Kronprinzen Friedrich Wilhelm in einer prachtvollen Zeremonie heiratet, feiert ganz Preußen das große Ereignis. Denn es ist ja eine Liebesheirat und die künftige Königin von außergewöhnlicher Schönheit. Mit ihrem Liebreiz erobert sie nicht nur rasch die Herzen ihrer Untertanen, sonder nimmt auch entscheidenden Einfluss auf die bewegte Zeitgeschichte. Der junge russische Zar Alexander I. himmelt sie an. Und Napoleon zwingt sie zur Flucht aus Preußen.
LESEPROBE
Frankfurt am Main, 14. März 1793
»Raus! Und ihr kommt erst wiede' rein, wenn ihr zur Vernunft , gekomme' seid! Ich möchte solche Szene' nich' noch ma' erlebe'!«
Großmutter Scho'sch zog - wie immer, wenn sie tadelte - ihre Linke mit vollem Schwung nach oben und richtete den Zeigefinger auf, wobei die mit Diamanten besetzten Reifen an ihrem Arm gefährlich klapperten. Obwohl die Mädchen wussten, dass dies eine Gebärde war, die nicht nur Zurechtweisungen, sondern auch Schläge androhte, versuchte Luise angesichts der Tatsache, dass sich in ihrer kleinen Abendgesellschaft heute auch Polyxene befand, die immer ein gutes Wort für alle übrig hatte, das Schicksal herauszufordern: »Ja, aber...« »Keine Wiede'worte!« Der Arm der Großmutter wies in Richtung Ausgang. »Aber warum ich? Ich habe doch nichts ...« »Was hab' ich gesagt?« Auch bei Friederike blieb sie ungnädig. Großmutter Georg, wie sie von allen in ihrer Umgebung genannt wurde - wobei man das »Georg« zu einem von hessischer Mundart geprägten »Scho'sch« verschliff -, hieß eigentlich Maria Luise Albertine von Hessen-Darmstadt. Weil sie jedoch niemals duldete, dass man ihr widersprach, ihre Haltung so gerade war wie bei einem Gardeoffizier und sie allein mit dem Rasseln ihrer Armbänder jedermann Respekt abtrotzte, nannte man sie - und zwar keineswegs nur hinter ihrem Rücken! - beim Vornamen ihres Mannes. Es gab keinen Zweifel darüber, wer in der Nebenlinie des Hauses Hessen-Darmstadt, der sie angehörte, die Hosen anhatte. Und dass ihre beiden Enkelinnen es gewagt hatten, dies jetzt und hier, in der zweitteuersten Loge, die das Frankfurter Komödienhaus zu bieten hatte - also in aller Öffentlichkeit und allerfeinster Gesellschaft -, in Frage zu stellen, hatte die alte Dame in einem Maße aus der Haut fahren lassen, wie sie es eigentlich nie zu tun pflegte. Sie hatte schließlich einen Ruf zu verlieren. Still bewegten sich die beiden Mädchen zur Logentür. Doch während Luise an der Großmutter vorbeischritt wie eine Fürstin des russischen Großreichs und sie keines Blickes würdigte, gab Friederike ganz das leidende Gegenteil ab und wischte sich - getroffen von der Ungerechtigkeit, die ihr wieder einmal widerfahren war - eine kleine Träne aus dem Augenwinkel. Diese anklagende Geste entging der Scho'sch natürlich nicht, und sofort bemächtigte sich ihrer ein Strom aus innerer Rechtfertigung. Denn es war Luise gewesen, die sich wieder einmal nicht hatte mäßigen können, und nicht Friederike, über die es grundsätzlich wenig Grund zur Klage gab, weil sie immer brav und liebenswürdig war. Aber, sagte sich die Großmutter, besser ein Machtwort mehr als eines weniger, und so setzte sie noch einmal nach: ». . . und wenn ihr wiede'kommt, dann erwa'te ich eine Entschuldigung bei Tante Polyxene!« Als sie das sagte, bemerkte sie Kümmelmann, der hinten an der Tür vor sich hingedämmert hatte, bei ihren Worten hilflos aufgeschreckt war und nun nach Orientierung suchte. Mit zusammengekniffenen Augen herrschte sie ihn an: »Und Ihr passt auf sie auf! Damit nich' noch mehr passiert.« Großmutter Scho'sch drückte die Schultern nach hinten und richtete ihr Kreuz kerzengerade auf, damit ihre Haare, die sie nach Pariser Art zu einem kleinen Turm aufgebauscht trug, nicht aus der Balance gerieten und sie den Kindern und ihrem Begleiter noch ein Bild ihrer Unantastbarkeit hinterherschicken konnte. Zufrieden sah sie den verwunderten Mädchen nach. Dann fiel die Tür zu. Sofort drehte sie sich zu ihrer Nichte. »Es tut mir so leid, liebe Polyxene. Diese Mädche'. Sie wachse' mir echt über den Kopf. Ich kann ebe' zu meinen Enkelinnen nich' mehr so streng sein wie zu meinen Töchtern. Sie sind heut' den ganzen Tag schon so aufgeregt. Sind halt lang net mehr hier in Frankfurt gewese' - und schon gar nich' im Theate'. Die waren ganz närrisch, als ich ihnen davon erzählt hab'. Ach, ich hoffe, Sie können ihne' das nachsehen . . . Schon auf der Fahrt hierher wäre' sie so wild, dass ich sie am liebsten wieder zurückgeschickt und ihne' Hausarrest gegebe' hätte ...«Großmutter Scho'sch bremste ihren Redefluss, denn beinahe hätte sie sich verplappert. Seit Monaten schon hegte sie einen großen Plan, für den sie alle nur erdenklichen Hebel in Bewegung gesetzt hatte, und die Mädchen jetzt, so kurz vor der Vollendung, nach Darmstadt zu schicken, hätte alle Mühe sabotiert. Sie, die Großmutter Scho'sch, hätte sich nicht nur vor ihrer vielköpfigen Verwandtschaft, ja dem ganzen hohen Stand, dem sie angehörte, ordentlich blamiert, sondern sie wäre auch gänzlich ruiniert gewesen. Alles Geld war für die Erziehung der Mädchen draufgegangen, und das silberne Besteck hatte sie bereits verkauft, um ihnen wenigstens das Notdürftigste an Ausstattung zu sichern. Denn nicht nur die Kleidung, die täglichen Aufwendungen und das Personal für die Mädchen waren teuer gewesen. Zumal sie alles allein aus ihren kargen Einkünften bestreiten musste, weil Karl von Mecklenburg-Strelitz, ihr Schwiegersohn und der Vater der Kinder, keinen einzigen Sou zum Unterhalt der Kinder beitrug, obwohl er als Gouverneur von Hannover fette Revenuen aus der englischen Staatskasse bezog. Den größten Posten ihres ohnehin überschaubaren Budgets hatte die gute Gelieu ausgemacht, die die ehrgeizige Großmutter eigens zur Erziehung der Kinder aus dem preußischen Neufchätel zu sich geholt hatte und die ihnen nun täglich wenig Strenge, dafür aber viel Herzensgüte angedeihen ließ. Die Vorstellung, bei einem Misslingen ihrer Mission belächelt, gar bemitleidet zu werden, jagte der Scho'sch mehr Angst ein, als die Truppen der französischen Revolutionsarmee es je vermocht hatten. Deren Kanonendonner auf Mainz hatte sie von ihrem Balkon am Darmstädter Alten Palais aus hören können - weswegen sie sofort mit ihren Enkelinnen ins sächsische Hildburghausen geflohen war, wohin sie Lolo, die älteste Schwester von Luise und Friederike, leider nur wenig vorteilhaft hatte verheiraten können. Aber der Krieg und die Flucht waren nichts, nichts, nichts gegen ein Scheitern ihrer gesellschaftlichen Ambitionen - und dafür brauchte sie Polyxene wie die Mistel den Wirt. Denn die hatte Geld, und sie selbst nicht.



