Graf von Ludin hat in seinem Testament bestimmt, dass sich Sebastian sein neues Herrchen oder Frauchen selbst aussuchen darf. Astrid soll das Schloss und einen Teil des Vermögens erben. Das restliche Vermögen hat der Verstorbene auf seinem Besitz versteckt und bestimmt, dass der Schatz dem Finder zufällt. Einzig und allein Sebastian kennt das Versteck.
Kurz nach der Testamentseröffnung trifft ein weiterer Erbe ein, Richard von Ludin. Als auch noch Astrids früherer Freund auf Schloss Ludin auftaucht, beginnt die Situation zu eskalieren.
LESEPROBE
Als die junge Frau eine halbe Stunde später
nach unten
kam, stand Cäsar in der Halle und verhandelte mit dem Chauffeur, einem
Herrn
Clasen. Bei ihrem Anblick wurde sein Gesicht freundlicher. Er ließ den
Chauffeur einfach stehen und ging ihr entgegen.
"Haben Sie gut geschlafen, Frau Schumann?",
erkundigte
er sich.
"Danke, sehr gut. Ich bin erst von dem
schrecklichen Hupen aufgewacht."
"Es gibt Menschen, die haben weder Sitte noch
Anstand", bemerkte Cäsar so laut, dass es Max Clasen hören musste.
"Obwohl er ja nur ein Werkzeug seines Herrn ist", fügte er hinzu.
"Unser Herr Graf war so ein feiner, ruhiger Mensch. Er hätte niemals so
ein Aufsehen verursacht."
"Cäsar!", klang aus dem Esszimmer eine
herrische Stimme. "Verdammt noch mal, wo bleiben Sie denn?"
"Keine Aufregung, der kann warten", erklärte
der Butler. "Basti ist noch draußen. Heute ist herrliches Wetter. Wir
könnten Ihnen das Frühstück auf der Terrasse servieren lassen, dann
bliebe
Ihnen noch etwas die Bekanntschaft jenes Herrn da drinnen erspart."
"Cäsar!"
"Ich frühstücke im Esszimmer", entschied
Astrid. "Und es wäre wohl auch besser, wenn Sie hineingehen, sonst
fliegt
womöglich demnächst das Geschirr durch die Gegend."
Gefolgt von Cäsar betrat sie das Esszimmer.
Am
gedeckten Tisch saß ein alter Herr mit weißen Haaren. Neben ihm lehnte
ein
herrlich geschnitzter Krückstock mit silbernem Knauf. Bernhard von
Ludin war
dabei, ein Hörnchen dick mit Butter zu bestreichen. Bei ihrem Eintritt
hob er
den Kopf.
"Wer sind Sie denn?", schnauzte er.
"Gehören Sie zum Personal? ... Cäsar, da sind Sie ja endlich! Ist es
üblich, sich nach Ihnen die Kehle wund zu schreien? Wird Zeit, hier
einmal mit
einem eisernen Besen zu kehren. Haben Sie diesen schrecklichen Köter
eingesperrt? Ich möchte nicht, dass er mir noch einmal vor die Füße
läuft,
sonst wird ihn mein Chauffeur ins nächste Tierheim bringen."
"Sebastian gehört zu Ludin", warf Astrid
ein, bevor der Butler antworten konnte. Sie fühlte, wie es in dem alten
Mann
kochte. "Im übrigen ist Sebastian kein schrecklicher Köter, sondern ein
besonders liebenswerter Hund." Sie setzte sich an den Tisch.
"Ich fragte Sie bereits einmal, wer Sie
sind", herrschte Bernhard von Ludin sie an.
"Genau wie Sie ein Erbe, Herr von Ludin",
erklärte Astrid amüsiert. Sie stellte sich vor. "Cäsar, ich hätte gern
Kaffee", wandte sie sich an den Butler, da die auf dem Tisch stehende
Kanne bereits leer war.
"Ich lasse sofort welchen bringen, Frau
Schumann", versprach Cäsar und schlurfte hinaus.
Hinter der Stirn des alten Herrn begann es zu
arbeiten. Missbilligend blickte er sie an. "Wie sagten Sie, war Ihr
Name?"
"Astrid Schumann." Die junge Frau bediente
sich aus dem Brötchenkorb.
"Nie gehört!"
"Ich hatte Ihren Namen auch nie zuvor
gehört",
antwortete Astrid freundlich. "Und wie mir gesagt wurde, werden noch
zwei
weitere Erben erwartet."
"Erben! Ich höre immer nur Erben!",
ereiferte sich Bernhard von Ludin. Ärgerlich griff er über den Tisch
nach der
Käseplatte und stieß dabei seine Tasse um. Ein hellbrauner See aus
Milchkaffee
ergoss sich über das Tischtuch und tropfte auf den Teppich.
"Cäsar!", schrie Bernhard von Ludin.
"Oh je, der kostbare Teppich! Cäsar!"
"Kein Grund, in Panik auszubrechen." Astrid
tupfte den See mit einer Serviette auf. "Zudem gibt es eine Klingel."
"Der Kaffee ruiniert mir den Teppich",
jammerte Bernhard von Ludin. Er griff sich mit beiden Händen in die
spärlichen
weißen Haare. "So tun Sie was!", herrschte er Astrid an.
In diesem Moment stürmte Sebastian ins
Esszimmer. Er
wollte sich erst freudig auf Astrid stürzen, entdeckte dann jedoch
Bernhard von
Ludin am Tisch. Mit langen Sprüngen stürmte er auf ihn zu. Der alte
Herr griff
nach seinem Krückstock, um ihn abzuwehren, da wurde er ihm von
Sebastian schon
aus der Hand gerissen.
Astrid sprang auf. "Basti, gib den Stock
her." Sie streckte die Hand aus.
Der Bernhardiner wich zurück. Ohne den Stock
aus der
Schnauze zu nehmen, blickte er sie aus großen Augen treuherzig an,
ging
langsam auf sie zu und legte ihr den Stock mit einem Seufzer vor die
Füße.
"Brav, Basti, ganz brav", lobte Astrid und
drückte den Kopf des Bernhardiners an sich.
"Geben Sie mir den Stock!" Bernhard von
Ludin streckte die Hand aus, um sie gleich darauf zurückzuziehen, weil
Sebastian, der einen Angriff auf Astrid fürchtete, die Lefzen hochzog
und
gefährlich knurrte.
"Schon gut, Basti." Astrid schlug ihm
liebevoll auf den breiten Rücken. "So, und nun lauf zu Cäsar und
Maria." Sie schob ihn in Richtung Tür. "Hier haben Sie Ihren Stock,
Herr von Ludin." Mit einem ironischen Lächeln fügte sie hinzu: "Wie
Sie sehen, ist er unbeschädigt."
"Hätte auch gerade noch gefehlt." Der alte
Herr lehnte den Stock gegen einen Stuhl. "Dieser Kaffeefleck! Der ganze
Teppich ist ruiniert. Haben Sie überhaupt eine Ahnung, was so ein
Teppich
kostet?"
Marianne kam mit dem Kaffee für Astrid ins
Zimmer.
"Herr von Ludin hat versehentlich seine Tasse
umgestoßen. Wären Sie so nett und würden dafür sorgen, dass der Fleck
auf dem
Teppich abgetupft wird?", wandte sich Astrid an das Hausmädchen.
"Gern, Frau Schumann."
"Eines steht fest, sobald ich hier das Sagen
habe, kommt der Köter weg", ereiferte sich Bernhard von Ludin. "Und
wenn ihn kein Tierheim aufnehmen will, wird er eben ..."
"Noch sind Sie nicht Herr auf Ludin", fiel
ihm Astrid aufgebracht ins Wort. "Und verlassen Sie sich darauf, dem
Hund
wird kein Haar gekrümmt."
"Für eine Dame höchst zweifelhafter Herkunft
nehmen Sie den Mund recht voll", bemerkte der alte Herr.
"Wie meinen Sie das?"


