Im Sommer 1973
fährt die
zwölfjährige Ilona Stein mit ihren Eltern, ihrem vierjährigen Bruder
Michael
und ihrem Hund Biever auf dem Schiff Nili ihrer neuen Heimat Israel
entgegen.
Sie hat nur ungern von Wien Abschied genommen und sie hat Angst vor dem
Neuen,
das sie in Israel erwartet, zumal sie in einem Kibbuz mitten in der
Wüste
leben werden.
Auf einen Ausflug in den Galil kommen sich die Kinder endlich näher. Und dann ist da noch Juval, ein Junge aus einer zerrütteten Stadtfamilie, der im Kibbuz als Pflegekind aufgenommen wurde und nun in Ilonas Gruppe lebt.
Gerade fangen Ilona und Juval an, sich im Kibbuz einzuleben, da bricht der 4. arabisch-israelische Krieg aus. Bange Wochen vergehen. Schneller, als unter gewöhnlichen Umständen, beginnen die beiden Kinder sich mit ihren Kameraden in Givat Moshe zu identifizieren und aus Ilona wird das Kibbuzkind Ilanan.
LESEPROBE
Einen
kleinen Handkarren hinter sich herziehend liefen Mariamne und Ilona
durch den
Kinderbezirk. Überall begegneten ihnen Kinder, die alle irgendwie
beschäftigt
waren. Keines schien müßig zu gehen. Aus den Kindergärten der Kleinen
drangen
muntere Stimmen. Ilona hoffte, irgendwo Michael zu sehen. Sie konnte
ihn
nirgends entdecken. "Vielleicht spielt er drinnen", meinte Mariamne.
Als sie den Wohnbezirk der Erwachsenen
betraten, sprang ihnen Biever entgegen.
Er wollte sich überhaupt nicht mehr beruhigen und ließ sich sogar von
Mariamne
streicheln.
Deborah
Stein war zu Hause. Unter ihren Händen hatte sich das kleine Haus schon
etwas
verändert. In beiden Zimmern standen Blumen, auf den Tischen lagen
Decken und
in den Bücherregalen hatte sie die ersten Bände eingeordnet. Sie bot
den beiden
Mädchen Limonade und Kekse an. "Gefällt es dir im Jugendhaus, Loni?",
fragte sie.
"Mm",
machte Ilona. Sie konnte noch nicht sagen ob es ihr gefiel oder nicht.
Zuviel
Neues stürmte auf sie ein.
Auf
dem Sofa lagen ihre Sachen. Gemeinsam mit Mariamne trug sie alles nach
draußen
in den Handkarren. Dann sagten sie 'shalom' und zogen den Karren zum
Jugendhaus. Biever lief ihnen nach.
"Nimm
ihn mit", schlug Mariamne vor. Das ließ sich Ilona nicht zweimal sagen.
Ilona
war den ganzen Vormittag mit dem Aus- und Einpacken ihrer Sachen
beschäftigt.
Die Kommode und das Bücherbrett erwiesen sich als viel zu klein.
Widerwillig
trug sie einige Bücher und Spiele in den Gemeinschaftsraum, andere tat
sie
beiseite, um sie am Nachmittag zu ihren Eltern mitzunehmen. Bievers
Steuermarke, seine Leinen und Halsbänder legte sie in die
Hundetragetasche,
einschließlich der bestickten und gehäkelten Kissenbezüge, die sie im
Laufe des
vergangenen Jahres für ihn angefertigt hatte.
"Ist
das alles für einen Hund?", staunte Mariamne. "Was ist denn
das?" Sie hielt ein gestricktes Etwas aus roter Wolle in den Händen.
"Bievers
Mantel. Im Winter ist es bei uns sehr kalt." Ilona schob die
Tragetasche
unter ihr Bett. "Muss ich wirklich überall meine Nummer einsticken?",
fragte sie mit einen verzweifelten Blick auf den neben ihr liegenden
Wäsche-
und Kleiderhaufen.
Mariamne
nickte. "Sonst weiß in der Kleiderkammer niemand, wem die Sachen
gehören." Sie hatte schon mit dem Zeichnen von Ilonas Sachen begonnen.
Es
ging ihr ganz flink von den Händen. "Wir müssen ja nicht alles heute
machen", meinte sie tröstend, als sie sah, wie widerwillig Ilona nach
einer Bluse griff.
Beide
arbeiteten schweigend. Biever lag halb schlafend vor der Tür. Sein
linkes Auge
ruhte auf Ilona und sein rechtes Ohr war aufgestellt, in der Hoffnung,
dass sie
ihn rufen würde. Schade, sie schien keine Zeit für einen kleinen Hund
zu haben!
Nach
einer Stunde stand Mariamne vom Bett auf und blickte zufrieden auf den
Wäscheberg, den sie gezeichnet hatte. Ilonas Häufchen nahm sich dagegen
mehr
als kläglich aus. "Hören wir für heute auf", schlug sie vor.
Gemeinsam
räumten sie Wäsche und Kleider in Ilonas Kleiderfach im Flur. Dabei
stellte
Ilona fest, dass sie bedeutend mehr zum Anziehen besaß, als die anderen
Kinder.
Würde ihr es in ein oder zwei Jahren genauso ergehen, wenn ihre
mitgebrachten
Kleider zu klein geworden waren? Niedergeschlagen blickte sie in
Mariamnes
Fach, das mit dem ihren eine gemeinsame Tür hatte. Sie schien um die
Hälfte weniger
Wäsche und auch nur zwei Kleider zu besitzen.
Inzwischen
war es Mittag geworden. Nach und nach fanden sich die Kinder im
Jugendhaus ein.
Einige waren schmutzig und verschwanden gleich unter der Dusche, andere
zogen
sich mit einem Buch oder Spiel zurück, um die letzten Minuten bis zum
Essen
auszufüllen.
Gabi
und Shulamit deckten die Tische, Rifka kam mit einem Handkarren vom
Chadar
Ochel und brachte das Mittagessen. Es gab Suppe, Nudeln, eine Art
Gulasch und
Essigfrüchte. Dazu wurde aus henkellosen Tassen eiskaltes Wasser
getrunken.
Beim Essen ging
es wie schon beim Frühstück
sehr laut zu. Es wurde durcheinander gelacht und gesprochen. Ilona
fühlte sich
fremd. Sie konnte die anderen nicht verstehen und glaubte, man würde
über sie
lachen. Den Tränen nahe stocherte sie auf ihrem Teller herum.
Am
Nachmittag gingen die meisten Kinder baden. Givat Moshe besaß einen
großen, von
einer Wiese umgebenen Swimmingpool. "Morgen gehen wir auch",
versprach Mariamne. "Heut möchte ich dir noch unsere Wirtschaft zeigen.
Unsere
Wirtschaft, dachte Ilona wütend, das wird schon was sein! Sie wäre
bedeutend
lieber zum Baden gegangen, als in der Sonnenglut durch die Siedlung
geführt zu
werden.
Als
erstes besuchten sie den Zoo, der mit Hilfe eines Erwachsenen von den
Kindern unterhalten
wurde. Die Kinder säuberten die Ställe, sorgten für das Futter und
betreuten
die Anlagen innerhalb des Geheges. Der Zoo beherbergte Affen,
Papageien,
Wellensittiche, Kanarienvögel, Enten, Gänse, einige zahme Rehe, Esel,
Pfaue mit
prächtigen bunten Federn und eine Steinbockfamilie. Da alle Tiere sehr
zutraulich waren, fiel es Ilona nicht schwer, sich mit ihnen
anzufreunden. Sie
hob eine Pfauenfeder auf, um sie später Michael zu schenken.
Nach
dem Zoobesuch ging es zu den Plantagen. Mehrere Kinder pflückten Äpfel.
Ein
höchstens fünfzehn Jahre alter Junge fuhr auf einem alten Traktor durch
die
Baumreihen. Ein anderer, der auf einem der kleinen Wagen saß die vom
Traktor
gezogen wurden, sprang, wenn das Fahrzeug hielt, ab und sammelte die
vollen Eimer
ein.
Ein
Stück weiter standen mit dicken, violetten Früchten behangene
Zwetschgenbäume.
Unter einigen lagen Leitern und Eimer. "Sie müssen bald geerntet
werden", sagte Mariamne allwissend.
Es war schön im Schatten der Bäume zu laufen und zu träumen. Ilona
hörte nur
mit halbem Ohr auf die Erklärungen ihrer Zimmerkameradin. Sie war mit
ihren
Gedanken wieder einmal bei ihren Freundinnen in Wien. Ob sie überhaupt
noch an
sie dachten? Bisher hatten sie noch nicht geschrieben. "Möchtest du
einen
Pfirsich?", schreckte Mariamne sie aus ihren Träumen.
"Nein.
Ja, doch. "Mariamne reckte sich an einem Baum hoch und pflückte zwei
der
herrlich saftigen Früchte. "Du musst ihn abputzen", sagte sie.
"Das Obst ist gespritzt." Sie bearbeitete ihren eigenen mit einem
Zipfel ihres Hemdes. Ilona machte es ihr nach.
"Die
Oliven werden fast ausschließlich von uns geerntet", sagte Mariamne,
nachdem sie noch in einer kleinen Traubenpflanzung gewesen waren, und
sich nun
auf dem Rückweg befanden. "Wir können besser klettern als die
Erwachsenen.
Es ist eine ziemlich mühsame Arbeit, weil die Oliven so klein sind."
"Kann
man sie nicht vom Baum schütteln?"
"Oh,
nein. Oliven sind sehr empfindlich. Wenn sie Druckstellen haben, können
sie
nicht mehr eingelegt werden." Mariamne blickte auf ihre Uhr. "Was
habe ich dir noch nicht gezeigt?", dachte sie laut. "Ach, ja, die
Hühner und die Rosen."
"Rosen?"
"Ja,
allerdings nicht die Rosen, die hier überall wachsen, sondern die in
den
Treibhäusern. Die Großen haben vor einigen Jahren angefangen, Rosen für
den
Export zu züchten. Wir probieren es seit zwei Jahren auch."
Sie
gelangten zu einem kleinen Hühnergehege nahe dem Kinderbezirk. Ilona
hatte
gestern schon die großen Hühnerhäuser der Siedlung gesehen, doch das
hier war
etwas anderes. Es wirkte irgendwie putzig und in Gedanken lächelte sie
ein
wenig über den Ernst, mit dem Mariamne sie überall herumführte. Es
schien, als
wollten die Kinder von Givat Moshe mit Gewalt das Leben der Erwachsenen
nachahmen.


