Daniela von Castan ist auf ihr
Heimatgut zurückgekehrt, das sie nach dem Tod des Vaters verlassen
musste. Ihr Onkel empfängt sie mit offenen Armen, dennoch überkommen
die junge Frau düstere Ahnungen. Welches Komplott wird auf Gut Castan
hinter ihrem Rücken geschmiedet?
LESEPROBE
Gedankenverloren legte die junge Frau den
Schlüssel auf den Sekretär. Ganz am Anfang ihres Aufenthaltes auf
Castan hatte Andrea sie einmal in ihr Zimmer mitgenommen, um ihr etwas
zu zeigen. Sie erinnerte sich, auf einer Vitrine am Fenster eine kleine
Schatulle gesehen zu haben. Sie überlegte, ob der Schlüsel zur
Schatulle gehörte. Kaum hatte sie sich umgezogen, schlich sie zum
Zimmer der Sekretärin. Einen Moment lang befürchtete sie, es könnte
abgeschlossen sein, aber sie hatte Glück. Dort, wo sie die Schatulle
früher gesehen hatte, stand sie nicht mehr. Daniela entdeckte sie auf
dem Boden des Kleiderschranks. Ohne sie herauszunehmen, drehte sie den
Schlüssel im Schloss herum. Sofort sprang der Deckel auf. Unter einer
Schicht Watte lag eine kleine Ledermappe. In ihrem Futter steckte das
Testament. Mit tränenverschleierten Augen blickte Daniela auf die
vertrauten Schriftzüge ihres Großonkels. Sie vergaß alle Vorsicht und
las das Dokument an Ort und Stelle. Wie Julian vermutet hatte, ihr
Großonkel hatte sie als Erbin des Gutes eingesetzt. Philipp sollte nur
einen Pflichtteil bekommen. Die junge Frau nahm das Testament an sich,
verschloss wieder die Schatulle und schlich sich aus dem Zimmer,
nachdem sie sich vergewissert hatte, dass nichts auf ihre Anwesenheit
hindeuten konnte. Erst in ihrem eigenen Zimmer las sie das Testament
erneut. Bisher war ihr Julians Verdacht immer etwas suspekt erschienen,
doch hier hatte sie nun den Beweis, dass ihr Cousin sie betrogen hatte.
Andrea Wieland und Philipp kehrten nach dem Abendessen fast
gleichzeitig zurück.Um den beiden nicht zu begegnen, ging Daniela noch
ein Stückchen spazieren und dann früh zu Bett. Mamsell Wendt hatte ihr
wie immer auf den Nachttisch ein Glas Saft gestellt. Der Saft schmeckte
an diesem Abend etwas seltsam. Er schien stärker als sonst zu sein,
aber Daniela hatte Durst und leerte das Glas. Sie schaffte es gerade
noch, das Licht zu löschen. Innerhalb von Sekunden schlief sie ein.


