DeLiA

Vereinigung deutschsprachiger Liebesromanautoren

LIEBER GUT GESCHMINKT ALS VOM LEBEN GEZEICHNET


Seit zehn Jahren leben Sofia und Norman glücklich in wilder Ehe zusammen. Plötzlich soll geheiratet werden - der Steuer wegen, und um Sofias Mutter glücklich zu machen! Skeptisch willigt Sofia schließlich ein. Doch dann trifft sie eine alte Liebe wieder …






LESEPROBE


Britta

Zwei Straßen von meiner Wohnung entfernt ist gestern eine Frau auf offener Straße erschossen worden. Von ihrem Ex. Sie war achtundzwanzig - wie ich. Ihre langen Haare trug sie hoch gesteckt und rotbraun getönt - wie ich. Und unter ihrem grasgrün gemusterten Kleid zeichneten sich auf den Hüften ein paar Pfunde zu viel ab - wie bei mir. Ich sitze am Küchentisch, schlürfe meinen Milchkaffee und überlege wie Ike reagieren wird, wenn ich ihm sage, dass ich ihn verlasse.

Im Augenblick gurgelt er nebenan im Bad. Mit dem Mundwasser für frischen Pfefferminzatem, das ich ihm zum Geburtstag geschenkt habe. Klinisch rein und antiseptisch. Wie unsere Beziehung. Dabei hatte ich anfangs wirklich geglaubt, Ike wäre der Richtige für mich. Die meisten Leute die uns kennen, behaupten auch jetzt noch, wir passen zusammen. Aber ich frage Sie: Der einzig Richtige - gibt’s den überhaupt?

Wenn Sie mich nun für einen dieser Ich-bin-Single-also-bin-ich- Typen halten, sind Sie auf dem Holzweg. Okay, okay. Ich habe einen Traumjob, der mir wirklich Spaß macht: Ich bin Chef-Werbetexterin bei Astra & Co. Von der Buttermilch bis zur Toilettenschüssel weiß ich für alles einen guten Spruch. Der Anfang war hart, doch ich habe mir einen Namen gemacht: Britta Friederike Platen.

Aber privat? Ist mein Leben eine einzige Katastrophe. Das permanente Chaos. Ein ständiger Kampf gegen kalte Füße. Den ich nur verlieren kann. Denn weder die handgestrickten Schafswollsocken aus Shetland, Mitbringsel eines besonders treuen Kunden, noch meine mehr oder weniger langlebigen Männerbeziehungen wärmen wirklich. Kein Wunder, denn ich bin unglücklich verliebt.

Ja, Sie haben richtig gelesen. Ich bin unglücklich verliebt. Seit mehr als zehn Jahren. Der Mann, der zu mir passt, wie die Faust aufs Auge oder der Deckel auf den Topf, ist Familienvater. Und glücklich liiert. Mit meiner Cousine Sofia.

* * * * *

Kapitel 1

»Mate!«

Sofia drückte die Stopptaste, als der Mattenrichter den Kampf unterbrach. Die beiden Kontrahenten, keiner älter als acht und beide um die dreißig Kilogramm schwer, lösten sich voneinander und nutzten die Unterbrechung, um ihre Gürtel neu zu binden.

»Hajime!«

Sofia drückte die grüne Taste der Stoppuhr und der Zeiger lief weiter. Noch neun Sekunden bis zum Ende des Kampfes. Acht - sieben - sechs - fünf - vier - drei - zwei - eins.

»Zeit!«, brüllte sie gegen den Lärm in der Halle an.

»Mate!«, schrie der Mattenrichter zurück. Der Kampf war beendet. Per Armzeig erklärte er Kevin zum Sieger des Judoturniers. Woraufhin Tom in Tränen ausbrach. In zwei Monaten feierte er seinen achten Geburtstag, doch er hatte noch nicht gelernt zu verlieren. Sofia breitete die Arme aus, um ihn zu trösten.

Einen wunderbaren Moment lang vergrub sie ihr Gesicht in das lockige Haar ihres Sohnes, spürte die Wärme, die von seinem Körper ausging und genoss den ganz spezifischen Tom-Duft, den er verströmte. Liebe ging nicht nur durch den Magen. Die Nase war mindestens ebenso beteiligt. Sie konnte Tom im wahrsten Sinne des Wortes gut riechen - und ihre Tochter Lena, die gerade freudestrahlend auf sie zu gestürmt kam, auch.

»He! Ich habe gewonnen! Alle drei Kämpfe!«

»Super! Herzlichen Glückwunsch!« Sofia öffnete erneut die Arme, überlegte es sich in letzter Sekunde jedoch anders. Mit ihren zehn Jahren war Lena in einem Alter, in dem öffentliches Kuscheln mit der Mutter als absolut uncool galt. Sie platzte beinahe vor Stolz über ihren Sieg und Sofia bemerkte, wie sich das Gesicht ihres Sohnes im Gegenzug verfinsterte. Der ewig gleiche Wettkampf unter Geschwistern war diesmal zu Gunsten der Älteren ausgegangen. Dankbar über die Ablenkung wandte Sofia den Kopf zur Tür, als sie knarrend geöffnet wurde - und musste niesen. Norman, der Mann an ihrer Seite seit zehn Jahren und Vater ihrer Kinder, erschien. Zum japanischen Turnierkampf seiner Kinder. Wie immer viel zu spät.

Da er keine Turnschuhe dabei hatte, hielt Norman sich dicht an der Wand, als er nun auf sie zukam. Wie verdammt gut er wieder einmal aussah. Das hellgraue Seidenhemd harmonierte perfekt zu seinen eisblauen Augen. Die dunkelbraunen Haare trug er etwas länger als es derzeit modern war, doch der Schnitt unterstrich seine feine Gesichtszüge. Mit seinen ein Meter zweiundachtzig und der schlanken, sportlichen Figur würde er das perfekte Model für Judoanzüge abgeben. Doch Sport war für ihn ein Gruß aus einer anderen Welt. Norman liebte guten Wein, alte Möbel und …

… vermutlich seine Familie, dachte Sofia sarkastisch, während sie beobachtete, wie er gelegentlich ein unbestimmtes Lächeln in das Menschengewirr in die Halle schickte. Das hätte er sich nämlich sparen können. Hier im Verein kannte ihn sowieso kaum ein Mensch. Dafür entwickelte er viel zu wenig Interesse für das Hobby seiner Sprösslinge.

Als er sich nun lächelnd zu ihr runterbeugte, um sie zu küssen, blickte sie ihm mit ernstem Gesicht entgegen. Sie konnte sich selbst nicht leiden, wenn sie so guckte. So ernst, so grimmig, so unzufrieden. Unwillig zog sie den Kopf weg, als er seinen Finger auf die steile Falte auf ihrer Stirn legte.

»Warum kommst du so spät?«, platzte sie heraus.

»Ich schwöre dir, ich wäre pünktlich gewesen. Aber gerade als ich den Laden schließen wollte, kam ein Kunde, der sich für die Biedermeier-Kommode interessierte.«

»Und? Hat er sie gekauft?«

»Er will es sich überlegen.«

»Das sagen sie alle.«

Der Wettkampf auf ihrer Matte war beendet. Jetzt mussten die Punkte der Kämpfe addiert und die Gewinner ermittelt werden. Erleichtert strich Sofia sich mit der Hand über die Stirn. Ihr Kopf schmerzte dumpf: Akuter Schlafmangel. Zwei Cora-Romane hintereinander hielt selbst die stärkste Frau nicht aus. Außerdem schlug das Wetter um. Der Lärm der Kinder in der stickigen Halle nervte sie. Und - Norman nervte sie auch. Sogar immer öfter.

»Musst du heute Abend wieder arbeiten?«, fragte sie und der ganze Missmut, der sich in den letzten Wochen bei ihr angestaut hatte, schwang in dieser harmlosen Frage mit. An seiner Stelle würde sie sich selbst eine patzige Antwort geben, aber oh nein, oh Wunder. Norman setzte sich neben sie, nahm ihre Hand und streichelte ihr zärtlich mit dem Finger über die Haut.

»War ein bisschen viel in letzter Zeit, ich weiß. Aber es dauert eben, bis ein Laden Profit abwirft.« Beinahe schüchtern lächelte er sie an. Auf diese umwerfende Weise, die ihr schon bei ihre ersten Begegnung gefallen hatte.




Marte Cormann



Marte Cormann - Lieber gut geschminkt als vom Leben gezeichnet
Pavillon Verlag April 2004
Taschenbuch (vergriffen)


Marte Cormann - Lieber gut geschminkt als vom Leben gezeichnet
Originalausgabe
Heyne Verlag März 2002
Taschenbuch (vergriffen)


Originalausgabe: Heyne Verlag
März 2002
Genre: Liebes- und
Entwicklungskomödie
Zeit: Gegenwart
Handlungsort: Deutschland
(Meerbusch), Schweiz