LESEPROBE
In den
Salinen von Peccais,
1379/1380
Das Schiff
kreuzte die Küste
der Camargue entlang. Die Rhonemündung lag bereits hinter ihnen, es war
Nachmittag. Melissa stand am Bug des Schiffes und hielt den Kopf in den
Wind,
leckte die Gischt von ihren aufgesprungenen Lippen. Die Sonne blendete
sie, da
sie gen Westen segelten. In ihrem Rücken blähten sich die Segel, unter
ihr
pflügte der Kiel durch die Wellen. Sie glitzerten einladend, und am
liebsten
hätte sie sich in ihre sanften Bewegungen hineinfallen lassen. Sie
hätte es
getan, wäre da nur nicht dieser Strick ...
Sie hob
ihren Blick zu dem
Schwarm kreischender Möwen, die sie seit ihrem Aufbruch in Marseille
begleiteten.
Mein Traum
hat sich auf
teuflische Weise erfüllt, dachte sie bitter. Ich bin jetzt endlich auf
einem
Schiff, doch es ist eine Strafe.
Kreuzte
der Segler, so dass er
Kurs auf dieWeiten des Meeres nahm, wurde ihr leichter ums Herz, kam
indes die
Küste näher, packte sie die Verzweiflung. Dabei war sie weder angeschrien noch geschlagen worden, trug nur
diesen Strick, der sie an den ersten Mast des Schiffes fesselte. Sie
sei zu
schade für einen frühen Tod, hatte Graf Alzias zynisch gemeint und ihr
damit zu
verstehen gegeben, dass er wusste, sie würde sich ins Meer stürzen, um
dem zu
entgehen, was ihr bevorstand.
"Ihr
werdet in unseren
Salinen erfahren, wie bitter und ätzend Salz sein Kann." Dies waren
Graf
Alzias` letzte Worte, die er an sie gerichtet hatte. Wie lange sie dort
büßen
sollte, wusste er offensichtlich selbst nicht. Sie war seiner Gnade
ausgeliefert. Wenn sie Glück hatte, erinnerte er sich in einem halben
oder
einem Jahr an sie. Wollte es das Schicksal anders, würde er sie
vergessen.
Von der
Gräfin konnte sie
keine Hilfe erwarten. Sie hatte sich von ihrer schlechtesten Seite
gezeigt,
indem sie ihrem Mann einzureden versucht hatte, allein sie, Melissa,
sei für
die Abtreibung verantwortlich gewesen. "Ich hatte mich schon
durchgerungen, dir alles zu beichten, da kam sie ..."
Er hatte
seine Frau vor ihren
Augen geohrfeigt.
Dafür
hasste die Gräfin sie
jetzt.
Sie wird
mich so lange in den
Salinen gefangen halten, bis ich entstellt bin, bis mir das Salz
Gesicht und
Körper zerfressen hat. (...)
Sie war durstig, leckte sich über die schmerzenden Lippen. Jetzt ist Winter, dachte sie, wie wird es erst im Sommer sein?



