DeLiA

Vereinigung deutschsprachiger Liebesromanautoren

SOMMERSTURM


Nach dem Unfalltod seines Vaters will kein Verwandter den fünfzehnjährigen Julian aufnehmen. Da taucht seine junge Tante Betty auf und bietet ihm ein Zuhause. Sie ist lebenslustig, eigenständig und hübsch. Besonders Tante Martha und Onkel Kurt reagieren empört: Eine allein stehende Frau und ein fast erwachsener Junge, das kann nicht gut gehen!

Alles lächerlich, findet Julian. Zumal er in Luisa aus seiner Schule verliebt ist. Doch als Betty einen neuen Freund hat, merkt Julian, dass er doch mehr für sie empfindet. Verwandte und Mitschüler machen mobil. Aber Julian lässt sich nicht einschüchtern. Er findet heraus, dass hinter all den Anfeindungen noch etwas anderes steckt: ein dunkles Familiengeheimnis.





LESEPROBE


Gerade noch hatte ich gefroren, jetzt breiteten sich Schweißtropfen auf meiner Stirn aus. Auf einmal begann sich das Badezimmer zu drehen. Es war wie die Fahrt auf einem turboschnellen Karussell, im nächsten Augenblick riss mir jemand den Boden unter den Füßen weg. Im Fallen erkannte ich das Bild meines Vaters vor mir, gestochen scharf. Er sah mich einfach nur an. Seltsamerweise waren seine Augen auch gleichzeitig die von Betty. Jedenfalls waren sie genauso grün und so groß wie ihre, obwohl er eigentlich braune Augen gehabt hatte. Dann versank alles in einem tiefschwarzen Nebel, ich war ohnmächtig.

Als ich aufwachte, konnte ich riechen, noch bevor ich etwas sah: einen süßen, leichten Duft. Mein Oberkörper war weich und bequem gebettet. Ich fühlte mich gar nicht mal schlecht, bis mir endlich klar wurde, dass ich hier noch immer auf den
Badezimmerfliesen rumlag.

Ich wollte aufspringen, aber Hände drückten auf meine Schultern und hielten mich zurück. Zuerst dachte ich: Mein Vater! Aber dann sah ich, dass es Frauenhände waren, und wie ein schwarzes Tuch flatterte die Erinnerung in meinen Kopf, dass er tot war. Als ich den Nagellack sah, dämmerte es mir: Tante Betty!

* * * * *

Als mir all das so richtig bewusst wurde, sprang ich hoch wie angestochen. Keine Sekunde länger wollte ich hier liegen bleiben. Ich fühlte mich ausgeliefert. Und über Tante Betty hatte ich noch nicht viel Gutes gehört.

Wortlos riss ich die Tür auf und rannte aus dem Bad. Ich registrierte noch, dass Betty mir hinterherguckte. Sie kniete noch immer auf den eiskalten Fliesen. Die Tür stand sperrangelweit offen.

* * * * *

Die Frage »Wohin mit Julian?« hing noch immer im Raum.

Natürlich hatte meine Attacke auf Onkel Manfred meinen Gegnern Recht gegeben: Ich war unzumutbar, gehörte in ein Heim.

Nur wer sollte die schreckliche Erkenntnis als Erstes a
ussprechen? Die Mehrheit schielte Hilfe suchend zu Martha hin, doch selbst ihr schien es die Sprache verschlagen zu haben.

Ich spürte eine nervöse Unruhe, die sich im ganzen Zimmer ausbreitete. Sie ging von Betty aus. Ihr rechter Fuß wippte auf und ab. Auch ihr Gesicht wirkte angespannt.

»Ich habe lange nachgedacht« sagte sie schließlich. »Genau genommen, seit ich von Martha gehört habe, dass sie in ihrem Haus keinen Platz mehr hat.«

»Für manch einen in der Tat ein gewaltiger Zeitraum«, warf Manfred ein und grinste ziemlich dreist. »Vor allem, wenn es um eine so anstrengende Tätigkeit wie Denken geht.« Er fand sich unglaublich witzig. Ich hatte ihn mir wohl noch nicht hart genug vorgeknöpft.

Betty ließ sich nicht beirren: »Ihr, Manfred und Paula, habt ja sicher auch keine Möglichkeit, oder?«

»Ausgeschlossen!« Selten war Manfred so entschieden. Er grinste jetzt nicht mehr.

»Und ihr anderen?« Allgemeines Kopfschütteln. Verstohlen guckte einer zum anderen, nur Betty blickte offen in die Runde. Auf was sollte das alles hier hinauslaufen? »Julian kann bei mir einziehen«, sagte Betty, »wenn er will.«

Genau das hatte ich befürchtet. Betty sah mich an und lächelte vorsichtig. Fassungsloses Schweigen im Raum. Dann rieselten die ersten leisen Bemerkungen in die Stille.






AUSZEICHNUNGEN


»Sommersturm« gewann den DeLiA-Literaturpreis 2005! Die Jury beeindruckte, wie es Olaf Büttner gelingt, sämtliche Fäden zu einem gelungenen Ganzen zu verbinden: Er führt seine Leser zurück in die Familiengeschichte und zeigt auf diese Weise die Ur- und Abgründe der Entwicklung seiner Protagonisten. Seine Figuren bleiben stets glaubwürdig, ihre Handlungsweisen ergeben sich aus ihren (negativen) Erfahrungswerten. Dennoch öffnet Büttner zum Schluss eine Tür und lässt beide Protagonisten ihren Weg finden.

Weiterhin belegte der Roman den zweiten Platz beim »Eselsohr 2004«, dem Preis der Stadt Nettetal für das beste deutschsprachige Jugendbuch des Jahres 2004.

Zusatzinfo: Olaf Büttner arbeitet zur Zeit mit einer Filmproduktionsfirma an der Drehbuchentwicklung zu seinem Roman »Sommersturm«.




Olaf Büttner

Olaf Büttner - Sommersturm
Originalausgabe
Sauerländer Verlag Januar 2004
Softcover
ISBN: 3-7941-7033-4


Originalausgabe: Sauerländer Verl.
Januar 2004
Genre: Jugendroman
Zeit: Gegenwart
Handlungsort: Nordsee


DeLiA-Statue
Preisträger der »DeLiA 2005«