Der Roman beginnt als scheinbar
harmloses Spiel: als Yvonnes Mann eines Tages tot im Watt gefunden
wird, erwacht die Phantasie des Schriftstellers Andreas. Handelte es
sich wirklich um einen Herzinfarkt? Oder hat Yvonne ihren Mann getötet,
um für Andreas frei zu werden und gleichzeitig ein riesiges Vermögen zu
erben? Aber auch Laura, die Frau seines Jugendfreundes Henk, käme als
Mörderin in Frage, ist doch ihr Lieblingsthema - bedingt durch ein
Kindheitstrauma - offensichtlich Mord. Hat Yvonne gar die labile Laura
zum Mord angestiftet?
Yvonne ihrerseits revanchiert sich für das entgegengebrachte Misstrauen, indem sie das gefährliche »Spiel« um einige selbst für Andreas überraschende Varianten erweitert, bis am Ende keiner der »Mitspieler« mehr weiß, wo die Grenze zwischen Phantasie und Wirklichkeit verläuft. Werte wie Vertrauen, Liebe und Freundschaft drohen zu einem Scherbenhaufen zu zerbrechen.
Zusatzinfo: »Nordwind« wurde von der Wilhelmshavener Zeitung zum »Buch des Monats« gekürt.
Yvonne ihrerseits revanchiert sich für das entgegengebrachte Misstrauen, indem sie das gefährliche »Spiel« um einige selbst für Andreas überraschende Varianten erweitert, bis am Ende keiner der »Mitspieler« mehr weiß, wo die Grenze zwischen Phantasie und Wirklichkeit verläuft. Werte wie Vertrauen, Liebe und Freundschaft drohen zu einem Scherbenhaufen zu zerbrechen.
Zusatzinfo: »Nordwind« wurde von der Wilhelmshavener Zeitung zum »Buch des Monats« gekürt.
LESEPROBE
Bruno Oelrichs ist tot. Gemeinsam mit
Yvonne hatte er ein paar Tage an der Nordsee verbracht, war wie immer
(und obwohl es fast schon Winter war) allein ins Watt hinausgegangen
und dort offenbar einem Herzversagen erlegen. Seine Leiche war erst
mehr als vierundzwanzig Stunden später mit auflaufendem Wasser an den
Strand gespült worden und hatte sich in keinem sehr guten Zustand mehr
befunden.
Yvonne macht am Telefon einen recht gefassten Eindruck, obwohl das Auffinden der Leiche noch keinen Tag zurückliegt.
»Das Schlimmste war die Zeit der Ungewissheit«, sagt sie. »Ich hatte ja keine Ahnung, weshalb er nicht zurückkam von seinem Spaziergang. Als er nach drei Stunden noch nicht wieder da war, wollte ich ihm hinterher, aber er war an diesem Tag so knapp hinausgegangen, dass das Wasser inzwischen schon viel zu weit vorne war.«
»Warum ist er denn nicht gleich mit dem Wasser angespült worden?«, frage ich.
»Sie vermuten«, sagt Yvonne, »dass sein Leichnam sich zunächst an dem alten, umgekippten Boot im Watt verfangen hatte. Erinnerst du dich daran?«
Natürlich erinnere ich mich, aber ich kapiere erst jetzt, dass sie an genau demselben Ort ihren Urlaub verbracht haben, in dem auch wir vor nicht allzu langer Zeit gewesen sind, und es versetzt mir einen Stich. Aber ich schlucke es hinunter, denn es kommt mir geradezu pietätlos vor, mich jetzt mit solchen Nebensächlichkeiten zu befassen. Meine lächerliche Eifersucht gegenüber einem frisch Verstorbenen beschämt mich regelrecht.
»Bist du zu Hause?«, frage ich.
»Nein«, sagt Yvonne, »ich bin noch hier an der Küste. Den ganzen Tag war die Polizei hier und wollte alles Mögliche wissen.«
»Wieso? Stimmt denn irgendwas nicht?«
Yvonne antwortet nicht. Sie schweigt so lange, dass ich schließlich glaube, sie sei gar nicht mehr am Apparat und deshalb fragend ihren Namen in die Muschel sage. Erst dann begreife ich, dass sie weint.
»Natürlich stimmt etwas nicht«, sagt sie, nachdem sie sich wenigstens einigermaßen gefasst hat. »Bruno ist tot. Das stimmt nicht.«
Noch bevor sie zu Ende gesprochen hat, fängt sie wieder an zu weinen.
»Entschuldige«, bitte ich kleinlaut. »Meine Frage war blöd. Ich meinte nur, wegen der Polizei.«
»Die haben natürlich tausend Frage«, sagt sie gereizt, »wenn so etwas passiert. Und erst recht, wenn der Tote ein so einflussreicher Mann war wie Bruno. Es ist klar, dass die da auf alle möglichen dummen Gedanken kommen.«
»Und?«
»Nichts und«, entgegnet sie laut, »Bruno ist an Herzversagen gestorben, das ist alles. Du hast ja neulich selbst erlebt, wie krank er war. Aber sag mal, willst du jetzt hier diese entsetzliche Befragung fortführen? Deshalb hatte ich eigentlich nicht angerufen.«
Ich komme mir vor wie ein Esel und wiederhole meine Entschuldigung. Ich versichere ihr noch einmal, wie Leid mir alles tut. Yvonne bleibt still, hört sich mein Gerede mit bewundernswerter Geduld an.
»Andreas«, sagt sie schließlich, »ich habe eine Bitte an dich.«
»Ja?«
»Wenn ich morgen zurückkomme, kann ich dann bei dir wohnen? Ich glaube, ich halte das nicht aus, jetzt alleine in der großen Wohnung.«
Yvonne macht am Telefon einen recht gefassten Eindruck, obwohl das Auffinden der Leiche noch keinen Tag zurückliegt.
»Das Schlimmste war die Zeit der Ungewissheit«, sagt sie. »Ich hatte ja keine Ahnung, weshalb er nicht zurückkam von seinem Spaziergang. Als er nach drei Stunden noch nicht wieder da war, wollte ich ihm hinterher, aber er war an diesem Tag so knapp hinausgegangen, dass das Wasser inzwischen schon viel zu weit vorne war.«
»Warum ist er denn nicht gleich mit dem Wasser angespült worden?«, frage ich.
»Sie vermuten«, sagt Yvonne, »dass sein Leichnam sich zunächst an dem alten, umgekippten Boot im Watt verfangen hatte. Erinnerst du dich daran?«
Natürlich erinnere ich mich, aber ich kapiere erst jetzt, dass sie an genau demselben Ort ihren Urlaub verbracht haben, in dem auch wir vor nicht allzu langer Zeit gewesen sind, und es versetzt mir einen Stich. Aber ich schlucke es hinunter, denn es kommt mir geradezu pietätlos vor, mich jetzt mit solchen Nebensächlichkeiten zu befassen. Meine lächerliche Eifersucht gegenüber einem frisch Verstorbenen beschämt mich regelrecht.
»Bist du zu Hause?«, frage ich.
»Nein«, sagt Yvonne, »ich bin noch hier an der Küste. Den ganzen Tag war die Polizei hier und wollte alles Mögliche wissen.«
»Wieso? Stimmt denn irgendwas nicht?«
Yvonne antwortet nicht. Sie schweigt so lange, dass ich schließlich glaube, sie sei gar nicht mehr am Apparat und deshalb fragend ihren Namen in die Muschel sage. Erst dann begreife ich, dass sie weint.
»Natürlich stimmt etwas nicht«, sagt sie, nachdem sie sich wenigstens einigermaßen gefasst hat. »Bruno ist tot. Das stimmt nicht.«
Noch bevor sie zu Ende gesprochen hat, fängt sie wieder an zu weinen.
»Entschuldige«, bitte ich kleinlaut. »Meine Frage war blöd. Ich meinte nur, wegen der Polizei.«
»Die haben natürlich tausend Frage«, sagt sie gereizt, »wenn so etwas passiert. Und erst recht, wenn der Tote ein so einflussreicher Mann war wie Bruno. Es ist klar, dass die da auf alle möglichen dummen Gedanken kommen.«
»Und?«
»Nichts und«, entgegnet sie laut, »Bruno ist an Herzversagen gestorben, das ist alles. Du hast ja neulich selbst erlebt, wie krank er war. Aber sag mal, willst du jetzt hier diese entsetzliche Befragung fortführen? Deshalb hatte ich eigentlich nicht angerufen.«
Ich komme mir vor wie ein Esel und wiederhole meine Entschuldigung. Ich versichere ihr noch einmal, wie Leid mir alles tut. Yvonne bleibt still, hört sich mein Gerede mit bewundernswerter Geduld an.
»Andreas«, sagt sie schließlich, »ich habe eine Bitte an dich.«
»Ja?«
»Wenn ich morgen zurückkomme, kann ich dann bei dir wohnen? Ich glaube, ich halte das nicht aus, jetzt alleine in der großen Wohnung.«


