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Vereinigung deutschsprachiger Liebesromanautoren

wohin der wind uns trägt


South Carolina 1847: Nach einigen Schicksalsschlägen überredet die 18-jährige Joanna Steinmann ihren älteren Bruder Stewart, sie und ihre vier jüngeren Schwestern auf einen Treck in den Westen mitzunehmen. Auf der langen und beschwerlichen Reise gerät Joanna immer wieder in bedrohliche Situationen. Währenddessen ist Joannas Freundin Linda in der Heimat einer Intrige auf der Spur, die auch den Steinmanns gefährlich werden könnte…




LESEPROBE


Joanna Steinmann kniete in der Mitte der Eingangshalle und hatte ihr Gesicht in ihren Händen verborgen. Obwohl sie keinen Laut von sich gab, war es einer stillen Beobachterin wie Mary zweifelsohne klar, dass Joanna unsäglich litt. Der Brief mit der schrecklichen Nachricht lag unbeachtet neben ihr auf dem Parkett. Joanna spürte jeden Herzschlag, der den Schmerz durch ihren ganzen Körper pumpte. Eiskalte Hände schienen nach ihrem Herz zu greifen und es zerreißen zu wollen. Die Heiterkeit und Ausgelassenheit, die sie noch wenige Momente zuvor empfunden hatte, waren von ihr gewichen. Sie spürte nur noch einen grausamen
Schmerz.
Leise näherten sich ihr Schritte, und das Rascheln des Stoffes machte deutlich, dass es sich um eine Frau in einem der typischen langen, vornehmen Seidenkleider handeln musste.
„Joanna? Was tust du hier? Ist dir nicht gut?“ Die Stimme ihrer älteren Schwester Denise drang schwach durch ihre wild jagenden Gedankengänge zu ihr hindurch.
„Sie sind tot, Denise, alle tot!“, murmelte Joanna leise und krümmte sich wie unter heftigen Schmerzen zusammen. Es war schrecklich, die Wahrheit aussprechen zu müssen.
„Von wem sprichst du?“ Denise’ leise Worte klangen ängstlich.
Langsam richtete die junge Frau ihren Oberkörper auf, blieb jedoch auf den Knien. Dann deutete sie mit zitternder Hand auf den Brief.
Denise bückte sich, nahm das Papier in ihre Hände und las, was darauf stand. Mit einem erstickten Schrei ließ sie es wieder fallen, und nach einigen Drehungen durch die Luft landete es auf dem Stoff von Joannas Rock, der sich weit um ihre Beine ausgebreitet hatte. Doch die wischte das Blatt mit der Hand beiseite, als hoffe sie, damit auch die grausame Wirklichkeit fortwischen zu können. Ihre Schwester sank neben ihr zu Boden.
Joanna rutschte näher an sie heran. „Denise! Nicht ohnmächtig werden! Komm wieder zu dir!“, rief Joanna laut.
Sofort kam Mary zu ihnen herübergelaufen. Die Sklavin kniete sich neben die beiden Frauen, holte ein Riechfläschchen aus ihrer Schürzentasche und hielt es unter Denise’ Nase. Nach wenigen Augenblicken zeigte der Duft seine Wirkung und Denise kam wieder zu sich. „Pa, Oliver, Onkel Sebastian ...“, murmelte sie und blickte ihre Schwester fragend an.
Joanna nickte nur. Sie wollte das Schreckliche  nicht noch einmal aussprechen.
„Missi Joanna?“, flüsterte Mary, ohne sie anzusehen.
Draußen setzten die Instrumente ein und begannen, eine fröhliche, ausgelassene Tanzmelodie zu spielen. Gelächter und Beifall begleitete die Musik und wurde durch die offene Tür des Salons bis in das Foyer hineingetragen, in dem doch nur Angst und Kummer herrschten.
„Sie sollen aufhören! Aufhören!“, schrie Denise plötzlich. Sie wollte aufspringen, doch sie trat auf die Krinoline und stürzte nach vorne, in die Arme ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester.
Joanna fing sie auf und hielt sie fest. Hilfe suchend blickte sie auf die noch immer neben ihnen kniende Schwarze.
„Missi Joanna?“, wiederholte die Sklavin leise und wagte es, der weißen Frau direkt ins Gesicht zu sehen, was den Sklaven eigentlich strengstens untersagt war.
„Pa und Onkel Sebastian sind tot, Mary. Pa starb irgendwo auf dem Schlachtfeld, Onkel Sebastian kurz darauf im Feldlazarett.“
„Und Master Oliver?“, flüsterte Mary. Ihre Augen füllten sich mit Tränen.
Joanna schluchzte leise auf. Zu Oliver hatte Mary ein ganz besonderes Verhältnis gehabt. Manchmal schien es, als wollte sie die Mutterrolle für den bereits erwachsenen Mann übernehmen.
„Er gilt als vermisst, Mary.“
„Vermisst?“
„Klammere dich nicht an eine trügerische Hoffnung. Vermisst heißt nichts anderes als irgendwo beim Feind tot liegen geblieben oder so verstümmelt, dass er nicht mehr identifiziert werden konnte und in einem Massengrab in Mexiko beigesetzt wurde.“
 „Missi Joanna ...“, hauchte Mary, ehe auch sie ihr Gesicht hinter ihren schlanken schwarzen Fingern verbarg.
Noch immer drang die ausgelassene Musik der Kapelle beinahe höhnisch in die Halle hinein.
„Wir müssen es Missus Steinmann sagen. Missi Joanna, Sie müssen es Missus Steinmann sagen!“
„Ich?“ Joanna riss ihre Augen weit auf und ließ Denise los, die zusammengekauert in ihrem Schoß liegen blieb.
„Jemand muss es der Missus und Ihren Schwestern sagen. Und auch Ihr Bruder, Master Stewart, muss informiert werden.“
Joanna nickte zögernd. Sie war älter als die Zwillinge und auch als Carole und Ellie. Denise hingegen war im Moment nicht in der Lage, den anderen die schlimme Nachricht zu überbringen.
Sie würde es ihnen sagen und einen Boten zu Stewart schicken müssen. Auch ihrer Tante durfte sie die tragischen Nachrichten nicht länger verheimlichen – nicht einmal an ihrem Geburtstag.
Denise hob langsam ihren Kopf. „Joanna, was soll denn nun aus uns werden?“
„Was meinst du, Denise?“
„Sieh dich um, Joanna. Wir sind nur noch eine Handvoll Frauen. Irgendjemand muss die große Plantage leiten und den Arbeitern Anweisungen geben. Sonst laufen sie alle fort oder tun nichts mehr.“
„Vielleicht kommt Stewart zurück ...“, versuchte Joanna ihre Schwester – und auch sich selbst – zu beruhigen. Betreten blickte sie sich in der großen, vornehm ausgestatteten Halle um. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass Stewart zurückkam, um die Leitung von Green Crystal zu übernehmen. Er mochte die Institution der Sklaverei nicht und hatte deshalb gleich an seinem 21. Geburtstag der Plantage den Rücken gekehrt. Seitdem arbeitete er bei einem Schreiner in Bamberg und war mit seinem Leben dort zufrieden.
Aber Denise hatte recht. Weder sie noch Joanna selbst und schon gar nicht ihre jüngeren Schwestern würden die Plantage führen können. Auch Natasha Steinmann konnte das nicht. Sie hielt zwar den großen Haushalt am Laufen, mit den Feldern hatte sie jedoch nie etwas zu tun gehabt, ganz zu schweigen von den sonstigen Verwaltungsaufgaben. Was also würde nun mit Green Crystal und vor allem auch mit ihr und ihren Schwestern geschehen?



Elisabeth Büchle




Elisabeth Büchle - Wohin der Wind uns trägt
Originalausgabe
Gerth Verlag
September 2007
Hardcover, 416 Seiten
ISBN: 978-3-865-91179-7

Originalausgabe:
  Gerth Verlag
  September 2007
Genre: Historischer Roman
Zeit: 1846/1847
Handlungsort:
  South Carolina/USA,
 Trail gen Oregon/USA