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Vereinigung deutschsprachiger Liebesromanautoren

sturmsegel


EINE MUTIGE JUNGE FRAU IN STÜRMISCHEN ZEITEN

Als Annekes Mutter stirbt, ist sie im Deutschland des 17. Jahrhunderts auf sich allein gestellt. Ein neues Leben beginnt für sie, denn ihr bislang unbekannter Vater nimmt sie bei sich auf. Doch das Familienglück wird nach kurzer Zeit von den Wirren des Krieges zerstört: Anneke muss vor der Belagerung Stralsunds nach Schweden fliehen. Dort lernt sie den jungen Schiffsbauer Ingmar kennen und lieben, doch auch diesmal schlägt das Schicksal zu. Nach dem Untergang der Vasa werden die Schiffsbauer verfolgt und Anneke ist mit Ingmar wieder auf der Flucht ...




LESEPROBE



„Da hinten am Horizont! Siehst du es?“
Während der Wind ihr dunkles Haar zerzauste, fuchtelte Marte aufgeregt mit den Armen und deutete auf das Wasser, das bei diesem stürmischen Wetter einen grünlichen Grauton angenommen hatte.
Anneke kniff die Augen zusammen. Im Gegensatz zu ihrer ein Jahr älteren Freundin verfügte sie nicht über die Sehkraft eines Falken, dennoch entdeckte sie auf Anhieb das Schiff, das zwischen dem grauen Himmel und der dunklen Ostsee aufgetaucht war.
Beinahe konnte man es mit den Gischthauben verwechseln, die die hohen Wellenberge krönten. Doch bei näherem Hinsehen erkannte man, dass es Segeltuch war, das sich im Wind blähte.
„Es wird ein Handelsfahrer sein“, schrie Anneke gegen das Tosen des Meeres an und stich sich ihre blonden Locken aus dem Gesicht. Die salzige Brise zerrte heftig an ihrem blauen Rock und ihrer weißen Bluse und ließ die Bänder ihres Mieders wild umherflattern.
Eigentlich hatte ihre Mutter verboten, dass sie sich mit Marte am Strand herumtrieb. Sie hatte Angst, dass ihre Tochter von der Brandung in die Meerestiefen gerissen würde. Doch das Meer war bei weitem nicht die größte Gefahr hier draußen. Marodierende Soldaten und Wegelagerer trieben sich in der Gegend herum, auch am Strand, in der Hoffnung, wertvolle Gegenstände aus versunkenen Schiffen zu finden. Zwei hübsche Mädchen würden in großer Gefahr schweben, wenn sie ihnen begegneten.
Doch daran dachten Marte und Anneke hier draußen nicht. Das Meer war für sie wie eine gute Freundin. Noch nie war ihnen am Strand etwas zugestoßen. Die Möwen, die über ihren Köpfen kreisten, bewachten sie und die rauschenden Wogen spielten ihnen zu Ehren auf. Hier konnten sie für einen kurzen Moment vergessen, dass der Krieg das Land verheerte.

Bereits seit ganzen zehn Jahren zogen die Heere der kaiserlichen Allianz gegen die protestantischen Feldherren. Geschichten vom Prager „Fenstersturz“ anno 1618 waren auch bis an die Ostseeküste gedrungen. Anneke und Marte hatten sie als kleine Kinder gehört.
Zunächst tobten die Kämpfe nur im Süden Deutschlands, doch der Krieg war wie ein Lindwurm, der sich in seinem Hunger nach Blut ständig voranfraß. Auch das mecklenburgische Herzogtum, die Heimat der Mädchen, blieb nicht von ihm verschont.
Es war noch nicht allzu lange her, dass Peter Blomes und Johann Jusquinus von Gosens den Dänholm von kaiserlichen Besatzern geräumt hatte, was gewiss nicht ohne Folgen bleiben würde. Gerüchte, die wie trockenes Laub durch die Straßen wirbelten, besagten, dass Wallensteins Heer nun auf Stralsund zu marschieren würde.
Aus diesem Grund war man seit Wochen dabei, die Stadtmauer zu verstärken und davor einen Wall aus angespitzten Holzpfählen zu errichten. Schlimme Geschichten über das Schicksal Neubrandenburgs trieben die Handwerker an. Tilly, der große Feldherr des Kaisers, hatte dort wie der Höllenfürst persönlich gewütet.
Die Befestigungen hier mussten halten, wenn es Stralsund und seinen Bewohnern nicht ebenso ergehen sollte.
Immerhin konnten die Kaiserlichen vom Meer her nicht kommen. Die Ostsee beherrschten die Könige des Nordens, Christian IV. von Dänemark und Gustav Adolph von Schweden. Die beiden sollten sich oft uneins sein, hatte Anneke gehört, doch wenn es hieß, gegen die Kaiserlichen zu ziehen, vergaßen die Herrscher ihren Streit.
Außerdem hatte sich der Schwedenkönig bereits einen Ruf in den deutschen wie baltischen Ländern gemacht. Man nannte ihn den „Leu aus Mitternacht“, also der „Löwe aus dem Norden“. Mit diesem Namen verbanden die Menschen die Hoffnung, dass er diesen unseligen Krieg endlich beenden würde.

„Was glaubst du, segelt das Schiff unter schwedischer oder dänischer Flagge?“, fragte Marte und trat näher an ihre Freundin heran. So mussten sie nicht mehr schreien, um einander zu verstehen.
„Vielleicht kommt es aus Russland“, entgegnete Anneke, worauf Marte entschlossen den Kopf schüttelte.
„Nein, das ganz sicher nicht. Oder hast du in letzter Zeit russische Schiffe in Stralsund anlegen sehen?“
Diese Frage konnte Anneke nur verneinen, also fuhr Marte fort. „Also ich glaube, es kommt aus Schweden. Vielleicht sind es ja auch wieder Soldaten?“
Vor Kurzem war eine Kompanie an Land gegangen, die dem Schwedenkönig als Verstärkung dienen sollte.
„Vielleicht ist es der Dänenkönig“, entgegnete Anneke. Sein Bild hatte sie einmal in der Marktbude eines Händlers gesehen, der aus dem Holsteinischen stammte.
Wieder schüttelte Marte den Kopf. „Christian von Dänemark wird nicht kommen. Der muss noch immer seine Niederlage bei Lutter verkraften. Das sagt jedenfalls mein Vater und der muss es wissen.“
Martes Vater war der Stadtsoldat Hans Hagebohm, und deshalb bekam er Nachrichten über den Krieg immer als einer der Ersten. Doch das bewahrte ihn nicht davor, dass manche Informationen nicht ganz richtig waren. Die Niederlage des Dänenkönigs pfiffen in Stralsund aber sogar schon die Spatzen von den Dächern.
„Aber vielleicht überlegt er es sich doch noch“, hielt Anneke dagegen, während sie weiterhin auf das Meer sah. „Meine Mutter sagt immer, dass Menschen ihre Meinung ändern können. Menschen haben die Kraft, Niederlagen wegzustecken und neu anzufangen.“
„Könige sind andere Menschen als unsereins, vergiss das nicht“, gab Marte zu bedenken. „Sie leben in Schlössern, tragen feine Kleider und brauchen sich keine Sorgen zu machen, woher das Brot kommt. Wenn sie eine Niederlage erleiden, trifft es ihren Stolz so hart, dass sie sich in ihre gut beheizten Gemächer zurückziehen und vor sich hin leiden, anstatt die Zähne zusammenzubeißen.“
Das glaubte Anneke nicht. Ihre Mutter hatte ihr erklärt, dass ein Herzog oder ein König wie der Vater für alle Menschen seines Landes war. Er musste ihnen doch als leuchtendes Beispiel vorangehen, denn wenn der König schon nicht kämpfen wollte, warum sollten es denn seine Untertanen tun?
Während sie versuchte, eine Antwort auf diese Frage zu finden, kam das Schiff näher. Plötzlich leuchteten seine Segel auf.
„Sieh nur, das Segel“, murmelte Anneke, ohne auf die Worte ihrer Freundin einzugehen. Der Anblick zog sie ganz in seinen Bann. „Es leuchtet!“
Marte kniff die Augen zusammen. „Das ist nur ein Sonnenstrahl, der durch die Wolken fällt.“
Das stimmte wohl, doch Anneke erschien es wie ein von Engeln gesandtes Licht, das dieses Schiff unter ihren Schutz stellte.
Leider verging das Leuchten ebenso schnell wie es aufgetaucht war. Die Wolken zogen sich zusammen, bis sie wie der schwarze Schlund eines Drachen wirkten, der jeden Augenblick Feuer spucken würde. Das Schiff war kaum noch auszumachen.
„Wir sollten zurückgehen“, schlug Marte vor, denn das Tosen des Windes nahm zu. Die Wellen bäumten sich auf wie wilde Pferde, die dem Strand entgegen sprengten.
„Noch einen Moment!“ Anneke versuchte immer noch das Schiff zu beobachten. Sie war sicher, dass sein leuchtendes Segel ein Zeichen war. 
„Komm schon“, mahnte die Freundin und zerrte an ihrem Ärmel. „Du weißt, dass Wasser das Gewitter anzieht.“
Wie zur Bestätigung ihrer Worte ertönte ein dumpfes Grollen. In der Ferne fuhr ein Blitz in die See. Das Schiff berührte er nicht, aber Anneke wusste, dass die hohen Segelmasten nicht vor den Blitzen gefeit waren. Manche Leute sagten, dass sie die Blitze sogar anziehen würden und wiederum andere behaupteten, dass das Elmsfeuer, das den sicheren Untergang eines Schiffes prophezeite, nichts anderes war als wandernde Blitze.
Würde das Schiff da hinten auf dem Wasser dieses Schicksal erleiden oder heil im Hafen ankommen?
Plötzlich schwappte eine unerwartet große Welle an den Strand. Sie überschwemmte die Füße der Mädchen und spritzte ihnen die Gischt ins Gesicht.
Anneke und Marte kreischten, und sprangen aufgeschreckt zurück.
Wenig später mischte sich das Lachen der beiden in das Tosen des Sturms, während der Boden unter ihren rennenden Füßen nur so dahinflog.



Corina Bomann




Corina Bomann - Sturmsegel
Originalausgabe
Ueberreuter Verlag
Februar 2010
Hardcover, 342 Seiten
ISBN: 978-3-800-05532-6

Originalausgabe:
UeberreuterVerlag
Februar 2010
Genre: Historischer Jugendroman
Zeit: 1628
Handlungsort:
Stralsund, Stockholm