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Vereinigung deutschsprachiger Liebesromanautoren

Das krÄhenweib


Krähenweib!
Dieses Schimpfwort schallt Annalena im Walsrode des Jahres 1701 immer wieder entgegen, denn sie ist eine Unehrliche, eine Henkerstochter. Sie versucht alles, um diesem Schicksal zu entkommen - und ihrem brutalen Ehemann. Als sie Johann Friedrich Böttger kennenlernt und die beiden sich verlieben, schöpft Annalena Hoffnung auf ein neues Leben. Doch Johann hat noch eine andere Geliebte: die Alchemie! Und diese Liebe ist trügerisch, denn sie führt Johann in die Kerker Augusts des Starken. Annalena folgt dem Alchemisten nach Dresden und findet sogar eine Anstellung am Hof. Doch kann es ihr gelingen, Johann aus den Fängen des mächtigen Kurfürsten zu befreien?




LESEPROBE


Das heisere Krähen der Nachbarshähne riss Annalena Mertens aus dem Schlaf. Murrend strich sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und öffnete die Augen. Ihr Blick streifte über die niedrige Decke der Schlafkammer, auf die das Morgenlicht einen hellen Fleck malte.
Brennende Schmerzen auf ihrem Rücken vertrieben diesen Gedanken jedoch und holten die Erinnerung an die vergangene Nacht zurück.
An die Peitsche.
Wie so oft hatte Mertens sie gepeinigt und gezüchtigt, bis sie schließlich vor Schmerz und Erniedrigung weinend eingeschlafen war. Die Illusion, dass alles nur ein schlechter Traum gewesen sei, hatte sie schon lange nicht mehr. Es war die Wirklichkeit ihres Lebens, die mit jedem Morgen neu begann, ebenso, wie sich die Windräder einer Mühle in Bewegung setzten.
Wie ein Mühlstein ist das Leben, ging es ihr durch den Sinn. Es dreht sich unermüdlich im Kreis und endet erst, wenn der Tod den Wind aus den Mühlenflügeln nimmt.

Die Zähne gegen die Schmerzen zusammenbeißend stieg sie aus dem Bett.
Sie brauchte sich nicht nach der Stelle umzuschauen, an der ihr Mann gelegen hatte, denn sie wusste, dass er nicht mehr da war. Meister Hans verlangte von seinen Knechten, dass sie, wenn eine Hinrichtung anstand, noch vor Sonnenaufgang in der Fronerei erschienen. Der Prozess gegen den Mann, der seine schwangere Frau nahe dem Moor erwürgt hatte, hatte etliche Monate gedauert und war mit dem Todesurteil geendet, das heute vollstreckt werden würde.
Der Gedanke daran ließ ein grimmiges Lächeln auf Annalena Gesicht treten. Wird es mir eines Tages auch so ergehen? Erwürgt und irgendwo im Wald liegengelassen, weil mein Mann mich für nutzlos hält?
Mit kleinen Schritten strebte sie der Schüssel zu, die auf einem Stuhl unterhalb des Fensters stand. Das Wasser in der dazugehörigen Kanne war eiskalt, aber daran war sie gewöhnt.
Annalena bückte sich, nahm den Krug auf und goss die Schüssel voll. Als sich das Wasser beruhigt hatte, erblickte sie ihr Abbild auf dem Grund des Gefäßes.
Dreiundzwanzig Lenze zählte sie. Ihr dickes schwarzes Haar fiel in langen, lockigen Flechten über ihre Schultern. Wegen der Farbe, die sie ihrer Großmutter zu verdanken hatte, hielt man sie oft für eine Zigeunerin, doch ihre Augen strahlten in dem hellen Grau des hiesigen Winterhimmels.
Kühl wirkten diese Augen, doch wenn ein Lächeln ihre Lippen berührte, waren sie wieder die des kleinen Mädchens, das stundenlang an der Elde umherwanderte und sich wünschte, frei von allen Zwängen durch die Welt gehen zu können.
Aber Freiheit gab es für ihresgleichen nicht.
Das Richtschwert in die Wiege gelegt zu bekommen, bedeutete für sie, ein Leben im Schatten zu führen. Ein Leben als Ausgestoßene, Unreine, ein Leben an der Stadtmauer, am Rand von allem, was für ehrliche Leute Wert hatte. Ihre Herkunft hielt sie gefangen zwischen Geringschätzung und Beschimpfungen. Musche, Hure, Krähenweib waren die Namen, die man Frauen wie ihr entgegenrief, wenn man sie erkannte.
Ihr Vater hatte sie stets beschworen, sich nichts daraus zu machen, und als Kind hatte sie ihm noch geglaubt. Zusammen mit ihren Brüdern und Schwestern spielte sie im Kerker und fand nichts dabei, dass er Verbrecher strafte.
Doch früh genug erfuhren die Kinder, dass Henker bestenfalls geduldet und meist verabscheut wurden. Der Zusammenhalt zwischen den Geschwistern und den Henkersfamilien war das Einzige, worauf sie zählen konnte.
Doch als sie erwachsen wurden, verstreute das Schicksal Habrechts Kinder in verschiedene Himmelsrichtungen. Anna Christin heiratete den Schweriner Henker Liebeknecht, eine gute Partie, denn sie hatte bereits drei Kinder und es war nicht bekannt, dass er sie schlecht behandelte. Auch Anna Maria, die den Sternberger Henker Mentzel geheiratet hatte, ging es gut. Bei ihrer Schwester Anthrin, die eigentlich Anna Cathrin hieß, war es schon etwas anderes gewesen, aber das war eine Geschichte, an die sie nur ungern dachte.
Als die jüngste Schwester wurde Annalena einen Henkersknecht aus Walsrode namens Peter Mertens an die Hand gegeben.
Liebe war natürlich ein eitles Gut, das Menschen wie ihnen nicht zustand. Die Ehen waren vom Vater arrangiert worden. Eine Heirat in einen anderen Stand war unmöglich. Und selbst jene, die ebenfalls zu den Unehrlichen zählten, scheuten sich davor, eine Henkerstochter zu freien. Übrig blieb nur ihresgleichen, und die Töchter eines Henkershauses konnten froh sein, wenn sie einen Gatten abbekamen.
Annalena hatte sich gefügt, wie es erwartet wurde und natürlich gehofft, dass sie eines Tages mehr als Demut und Achtung gegenüber ihrem Gatten empfinden würde. Damals schenkte sie sogar noch den Reden der anderen Frauen Glauben, wonach in ihren arrangierten Ehen irgendwann einmal der Same der Liebe aufgegangen war.
Doch schon bald wurde Annalena klar, dass es in ihrem Fall keine Liebe geben würde, denn unter der Maske des Mannes, der vor dem Altar gelobt hatte, sie zu beschützen, steckte ein Ungeheuer.



Corina Bomann




Corina Bomann - Das Krähenweib
Originalausgabe
Knaur Verlag
April 2010
Hardcover und SU, 524 Seiten
ISBN: 978-3-426-66315-8

Originalausgabe:
  Knaur Verlag
April 2010
Genre: Historischer Roman
Zeit: 1701
Handlungsort:
  Walsrode, Berlin, Dresden