Sie
kann
niemandem
vertrauen.
Sie darf sich niemals verlieben.
Doch dann verstößt sie gegen alle Regeln.
London 1585: Als Alyson in den Tower gebracht wird, scheint ihr Schicksal besiegelt zu sein. Doch niemand anderes als Sir Francis Walsingham, Erster Minister von Elisabeth I., erkennt ihre besonderen Fähigkeiten und macht der jungen Straßendiebin ein unglaubliches Angebot, das sie bis in die oprachtvollen Gemächer der Königin führen wird – und immer wieder in tödliche Gefahr ...
Auf dem Gang war außer den Wachen niemand mehr, ich konnte also bei Laufen meinen Gedanken nachhängen. Mich beschlich das ungute Gefühl, dass manche Dinge komplizierter wurden, und wie zur Bestätigung tauchte auf dem Weg zu meinem Quartier plötzlich eine Gestalt vor mir auf.
Es war der junge Mann aus der Galerie! Er musste wohl die ganze Zeit über im Gang auf mich gewartet haben.
Er trug ein einfaches dunkelblaues Wams, das an den Ärmeln und über der Brust geschlitzt war. Darunter blitzte ein schneeweißes Hemd hervor. Sein Haar war nicht so ordentlich, wie es sein sollte, und seine blauen Augen funkelten im Lichtschein der Fackeln. In der Hand hielt er ein Sträußchen Schneeglöckchen, die momentan überall aus dem Boden schossen.
"Ich dachte, es könne nicht schaden, Euch eine kleine Freude zu machen", sagte er, als er mir mit einem fast schon schüchtern zu nennenden Lächeln die Blumen reichte.
Ich schlug die Augen nieder, wie es sich für eine sittsame Dame gehört, und musste zugleich an Kathys warnenden Blick und Walsinghams Worte denken, dass ich bei Hofe niemandem trauen durfte. Vielleicht hatte Jane Ashley diesen Burschen auf mich angesetzt, um mich ins Verderben zu stürzen.
"Ihr wisst, dass Ihr im Tower endet, wenn Ihr versucht, eine Hofdame der Königin zu verführen", entgegnete ich, in der Hoffnung, eine Regung auf seinem Gesicht möge ihn verraten. Doch alles, was ich sah, war sein Lächeln, offen, herzlich, ein wenig verschmitzt, aber bestimmt nicht hintergründig. Mit den Blumen, die er immer noch in der Hand hielt und die schon ein wenig die Köpfe hängen ließen, wirkte er auf mich wie ein Bauernjunge, der versuchte, ein Mädchen aus seinem Dorf für sich einzunehmen. Ich konnte das Geschenk einfach nicht ablehnen, wollte es aber auch nicht annehmen.
"Die Blumen brauchen Wasser", sagte ich daher und nahm ihm das Sträußlein aus der Hand. "Ihr werdet sie noch verderben, wenn Ihr sie länger haltet."
Das Lächeln des jungen Mannes wurde breiter. "Was ist mit dem Tower? Immerhin habt ihr jetzt mein Geschenk angenommen."
"Ich stelle sie lediglich ins Wasser", entgegnete ich und musste nun ebenfalls lächeln.
Einen Moment lang sahen wir uns an, dann legte er unvermittelt die Hand auf seine Brust und verneigte sich vor mir. "Verzeiht bitte, dass ich so unhöflich war, mich Euch noch nicht vorzustellen. Mein Name ist Robert Carlisle. Alle, die mich mögen, nennen mich Robin. Es wäre mir eine Ehre, wenn Ihr mich ebenfalls so nennen würdet."
"Ich ziehe es vor, Euch Mister Carlisle zu nennen", entgegnete ich distanziert und wollte an ihm vorbeigehen, doch er ließ mich nicht.
"Auch wenn ich Eure Sympathie bislang noch nicht genieße, darf ich wenigstens Euren Namen erfahren?"
"Warum wollt Ihr das?", fragte ich zurück, und irgendwie gefiel es mir, diesen Burschen ein wenig zappeln zu lassen.
"Weil ich vielleicht nicht weiterleben kann, wenn ich ihn nicht weiß."
"Ihr übertreibt."
Er fasste sich mit einer theatralischen Geste an die Brust.
"Nein, das tue ich nicht. Sagt ihr es mir nicht, wird mein Herz auf der Stelle stehen bleiben, und jedermann wird Euch fragen, warum dieser arme Bursche den Tod vor Eurer Tür erlitt."
"Höre ich da etwa Selbstmitleid?"
"Nein, ich hänge nur an meinem Leben. Daher bitte ich erneut inständig, mir Euren Namen zu nennen."
Beinahe hätte ich laut aufgelacht. Geoffrey war gewiss kein ernster Mensch gewesen, doch ich bezweifelte, dass er versucht hätte, mich auf solch eine Weise kennenzulernen. Vielleicht war an diesem Burschen ein Possenreißer verloren gegangen. Er sah mich jedenfalls mit einem Hundeblick an, der selbst die Königin an ihrem schlechtesten Tag hätte erweichen können, und so entschloss ich mich, ihm meinen Namen zu sagen. Den Namen, den ich hier am Hof trug. Immerhin war daran nichts Unkeusches.
"Beatrice Walton."
Eine Dame hätte jetzt wahrscheinlich ihre Hand vorgestreckt, um sie von dem Kavalier küssen zu lassen, genauso hatte es mir Lady Ursula zumindest beigebracht. Doch ich wollte nicht, dass er mich berührte. Wenn Lady Jane oder einer ihrer Liebhaber dies sehen würde, wäre ich geliefert.
"Ich werde Euren Namen von Dichtern besingen lassen", entgegnete Robin daraufhin überschwänglich und reizte mich damit beinahe zum Lachen.
"Wenn Ihr mir einen Gefallen tun wollt, dann lasst mich jetzt allein. Ich habe nicht vor, mich in Eure Sammlung einreihen zu lassen."
Robin zog die Augenbrauen hoch. "Sammlung?"
"Man hört so einiges über Euch. Zum Beispiel, dass Ihr großen Appetit auf alles habt, was einen rötlichen Schopf hat."
"Das stimmt so nicht, die rothaarigen Männer lasse ich schon in Ruhe … Ihr seid ziemlich scharfzüngig, Lady Beatrice. Ich glaube, über Euch konnte ich jede andere Frau vergessen."
"Redet keinen Unsinn und geht jetzt! Ich glaube, ich höre bereits die Wachen kommen, um Euch in den Tower zu werfen."
"Ich hoffe trotzdem, dass ich Euch wiedersehen darf." Er schenkte mir noch ein Lächeln, verneigte sich vor mir und setzte sich in Bewegung.
Mit den Schneeglöckchen in der Hand sah ich ihm nach, und bevor er sich nach mir umdrehen konnte, verschwand ich hinter meiner Tür.
Sie darf sich niemals verlieben.
Doch dann verstößt sie gegen alle Regeln.
London 1585: Als Alyson in den Tower gebracht wird, scheint ihr Schicksal besiegelt zu sein. Doch niemand anderes als Sir Francis Walsingham, Erster Minister von Elisabeth I., erkennt ihre besonderen Fähigkeiten und macht der jungen Straßendiebin ein unglaubliches Angebot, das sie bis in die oprachtvollen Gemächer der Königin führen wird – und immer wieder in tödliche Gefahr ...
LESEPROBE
Auf dem Gang war außer den Wachen niemand mehr, ich konnte also bei Laufen meinen Gedanken nachhängen. Mich beschlich das ungute Gefühl, dass manche Dinge komplizierter wurden, und wie zur Bestätigung tauchte auf dem Weg zu meinem Quartier plötzlich eine Gestalt vor mir auf.
Es war der junge Mann aus der Galerie! Er musste wohl die ganze Zeit über im Gang auf mich gewartet haben.
Er trug ein einfaches dunkelblaues Wams, das an den Ärmeln und über der Brust geschlitzt war. Darunter blitzte ein schneeweißes Hemd hervor. Sein Haar war nicht so ordentlich, wie es sein sollte, und seine blauen Augen funkelten im Lichtschein der Fackeln. In der Hand hielt er ein Sträußchen Schneeglöckchen, die momentan überall aus dem Boden schossen.
"Ich dachte, es könne nicht schaden, Euch eine kleine Freude zu machen", sagte er, als er mir mit einem fast schon schüchtern zu nennenden Lächeln die Blumen reichte.
Ich schlug die Augen nieder, wie es sich für eine sittsame Dame gehört, und musste zugleich an Kathys warnenden Blick und Walsinghams Worte denken, dass ich bei Hofe niemandem trauen durfte. Vielleicht hatte Jane Ashley diesen Burschen auf mich angesetzt, um mich ins Verderben zu stürzen.
"Ihr wisst, dass Ihr im Tower endet, wenn Ihr versucht, eine Hofdame der Königin zu verführen", entgegnete ich, in der Hoffnung, eine Regung auf seinem Gesicht möge ihn verraten. Doch alles, was ich sah, war sein Lächeln, offen, herzlich, ein wenig verschmitzt, aber bestimmt nicht hintergründig. Mit den Blumen, die er immer noch in der Hand hielt und die schon ein wenig die Köpfe hängen ließen, wirkte er auf mich wie ein Bauernjunge, der versuchte, ein Mädchen aus seinem Dorf für sich einzunehmen. Ich konnte das Geschenk einfach nicht ablehnen, wollte es aber auch nicht annehmen.
"Die Blumen brauchen Wasser", sagte ich daher und nahm ihm das Sträußlein aus der Hand. "Ihr werdet sie noch verderben, wenn Ihr sie länger haltet."
Das Lächeln des jungen Mannes wurde breiter. "Was ist mit dem Tower? Immerhin habt ihr jetzt mein Geschenk angenommen."
"Ich stelle sie lediglich ins Wasser", entgegnete ich und musste nun ebenfalls lächeln.
Einen Moment lang sahen wir uns an, dann legte er unvermittelt die Hand auf seine Brust und verneigte sich vor mir. "Verzeiht bitte, dass ich so unhöflich war, mich Euch noch nicht vorzustellen. Mein Name ist Robert Carlisle. Alle, die mich mögen, nennen mich Robin. Es wäre mir eine Ehre, wenn Ihr mich ebenfalls so nennen würdet."
"Ich ziehe es vor, Euch Mister Carlisle zu nennen", entgegnete ich distanziert und wollte an ihm vorbeigehen, doch er ließ mich nicht.
"Auch wenn ich Eure Sympathie bislang noch nicht genieße, darf ich wenigstens Euren Namen erfahren?"
"Warum wollt Ihr das?", fragte ich zurück, und irgendwie gefiel es mir, diesen Burschen ein wenig zappeln zu lassen.
"Weil ich vielleicht nicht weiterleben kann, wenn ich ihn nicht weiß."
"Ihr übertreibt."
Er fasste sich mit einer theatralischen Geste an die Brust.
"Nein, das tue ich nicht. Sagt ihr es mir nicht, wird mein Herz auf der Stelle stehen bleiben, und jedermann wird Euch fragen, warum dieser arme Bursche den Tod vor Eurer Tür erlitt."
"Höre ich da etwa Selbstmitleid?"
"Nein, ich hänge nur an meinem Leben. Daher bitte ich erneut inständig, mir Euren Namen zu nennen."
Beinahe hätte ich laut aufgelacht. Geoffrey war gewiss kein ernster Mensch gewesen, doch ich bezweifelte, dass er versucht hätte, mich auf solch eine Weise kennenzulernen. Vielleicht war an diesem Burschen ein Possenreißer verloren gegangen. Er sah mich jedenfalls mit einem Hundeblick an, der selbst die Königin an ihrem schlechtesten Tag hätte erweichen können, und so entschloss ich mich, ihm meinen Namen zu sagen. Den Namen, den ich hier am Hof trug. Immerhin war daran nichts Unkeusches.
"Beatrice Walton."
Eine Dame hätte jetzt wahrscheinlich ihre Hand vorgestreckt, um sie von dem Kavalier küssen zu lassen, genauso hatte es mir Lady Ursula zumindest beigebracht. Doch ich wollte nicht, dass er mich berührte. Wenn Lady Jane oder einer ihrer Liebhaber dies sehen würde, wäre ich geliefert.
"Ich werde Euren Namen von Dichtern besingen lassen", entgegnete Robin daraufhin überschwänglich und reizte mich damit beinahe zum Lachen.
"Wenn Ihr mir einen Gefallen tun wollt, dann lasst mich jetzt allein. Ich habe nicht vor, mich in Eure Sammlung einreihen zu lassen."
Robin zog die Augenbrauen hoch. "Sammlung?"
"Man hört so einiges über Euch. Zum Beispiel, dass Ihr großen Appetit auf alles habt, was einen rötlichen Schopf hat."
"Das stimmt so nicht, die rothaarigen Männer lasse ich schon in Ruhe … Ihr seid ziemlich scharfzüngig, Lady Beatrice. Ich glaube, über Euch konnte ich jede andere Frau vergessen."
"Redet keinen Unsinn und geht jetzt! Ich glaube, ich höre bereits die Wachen kommen, um Euch in den Tower zu werfen."
"Ich hoffe trotzdem, dass ich Euch wiedersehen darf." Er schenkte mir noch ein Lächeln, verneigte sich vor mir und setzte sich in Bewegung.
Mit den Schneeglöckchen in der Hand sah ich ihm nach, und bevor er sich nach mir umdrehen konnte, verschwand ich hinter meiner Tür.



