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Vereinigung deutschsprachiger Liebesromanautoren

Der pfad der roten träume


Australien - für die englischen Mädchen Lucy und Anne bedeutet es im 19. Jahrhundert den Traum von einem neuen Leben. Als Anne schon kurz nach ihrer Ankunft in Perth stirbt, ist Lucy ganz alleine. Doch dann lernt sie einen Farmer und seinen Sohn kennen und gerät in ein Abenteuer zwischen Viehbaronen, Aborigines und der ganz großen Liebe.




LESEPROBE



„Mädchen, trödele nicht rum!“
Die Stimme von Reverend McCallahan riss Lucy aus der Betrachtung der Warenauslage von „Thomkins & Hutchinson“, einem der besten Damenschneider in ganz Bristol. Wie ein Magnet hatte sie das prächtig geschmückte Schaufenster angezogen. Und auch jetzt konnte sie nur schwer den Blick von dem weinroten Kleid lassen, das hinter der Glasscheibe ausgestellt wurde.
Es war wunderschön! Unzählige Glasperlen glitzerten wie Sterne auf dem Stoff, der obendrein noch mit Bändern und Spitzen verziert war. In solch einem Kleid würde sie sicher wie eine Dame aussehen. Ihr Abbild in der Scheibe zeigte allerdings ein fünfzehnjähriges, etwas zerlumpt wirkendes Mädchen, das sich dieses Kleid nie im Leben leisten konnte.
„Ich komme, Hochwürden“, seufzte sie, strich ein paar schwarze Haarsträhnen aus dem Gesicht, die sich aus dem Knoten in ihrem Nacken gelöst hatten, und wandte sich um. Erst jetzt wurde ihr wieder das Gewicht des Korbes bewusst, dessen Griff in ihre Handflächen einschnitt.
Der Geistliche maß sie mit einem missbilligenden Blick.
„Es gehört sich nicht für eine anständige junge Dame, so schamlos irgendwelchen Tand anzugaffen!“
Lucy verdrehte die Augen, aber so, dass es der Reverend nicht sah. Es war immer dasselbe. Kaum interessierte sie sich für etwas Schönes, machte er etwas Ungehöriges daraus.
„Denke an die sieben Todsünden, Kind!“, fuhr McCallahan fort und reckte seinen Zeigefinger mahnend in die Höhe. „Dieses Kleid dort ist nur etwas für eine schamlose Person! Ich erlaube nicht, dass du der Sünde anheimfällst!“
Es fiel Lucy schwer, ein verdrießliches Schnauben zu unterdrücken. Was sollte an diesem Traum aus roter Seide schamlos oder sündig sein? Waren die beiden Schneider dann vielleicht Sendboten des Teufels, und in ihrer Werkstatt loderte das Höllenfeuer? Das glaubte der Reverend doch wohl selbst nicht!
„Es wird nicht wieder vorkommen, Hochwürden“, antwortete sie und senkte den Kopf, wie er es von ihr erwartete. Während der zwei Jahre, die sie schon bei ihm arbeitete, hatte sie herausgefunden, dass man leichter mit ihm auskam, wenn man demütig tat und das antwortete, was er hören wollte.
Früher hatte sie ein anderes Leben geführt. Damals wohnte sie noch in dem Haus auf dem Hügel, wie es die Leute nannten. Ihr Vater, Alan Farnsworth, war ein reicher Kaufmann gewesen. Gewiss hätte sie von ihm das Kleid aus dem Schaufenster bekommen, und noch viele andere. Aber diese Zeiten waren vorbei. Seit dem Tod ihres Vaters arbeitete sie als Dienstmädchen für den Reverend. Die Arbeit war abgesehen vom Wäschewaschen nicht besonders schwer, allerdings erhielt sie dafür auch keinen Lohn.
„Du hast großes Glück, dass ich dich bei mir aufgenommen habe!“, begann McCallahan seinen alltäglichen Sermon. „Wäre dein Vater nicht so ein respektabler Mann gewesen, wärst du ins Haus von Mrs Burnett gewandert und nicht zu mir gekommen. Glaube mir, dein Vater wäre sehr enttäuscht, wenn du dich nicht zu einer gottesfürchtigen Frau entwickeln würdest.“
Lucy dachte an ihren Vater. Wäre er wirklich enttäuscht, wenn sie nicht still, demütig und schweigsam war?
McCallahan setzte seine Rede fort, aber Lucy hörte nicht mehr hin. Sie konzentrierte sich auf das Platschen des Matschs unter ihren schiefgelaufenen Stiefeletten, deren Nähte an den Seiten immer weiter aufplatzten. Nässe drang zu ihren Füßen durch, und Lucy war sicher, dass ihre Zehen blau sein würden, wenn sie wieder zu Hause ankam.
Bristol wirkte im Herbst noch grauer als sonst. Unzählige Schornsteine schickten ihren Rauch in den trüben Nachmittagshimmel, der die Stadt wie eine fleckige Daunendecke überspannte. Vom Hafen wehte ein fischiger Geruch herüber. Die Straßen waren mit Menschen überfüllt.
Das Waisenhaus von Mrs Burnett lag in der Nähe des Hafens. Böse Zungen behaupteten, dass es früher einmal ein Lagerhaus war, das Mrs Burnett billig aufgekauft und dann zu einem Waisenhaus umgewandelt hatte. Lucy interessierte nicht, ob das stimmte oder nicht. Für sie gab es nur einen Grund, sich überhaupt für dieses Haus zu interessieren: Ihre Freundin Anne, die dort lebte. Sie hatte sie bei einem der ersten Besuche mit dem Reverend kennengelernt. Während die anderen über Lucy und das Elend, in das sie geraten war, schadenfroh getuschelt hatten, hatte Anne sie ehrlich angelächelt. „Ich bin Anne. Du bist Lucy, stimmt's? Die Lucy vom Haus auf dem Hügel.“
Lucy hatte genickt. Anne hatte einen Moment lang mit einer ihrer blonden Strähnen gespielt, sie dann bei der Hand genommen und auf den Dachboden des Waisenhauses geführt.
Seitdem trafen sie sich immer dann, wenn der Reverend ins Waisenhaus kam, um mit Mrs Burnett eine Tasse Tee zu trinken. Anne erzählte von ihren grässlichen Lehrerinnen und Lucy berichtete über die Zurechtweisungen des Reverends. So hatten sie sich inmitten ihres eintönigen Lebens eine kleine Insel der Freundschaft geschaffen.
Am hohen Eisenzaun des Waisenhauses angekommen, stieß der Reverend das Tor auf. Einige Kinder fegten den Hof, andere standen in einer Ecke und sprachen miteinander. Lucy reckte den Hals, konnte Anne aber nicht entdecken.
McCallahan schritt rasch voran. Ab und an wünschte ihm eines der Kinder einen guten Tag, doch er erwiderte die Grüße nur mit einem Nicken. Lucy trottete hinter ihm her, den Blick auf das Gebäude gerichtet. Die grauen Wolken spiegelten sich in den blankgeputzten Fenstern. Im ersten Stockwerk befanden sich die Schlafsäle, darüber die Räumlichkeiten von Mrs Burnett. Ein blasses Gesicht war dort hinter der Scheibe zu erkennen. Mrs Burnett überwachte den Hof ganz genau. Als sie den Reverend erblickte, zog sie sich zurück. Lucy zählte stumm die Sekunden. Bei fünfundachtzig erschien die Leiterin an der Eingangstür. Kerzengerade kam sie auf sie zu und blickte dabei tadelnd auf die Kinder. Doch ihre Miene änderte sich schlagartig, als sie den Reverend sah. Ihr verkniffener Mund verzog sich nun zu einem Lächeln.
„Reverend, wie schön, Sie zu sehen!“, flötete sie, als hätte sie ihn schon seit vielen Jahren nicht mehr getroffen. „Ich dachte schon, Sie kommen heute gar nicht mehr.“
Auf diese Worte hin warf der Reverend Lucy einen vorwurfsvollen Blick zu. „Wir sind unterwegs aufgehalten worden“, entgegnete er.
„Und wie ich sehe, haben Sie wieder etwas für meine Kinder“, sagte Mrs Burnett und deutete auf den Korb in Lucys Hand.
Der Reverend nickte wohlwollend und entgegnete: „Ja, Spenden unserer Gemeindemitglieder. Diesmal waren sie besonders großzügig.“
Mrs Burnett tat ganz gerührt, aber Lucy war sicher, dass sie den Waisenkindern kaum etwas davon geben würde. „Kommen Sie, Reverend, ich habe frischen Tee aus Ceylon, ein Geschenk eines unserer Gönner. Sie müssen unbedingt eine Tasse probieren, er ist köstlich!“
Das ließ sich McCallahan nicht zweimal sagen. Er nickte und walzte der Heimleiterin hinterher wie ein großer Dickhäuter.


Corina Bomann




Corina Bomann - Der Pfad der roten Träume
Originalausgabe
Ueberreuter Verlag
August 2009
Hardcover, 320 Seiten
ISBN: 978-3-800-05498-5

Originalausgabe:
  Ueberreuter Verlag
August 2009
Genre: Historischer Jugendroman
Zeit: 1875
Handlungsort:
  Bristol, Perth