Als Alisa durch einen Unfall
ihren geliebten Mann Henrik verliert, ist sie am Boden zerstört. Wie
soll sie, die ein Kind von ihm erwartet, ohne ihn weiterleben können?
Doch da vermacht ihre Großtante Wanda ihr noch zu Lebzeiten ein Hotel auf Usedom. Alisa ist zunächst gar nicht begeistert von dem unerwarteten Erbe, zumal mit diesem ein griesgrämiger Hausmeister, ein heruntergekommenes Gebäude und viele andere Sorgen verbunden sind.
Doch Alisa beißt sich durch, denn sie hat nur einen Wunsch: Die »Villa Bernstein« soll in altem Glanz wieder auferstehen!
(S. 67f) Alisa fuhr mit offenem Schiebedach, über sich einen tiefblauen Himmel, der von keinem Wölkchen getrübt wurde. Das erstemal, seit sie die Insel betreten hatte, fühlte sie sich leicht und frei. Rechts und links der Straße lagen ausgewiesene Naturschutzgebiete. Die verschiedenen Grüntöne von Bäumen und Sträuchern bewirkten einen Zauber, der Alisa so anrührte, dass sie ihr Tempo immer weiter drosselte. Wie im Traum fuhr sie durch Birkenalleen, Sonnen- und Schattenflecken und erfreute sich am Gelb von Ginster und Butterblumen. Als ihr schließlich eines der blauweißen Steig-Aus-Und-Wandere-Schilder ins Auge fiel, überkam sie eine unbändige Lust, zu laufen.
Noch 500 Meter bis zum Parkplatz.
Kaum, dass sie die ersten Schritte machte, spürte sie, wie sehr Körper und Geist sich nach Bewegung sehnten.
Sie lief stundenlang. Vorbei an windschiefen Birken mit daumendicker Borke, vorbei an Wiesen mit violett blühenden Facelia-Pflanzen, in denen Bienen und Hummeln summten. Hinter einem gelben Rapsfeld lag ein See, in dem ein einsames Schwanenpärchen seine Kreise zog. Auf einem verwitterten Wildapfelbaum ruhten majestätische Reiher und im sumpfigen Schilfgürtel entdeckte Alisa einen staksenden Schwarzstorch. Der Himmel war von einem solch tiefen Blau, dass sie mehrmals glaubte, auf einer fremden Welt zu sein.
Alisa versuchte an nichts zu denken. Sie überließ sich dem Rhythmus ihrer Schritte, der Leichtigkeit ihres Atems.
Die Geräusche der Zivilisation waren verklungen. Es war atemberaubend, nur noch Wind und Blätterrauschen zu hören, das Rascheln von Vögeln und Mäusen, das Gesumm von Insekten.
Ihr Blick blieb am morschen Stumpf einer Kiefer hängen. Ameisen hatten ihn sich zueigen gemacht und einen feinsandigen Haufen an ihn gebaut. Alisa ging in die Hocke und sah für eine Weile dem Treiben der emsigen Tierchen zu.
Hatten Julius und Vicky eigentlich schon einmal einen Ameisenhaufen gesehen? Alisa sah nachdenklich vor sich hin. Aber die Frage blieb. Wo sollten Vicky und Julius eigentlich ihre Kindheit verbringen, wo Natur erleben? Etwa am brackigen Alsterlauf? Im vermassten Stadtpark mit seinen Junkies und im Sommer nicht endenden Grillorgien? (…)
»Fragst du dich das, weil Henrik tot ist? Du allein bist?«
Alisa sprach halblaut in den Wind und ließ ihre Blicke in die Landschaft wandern. Niemand war zu sehen.
»Was meinst du?«
Müde ging sie noch ein paar Schritte und lehnte sich dann an eine Kiefer. Irgendwo klopfte ein Specht. Sie schloß die Augen und konzentrierte sich lächelnd ganz auf sein Bild. Plötzlich war sie da, die Traurigkeit. Es war hier so schön, zu schön - aber sie war allein. Mit Henrik … Alisa sank ins Gras. Sie umklammerte ihre Knie und begann lautlos zu weinen. Die Erinnerungen kamen und gingen wie ein Reigen alter Photographien. Alisa hörte Henriks Lachen, sah ihn beim Rasieren, am Steuer, erinnerte sich an seine Hände und seinen Gang. Es dauerte, bis sie ihre Ruhe wiederfand. Irgendwann glaubte sie zu fühlen, dass ihre Fragen auf geheimnisvolle Weise mit der Natur um sie herum verschmolzen. Sie waren noch da, hatten aber alle Last verloren. Als ob eine Kraft sich ihrer angenommen hatte. Jetzt mußte sie warten. Doch Alisa war sich sicher, bald eine Antwort zu finden. Eine Antwort, die nicht sie allein getroffen hatte. Davon war sie fest überzeugt.
Schließlich aber brachte die Natur ihr den inneren Frieden zurück.
Dankbar seufzte Alisa auf und ließ sich ins Gras fallen. (…)
* * * * *
(S. 84f) Die Martinis wurden serviert. Schimmbach hob sein Glas, Alisa und Tante Wanda blieb nichts anders übrig, als es ihm nachzutun.
»Sie sind jetzt natürlich - um es salopp zu formulieren - geplättet«, sagte Schimmbach. »Aber deshalb habe ich das alles auch schriftlich fixiert.«
»Aber am Anfang steht der Architekt«, sagte Alisa mit einem süßsäuerlichen Lächeln.
Sie hatte Schimmbach im Großen und Ganzen verstanden. Alles klang vertrauenswürdig und vernünftig. Nur eben - wie gut war Schimmbach als Architekt? Wie teuer? Wie kostenbewußt? Wie ehrlich, was die Sanierungskosten betraf?
»Genau diese Fragen, die Sie gerade im Kopf wälzen, hat jeder Bauherr«, sagte Schimmbach gewinnend. »Und deshalb sollte ein Architekt Referenzen haben. Bitte.« Er reichte ihr einen Folder. »Ich bin nicht der Günstigste«, sagte er ruhig. »Aber der Beste. Und darum ist jetzt auch Schluß mit Lustig. Jetzt wird´s ernst. Denn nun kommt der Kampf mit Meckpomms Speisekarten und seiner Küche.«
»Siehst du, Kindchen«, ließ sich Tante Wanda vernehmen, »ich wußte, dass Herr Dr. Holzner-Czerny uns einen guten Architekten empfiehlt. Nur eins noch: Wer haftet, wenn sich im Nachhinein das Gewerk eines Handwerkers als Pfusch herausstellt?«
Schimmbach und Alisa schauten Tante Wanda überrascht an. Sie saß zwar da, als verstünde sie gerade mal, dass Bauen und Renovieren irgend etwas mit Baustelle und Schmutz zu hätten, aber das war offensichtlich falsch. Alisa war ihrer Tante richtig dankbar für diese Frage. Sie griff nach ihrer Hand und drückte sie. Für eine Sekunde sahen sich die Frauen an und fühlte sich einander so verbunden wie noch nie. Denn was Pfusch am Bau anging, hatte Alisa nichts als dunkle Horrorreportagen im Gedächtnis.
»Die Frage ist ganz einfach beantwortet«, sagte Schimmbach, ohne den Blick von der Speisekarte zu nehmen. «Die Bauherrin haftet. Alles andere steht nur auf dem Papier. Denn Pfusch wird über Gutachten diskutiert. Sie nehmen einen Gutachter, der Handwerker nimmt einen Gegengutachter. Beide nehmen sie sich einen Anwalt und prozessieren bis ans Ende ihrer Nerven.« Er schaute auf, machte wieder eine bedeutungsschwere Pause. Darauf fuhr er fort: »Wenn Ihr Parkett zum Beispiel so krumm gelegt wird, dass Sie zehn Prozent Steigung haben, und Ihnen der Stöckelabsatz durch die Fugen ins Leere sticht, kann Ihnen der Gutachter vom Handwerker das Gegenteil beweisen. Die machen aus krumm gerade. Und Schuld haben immer Sie, als Bauherr. Und sei dies in mentaler, psychischer oder sonst welcher Hinsicht. Man wird Ihnen schiefe Optik, Verfolgungswahn, Heimtücke und Hinterlist andichten, sprich, Sie hätten den Schaden nachträglich selbst verursacht. Es gibt keine Gerechtigkeit. Und schon gar keinen Erfolg. Sie gehen zugrunde. Ihre Kids glauben, bei den schlechtesten Eltern der Welt gelandet zu sein. Es gibt nur noch Gezick, Gebrüll, Türengeknalle und Ausreißereien zu Nachbarn, denen Sie sonst nicht Ihren Hund anvertrauen würden.«
»Und darum …«
»… darum ist der richtige Architekt die Mutter aller Schlachten«, beendete Schimmbach Alisas Satz. Er schaute sie triumphierend, aber keineswegs selbstgefällig an. Alisa stöhnte leise auf und schloß für einen Augenblick die Augen. Die Welt des Dinglichen und Geschäftlichen war über sie hineingebrochen. Und dies hier, am zauberhaftesten See, den sie in ihrem Leben kennengelernt hatte. Ihr wurde klar, sie würde für alles einstehen müssen. Im eigenen Interesse und im Interesse ihrer Kinder. Ein Lebensabschnitt voller Arbeit und gewaltigem Risiko begann. Sie konnte viel gewinnen, doch bald noch mehr verlieren. Doch gab es jetzt eigentlich noch ein Zurück?
Nein. Und sie hätte es auch nicht gewollt. (…)
* * * * *
(S. 237ff) Gäste gingen, neue kamen. Familie Professor Hubertus Steinmacher versprach, im Januar oder Februar wiederzukommen. Den rheinländischen Ehepaaren hatte es so gut gefallen, dass sie ankündigten, der Villa Bernstein auch im nächsten Sommer die Treue zu halten - nach einer ausgedehnten Fahrradtour, die sie von Lüneburg über Dömitz an der Elbe, Ludwigslust, Lübz, Ueckermünde, Anklam bis nach Usedom führen sollte. Insgesamt sollte die Tour vierzehn Tage in Anspruch nehmen und danach wollten sie sich im Hotel Villa Bernstein ausgiebig verwöhnen lassen.
Jeanne und Marvin nahmen den Zeitungsartikel über die Schatzsuche mit nach Amerika und dankten Alisa herzlich für die aufregende Zeit in ihrem Haus. Auch sie wollten eines Tages wiederkommen. Alisa hörte es mit Freude, denn Stammgäste waren das Kapitel für jedes Hotel. Was gab es Besseres, als wenn Gäste ihr Hotel als zweites kleines Zuhause empfanden.
Schon im Frühjahr des nächsten Jahres zeichnete sich ab, dass die Villa Bernstein sich als Hotel etabliert hatte. Beinahe täglich gingen Buchungen ein - Alisa brauchte sich, was die finanzielle Seite ihrer Unternehmung betraf, keine Sorgen für die Zukunft zu machen.
Zu den gut fünf Millionen Übernachtungen pro Jahr trug nun auch sie ihren Anteil bei. Am goldgerahmten Aushang in der Eingangshalle der Villa hingen ständig Tips für Ausflüge und Veranstaltungen. Zusätzlich hängte sie Werbeblätter heimischer Künstler und Handwerksstätten aus. Natürlich war die Lemcke`sche Schwippschwägerin mit ihren Plauener Spitzen ebenso dabei wie die Trompe-d’oeil-Künstlerin Kathinka Höchst. Der Kontakt zu Holger Sammer hielt sich ebenfalls, zumal er seinen befreundeten Drechsler weiterempfehlen konnte. Manch einer der Gäste kam auf diese Weise zu wunderschönen und einmaligen Souvenirs, die es eben nicht überall zu kaufen gab.
Es war schon erstaunlich, wie schnell so ein Hotelbetrieb ins Laufen geraten konnte, wenn die wesentlichen Strukturen und Kontakte stimmten. Beruhigt konnte Alisa erleben, dass ihre Auslastungsquote ständig stieg - schließlich mußten Hypotheken getilgt, Personal entlohnt und Serviceleistungen wie unter anderem der Wäschedienst bezahlt werden.
Ende April klagte Wanda über Rückenschmerzen. Niemand dachte sich etwas dabei, obwohl jeder wußte, dass sie auf die einundachzig zuging. Sie hatte sich eine kleine Zweizimmerwohnung in Heringsdorf, in Alisas Nähe, gemietet und traf sich hin und wieder mit Alexander Schimmbach. Der gute Mann blieb Alisas stumm schmachtender Verehrer. Zweimal hatte er sie mit Wanda und den Kindern in seine Fischerhütte eingeladen und sie zum Essen ausgeführt. Auf Wunsch Tante Wandas hatten sie gemeinsam einen Ostergottesdienst in der St.-Johannes-Kirche in Liepe, der ältesten Kirche Usedoms besucht. Alisa gefiel die kleine Kirche aus Feld- und Backsteinen sehr gut, zumal sie idyllisch mitten im Ort, von hohen Bäumen umgeben war, doch die Atmosphäre zwischen ihr, Wanda und Schimmbach war immer etwas angespannt. Die Chemie wollte einfach nicht zwischen ihnen stimmen. Und das je mehr, desto selbstsicherer Alisa sich in ihre Rolle als Hotelchefin einfand. So war auch Schimmbachs Traum von einer Ballonfahrt unerfüllt geblieben. Alisa hatte sich damals schlicht mit Arbeit ausgeredet, was auch der Wahrheit entsprach. Dennoch … Schimmbach hoffte … Und Wanda auch. (…)
Doch da vermacht ihre Großtante Wanda ihr noch zu Lebzeiten ein Hotel auf Usedom. Alisa ist zunächst gar nicht begeistert von dem unerwarteten Erbe, zumal mit diesem ein griesgrämiger Hausmeister, ein heruntergekommenes Gebäude und viele andere Sorgen verbunden sind.
Doch Alisa beißt sich durch, denn sie hat nur einen Wunsch: Die »Villa Bernstein« soll in altem Glanz wieder auferstehen!
LESEPROBE
(S. 67f) Alisa fuhr mit offenem Schiebedach, über sich einen tiefblauen Himmel, der von keinem Wölkchen getrübt wurde. Das erstemal, seit sie die Insel betreten hatte, fühlte sie sich leicht und frei. Rechts und links der Straße lagen ausgewiesene Naturschutzgebiete. Die verschiedenen Grüntöne von Bäumen und Sträuchern bewirkten einen Zauber, der Alisa so anrührte, dass sie ihr Tempo immer weiter drosselte. Wie im Traum fuhr sie durch Birkenalleen, Sonnen- und Schattenflecken und erfreute sich am Gelb von Ginster und Butterblumen. Als ihr schließlich eines der blauweißen Steig-Aus-Und-Wandere-Schilder ins Auge fiel, überkam sie eine unbändige Lust, zu laufen.
Noch 500 Meter bis zum Parkplatz.
Kaum, dass sie die ersten Schritte machte, spürte sie, wie sehr Körper und Geist sich nach Bewegung sehnten.
Sie lief stundenlang. Vorbei an windschiefen Birken mit daumendicker Borke, vorbei an Wiesen mit violett blühenden Facelia-Pflanzen, in denen Bienen und Hummeln summten. Hinter einem gelben Rapsfeld lag ein See, in dem ein einsames Schwanenpärchen seine Kreise zog. Auf einem verwitterten Wildapfelbaum ruhten majestätische Reiher und im sumpfigen Schilfgürtel entdeckte Alisa einen staksenden Schwarzstorch. Der Himmel war von einem solch tiefen Blau, dass sie mehrmals glaubte, auf einer fremden Welt zu sein.
Alisa versuchte an nichts zu denken. Sie überließ sich dem Rhythmus ihrer Schritte, der Leichtigkeit ihres Atems.
Die Geräusche der Zivilisation waren verklungen. Es war atemberaubend, nur noch Wind und Blätterrauschen zu hören, das Rascheln von Vögeln und Mäusen, das Gesumm von Insekten.
Ihr Blick blieb am morschen Stumpf einer Kiefer hängen. Ameisen hatten ihn sich zueigen gemacht und einen feinsandigen Haufen an ihn gebaut. Alisa ging in die Hocke und sah für eine Weile dem Treiben der emsigen Tierchen zu.
Hatten Julius und Vicky eigentlich schon einmal einen Ameisenhaufen gesehen? Alisa sah nachdenklich vor sich hin. Aber die Frage blieb. Wo sollten Vicky und Julius eigentlich ihre Kindheit verbringen, wo Natur erleben? Etwa am brackigen Alsterlauf? Im vermassten Stadtpark mit seinen Junkies und im Sommer nicht endenden Grillorgien? (…)
»Fragst du dich das, weil Henrik tot ist? Du allein bist?«
Alisa sprach halblaut in den Wind und ließ ihre Blicke in die Landschaft wandern. Niemand war zu sehen.
»Was meinst du?«
Müde ging sie noch ein paar Schritte und lehnte sich dann an eine Kiefer. Irgendwo klopfte ein Specht. Sie schloß die Augen und konzentrierte sich lächelnd ganz auf sein Bild. Plötzlich war sie da, die Traurigkeit. Es war hier so schön, zu schön - aber sie war allein. Mit Henrik … Alisa sank ins Gras. Sie umklammerte ihre Knie und begann lautlos zu weinen. Die Erinnerungen kamen und gingen wie ein Reigen alter Photographien. Alisa hörte Henriks Lachen, sah ihn beim Rasieren, am Steuer, erinnerte sich an seine Hände und seinen Gang. Es dauerte, bis sie ihre Ruhe wiederfand. Irgendwann glaubte sie zu fühlen, dass ihre Fragen auf geheimnisvolle Weise mit der Natur um sie herum verschmolzen. Sie waren noch da, hatten aber alle Last verloren. Als ob eine Kraft sich ihrer angenommen hatte. Jetzt mußte sie warten. Doch Alisa war sich sicher, bald eine Antwort zu finden. Eine Antwort, die nicht sie allein getroffen hatte. Davon war sie fest überzeugt.
Schließlich aber brachte die Natur ihr den inneren Frieden zurück.
Dankbar seufzte Alisa auf und ließ sich ins Gras fallen. (…)
* * * * *
(S. 84f) Die Martinis wurden serviert. Schimmbach hob sein Glas, Alisa und Tante Wanda blieb nichts anders übrig, als es ihm nachzutun.
»Sie sind jetzt natürlich - um es salopp zu formulieren - geplättet«, sagte Schimmbach. »Aber deshalb habe ich das alles auch schriftlich fixiert.«
»Aber am Anfang steht der Architekt«, sagte Alisa mit einem süßsäuerlichen Lächeln.
Sie hatte Schimmbach im Großen und Ganzen verstanden. Alles klang vertrauenswürdig und vernünftig. Nur eben - wie gut war Schimmbach als Architekt? Wie teuer? Wie kostenbewußt? Wie ehrlich, was die Sanierungskosten betraf?
»Genau diese Fragen, die Sie gerade im Kopf wälzen, hat jeder Bauherr«, sagte Schimmbach gewinnend. »Und deshalb sollte ein Architekt Referenzen haben. Bitte.« Er reichte ihr einen Folder. »Ich bin nicht der Günstigste«, sagte er ruhig. »Aber der Beste. Und darum ist jetzt auch Schluß mit Lustig. Jetzt wird´s ernst. Denn nun kommt der Kampf mit Meckpomms Speisekarten und seiner Küche.«
»Siehst du, Kindchen«, ließ sich Tante Wanda vernehmen, »ich wußte, dass Herr Dr. Holzner-Czerny uns einen guten Architekten empfiehlt. Nur eins noch: Wer haftet, wenn sich im Nachhinein das Gewerk eines Handwerkers als Pfusch herausstellt?«
Schimmbach und Alisa schauten Tante Wanda überrascht an. Sie saß zwar da, als verstünde sie gerade mal, dass Bauen und Renovieren irgend etwas mit Baustelle und Schmutz zu hätten, aber das war offensichtlich falsch. Alisa war ihrer Tante richtig dankbar für diese Frage. Sie griff nach ihrer Hand und drückte sie. Für eine Sekunde sahen sich die Frauen an und fühlte sich einander so verbunden wie noch nie. Denn was Pfusch am Bau anging, hatte Alisa nichts als dunkle Horrorreportagen im Gedächtnis.
»Die Frage ist ganz einfach beantwortet«, sagte Schimmbach, ohne den Blick von der Speisekarte zu nehmen. «Die Bauherrin haftet. Alles andere steht nur auf dem Papier. Denn Pfusch wird über Gutachten diskutiert. Sie nehmen einen Gutachter, der Handwerker nimmt einen Gegengutachter. Beide nehmen sie sich einen Anwalt und prozessieren bis ans Ende ihrer Nerven.« Er schaute auf, machte wieder eine bedeutungsschwere Pause. Darauf fuhr er fort: »Wenn Ihr Parkett zum Beispiel so krumm gelegt wird, dass Sie zehn Prozent Steigung haben, und Ihnen der Stöckelabsatz durch die Fugen ins Leere sticht, kann Ihnen der Gutachter vom Handwerker das Gegenteil beweisen. Die machen aus krumm gerade. Und Schuld haben immer Sie, als Bauherr. Und sei dies in mentaler, psychischer oder sonst welcher Hinsicht. Man wird Ihnen schiefe Optik, Verfolgungswahn, Heimtücke und Hinterlist andichten, sprich, Sie hätten den Schaden nachträglich selbst verursacht. Es gibt keine Gerechtigkeit. Und schon gar keinen Erfolg. Sie gehen zugrunde. Ihre Kids glauben, bei den schlechtesten Eltern der Welt gelandet zu sein. Es gibt nur noch Gezick, Gebrüll, Türengeknalle und Ausreißereien zu Nachbarn, denen Sie sonst nicht Ihren Hund anvertrauen würden.«
»Und darum …«
»… darum ist der richtige Architekt die Mutter aller Schlachten«, beendete Schimmbach Alisas Satz. Er schaute sie triumphierend, aber keineswegs selbstgefällig an. Alisa stöhnte leise auf und schloß für einen Augenblick die Augen. Die Welt des Dinglichen und Geschäftlichen war über sie hineingebrochen. Und dies hier, am zauberhaftesten See, den sie in ihrem Leben kennengelernt hatte. Ihr wurde klar, sie würde für alles einstehen müssen. Im eigenen Interesse und im Interesse ihrer Kinder. Ein Lebensabschnitt voller Arbeit und gewaltigem Risiko begann. Sie konnte viel gewinnen, doch bald noch mehr verlieren. Doch gab es jetzt eigentlich noch ein Zurück?
Nein. Und sie hätte es auch nicht gewollt. (…)
* * * * *
(S. 237ff) Gäste gingen, neue kamen. Familie Professor Hubertus Steinmacher versprach, im Januar oder Februar wiederzukommen. Den rheinländischen Ehepaaren hatte es so gut gefallen, dass sie ankündigten, der Villa Bernstein auch im nächsten Sommer die Treue zu halten - nach einer ausgedehnten Fahrradtour, die sie von Lüneburg über Dömitz an der Elbe, Ludwigslust, Lübz, Ueckermünde, Anklam bis nach Usedom führen sollte. Insgesamt sollte die Tour vierzehn Tage in Anspruch nehmen und danach wollten sie sich im Hotel Villa Bernstein ausgiebig verwöhnen lassen.
Jeanne und Marvin nahmen den Zeitungsartikel über die Schatzsuche mit nach Amerika und dankten Alisa herzlich für die aufregende Zeit in ihrem Haus. Auch sie wollten eines Tages wiederkommen. Alisa hörte es mit Freude, denn Stammgäste waren das Kapitel für jedes Hotel. Was gab es Besseres, als wenn Gäste ihr Hotel als zweites kleines Zuhause empfanden.
Schon im Frühjahr des nächsten Jahres zeichnete sich ab, dass die Villa Bernstein sich als Hotel etabliert hatte. Beinahe täglich gingen Buchungen ein - Alisa brauchte sich, was die finanzielle Seite ihrer Unternehmung betraf, keine Sorgen für die Zukunft zu machen.
Zu den gut fünf Millionen Übernachtungen pro Jahr trug nun auch sie ihren Anteil bei. Am goldgerahmten Aushang in der Eingangshalle der Villa hingen ständig Tips für Ausflüge und Veranstaltungen. Zusätzlich hängte sie Werbeblätter heimischer Künstler und Handwerksstätten aus. Natürlich war die Lemcke`sche Schwippschwägerin mit ihren Plauener Spitzen ebenso dabei wie die Trompe-d’oeil-Künstlerin Kathinka Höchst. Der Kontakt zu Holger Sammer hielt sich ebenfalls, zumal er seinen befreundeten Drechsler weiterempfehlen konnte. Manch einer der Gäste kam auf diese Weise zu wunderschönen und einmaligen Souvenirs, die es eben nicht überall zu kaufen gab.
Es war schon erstaunlich, wie schnell so ein Hotelbetrieb ins Laufen geraten konnte, wenn die wesentlichen Strukturen und Kontakte stimmten. Beruhigt konnte Alisa erleben, dass ihre Auslastungsquote ständig stieg - schließlich mußten Hypotheken getilgt, Personal entlohnt und Serviceleistungen wie unter anderem der Wäschedienst bezahlt werden.
Ende April klagte Wanda über Rückenschmerzen. Niemand dachte sich etwas dabei, obwohl jeder wußte, dass sie auf die einundachzig zuging. Sie hatte sich eine kleine Zweizimmerwohnung in Heringsdorf, in Alisas Nähe, gemietet und traf sich hin und wieder mit Alexander Schimmbach. Der gute Mann blieb Alisas stumm schmachtender Verehrer. Zweimal hatte er sie mit Wanda und den Kindern in seine Fischerhütte eingeladen und sie zum Essen ausgeführt. Auf Wunsch Tante Wandas hatten sie gemeinsam einen Ostergottesdienst in der St.-Johannes-Kirche in Liepe, der ältesten Kirche Usedoms besucht. Alisa gefiel die kleine Kirche aus Feld- und Backsteinen sehr gut, zumal sie idyllisch mitten im Ort, von hohen Bäumen umgeben war, doch die Atmosphäre zwischen ihr, Wanda und Schimmbach war immer etwas angespannt. Die Chemie wollte einfach nicht zwischen ihnen stimmen. Und das je mehr, desto selbstsicherer Alisa sich in ihre Rolle als Hotelchefin einfand. So war auch Schimmbachs Traum von einer Ballonfahrt unerfüllt geblieben. Alisa hatte sich damals schlicht mit Arbeit ausgeredet, was auch der Wahrheit entsprach. Dennoch … Schimmbach hoffte … Und Wanda auch. (…)



