DeLiA

Vereinigung deutschsprachiger Liebesromanautoren

MIT DEM FALSCHEN MANN FING ALLES AN


Ein Blumenstrauß - da hat er sich ja mal wieder richtig was einfallen lassen, denkt Charlotte, als sie an ihrem Geburtstag die Tür öffnet. Doch hinter dem Blumenmeer verbirgt sich nicht etwa ihr langweiliger Lebensabschnittsgefährte, sondern zu ihrer Überraschung ein echter Gentleman: Tom.

Und auch der ist erstaunt: Hatte ihm nicht Madame Britt eine gepflegte, gutaussehende Dame von Welt als Begleiterin angeboten, die jetzt mit der ungeschminkten Frau mit Jogginganzug und zerwühlten Haaren nicht gerade viel gemeinsam hat?

Ein spritziger Roman voller Irrungen und Wirrungen, der die sympathische Heldin Charlo nicht nur aus den Armen ihres spießigen Ehemannes in die eines begnadeten Komponisten treibt, sondern auch einen Blick hinter die Kulissen Hollywoods erlaubt.





LESEPROBE


An allem waren nur die Schnapspralinen schuld - zum Glück!

»Ich komme, Rüdimaus!«, rief ich, als es klingelte. »Ich komm’, Moment!«

Ziemlich beschwipst rollte ich vom Sofa und wunderte mich kein bißchen über mein Gegröle. Schließlich hatte ich eine Magnum-Packung Mon Chéri im Bauch - und das ohne Mittagessen. Doch ich hätte liegenbleiben sollen. Den als ich den ersten Schritt in Richtung Haustür machte, schlug der Schoko-Ekel zu, und zwar so heftig, dass ich nicht bloß aufstieß wie ein Hooligan, sondern mir mein Magen auch signalisierte, die ihm zugemuteten Gaben wieder ans Licht befördern zu wollen.

»Oh Gott, ist mir schlecht«, jammerte ich. »Verdammte Pralinen. Alles deine Schuld.«

Mit der gequältesten Miene, die je ein Mon-Chérie-vergiftetes-Weib hat aufsetzen können, schleppte ich mich weiter. Zum Glück schien mein Magen über seinen Zustand erst mal philosophieren zu wollen - vielleicht entging ich ja doch dem Schicksal, Schwiegermutters neuen Wischmob mit Schokosaurem einzuweihen.

»Aber ja doch!«, würgte ich hervor, als das kindische Gegongel den Flur zum zweiten Mal in einen Wecker verwandelte. »Bin doch schnell wie die Maus von Mexico. Hörst du das nicht?«

Rüdimaus hörte nicht. Denn es gongelte gleich noch ein drittes Mal. Er verhielt sich natürlich genauso wie sonst. Konnte ja gar nicht anders. Schließlich war er Mann. Und die haben es immer eilig. Ob auf der Autobahn oder im Bett. Und Rüdimaus war ein ganz besonders schneller: Auf der Autobahn bedrohte er jeden mit 240, und im Bett schnarchte er schon, wenn ich noch dabei war, die Beine wieder gerade zu strecken. Deshalb hatte er mir heute wohl zum Geburtstag den schwarzen Occhi-Verdi-Spitzenbody geschenkt: Damit er noch schneller kommen konnte, um dann noch ein bißchen eher zu schnarchen.

Und jetzt mußte meine schnelle Rüdimaus vor der Tür warten. Wahrscheinlich sagte er mir gleich, er würde nur noch schnell den Rasen mähen und ganz schnell den Wagen in die Waschanlage fahren - blieb mir also genug Zeit, mich schnell zurechtzumachen, um dann schnell beim Italiener ein fünfgängiges Menü zu verschmausen, anschließend ins Kino zu gehen und eine Stunde nach Mitternacht noch superschnell den Body einzuweihen.

»Rüdi«, hauchte ich leidend, während ich die Haustür ganz langsam aufmachte. »Hast du schon mal was von Hausschlüsseln gehört? So zum Aufschließen, weißt du?«

Ich muss unheimlich sexy ausgesehen haben, wie ich so dastand: Gewandet in einen verwaschenen, völlig bequemen Jogginganzug, geschminkt wie ein gerupftes Huhn, die Haltung wie eine Leberwurst in der prallen Sonne. Dazu ein blasser Miesmachermund, den ich Rüdi mit geschlossenen Augen zum Kuß anbot wie ein nach Luft schnappender Karpfen. Und dann natürlich mein Parfum: der in allen Ecken der Welt bekannte Duft Eau du Liqueur.

Rüdi würde mich unmöglich küssen wollen. Auch wenn heute mein Geburtstag war. Und er tat es auch nicht. Also schloß ich meinen Mund, zupfte mich zurecht, weil mein riesiger Großmutter-Schlüpfer auf dem Sofa zum String-Tanga mutiert war, und schlug die Augen auf.

Rosen, dachte ich blöde, als ich den Blumenverhau erblickte. Rote Rosen, viele rote Rosen. Absurd viele Rosen. Rosen in Zellophan. Ich glaub’, ich spinne.

»Rüdi«, sagte ich schwach, aber mit einem Lächeln in der Stimme. »So eine Überraschung. Aber das wär’ doch nun wirklich nicht …«

Weiter kam ich nicht, das Telefon klingelte. Dem Grunzer hinter der Rosenhecke schenkte ich keine Beachtung.

»Verdammt! Telefon!«, rief ich und hastete zurück ins Wohnzimmer. Die Übelkeit war verschwunden.

»Ja? Rüdi? Du? Wieso du? Ach so, ja. Danke für die Rosen. Ach, warte mal. Weißt du, draußen … Da steht noch der Fleurop-Mann, Moment mal. Was? Wieso? Deine Rosen doch, du Dösbattel.«

»May I come in?«, tönte es auf einmal näselnd von der Haustür, worauf ich, natürlich wie jede andere Frau auch, etwas verwirrt und hysterisch kreischte.

»Yes. Of course.«

»Thank you. Wonderful.«

»Rüdi!«, schrie ich jetzt. »Die von Fleurop haben sogar Engländer, echt! In piekfeinen Hosen. Flanell. Was?! Keine Rosen? Quatsch! Schitt jetzt! Ruf in ein paar Minuten zurück. Tschüüß.«

Ich brauchte noch mehr Anläufe als sonst, den Hörer paßgenau auf die nicht mehr vorhandene Gabel unseres blöden supermodernen Telefons zu pfeffern. Währenddessen wartete mein Fleurop-Brite wie ein Wachsoldat der königlichen Garde. Gutgebaute Einsneunzig, stramm ausgerichtet, trotzdem irgendwie lässig. Und dann die Schuhe! Machten einen richtig fertig mit ihrem Glanz.

»Wir Briten sind überpünktlich, excuse me«, konnte ich den warmen Bariton hinter den Rosen vernehmen. Der wunderbare Akzent ließ mich weich werden wie ein Stück Cheddar. Dazu dieser Gentlemen-Duft, gegen den die Rosen geradezu muffelten. Und dann die munteren braunen Augen, die mich spiegelten, als wäre ich Cindy Crawford im Laufsteg-Outfit. Unfaßbar! Mir kamen auf einmal massive Zweifel, ob dieser freundliche Herr wirklich von Fleurop war. Vielleicht war alles nur ein Trick und er in Wirklichkeit der Rosen-Mörder, der gerade sein erstes Opfer reingelegt hatte. Ich beschloß also, vorsichtig zu sein.

»Wir haben noch eine Stunde, nicht wahr?«, begann mein Mörder.

»Eine Stunde?«

»Ja, wirklich«, sagte mein Mörder höflich und lächelte so unschuldig wie ein Sonnenaufgang mit lila Schokolade. »Aber bitte, verzeihen Sie die Frage: Wollen Sie so gehen? So komisch angezogen?«

Gehen hieß es bei ihm also schlicht. Gehen. Einfach nur gehen. Gehend aus dem Leben scheiden. Mir brach der Schweiß aus. Warum brüllte ich nicht einfach aus Leibeskräften los? Ich mußte verrückt sein. Da stand ein wildfremder Brite in meinem Wohnzimmer, tarnte sich hinter zweihundertfünfzig Rosen und kündigte an, ich solle gefälligst Reizwäsche anlegen, bevor er gedachte, Hackfleisch aus mir zu machen. Aber ich war gelähmt und fasziniert zugleich. Das klassische Opfer. Also selbst schuld.

»Doch bitte, Charlotte, erlösen Sie mich. Quälen Sie mich nicht. Schließlich - Madame haben erzählt, dass Sie lieben rote Rosen und Mozart, nicht wahr?«

»Absolutely right«, stammelte ich und nahm die mir dargebotenen Rosen, die so schwer waren, dass ich in die Knie sackte. Mein Mörder kannte natürlich meinen Namen - aber, verdammt, er sah absolut nicht wie ein Mörder aus. Viel eher wie die gut gereifte und genetisch unverkorkste Ausgabe von Mr. Bean in glänzend guter Garderobe. Und, Teufel noch mal, so irre gut duftend, dass meine Nase vor Begeisterung zu vibrieren begann. (…)

* * * * *

(S. 80ff) Wenn ich an Weihnachten dachte, ergriff mich die Panik. Es waren zwar noch sechs Wochen hin, aber die Vorstellung, mich an Heiligabend allein mit meiner Mutter bei Ente, Rotkraut und Knödeln über den Segen von Enkelkindern zu unterhalten, war so überwältigend melancholisch wie ein Friedhofsspaziergang am Karfreitag im Schneeregen. Dann lieber doch ein verlogener Anöd-Abend mit Rüdi, aber der fuhr dieses Jahr turnusgemäß zu seinen Eltern. Und mich mitnehmen, das wollte er sich natürlich nicht (mehr) antun.

Dabei hatte dieser Frühsommer so toll angefangen! Der lustig verrückte Auftakt mit Tom, dann Gratifikation plus Gehaltserhöhung von Gucki, anschließend die Begegnung mit Madame Britt. Zugegeben, mit Rüdi ging’s seitdem so rapide bergab wie in ’ner Zahnradbahn mit gebrochenem Getriebe, aber als Ausgleich erlebte ich ein paar unterhaltsame Abende mit viel Champagner und Gourmetküche. Nicht zu vergessen, dass ich mir von Madame Britts Honoraren endlich mal vernünftige Klamotten leisten konnte. Denn es war ganz schön schrecklich, in Girlie-Boutiquen vom Schlage H&M immer erst den Lolita-, Schlabber- oder Grunch-Look abzuarbeiten, bevor man mit viel Glück ein erschwingliches und halbwegs bürotaugliches Stück entdeckte. Kaufhäuser und Schnäppchen-Märkte waren für mich genauso frustierend - denn ich gehörte leider zur Minderheit derjenigen, die bloß den Fummel nach Tante-Frieda-Manier erspähten oder aber das nie zu kombinierende Stück herausfischten, das in Rio zwar super aussehen würde, sich zu Hause vor dem Spiegel aber fast immer in eine Sketch-up-Requisite verwandelte.

Jetzt brachte das Shopping endlich Spaß! Goldene Kreditkarte contra das Gefühl, die Mark immer zweimal umdrehen zu müssen. Modeboutiquen betrat ich bald mit der gleichen Gelassenheit wie Aldi, statt Bus und Bahn gab’s jetzt Taxen. Wein, wie es sich gehört, nicht mehr unter zehn Mark die Flasche, Meeresfrüchte statt Hackfleisch und bei Schnupfen endlich wieder nur Tempo-Taschentücher. Dazu leistete ich mir den Luxus von drei Parfums, sechs - jawohl! - Lippenstiften und ließ den schäbigen Rest von Profis besorgen, die jede graue Maus in eine Schönheit verwandeln konnten. (…)

Den Rest hatte mir das letzte Date gegeben. Zum ersten Mal hatte ich das Vergnügen, wirkliche Exzentrik kennen zu lernen. Wobei das Aparte an der Sache war, dass ich eine Frau begleiten sollte. Und zwar eine Bauunternehmersgattin. Frau Stemke-Hinkel oder so ähnlich. Eine jener herben Schönheiten, bei der die Männer entweder dichteten: von hinten ’n Lyzeum, von vorne ’n Museum, oder gleich treffsicher kalauerten: Verblühen die Frauen, verduften die Männer (…)

Noch eine Woche nach dem Fitnessstudio litt ich unter Muskelkater, wobei mich Rüdi zur Strafe so lieblos mit Franz-Branntwein abrubbelte, dass mir immer wieder die Tränen kamen. Im Studio bewegte ich mich mit der Wendigkeit eines Geldschrankes. Vogeli Zeisig war das Zwitschern vergangen. Ich hatte Geld wie nie und war unglücklich wie nie. (…)

Mit selbstverständlicher Gelassenheit, so als leuchte die Mittagssonne und nicht Millionen Sterne, bekam ich ein Telegramm in die Hand gedrückt und einen höflichen Gute-Nacht-Gruß dazu. Dann sprang schon wieder der Motor an, und weg war er, der Bote. Aufgeregt, wie in der Erwartung der Lotto-Million, riss ich den Umschlag auf. Nur zwei Zeilen - aber die hatten’s in sich (…)



Katryn Berlinger



Katryn Berlinger - Mit dem falschen Mann fing alles an
Originalausgabe
Econ Verlag April 1998
Taschenbuch (vergriffen)


Originalausgabe: Econ Verlag
April 1998
Genre: Gegenwartsroman
Zeit: Gegenwart
Handlungsort: Hamburg,
München, London, Los Angeles