DeLiA

Vereinigung deutschsprachiger Liebesromanautoren

IM SCHATTEN DER OLIVENBÄUME


Eine dramatische Liebesgeschichte unter der heißen Sonne Italiens

1890 reist die schöne Engländerin Fiona mit ihrem Mann nach Ligurien, denn sie ist eine begabte Malerin, die sich nach dem Licht des Südens sehnt. Fiona bekommt den Auftrag, den Genueser Tuchfabrikanten Fabricio Perlucci zu porträtieren, der jedoch eine Bedingung an das Bild knüpft: Im Hintergrund soll ein kostbares Damasttuch abgebildet sein, auf dem sich Blätter und goldseidene Oliven zu einem raffinierten Muster verweben. Während ihrer Arbeit verliebt sich Fiona leidenschaftlich in Perluccis Sohn. Doch dann ist eines Tages das geheimnisvolle »Tuch des grünen Goldes« verschwunden, und Fiona wird des Diebstahls verdächtigt …





LESEPROBE


      Fiona unterschrieb vor Messalinas wachen Augen. Danach sank diese wieder in sich zurück. Der Priester schlug das Zeichen des Kreuzes über ihre Stirn, faltete ihre Hände und kniete am Bett nieder, um wieder zu beten.

Sterne blitzten durch das geöffnete Fenster am samtblauen Himmel. Ab und zu rief ein Käuzchen. Messalinas Katze kam vom Nachtgang heim, sie sprang vom Garten her aufs Fensterbrett, spähte misstauisch in den Raum. Leise schlich sie heran, sprang vorsichtig aufs Bett, beroch ihre Herrin und rollte sich ihr zu Füßen zusammen. Es verging eine geraume Zeit, bis Messalina die Augen öffnete und um Wasser bat. Die Katze wachte auf und schaute sie aufmerksam an. Dann erhob sie sich und rutschte ihr bäuchlings bis ans Kinn heran. Messalina brummte etwas, die Katze schlug sanft mit dem Schwanz und begann zu schnurren. Giovanni brachte das Glas Wasser und Fiona flößte es ihr mit einem Esslöffel ein. Als sie zufrieden gestellt war, beute sich Fiona über sie und fragte, ohne dass es jemand anders hören konnte: »Das Tuch, Signora Bandonelli, wissen Sie, wo das Tuch ist?«

Der Priester warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu.

»Es ist bei seinen Wurzeln«, keuchte Messalina.

»Ich muss es finden. Perlucci hält mich für eine Diebin!«

Die Katze, die auf Messalinas gefalteten Händen lag, schnurrte lauter. Messalina schloss die Augen, als gäbe es nichts, was wichtig genug war, um darauf zu antworten. »Helfen Sie mir, Signora! Ich muss doch meine Ehre verteidigen.«

Messalina murmelte etwas, das nur das Tier zu verstehen schien, denn es rutschte noch höher und leckte ihr die Lippen. Sie schlief mit einem Lächeln ein und starb noch in der gleichen Nacht. Fiona sah ein, dass der Tod nicht mit sich handeln ließ. Kämpfen konnte man nur um das Leben.

* * * * *

Fiona lenkte das Tier zurück. Das Geräusch klang noch lange in ihrem inneren Ohr nach. Doch je länger sie nun in den folgenden Tagen allein war, desto mehr schärften sich ihre Sinne. Es war, als sammele sie in sich die Konzentration dafür, dass sie etwas tun musste, um nie wieder das Ächzen sterbender Bäume zu hören.

Sonnenlicht färbte die Olivenbaumblätter silbern. Der leiseste Lufthauch bewegte sie und sie schillerten in verschiedenen, zarten Farbtönen: rosa in der Morgensonne, gleißend silbern im Mondlicht, kadmiumgrün unter Wolken, weißlich-oliv bei Wind. Nie ruhten die Bäume, stets war ihr Blattwerk in Bewegung. Sie hörte sie wispern und knistern und empfand das Raunen des großen Hains als etwas Intimes, Altehrwürdiges. Bald taufte sie Messalinas Baum, in dem sie gesessen und gemalt hatte, il nido, das Nest. Jeder Baum hatte Geschwülste, Brüche, Höhlen und Narben, die ihm ein eigenes Gesicht, einen eigenen Charakter gaben.

Wenn Fiona ihre Arme um die alten knorpeligen Stämme schlang, ihren Bauch an sie drückte und die Augen schloss, winzige Licht- und Schattenflecken über ihr Gesicht huschten, hatte sie manchmal das Gefühl, als ob der Baum atmete, pulsierte, sie in seinen Kern hineinzog. Dabei schälte er ihre Trauer, ihren Schmerz von ihr ab. Sie ließ sie außer sich wie abgestorbene Borke, fühlte sich einzig leicht und beglückt.

* * * * *

Die Vergangenheit. Die Alten. Der alte Perlucci.

Das Band der Zeit. Die Wurzeln.

Ließen einen die Wurzeln nie in Ruh?

Fiona schloss die Augen, weil sie Angst hatte, sich nach Saverio umzudrehen. Als müsse sie mitansehen, wie der alte Perlucci seine Fangarme um Saverio schlang, um ihn lautlos von ihr fortzureißen.

In ihrem Herzen stach es, als kämpfe es gegen Dornen. Saverio … Sie bildete sich ein, sein Charisma so stark zu spüren wie die Borke des Baumes in ihrem Nacken. So stark, so fest, so geheimnisvoll lebendig.

Ich liebe dich, dachte sie verzweifelt. Ich liebe dich, Saverio.

Tränen flossen ihr jetzt über die Wangen. Sie trocknete sie und schaute ihm nach.

Er war fort.

Doch sie hörte seinen Schimmel wiehern. Sie trat hervor und sah, wie Saverio sich gerade in den Sattel schwang. Er zog die Zügel an. Als das Tier sich tänzelnd drehte, fing er ihren Blick auf.

Steig ab, wisperte sie unhörbar.

Er winkte ihr zu.

Komm.

Er gab dem Schimmel mit der Ferse Druck.Verlass mich nicht.

Er ritt davon.

Fiona sank am Stamm nieder. Ein Spiel, dachte sie, vielleicht ist alles wirklich nur ein Spiel. Alles.



Katryn Berlinger



Katryn Berlinger - Im Schatten der Olivenbäume
Originalausgabe
Knaur Verlag Mai 2006
Taschenbuch
ISBN: 3-426-63217-9


Originalausgabe: Knaur Verlag
Mai 2006
Genre: historischer Roman
Zeit: Mitte und Ende des
19. Jahrhunderts
Handlungsort: Schottland, London, Ligurien (u. a. San Remo, Genua)